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B978-3-437-56621-9.50019-1

10.1016/B978-343756621-9.50019-1

978-3-437-56621-9

Einleitung

Die bisherige Arzneitherapie Allopathie und Palliation der alten Arzneischule

Entstehung und Anspruch der alten Schule

Aushecken unzähliger Heilsysteme aus Eitelkeit. Behandlung mit Allopathie. Anspruch auf Rationalität, auf Kenntnis der Krankheitsursachen, auf naturgemäße Heilung

Die Menschen waren schon immer einzeln oder kollektiv Erkrankungen durch physische oder moralische Ursachen ausgesetzt. Im noch rohen Naturzustand brauchte man wenige Hilfsmittel, da die einfache Lebensweise wenige Krankheiten zuließ. Mit der Bildung der Menschen im Staat vermehrten sich die Veranlassungen zum Erkranken und das Bedürfnis nach Hilfe dagegen gleichermaßen. Seitdem (bald nach Hippokrates, also seit zweieinhalbtausend Jahren) beschäftigten sich mit der Behandlung der sich vervielfältigenden Krankheiten Menschen, die sich von ihrer Eitelkeit dazu verführen ließen, diese Hilfe mit dem Verstand und mit Vermutungen auszuklügeln. Unzählige verschiedene Ansichten über die Natur der Krankheiten und ihrer Abhilfe entsprangen in den verschiedensten Köpfen. Das theoretisch von ihnen Ausgeheckte nannten sie Systeme (Gebäude), von denen jedes den übrigen und sich selbst widersprach. Jede dieser spitzfindigen Darstellungen setzte angesichts ihrer unverständlichen Weisheit anfangs die Leser in ein betäubendes Erstaunen und zog dem System-Erbauer eine Menge Anhänger zu, die die naturwidrige Klügelei nachbeteten. Keiner von ihnen konnte etwas davon zum besseren Heilen brauchen. Ein neues, dem ersteren oft entgegengesetztes System verdrängte jeweils das vorhergehende und verschaffte sich wieder für kurze Zeit einen gewissen Ruf. Keines aber befand sich mit Natur und Erfahrung im Einklang. Es waren theoretische Gewebe feiner Köpfe aus angeblichen Konsequenzen, die in der Ausübung – beim Handeln am Krankenbett – wegen ihrer Subtilität und Naturwidrigkeit nicht gebraucht werden konnten und nur zu leeren Disputier-Übungen taugten.
Unabhängig von diesen Theorien bildete sich nebenher ein Behandlungs-Wesen mit ungekannten, gemischten Arzneisubstanzen gegen willkürlich aufgestellte Krankheits-Formen. Es war nach materiellen Aspekten errichtet, stand mit Natur und Erfahrung im Widerspruch und hatte schlechten Erfolg – alte Medizin, Allopathie genannt.
Viele Ärzte erwarben sich Verdienste um die Hilfswissenschaften der Medizin, um die Naturkenntnisse in der Physik und Chemie, um die Naturgeschichte in ihren verschiedenen Zweigen und insbesondere der des Menschen, um die Anthropologie, Physiologie, Anatomie usw. Es geht hier aber um den praktischen Teil der Medizin, das Heilen selbst, und darum, zu zeigen, wie unvollkommen Krankheiten bisher behandelt wurden. Tief unter mir liegt jener handwerksmäßige Schlendrian, das kostbare Menschenleben nach Rezepttaschenbüchern zu behandeln. Wie ihr noch fortwährendes Erscheinen im Publikum belegt, werden sie immer noch viel gebraucht. Diese Skandale der Hefe des gewöhnlichen Arztvolkes lasse ich unberücksichtigt. Ich spreche nur von der bisherigen Arzneikunst, die sich für wissenschaftlich hält und sich etwas auf ihre Altertümlichkeit einbildet.
Diese alte Arzneischule bildet sich viel darauf ein, vorgeben zu können, dass nur sie den Namen rationale Heilkunst verdient, weil nur sie die Ursache der Krankheit aufsucht und wegzuräumen sich bemüht und genauso verfährt, wie die Natur in Krankheiten vorgeht.
Krankheitsbegriff und Behandlungsarten der alten Schule

Spekulationen über die nächste Ursache (prima causa morbi), den allgemeinen Charakter von Krankheiten, materielle Krankheitsstoffe. Deren Ab- bzw. Ausleitung geschieht durch Aderlass, Purgieren usw.

Tolle causam! [Entferne die Ursache] ruft sie wiederholt. Aber bei diesem leeren Ruf blieb es. Sie meinen nur, die Krankheits-Ursache finden zu können, finden sie aber nicht, da sie nicht erkennbar und nicht zu finden ist. Die allermeisten Krankheiten sind dynamischen (geistartigen) Ursprungs und dynamischer (geistartiger) Natur. Ihre Ursache ist nicht sinnlich zu erkennen. Also sind sie bemüht, sich eine zu erdenken. Sie betrachten die Teile des normalen toten menschlichen Körpers (Anatomie) und vergleichen sie mit den sichtbaren Veränderungen dieser inneren Teile von Menschen, die an Krankheiten verstorben sind (pathologische Anatomie). Aus dem Vergleich der Erscheinungen und Funktionen im gesunden Leben (Physiologie) mit den unendlichen Abweichungen in den unzähligen Krankheitszuständen (Pathologie, Semiotik) scheint sich einiges zu ergeben. Daraus ziehen sie Schlüsse auf den unsichtbaren Vorgang der Veränderungen im inneren Wesen des Menschen bei Krankheiten. Heraus kommt ein dunkles Phantasiebild, das die theoretische Medizin für ihre prima causa morbi1

1

Es wäre dem gesunden Menschenverstand und der Natur der Sache viel angemessener, wenn sie, um eine Krankheit heilen zu können, versuchen würden, als causa morbi ihre Entstehungs-Ursache ausfindig zu machen. Auf diese Weise könnten sie den Heilplan, der sich bei Krankheiten aus derselben Entstehungs-Ursache als hilfreich erwiesen hat, auch bei jenen von demselben Ursprung mit Erfolg anwenden. So ist z.B. bei einem Geschwür an der Eichel nach einem unreinen Beischlaf dasselbe Quecksilber hilfreich anzuwenden wie bei allen bisherigen venerischen Schankern. Hätten sie die Entstehungs-Ursache der übrigen chronischen (unvenerischen) Krankheiten in einer früheren oder späteren Ansteckung mit Krätz-Miasma (mit Psora) entdeckt und für sie eine gemeinsame Heilmethode mit den therapeutischen Rücksichten auf jeden individuellen Fall gefunden, so könnte danach jede dieser chronischen Krankheiten geheilt werden. Dann könnten sie sich mit Recht rühmen, die zum Heilen chronischer Krankheiten allein brauchbare und fruchtbringende causa morborum chronicorum (non venereorum) [Ursache der (nicht ge schlechtlichen) chronischen Krankheiten] vor Augen zu haben und, diese als Grund angenommen, solche Krankheiten mit dem besten Erfolg heilen zu können. Aber all die Millionen chronischer Krankheiten konnten sie in den vielen Jahrhunderten nicht heilen, weil sie deren Entstehung durch Krätz-Miasma nicht kannten (die erst durch die Homöopathie entdeckt und danach mit einer hilfreichen Heilmethode versehen wurde). Dennoch prahlen sie, dass sie allein deren prima causa [erste Ursache] bei ihren Behandlungen vor Augen hätten und rational heilen würden. Sie haben aber von der allein nutzbaren Kenntnis ihres psorischen Ursprungs nicht die mindeste Ahnung und verpfuschen so alle chronischen Krankheiten!

