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Klassische Darstellung der Meridiane und Punkte

Der markierte Punkt am rechten Bein entspricht dem klassischen Akupunkturpunkt Ni 7, der andere angezeichnete Punkt am „Ötzi“ war hinter dem linken Außenknöchel (Pfeil) und entspricht dem traditio‐nellen Punkt Bl 60. Beide Punkte wirken gut gegen Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule.

(Foto L. Dorfer)

Einführung

Frank Bahr

  • 1.1

    Was ist Akupunktur?2

    • 1.1.1

      Akupunktur als Vorsorgemaßnahme2

    • 1.1.2

      Akupunktur: Heilmethode ohne Nebenwirkungen2

  • 1.2

    Entwicklung der Akupunktur2

Was ist Akupunktur?

Die Reizung von Akupunkturpunkten stellt die älteste und am weitesten verbreitete Heilmethode der Welt dar. Dabei gebührt den Chinesen das Verdienst, bereits vor einigen tausend Jahren entdeckt zu haben, dass über gewisse Punkte an der Körperoberfläche Störungen im Körperinneren beseitigt oder gelindert werden können. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf diese Punkte einzuwirken. Das einfachste Verfahren ist die gerichtete Massage dieser Punkte (sogenannte Akupressur). Werden diese Punkte mit Nadeln gestochen, so spricht man von Akupunktur. Darüber hinaus kann man sie auch durch Wärme, Ultraschall, Laserstrahlen, Unterwassermassagestrahl usw. reizen.

Akupunktur als Vorsorgemaßnahme

Akupunktur:als VorsorgemaßnahmeAkupunktur eignet sich nicht nur zur Linderung von Schmerzen und Beschwerden, sondern kann auch prophylaktisch zur Krankheitsvorbeugung und Gesunderhaltung genutzt werden. Aktuell wird Akupunktur zu ca. 80 % in der kurativen Medizin eingesetzt und nur zu ca. 20 % als Vorsorgemaßnahme. Die Prognose geht aber dahin, dass sich das Verhältnis in Zukunft umkehren und der Schwerpunkt der Akupunktur auf der prophylaktischen Medizin liegen wird.
Dies wäre nicht nur vom gesundheitspolitischen, sondern auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus sinnvoller, da dadurch enorme Summen durch krankheitsbedingte Arbeitsausfälle eingespart werden könnten.
Ziel ist es dabei, Krankheiten bereits im subklinischen Zustand zu behandeln, d. h. einer Krankheit schon entgegenzutreten, bevor sie den Menschen durch deutliche Symptome beeinträchtigt oder den Organismus dauerhaft schädigt. Bei sogenannten „Subhealth“-Tagungen in China und Europa wird dieses Thema immer wieder diskutiert. So kann beispielsweise durch prophylaktische Akupunktur die allergische Reaktion des Heuschnupfens im Februar vor der eigentlichen Pollenzeit deutlich gemindert werden.

Akupunktur: Heilmethode ohne Nebenwirkungen

Akupunktur kann – zumindest in der Hand des ausgebildeten Akupunkteurs – als Heilmethode ohne Nebenwirkungen bezeichnet werden. Eine lege artis durchgeführte Akupunktur, d. h., wenn die Gesetze der Sterilität beachtet werden und der Arzt auch die Punkte kennt, an denen eine Akupunktur nur unter Vorsicht erfolgen darf, zeigt keine Nebenwirkungen. Dabei gilt es jedoch einen wichtigen Grundsatz immer zu berücksichtigen:
Es darf nur nach einwandfreier Diagnosestellung akupunktiert werden.
Ein wichtiges Einsatzfeld der Akupunktur ist auch die Unterstützung von kurativen Akupunktur:kurativen MaßnahmenMaßnahmen der Schulmedizin. Die hier eingesetzten Pharmaka haben in den allermeisten Fällen unerwünschte Nebenwirkungen. Trotzdem ist deren Einsatz nicht grundsätzlich abzulehnen; dies gilt selbst für Medikamente mit starken Nebenwirkungen, die aber unter Abwägung aller Vor- und Nachteile für die Behandlung einer Krankheit verschrieben werden.
Hier kann die Akupunktur dazu beitragen, dass weniger Medikamente eingenommen werden müssen oder deren Nebenwirkungen deutlich abgemildert werden. Jede Dosisreduzierung muss allerdings vorab mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden.