[erste Ursache der Krankheit] hält, die dann die nächste Ursache der Krankheit und zugleich das innere Wesen der Krankheit, die Krankheit selbst, sein soll. Die Ursache eines Dinges oder eines Ereignisses kann aber nie zugleich das Ding oder das Ereignis selbst sein. Nur durch Selbsttäuschung können sie dieses unerkennbare innere Wesen zum Heilgegenstand machen und dagegen Arzneien verordnen, deren Heiltendenz ihnen größtenteils unbekannt ist. Mehrere solche ungekannte Arzneien werden in so genannten Rezepten zusammengemischt.
Dieses sublime Projekt, eine innere, unsichtbare, apriorische Krankheitsursache zu finden, löste sich bei den Ärzten der alten Schule, die sich für klüger hielten, in ein (aus Symptomen hergeleitetes) Aufsuchen dessen auf, was als der allgemeine Charakter des gegenwärtigen Krankheitsfalles anzunehmen ist2

2

Jeder Arzt, der nach so allgemeinen Charakteren behandelt – mag er noch so anmaßend den Namen eines Homöopathen beanspruchen –, ist und bleibt in der Tat ein generalisierender Allopath, da ohne die speziellste Individualisierung keine Homöopathie denkbar ist.

. Krampf, Schwäche, Lähmung, Fieber, Entzündung oder Verhärtung? Infarkte dieses oder jenes Teils? Blut-Übermenge (Plethora)? Mangel oder Übermaß an Sauer-, Kohlen-, Wasser- oder Stickstoff in den Säften? Gesteigerte oder gesunkene Arterialität, oder Venosität, oder Kapillarität? Relatives Verhältnis der Faktoren der Sensibilität, Irritabilität oder Reproduktion? Vermutungen, die von der bisherigen Schule mit dem Namen Kausal-Indikation beehrt und für die einzig mögliche Rationalität in der Medizin gehalten werden. Diese hypothetischen Annahmen sind allzu trügerisch, als dass sie sich praktisch brauchbar bewähren können. Selbst wenn sie begründet wären, sind sie doch unfähig, das treffendste Heilmittel für den Krankheits-Fall anzuzeigen. Der Eigenliebe des gelehrten Erdenkers schmeicheln sie zwar, im Danach-Handeln führen sie aber meist in die Irre. Das Ganze ist mehr auf Ostentation angelegt als darauf, ernsthaft die Heil-Indikation zu finden.
Oft scheint z.B. in einem Teil des Organismus Krampf oder Lähmung zu sein, während in einem anderen Teil anscheinend Entzündung stattfindet.
Woher sollen andererseits die Arzneien kommen, die für jeden dieser angeblichen allgemeinen Charaktere sicher helfen sollen? Die sicher helfenden können nur die spezifischen sein, das heißt Arzneien, die dem Krankheits-Reiz in ihrer Wirkung homogen3

3

Homöopathische genannt.

sind. Ihr Gebrauch ist aber von der alten Schule als höchst schädlich verboten4

4

Wo die Erfahrung uns die Heilkraft homöopathisch wirkender Arzneien kennen gelehrt hatte, deren Wirkungsart man sich nicht erklären konnte, da half man sich damit, sie für spezifisch zu erklären. Mit diesem eigentlich nichts sagenden Wort wurde das Nachdenken darüber eingeschläfert. Man hat aber längst schon die homogenen Reizmittel, die spezifischen (homöopathischen), als höchst schädliche Einflüsse verboten. Rau: Über das homöopathische Heilverfahren. Heidelberg 1824. S. 101–102.

und verpönt. Die Beobachtung hat gelehrt, dass – bei der in Krankheiten so hoch gesteigerten Rezeptivität für homogene Reize – sich solche Arzneien in den hergebrachten großen Gaben als lebensgefährlich erweisen. Von kleineren Gaben und höchst kleinen hat die alte Schule keine Ahnung. Auf geradem (natürlichstem) Weg, das heißt durch homogene, spezifische Arzneien, darf also nicht geheilt werden. Das kann man auch nicht, da die meisten Wirkungen der Arzneien unbekannt sind und bleiben. Auch wenn sie bekannt wären, so wäre es bei solchen generalisierenden Ansichten doch nie möglich, das treffende Heilmittel zu erraten.
Der bisherigen Arzneischule scheint es wohl einleuchtender, möglichst einen anderen, geraden Weg zu suchen, als Umwege einzuschlagen. Sie glaubt, Krankheiten durch Wegschaffung der (angeblichen) materiellen Krankheits-Ursache direkt aufzuheben. Der gewöhnlichen Arzt-Schule ist es fast unmöglich, sich bei der Ansicht und Beurteilung einer Krankheit und beim Aufsuchen der Behandlungs-Indikation von diesen materiellen Begriffen loszumachen. Sie kann die Natur des geistig-körperlichen Organismus nicht als ein so hoch potenziertes Wesen anerkennen, dass die Abänderungen seines Lebens in Gefühlen und Tätigkeiten, die man Krankheiten nennt, hauptsächlich, ja fast nur durch dynamische (geistartige) Einwirkungen bedingt und bewirkt werden müssen und nicht anders bewirkt werden können.
Die bisherige Schule hält jene durch die Krankheit veränderten Stoffe – sowohl die turgeszierenden als auch die sich absondernden, anormalen Stoffe – bis heute für Krankheits-Erreger oder zumindest für KrankheitsUnterhalter (wegen ihrer angeblichen Rückwirkung).
Indem sie sich bemüht, diese eingebildeten und vorausgesetzten materiellen Ursachen der Krankheit wegzuschaffen, meint sie Kausal-Behand-lungen durchzuführen.
  • Daher ihr emsiges Fortschaffen der Galle durch Erbrechen bei galligen Fiebern,

  • ihre Brechmittel bei so genannten Magen-Verderbnissen5

    5

    Bei einer schnellen Magen-Verderbnis mit ständigem widerlichen Aufstoßen nach verdorbenen Speisen, mit Niedergeschlagenheit des Gemüts, bei kalten Füßen und Händen usw. geht der gewöhnliche Arzt nur auf den entarteten Magen-Inhalt los: ein tüchtiges Brechmittel soll ihn rein herausschaffen. Diese Absicht erreicht er mit weinsteinsaurem Spießglanz, mit oder ohne Ipecacuanha. Der Kranke ist darauf aber nicht sofort gesund, munter und heiter. Eine solche Magen-Verderbnis ist gewöhnlich dynamischen Ursprungs, durch Gemüts-Störungen (Gram, Schreck, Ärger), Erkältung, Anstrengung des Geistes oder des Körpers unmittelbar nach dem Essen erzeugt, oft schon nach mäßigem Speise-Genuss. Diese dynamische Verstimmung kann weder durch diese beiden Arzneien noch durch das dadurch hervorgebrachte revolutionäre Erbrechen behoben werden. Brechweinstein und Ipecacuanha haben dann aus ihren anderweitigen eigentümlichen Krankheit-Erregungs-Symptomen Nachteile für das Befinden des Kranken hinzugefügt, und die Gallen-Abscheidung ist in Unordnung gekommen. Wenn der Leidende nicht ganz robust war, muss er sich noch mehrere Tage nach dieser angeblichen KausalBehandlung schlecht fühlen, trotz dieser gewaltsamen Herausschaffung des vollständigen Magen-Inhalts.

    ,

  • ihr Auspurgieren des Schleims, der Spul- und Madenwürmer bei der Gesichts-Blässe, der Essgier, den Leibschmerzen und dicken Bäuchen der Kinder6

    6

    Umstände, die bloß auf Psora-Siechtum beruhen und durch (dynamische) milde, antipsorische Mittel leicht geheilt werden, ohne Erbrechen oder Laxieren.

    ,

  • ihr Aderlassen bei Blutungen7

    7

    Obwohl fast allen krankhaften Blutungen bloß eine dynamische Verstimmung der Lebenskraft (des Befindens) zugrunde liegt, hält die alte Schule dennoch eine BlutÜbermenge für ihre Ursache. Sie kann sich nicht enthalten, Aderlässe vorzunehmen, um den vermeintlichen Überfluss dieses Lebenssaftes fortzuschaffen. Das offenbar schlechte Ergebnis, das Sinken der Kräfte und die Hinneigung oder sogar den Übergang zum Typhösen sucht sie auf die Bösartigkeit der Krankheit zu schieben, mit der sie oft nicht fertig werden kann. Auch wenn der Kranke nicht aufkommt, so glaubt sie doch, eine Behandlung nach ihrem Wahlspruch Causam tolle [Entferne die Ursache] vollführt und alles Mögliche für den Kranken getan zu haben, was auch immer die Folge davon sein mag.

    und vor allem alle Arten der Blut-Ent-ziehungen.8

    8

    Obwohl es vielleicht nie einen Tropfen Blut zu viel im lebenden menschlichen Körper gegeben hat, so hält doch die alte Schule eine angebliche Blut-Übermenge für die materielle Hauptursache aller Blutungen und Entzündungen, die sie durch AderÖffnungen (blutige Schröpfköpfe) und Blutegel zu entfernen und auszuleeren habe. Dies hält sie für ein rationales Verfahren, für Kausal-Behandlung. Bei allgemeinen Entzündungs-Fiebern und beim hitzigen Seitenstich hält sie sogar die koagulable Lymphe im Blut, die so genannte Speckhaut, für die materia peccans [den sündigenden Stoff], die sie durch wiederholte Ader-Öffnungen möglichst fortzuschaffen strebt, ungeachtet dessen, dass sie bei erneutem Blutlassen oft noch zäher und dicker zum Vorschein kommt. Wenn sich das Entzündungs-Fieber nicht legen will, vergießt sie Blut oft bis zum nahen Tod, um diese Speckhaut oder die vermeintliche Plethora wegzubringen. Sie ahnt dabei nicht, dass das entzündete Blut nur ein Produkt des akuten Fiebers, des krankhaften, immateriellen (dynamischen) EntzündungsReizes ist und letzterer die einzige Ursache dieses großen Sturmes im Ader-System. Durch die kleinste Gabe einer homogenen (homöopathischen) Arznei ist dies aufzuheben, z.B. durch ein feines Streukügelchen, mit dezillionfach verdünntem Akonit-Saft befeuchtet, unter Vermeidung vegetabilischer Säuren. So geht das heftigste Seitenstich-Fieber mit seinen drohenden Zufällen – ohne Blut-Verminderung und ohne die mindesten Kühlmittel – schon in wenigen, höchstens 24 Stunden in Gesundheit über und heilt. Eine Probe seines Blutes, die aus der Ader gelassen wird, zeigt dann keine Spur von Speckhaut mehr. Ein sehr ähnlicher Kranker, der nach jener Rationalität der alten Schule behandelt wird, hat dagegen nach mehrmaligem Blutlassen – wenn er mühsam, nach unsäglichen Leiden, vorerst noch dem Tod entrinnt – oft noch viele Monate durchzusiechen. Erst danach kommt er abgezehrt wieder auf die Beine, wenn ihn nicht unterdessen (die häufige Folge einer solchen Misshandlung) ein typhöses Fieber, eine Leukophlegmasie oder eine eiternde Lungensucht hinrafft.

    Wer eine Stunde vor Auftreten des Frostschauders, der einem hitzigen Seitenstich stets vorangeht, den ruhigen Puls des Mannes gefühlt hat, wird erstaunt sein, wenn man ihm zwei Stunden später, nach Ausbruch der Hitze, einreden will, die vorhandene ungeheure Plethora mache ein mehrmaliges Aderlassen dringend notwendig. Welches Wunder mag die vielen Pfunde Blut, die nun abgelassen werden sollen, während dieser zwei Stunden in die Adern des Mannes gezaubert haben, die er vor diesen zwei Stunden in so ruhigem Gang gefühlt hat? Nicht ein Quentchen Blut mehr kann nun in seinen Adern rollen, als er in gesunden Zeiten, auch vor zwei Stunden, hatte!

    Der Allopath entzieht mit seinen Aderlässen dem am hitzigen Fieber Erkrankten keine lästige Blut-Übermenge, weil so etwas nicht vorhanden sein konnte. Er beraubt ihn der normalen Blutmenge, die zum Leben und Gesundwerden unentbehrlich ist, und somit der Kräfte – ein großer Verlust, den die Macht des Arztes nicht wieder ersetzen kann! Dennoch befindet er sich in dem Wahn, eine Behandlung nach seinem (missverstandenen) Wahlspruch Causam tolle [Entferne die Ursache] durchgeführt zu haben. Dabei konnte hier die causa morbi [Krankheits-Ursache] am wenigsten eine (nicht existierende) Blut-Übermenge sein. Die einzige, wahre causa morbi war ein krankhafter, dynamischer Entzündungs-Reiz des Blut-Systems. Das beweist die schnelle und dauerhafte Heilung des gedachten allgemeinen Entzündungs-Fiebers durch eine oder zwei unglaublich feine und kleine Gaben des Akonit-Saftes, der diesen Reiz homöopathisch aufhebt, und beweist es in jedem solchen Fall.

    Die alte Schule zeigt auch bei der Behandlung der Lokal-Entzündungen mit ihrem örtlichen Blutlassen einen Fehlschluss, besonders durch die jetzt mit broussaischer Wut angesetzte Menge Blutegel. Die anfänglich erfolgende, palliative Erleichterung wird keineswegs durch schnellen und vollkommenen Heil-Erfolg gekrönt. Die stets zurückbleibende Schwäche und Kränklichkeit des so behandelten Teils (auch oft des übrigen Körpers) zeigt, wie irrtümlich man die örtliche Entzündung in einer örtlichen Plethora suchte und wie traurig die Folgen solcher Blutentziehungen sind. Dieser bloß dynamische, örtlich scheinende Entzündungs-Reiz kann aber durch eine gleich kleine Gabe Akonit oder, je nach Umständen, von Belladonna schnell und dauerhaft getilgt und das ganze Übel ohne solch unmotiviertes Blut-Vergießen behoben und geheilt werden.