Entwicklung der Akupunktur

Akupunktur:EntwicklungDie Körperakupunktur kann mehrere tausend Jahre zurückverfolgt werden (Abb. 1.1 zeigt eine klassische Darstellung der Meridiane und Punkte). In jüngster Zeit haben archäologische Ausgrabungen dies mehrfach bestätigt und lieferten dazu sogar neue Erkenntnisse. So fand man beispielsweise im Sarg des Prinzen Ching von Chungsan, der im 2. Jh. v. Chr. beerdigt wurde, Gold- und Silberakupunkturnadeln; die Goldnadeln waren noch einwandfrei erhalten, die Silbernadeln dagegen waren stark korrodiert.
In der VR China ist an allen Universitäten und Ausbildungsstätten Akupunktur für alle Medizinstudenten Pflichtfach. Auch in den Schulen wird Akupunktur unterrichtet, die Schüler stechen sich gegenseitig. Auch die gerichtete Massage der Akupunkturpunkte, die sogenannte Akupressur, ist in China weitverbreitet und wird ebenfalls in den Schulen gelehrt.
Durch die zunehmende Verbreitung anderer Akupunkturverfahren wie Ohr- und Schädelakupunktur hat sich das Akupunkturrepertoire der Ärzte stark erweitert. Einige Indikationen für den Einsatz von Akupunktur sind außerdem neu hinzugekommen.
Einen weiteren Trend in der Entwicklung der klassischen Körperakupunktur kann in der VR China beobachtet werden. In der Akupunkturanalgesie wird angestrebt, die Anzahl der verwendeten Nadeln zur Erreichung der Schmerzunterdrückung immer mehr zu reduzieren. Auch sogenannte „verbotene Punkte“ wurden – meistens in Eigenversuchen – weiter erforscht und werden heute bei speziellen Indikationen angewendet.
„Bei der Verteilung der Zeichen auf dem Körper ist kein eigentliches System zu erkennen … wahllos verteilt erscheinen die Tätowierungen …“ Dieser Beschreibung aus dem Buch von Prof. Dr. Konrad Spindler „Der Mann im Eis“ (1995) widerspreche ich entschieden, denn ein erfahrener Akupunkturarzt, der in diesem Werk die Abbildung des „ÖtziÖtzi“ sieht, wird erkennen, dass diese gefundenen Tätowierungen mit bekannten Akupunkturpunkten weitgehend übereinstimmen.
Daher bat ich Prof. Dr. Leopold Dorfer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kontrollierte Akupunktur, den „Ötzi“ im Museum in Bozen genauer zu untersuchen, zu vermessen und die Punkte zu fotografieren. Andere hochrangige Forscher hatten schon vorher bei der Untersuchung der Mumie festgestelt, dass „Ötzi“ Gelenks- und Wirbelsäulenprobleme hatte. Nun stellte L. Dorfer überrascht fest, dass nicht nur typische lokale Schmerzpunkte verwendet wurden, sondern auch wegen der Tätowierung an den Punkten Niere 7 und Blase 23 ein Akupunktursystem erkennbar wurde, das zur Ver- und Bewunderung Anlass gibt, denn sogar heute – also ca. 5.200 Jahre später – werden die gleichen Akupunkturpunkte bei rheumatischen Beschwerden erfolgreich genadelt.
In der Literatur gehen die frühesten gesicherten Zeugnisse über die Anwendung der Akupunktur in China auf etwa 200 v. Chr. zurück (erste Han-Zeit). Im „Shiji“ (Aufzeichnungen der Historiker) wurden im Jahre 97 v. Chr. Biografien verschiedener Heilkundiger aufgeführt, die Krankheiten mit „Steinnadeln“ (bianshi), „Stechsteinen“ (chanshi) oder „Nadelsteinen (zhenshi) behandelt haben sollen. Möglicherweise haben spitze Steine, die an verschiedenen steinzeitlichen Kulturstätten in China aufgefunden wurden, einer ersten Anwendungsart der Akupressur oder Akupunktur gedient.
Mithin ist also unsicher, wann in China eine zur Akupunktur ähnliche Behandlung mit „Steinnadeln“ ihren Ursprung hatte. Es ist durchaus naheliegend, aufgrund des Fundes von „Ötzi“, der ca. 3.200 v. Chr. gelebt hat, auf eine Frühform der Akupunktur in Mitteleuropa gestoßen zu sein.
In diesem Sinne berichtete das hoch angesehene amerikanische Wissenschaftsmagazin Science [1], das unsere Entdeckung als Erstes veröffentlichte. Viele weitere Beiträge folgten in renommierten Journalen wie The Lancet [2]. Diese Beiträge sind auf der Internetseite der Deutschen Akademie für Akupunktur (www.akupunktur.de) nachzulesen.

Literatur

[1].

L. Dorfer M. Moser K. Spindler F. Bahr E. Egarter-Vigl G. Dohr 5200-year-old acupuncture in Central Europe? Science 282 1998 242 243

[2].

L. Dorfer M. Moser F. Bahr K. Spindler E. Egarter-Vigl S. Giull'n G. Dohr T. Kenner A medical report from the stone age? The Lancet 354 1999 1.023 1.025

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