Letztere sind ihr Haupt-Indikat bei Entzündungen, die sie – in der Nachfolge eines bekannten Pariser blutgierigen Arztes (wie die Schafe dem Leithammel in die Hände des Schlächters) – in fast jedem krankhaft affizierten Teil des Körpers anzutreffen und durch eine oft tödliche Zahl Blutegel entfernen zu müssen meint. Auf diese Weise glaubt sie, echte Kausal-Indikationen zu befolgen und rational zu behandeln. Die alte, bisherige Arzneischule glaubt auch, durch Abbindung von Polypen, durch Ausschneidung oder erkünstelte Vereiterung der kalten Drüsen-Geschwülste mit erhitzenden Lokal-Mitteln, durch Ausschälung der Balg- (Speck-, Honig-) Geschwülste, Operationen der Pulsader-Geschwülste, der Tränen- und Mastdarm-Fisteln, Entfernung der skirrhösen Brust durch den Schnitt, durch Amputation eines knochenfraßigen Gliedes usw. den Kranken gründlich geheilt und Kausal-Behandlungen verrichtet zu haben. Sie glaubt es auch, wenn sie ihre Repellentia [zurücktreibende Mittel] anwendet, wenn sie die alten, jauchenden Schenkel-Geschwüre (mit Beihilfe gleichzeitiger Abführmittel, die das Grund-Siechtum nicht mindern, sondern nur schwächen) durch adstringierende Umschläge, durch Blei-, Kupfer- und ZinkOxyde austrocknet, wenn sie den Schanker wegbeizt, die Feigwarzen örtlich zerstört oder die Krätze mit Salben aus Schwefel, Blei-, Quecksilber- oder Zink-Oxyden von der Haut vertreibt. Oder wenn sie die Augen-Entzündungen mit Auflösungen von Blei oder Zink unterdrückt und durch Opo-deldok, flüchtige Salbe oder Räucherungen mit Zinnober oder Bernstein die ziehenden Schmerzen aus den Gliedmaßen verjagt. Sie glaubt da überall das Übel gehoben, die Krankheit besiegt und rationale Kausal-Behandlun-gen durchgeführt zu haben. Aber das Ergebnis! Die früher oder später unausbleiblich erscheinenden Metaschematismen, die sie dadurch veranlasst (und dann für neue Krankheiten ausgibt) und die schlimmer als das ers-tere Übel sind, widerlegen sie zur Genüge. Sie sollten ihr die Augen öffnen über die tiefer liegende, immaterielle Natur des Übels und seinen dynamischen (geistartigen), bloß dynamisch zu behebenden Ursprung.
Überhaupt setzt die gewöhnliche Schule bei Krankheiten immer noch am liebsten Krankheits-Stoffe (und Schärfen) voraus, wenn auch noch so fein gedachte. Diese müssen durch Ausdünstung und Schweiß, durch die Harn-Organe oder Speichel-Drüsen aus den Blut- und Lymph-Gefäßen, durch die Luftröhren- und Bronchial-Drüsen als Brust-Auswurf, durch Erbrechen und Abführen aus dem Magen und dem Darmkanal fortgeschafft werden. Damit könne der Körper von der materiellen Ursache, die die Krankheit erregt, gereinigt und so eine gründliche Kausal-Behandlung durchgeführt werden.
Durch eingeschnittene Öffnungen am kranken Körper, die sie im Laufe von Jahren durch eingelegte Fremdkörper in langwierige Geschwüre verwandelt (Fontanellen, Haarseile), will sie die materia peccans [den sündigenden Stoff] aus dem (stets nur dynamisch) kranken Körper abzapfen. So, wie man aus Fässern schmutzige Feuchtigkeit aus dem Zapfloch laufen lässt. Auch durch dauernde Kanthariden-Pflaster und Seidelbast beabsichtigt sie, die schlechten Säfte abzuziehen und von allem Krankheitsstoff zu reinigen. Durch diese unbesonnenen, naturwidrigen Veranstaltungen schwächt sie den kranken Körper meist bis zur Unheilbarkeit.
Der menschlichen Schwäche ist es bequemer, bei den zu heilenden Krankheiten einen sinnlich denkbaren Krankheitsstoff anzunehmen, zumal sich auch die Patienten leicht einer solchen Vorstellung hingeben. Man hat dann nur noch zu bedenken, woher man genug Mittel nimmt, die Blut und Säfte reinigen, Harn und Schweiß treiben, Brust-Auswurf befördern und Magen und Darm ausscheuern. In allen materiae medicae [Arzneimittellehren], von Dioskurides an bis zu den neueren Büchern, steht fast nichts von der speziellen, eigentlichen Wirkung jeder einzelnen Arznei. Außer den Angaben über ihren vermeintlichen Nutzen gegen diesen oder jenen Krankheits-Namen der Pathologie findet man bloß, ob sie Harn, Schweiß, Brust-Auswurf oder Monats-Reinigung befördert und besonders, ob sie eine Ausleerung aus dem Speise- und Darm-Kanal von oben oder unten bewirkt. Alles Dichten und Trachten der praktischen Ärzte war von jeher hauptsächlich darauf gerichtet, einen materiellen KrankheitsStoff sowie mehrere (erdichtete) Schärfen, die den Krankheiten zugrunde liegen sollen, auszuleeren.
Dies sind eitle Träume, ungegründete Voraussetzungen und Hypothesen, klug ersonnen zur Bequemlichkeit einer Therapie, die hofft, durch das Wegschaffen materieller Krankheits-Stoffe (si modo essent!) [wenn sie von dieser Art wären] am leichtesten mit der Heilung fertig zu werden.
Kritik am materialistischen Krankheits-Konzept der alten Schule

Krankheitsstoffe sind Produkte, nicht Ursache der Krankheit. Ansteckung erfolgt nicht durch solche Stoffe. Krankheiten sind dynamische Verstimmungen des geistartigen Lebensprinzips.

Das Wesen der Krankheiten und ihre Heilung können sich nicht nach solchen Träumen oder der Bequemlichkeit der Ärzte richten. Die Krankheiten können nicht – um jenen törichten, unbegründeten Hypothesen zu gefallen – aufhören, (geistige) dynamische Verstimmungen unseres geistartigen Lebens in Gefühlen und Tätigkeiten, das heißt immaterielle Verstimmungen unseres Befindens zu sein.
Materiell können die Ursachen unserer Krankheiten nicht sein. Wird die mindeste fremdartige materielle Substanz1

1

Als etwas reines Wasser in eine Vene gespritzt wurde, stand das Leben auf dem Spiel (s. Mullen bei Birch in History of the royal society. Vol. IV).

, sie scheine uns auch noch so mild, in unsere Blutgefäße gebracht, wird sie sofort wie ein Gift von der Lebenskraft ausgestoßen. Wo das nicht geht, hat es den Tod zur Folge. Wenn der mindeste Splitter in unsere empfindlichen Teile gerät, ruht das in unserem Körper allgegenwärtige Lebensprinzip nicht eher, als bis er durch Schmerz, Fieber, Eiterung oder Brand wieder herausgeschafft wurde. Dieses unermüdlich tätige Lebensprinzip wird z.B. bei einer zwanzig Jahre alten Ausschlags-Krankheit nicht zwanzig Jahre lang einen fremdartigen, feindseligen, materiellen Ausschlags-Stoff, eine Flechten-, eine Skrofel-, eine Gicht-Schärfe usw. in den Säften gutmütig dulden. Kein No-sologe sah jemals mit eigenen Augen einen solchen Krankheits-Stoff, von dem man so zuversichtlich sprechen und ein medizinisches Verfahren darauf bauen will. Niemand hat jemals einen Gicht-Stoff, ein Skrofel-Gift den Augen darlegen können.
Auch wenn die Anbringung einer materiellen Substanz auf die Haut oder in eine Wunde Krankheiten durch Ansteckung fortpflanzt: Niemand kann (wie so oft in unseren Pathogenien behauptet worden ist) beweisen, dass von dieser Substanz etwas Materielles in unsere Säfte eingedrungen oder eingesaugt worden sei2

2

Dem von einem tollwütigen Hund gebissenen achtjährigen Mädchen in Glasgow schnitt der Wundarzt die Stelle sofort rein aus. Dennoch bekam sie nach 36 Tagen die Wasserscheu, woran sie nach zwei Tagen starb (Med. Comment. of Edinb. Dec. II. Vol. II. 1793).

. Kein noch so sorgfältiges, sofortiges Abwaschen der Geschlechtsteile schützt vor der Ansteckung mit der venerischen Schanker-Krankheit. Schon ein Lüftchen, das von einem Menschenpocken-Kranken herüberweht, kann bei einem gesunden Kind diese fürchterliche Krankheit hervorbringen.
Wieviel materieller Stoff an Gewicht mag auf diese Weise in die Säfte eingesaugt worden sein? Im ersteren Fall wird ein peinliches Siechtum (die Lustseuche) hervorgebracht, das ungeheilt erst mit dem entferntesten Lebensende, erst mit dem Tod erlischt, im letzteren Fall eine Krankheit (Menschen-Pocken), die mit fast allgemeiner Vereiterung3

3

Um die Entstehung der oft großen Menge fauligen Unrats und stinkender Geschwür-Jauche in Krankheiten zu erklären und ihn für Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Stoff ausgeben zu können (da bei der Ansteckung nichts Merkbares von Miasma, nichts Materielles in den Körper eingedrungen sein konnte), nimmt man zu folgender Hypothese Zuflucht: Der feine Ansteckungs-Stoff wirkt im Körper als Ferment, bringt die Säfte in gleiche Verderbnis und wandelt sie auf diese Art selbst in ein solches Krankheits-Ferment um, das während der Krankheit ständig wuchert und die Krankheit unterhält. Dieses sich immer wieder erzeugende Ferment, diese Masse angeblichen Krankheits-Stoffs lässt sich aber durch keine allmächtigen und allweisen Reinigungs-Tränke so rein aus den menschlichen Säften aussondern und aussäubern, dass nicht noch ein Stäubchen eines solchen Krankheits-Ferments darin bliebe. Nach dieser Hypothese müsste es die Säfte immer wieder, wie zuerst, zum neuen Krankheits-Stoff umbilden und verderben. Dann wäre es aber unmöglich, die Krankheiten auf diese Art zu heilen! Auch noch so fein ausgesonnene Hypothesen führen zu den handgreiflichsten Inkonsequenzen, wenn Unwahrheit zugrunde liegt! Die am weitesten gediehene Lustseuche heilt, wenn die oft damit komplizierte Psora beseitigt ist, durch eine oder zwei kleine Gaben dezilli-onfach verdünnter und potenzierter Auflösung des Quecksilber-Metalls, und die allgemeine syphilitische Säfte-Verderbnis ist auf immer (dynamisch) vernichtet und verschwunden.

oft schnell tötet. Hier und in allen diesen Fällen ist wohl kaum an einen materiellen, in das Blut übergegangenen Krankheits-Stoff zu denken. Ein im Krankenzimmer geschriebener Brief aus weiter Entfernung teilt dem Lesenden oft dieselbe miasmatische Krankheit mit. Hier ist wohl nicht an einen materiellen, in die Säfte eingedrungenen Krankheits-Stoff zu denken. Oft hat schon ein kränkendes Wort ein gefährliches Gallenfieber, eine abergläubische Todes-Pro-phezeiung ein Sterben zur angekündigten Zeit und eine jähe, traurige oder höchst freudige Nachricht den plötzlichen Tod zuwege gebracht. Hier ist kein materieller Krankheits-Stoff. Weder ist etwas in den Körper leibhaftig übergegangen noch hat es die Krankheit erzeugt und unterhalten. Gründliche Behandlung ist ohne irgendeine materielle Hinwegschaffung oder Ausführung möglich.
Die Verfechter so grobsinnlich angenommener Krankheits-Stoffe übersehen und verkennen die geistige Natur unseres Lebens und die geistig dynamische Kraft krankheitserregender Ursachen. Sie würdigen sich zu Fege-Ärzten herab, die durch ihr Bemühen, Krankheits-Stoffe aus dem kranken Körper zu vertreiben, die nie existierten, nicht heilen, sondern das Leben zerstören.
Die bösartigen, oft sehr ekelhaften Auswürfe in Krankheiten sind nicht der Stoff, der sie erzeugt und unterhält4

4

Auch der langwierigste Schnupfen müsste dann bloß durch sorgfältiges Schneuzen und Säubern der Nase unfehlbar und schnell geheilt werden können.

. Sie sind Auswurf-Produkte der Krankheit selbst, das heißt des bloß dynamisch gestörten und verstimmten Lebens.
Bei solchen falschen, materiellen Ansichten von der Entstehung und dem Wesen der Krankheiten ist es nicht verwunderlich, dass in allen Jahrhunderten von den geringen wie den vornehmen Praktikern, ja selbst von den Erdichtern der sublimsten medizinischen Systeme hauptsächlich auf die Ausscheidung und Abführung einer eingebildeten krankmachenden Materie hingearbeitet wurde.
  • Die häufigste Indikation wird gestellt auf Zerteilung und Beweglich-Machung des Krankheits-Stoffs und seine Ausführung durch Speichel, Luftröhren-Drüsen, Schweiß und Harn.

  • Auch auf eine durch die Verständigkeit der Wurzel- und Holztränke treugehorsam zu bewirkende Reinigung des Blutes von KrankheitsStoffen (Schärfen und Unreinigkeiten), die es nie gab.

  • Oder auf mechanische Abzapfung der erdichteten Krankheits-Materie durch Haarseile, Fontanellen oder durch Haut-Stellen, die von immerwährendem Kanthariden-Pflaster oder von Seidelbast-Rinde offen und triefend erhalten werden.

  • Besonders aber auf Abführen und Auspurgieren der materia peccans [des sündigenden Stoffs] oder der schadhaften Stoffe, wie sie sie nennen, durch den Darmkanal mithilfe laxierender und purgierender Arzneien, die sie gern (die Infarkte?) auflösende und mild eröffnende nennen, um ihnen eine tiefsinnigere Bedeutung und ein schmeichelhafteres Ansehen zu geben.

Lauter Veranstaltungen zur Fortschaffung feindseliger Krankheits-Stoffe, die es bei der Erzeugung und Unterhaltung der Krankheiten des menschlichen Organismus nie geben kann und nie gibt. Der Organismus lebt durch ein geistiges Prinzip, und die Krankheiten sind immer nur geistig dynamische Verstimmungen seines an Gefühl und Tätigkeit geänderten Lebens.
Einige Krankheiten rühren von verschluckten, unverdaulichen oder sonst sehr schädlichen Substanzen her, die in die ersten Wege oder in andere Öffnungen und Höhlen des Körpers geraten sind, oder von Fremdkörpern, die durch die Haut gedrungen sind, usw. Wenn man von diesen absieht, kann vorausgesetzt werden, dass keiner Krankheit irgendein materieller Stoff zugrunde liegt, sondern jede bloß eine besondere virtuelle, dynamische Verstimmung des Befindens ist. Ein Behandlungs-Verfahren, das auf die Ausführung5

5

Das Auspurgieren der Würmer bei so genannten Wurmkrankheiten hat einen Anschein von Notwendigkeit, der aber falsch ist. Einige wenige Spulwürmer findet man vielleicht bei mehreren Kindern, bei nicht wenigen auch einige Madenwürmer. All diese Würmer sowie eine Übermenge von der einen oder anderen Art rühren aber stets von einem allgemeinen Siechtum (dem psorischen) her, verbunden mit ungesunder Lebensart. Letztere ist zu bessern und das psorische Siechtum, das in diesem Alter am leichtesten Hilfe annimmt, homöopathisch zu heilen. So bleiben keine Würmer übrig. Wenn die Kinder auf diese Art gesund geworden sind, werden sie nicht mehr davon belästigt. Nach bloßen Purganzen, selbst mit Cinasamen verbunden, erzeugen sie sich dagegen bald wieder in Menge.

Aber der Bandwurm. höre ich sprechen, dieses zur Qual der Menschen geschaffene Ungeheuer, muss doch mit aller Macht ausgetrieben werden.

Ja, er wird manchmal abgetrieben, aber mit welchen Nachwehen und mit welcher Lebensgefahr! Ich möchte den Tod so vieler Hunderte von Menschen nicht auf meinem Gewissen haben, die durch die angreifendsten, schrecklichsten Purganzen, die gegen den Bandwurm gerichtet waren, ihr Leben einbüßen mussten, oder das jahrelange Siechtum derer, die dem Purgier-Tod entrannen. Oft wird er durch diese oft mehrjährigen Purgier-Behandlungen, die Gesundheit und Leben zerstören, doch nicht abgetrieben. Oder er erzeugt sich wieder!

Diese gewaltsame, nicht selten grausame und oft lebensgefährliche Forttreibung und Tötung dieser Tiere ist nicht nötig.

Die verschiedenen Gattungen Bandwürmer finden sich bloß beim Psora-Siechtum und verschwinden, wenn dieses geheilt wird. Bevor die Heilung vollzogen wird, leben sie – bei erträglichem Wohlbefinden des Menschen – nicht unmittelbar in den Därmen, sondern in den Überresten der Speisen, dem Unrat der Därme, wie in ihrer eigenen Welt, ganz ruhig und ohne uns im Mindesten zu belästigen. Sie finden im Darm-Unrat, was sie zu ihrer Nahrung brauchen. Sie berühren die Wände unserer Därme nicht und sind uns unschädlich. Wird aber der Mensch auf irgendeine Art akut krank, dann wird der Inhalt der Därme dem Tier unleidlich. Es windet sich dann und berührt und verletzt in seinem Unbehagen die empfindlichen Wände der Därme. Die Beschwerden des kranken Menschen werden dann durch diese besondere Art von krampfhafter Kolik beträchtlich vermehrt. (So wird auch die Frucht im Mutterleib nur dann unruhig, windet sich und stößt, wenn die Mutter krank ist. Sie schwimmt aber ruhig in ihrem Wasser, ohne der Mutter weh zu tun, wenn sie gesund ist).

Die Krankheits-Zeichen des Menschen, der sich zu dieser Zeit übel befindet, sind größtenteils von der Art, dass sie an der Tinktur der männlichen Farnkraut-Wurzel, in der kleinsten Gabe, ihr (homöopathisches) schnelles Beschwichtigungs-Mittel finden. Was im Übelbefinden des Menschen dieses Schmarotzer-Tier unruhig macht, wird dadurch vorerst behoben. Der Bandwurm befindet sich dann wieder wohl und lebt ruhig weiter im Darm-Unrat, ohne den Kranken oder seine Därme sonderlich zu belästigen. Ist die antipsorische Behandlung so weit gediehen, dass der Wurm - nach ausgetilgter Psora - den Darm-Inhalt nicht mehr als Nahrung geeignet findet, so verschwindet er von selbst für immer aus dem Bauch des Genesenen, ohne die mindeste Purganz.

jener erdichteten Stoffe gerichtet ist, muss zweckwidrig sein. In den Hauptkrankheiten des Menschen, den chronischen, kann nichts damit gewonnen werden. Es wird aber ungeheuer damit geschadet!
Die in Krankheiten sichtbar werdenden, entarteten Stoffe und Unrei-nigkeiten sind nur Erzeugnisse der Krankheit des in anormale Verstimmung gesetzten Organismus. Sie werden von ihm oft heftig genug (oft allzu heftig) selbst fortgeschafft, ohne die Hilfe der Ausleerungs-Kunst zu benötigen. Er erzeugt immer wieder neue, so lange er an dieser Krankheit leidet. Diese Stoffe stellen sich dem echten Arzt selbst als Krankheits-Symptome dar und helfen ihm, die Beschaffenheit und das Bild der Krankheit zu erkennen, um sie mit einer ähnlichen, arzneilichen Krankheits-Potenz heilen zu können.
Ableitende und antagonistische Behandlung der alten Schule

Erzeugung neuer Symptome (Geschwüre, Metastasen usw.), um die Krankheit abzuleiten. Dadurch Schwächung des Organismus, keine Heilung.

Die neueren Anhänger der alten Schule wollen nicht mehr, dass man meint, sie gingen bei ihren Behandlungen auf eine Abführung von materiellen Krankheits-Stoffen aus. Sie erklären ihre vielen verschiedenen Ausleerungen für eine Behandlungs-Methode, die durch Ableitung hilft. Darin gehe ihnen die Natur des kranken Organismus in ihren Bestrebungen, sich zu helfen, mit ihrem Beispiel voran. Sie entscheide Fieber durch Schweiß und Urin, Seitenstiche durch Nasenbluten, Schweiß und Schleim-Auswurf, andere Krankheiten durch Erbrechen, Durchfälle und After-Blutung, Gelenk-Schmerzen durch jauchende Schenkel-Geschwüre, Hals-Entzündung durch Speichelfluss usw. Oder sie entferne durch Metastasen und Abszesse, die die Natur in Teilen, die vom Sitz des Übels entfernt sind, veranstaltet.
Sie glauben, am besten daran zu tun, wenn sie die Natur nachahmen. So gehen auch sie, wie die kranke, sich selbst überlassene Lebenskraft, in der Behandlung der meisten Krankheiten auf Umwegen zu Werke. Durch Anbringen stärkerer, heterogener Reize in den Organen, die vom Krank- heits-Sitz entfernt und den kranken Gebilden am wenigsten verwandt (dis-similär) sind, veranstalten sie indirekt1

1

Die Homöopathie dagegen löscht mit direkt gegen die kranken Punkte im Organismus gerichteten, homogenen, dynamischen Arznei-Potenzen das Übel schnell, ohne Kräfte-Verlust und ohne Umschweif aus.

Ausleerungen, die sie gewöhnlich auch unterhalten, um das Übel gleichsam dahin abzuleiten.
Diese so genannte Ableitung ist und bleibt eine der Haupt-Behandlungsmethoden der bisherigen Arzneischule.
Bei dieser Nachahmung der sich selbst helfenden Natur, wie sich andere ausdrücken, versuchen sie, in den Gebilden, die am wenigsten krank sind und am besten die Arznei-Krankheit vertragen könnten, gewaltsam neue Symptome zu erregen. Diese sollen unter dem Schein von Krisen und unter der Form von Abscheidungen die erste Krankheit ableiten,2

2

Etwas Unmaterielles kann man nicht ableiten! Sie glauben also doch an eine wenn auch noch so fein gedachte Materie, einen Krankheits-Stoff!

um den Heilkräften der Natur eine allmähliche Lysis zu erlauben3

3

Nur die mäßigen akuten Krankheiten pflegen - wenn ihre natürliche Verlaufs-Zeit zu Ende geht - ohne und bei Anwendung nicht allzu angreifender allopathischer Arzneien sich zu indifferenzieren und ruhig zu beenden. Die Lebenskraft ermannt sich und setzt an die Stelle der ausgetobten Befindens-Veränderungen allmählich ihre Norm wieder ein. Aber bei den hoch akuten und bei dem größten Teil der menschlichen Krankheiten, den chronischen, müssen die rohe Natur und die alte Schule dies bleiben lassen. Da kann weder die Lebenskraft durch ihre Selbsthilfe, noch die sie nachahmende Allopathie eine Lysis herbeiführen. Höchstens einen Waffen-Stillstand, während dessen der Feind sich verstärkt, um früher oder später umso stärker auszubrechen.

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Dies führen sie mit schweiß- und harntreibenden Mitteln, durch BlutEntziehungen, mit Haarseilen und Fontanellen aus. Am meisten jedoch durch Ausleerungs-Reizungen des Speise- und Darm-Kanals, teils von oben durch Brechmittel, teils aber und am liebsten durch Abführungen von unten, die man auch eröffnende und auflösende4

4

Ein Ausdruck, der ebenfalls verrät, dass man eine aufzulösende und fortzuschaffende Krankheits-Materie im Sinn hat und voraussetzt.

Mittel nennt.
Als Beihilfe zu dieser Ableitungs-Methode werden die mit ihr ver-schwisterten antagonistischen Reizmittel angewendet: Schafwolle auf bloßer Haut, Fußbäder, Ekel-Kur, durch Hunger gepeinigter Magen und Darm (Hunger-Kur), Schmerz, Mittel, die Entzündung und Eiterung in nahen und entfernten Teilen bewirken, wie aufgelegter Meerrettich, SenfTeig, Kanthariden-Pflaster, Seidelbast, Haarseile (Fontanellen), Auten-riethsche Salbe, Moxa, glühendes Eisen, Akupunktur usw. Ebenfalls nach dem Vorgehen der rohen Natur, die in Krankheiten sich zur Hilfe selbst überlassen ist und sich durch Schmerz-Erregung an entfernten Körperteilen, durch Metastasen und Abszesse, durch erregte Ausschläge und jauchende Geschwüre von der dynamischen Krankheit (und ist sie eine chronische, vergeblich) loszuwinden versucht.
Offenbar nicht verständige Gründe, sondern nur Nachahmung, die sich das Behandeln bequem machen will, verleitet die alte Schule zu diesen unhilfreichen und verderblichen indirekten Behandlungsmethoden, der ableitenden und der antagonistischen. Sie bewegt sie zu dieser wenig dienlichen, schwächenden und angreifenden Verfahrensart, Krankheiten auf einige Zeit anscheinend zu mindern oder so zu beseitigen, dass ein anderes schlimmeres Übel dafür erweckt wird, an die Stelle des ersteren zu treten. Heilung kann man so eine Verderbung nicht nennen.
Nachahmung der rohen Naturheilkraft durch die alte Schule

Beispiele: Hervorrufen von Erbrechen, Durchfall, Harnfluss, Schweiß, Abszessen, Eiterungen, Entzündungen, Geschwüren, Metastasen, Blutungen.

Kritik daran: Die Selbsthilfe der Natur (Krise) ist verstandlos, mangelhaft, qualvoll, schwächend, schädlich und damit nicht nachahmenswert.

Die alte Schule folgt bloß dem Vorgehen der rohen, instinktartigen Natur in ihren Bestrebungen, die nur bei mäßigen, akuten Krankheits-Anfällen notdürftig1

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In der gewöhnlichen Medizin sieht man bei Krankheiten, bei denen keine Arznei angewendet wird, die Selbsthilfe der Natur des Organismus als nachahmenswerte Muster-Behandlungen an. Aber man irrt sich sehr. Die jammervolle, höchst unvollkommene Anstrengung der Lebenskraft zur Selbsthilfe in akuten Krankheiten ist ein Schauspiel, das die Menschheit zum tätigen Mitleid und zur Aufbietung aller Kräfte unseres verständigen Geistes auffordert, um dieser Selbstqual durch echte Heilung ein Ende zu bereiten. Manchmal kann die Natur eine im Organismus schon bestehende Krankheit durch Anbringen einer neuen, anderen ähnlichen Krankheit ( 43–46) homöopathisch heilen, was ihr äußerst selten zu Gebote steht ( 50). Oft bleibt es aber dem Organismus allein überlassen, aus eigenen Kräften, ohne Hilfe von außen, eine neu entstandene Krankheit zu überwinden (bei chronischen Miasmen ist sein Widerstand ohnehin ohnmächtig). Wir sehen dann nichts als qualvolle, oft gefährliche Anstrengungen der Natur des Individuums, sich zu retten, es koste, was es wolle. Nicht selten mit der Auflösung des irdischen Daseins, mit dem Tod beendet.

Wir Sterblichen sehen den Vorgang im Haushalt des gesunden Lebens nicht ein. Er muss uns, den Geschöpfen, verborgen bleiben, während er dem Auge des alles sehenden Schöpfers und Erhalters seiner Geschöpfe offen liegt. Ebenso wenig können wir den Vorgang im Inneren beim gestörten Leben, bei Krankheiten einsehen. Der innere Vorgang in Krankheiten wird nur durch die wahrnehmbaren Veränderungen, Beschwerden und Symptome kund, wodurch unser Leben die inneren Störungen laut werden lässt. In keinem vorliegenden Fall erfahren wir, welche von den Krankheits-Symptomen die Primärwirkung der krankhaften Schädlichkeit oder welche die Reaktion der Lebenskraft zur Selbsthilfe sind. Beide fließen vor unseren Augen ineinander und stellen uns bloß ein nach außen reflektiertes Bild des inneren Gesamtleidens dar. Die unhilfreichen Bestrebungen des sich selbst überlassenen Lebens, das Leiden zu beenden, sind dabei selbst Leiden des ganzen Organismus.

In den Ausleerungen, die die Natur am Ende schnell entstandener Krankheiten gewöhnlich veranstaltet und die man Krisen nennt, liegt oft mehr Leiden als heilsame Hilfe.

Was die Lebenskraft in diesen so genannten Krisen und wie sie es veranstaltet, bleibt uns verborgen, wie jeder innere Vorgang des organischen Haushalts des Lebens. Sicher ist, dass sie in dieser ganzen Anstrengung mehr oder weniger von den leidenden Teilen aufopfert und vernichtet, um das Übrige zu retten. Diese Selbsthilfe der Lebenskraft, die bei der Beseitigung der akuten Krankheit bloß nach der organischen Einrichtung unseres Körpers, nicht nach geistiger Überlegung zu Werke geht, ist meist nur eine Art Allopathie. Sie erregt eine vermehrte, oft stürmische Tätigkeit in den Absonderungs-Organen, um die primär leidenden Organe durch eine Krise zu befreien und das Übel auf jene abzuleiten. Es erfolgen Erbrechen, Durchfälle, Harnfluss, Schweiße, Abszesse usw., um durch diese Aufreizung entfernter Teile eine Art Ableitung von den ursprünglich kranken Teilen zu erzielen. Die dynamisch angegriffene Nervenkraft scheint sich dann im materiellen Produkt gleichsam zu entladen.

Nur durch Zerstörung und Aufopferung eines Teils des Organismus vermag die sich allein überlassene Natur des Menschen sich aus akuten Krankheiten zu retten und, wenn der Tod nicht erfolgt, langsam und unvollkommen die Harmonie des Lebens, die Gesundheit wiederherzustellen.

Die bei Selbstgenesungen zurückbleibende große Schwäche der Teile, die dem Leiden ausgesetzt waren, ja des ganzen Körpers, die Magerkeit usw., geben uns dies zu verstehen.

Der Vorgang der Selbsthilfe des Organismus bei ihm zugestoßenen Krankheiten zeigt dem Beobachter nur Leiden. Nichts, was er, um echt heilkünstlerisch zu verfahren, nachahmen könnte und dürfte.

durchkommen. Sie macht es bloß der sich in Krankheiten selbst überlassenen Lebens-Erhaltungs-Kraft nach, die keiner Überlegung fähig ist. Einzig auf den organischen Gesetzen des Körpers beruhend, wirkt sie nur nach diesen und ist nicht fähig, nach Verstand und Überlegung zu handeln.
  • Die rohe Natur vermag klaffende Wundränder nicht wie ein verständiger Wundarzt aneinander zu bringen und durch Vereinigung zu heilen.

  • Sie weiß schief voneinander abstehende Knochen-Bruch-Enden, so viel sie auch Knochen-Gallerte (oft zum Überfluss) ausschwitzen lässt, nicht gerade zu richten und einander anzupassen.

  • Sie kann keine verletzte Arterie unterbinden, sondern lässt den Verletzten mit ihrer Energie zu Tode verbluten.

  • Sie versteht nicht, einen ausgefallenen Schulter-Kopf wieder einzurenken, hindert aber durch bald zuwege gebrachte Schwellung die Kunst am Einrenken.

  • Um einen in die Hornhaut gestochenen Splitter zu entfernen, zerstört sie das ganze Auge durch Vereiterung.

  • Einen eingeklemmten Leisten-Bruch weiß sie bei aller Anstrengung nur durch Brand der Gedärme und Tod zu lösen.

  • Bei dynamischen Krankheiten macht sie durch ihre Metaschematismen die Kranken oft weit unglücklicher, als sie vorher waren.

  • Die größten Peiniger unseres irdischen Daseins, die Zunder zu den unzähligen Krankheiten, unter denen seit Jahrhunderten und Jahrtausenden die gepeinigte Menschheit seufzt, die chronischen Miasmen (Psora, Syphilis, Sykosis), nimmt die verstandlose Lebenskraft im Körper ohne Bedenken auf. Sie kann aber keines davon mindern, geschweige denn eigentätig wieder aus dem Organismus entfernen. Sie lässt sie darin wuchern, bis der Tod oft nach einer langen, traurigen Lebenszeit dem Leidenden die Augen schließt.

Die alte Schule, die sich die rationale nennt, wählt in einer so viel Verstand, Nachdenken und Urteilskraft erfordernden, hochwichtigen Tätigkeit wie dem Heil-Geschäft jene verstandlose Lebenskraft zur einzig besten Lehrerin, zur blinden Führerin. Sie ahmt ihre indirekten und revolutionären Veranstaltungen bei Krankheiten ohne Bedenken nach – sie allein als das NON plus ultra [Unübertreffbares], als das ersinnlich Beste. Dabei ist uns doch, um sie zum Wohl der Menschheit an Hilfsleistung unendlich übertreffen zu können, jene größte Gabe Gottes verliehen: nachdenklicher Verstand und ungebundene Überlegungskraft.
Bei der unbedenklichen Nachahmung jener rohen, verstandlosen, automatischen Lebens-Energie greift die bisherige Arzneikunst mit ihren antagonistischen und ableitenden Behandlungs-Methoden – ihren gewöhnlichen Unternehmungen – die unschuldigen Teile und Organe an. Sie affiziert sie entweder mit überwiegendem Schmerz oder nötigt sie, wie meistens, zu Ausleerungen unter Verschwendung der Kräfte und Säfte. Sie will die krankhafte Tätigkeit des Lebens in den ursprünglich leidenden Teilen ab- und auf die künstlich angegriffenen hinlenken und so indirekt, durch Hervorbringung einer weit größeren, andersartigen Krankheit in den gesünderen Teilen, also durch einen kräfteraubenden, meist schmerzhaften Umweg, das Entweichen der natürlichen Krankheit erzwingen2

2

Mit welch traurigem Ergebnis dieses Manöver bei chronischen Krankheiten ausgeführt wird, zeigt die tägliche Erfahrung. Am wenigsten erfolgt Heilung. Man kann es aber auch nicht Besiegung nennen, wenn man, statt den Feind unmittelbar beim Kopf zu ergreifen und ihn, Waffe gegen Waffe gekehrt, zu vertilgen, um so dem feindlichen Einfall auf einmal ein Ende zu machen, nur feig hinter seinem Rücken brandschatzt, ihm alle Zufuhr abschneidet, alles weit um ihn her aufzehrt, versengt und verbrennt. Man wird dem Feind schließlich allen Mut nehmen, zu widerstehen, aber der Zweck ist nicht erreicht, der Feind keineswegs vernichtet. Er ist noch da und wenn er sich wieder Nahrung und Vorrat verschafft hat, hebt er sein Haupt noch erbitterter wieder empor. Der Feind ist keineswegs vernichtet, das arme, unschuldige Land aber so ruiniert, dass es sich in langer Zeit kaum wieder erholen kann. So richtet die Allopathie in chronischen Krankheiten den Organismus durch ihre indirekten Angriffe auf die unschuldigen, vom Krankheits-Sitz entfernten Teile zugrunde, ohne die Krankheit zu heilen. Dies sind ihre unwohltätigen Künste!

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War die Krankheit akut, ihr Verlauf also nur zu kurzer Dauer geartet, entweicht sie auch unter diesen heterogenen Angriffen auf entfernte, dissi-miläre Teile. Sie wird aber nicht geheilt. Nichts an dieser revolutionären Behandlung, die keine gerade, unmittelbare, pathische Richtung auf die ursprünglich leidenden Gebilde hat, verdient den Ehren-Namen Heilung. Ohne diese bedenklichen Angriffe auf das übrige Leben vergeht die akute Krankheit oft für sich schon, sogar noch eher, mit weniger Nachwehen und weniger Aufopferung von Kräften. Mit einer direkten, dynamischen (ho- möopathischen) Behandlung, die die Kräfte erhält und die Krankheit unmittelbar und schnell auslöscht, halten ohnehin beide keinen Vergleich aus, weder die von der rohen Naturkraft ausgehende noch ihre allopathische Kopie.
In den allermeisten Krankheits-Fällen, den chronischen, richten diese stürmischen, schwächenden indirekten Behandlungen der alten Schule fast nie das mindeste Gute aus. Für wenige Tage suspendieren sie diese oder jene lästige Krankheits-Äußerung, die wiederkehrt, wenn sich die Natur an den entfernt gesetzten Reiz gewöhnt hat. Die Krankheit kehrt schlimmer zurück, weil durch die antagonistischen Schmerzen3

3

Die oft angewendeten Geschwüre, die künstlich unterhalten werden, üblen Geruch verbreiten und Fontanellen genannt werden, haben keinen günstigen Erfolg. In den ersten paar Wochen, so lange sie noch viel Schmerz verursachen, scheinen sie zwar antagonistisch ein chronisches Übel etwas zu hemmen. Doch dann, wenn sich der Körper an den Schmerz gewöhnt hat, haben sie nur den Erfolg, den Kranken zu schwächen und so dem chronischen Siechtum weiteren Spielraum zu verschaffen. Im 19. Jahrhundert kann man doch nicht mehr meinen, hierdurch ein Zapfloch für die herauszulassende materia peccans [den sündigenden Stoff] zu erhalten. Fast scheint es so!

und die unzweckmäßigen Ausleerungen die Lebenskräfte zum Sinken gebracht wurden.
Die meisten Ärzte der alten Schule ahmen die Hilfs-Bestrebungen der sich selbst überlassenen, rohen Natur im Allgemeinen nach und führen solche angeblich nützlichen Ableitungen nach Gutdünken (wo eine ihren Gedanken vorschwebende Indikation sie dazu leitet) in ihrer Praxis aus. Andere stecken sich ein noch höheres Ziel und unternehmen es, die in Krankheiten sich zeigenden Anstrengungen der Lebenskraft, sich durch Ausleerungen und antagonistische Metastasen zu helfen, absichtlich zu fördern. Um ihr gleichsam unter die Arme zu greifen, verstärken sie diese Ableitungen und Ausleerungen und glauben bei diesem nachteiligen Verfahren, duce natura [mit der Natur als Führerin] zu handeln und sich mit dem Namen ministri naturae [Diener der Natur] beehren zu können.
Bei langwierigen Krankheiten kündigen sich die Ausleerungen, die von der Natur des Kranken veranstaltet werden, oft als kurze Erleichterungen beschwerlicher Zustände arger Schmerzen, Lähmungen, Krämpfe usw. an. So hält die alte Schule diese Ableitungen für den wahren Weg, die Krankheiten zu heilen, indem sie solche Ausleerungen fördert, unterhält oder sogar vermehrt. Sie sieht nicht ein, dass bei chronischen Krankheiten jene Auswürfe und Ausscheidungen (anscheinende Krisen), die durch die sich selbst überlassene Natur veranstaltet werden, nur palliative, kurze Erleichterungen sind, die wenig zur Heilung beitragen. Im Gegenteil, sie verschlimmern das ursprüngliche, innere Siechtum durch Verschwendung der Kräfte und Säfte. Durch solche Bestrebungen der rohen Natur sieht man nie irgendeinen langwierig Kranken zu dauerhafter Gesundheit genesen, nie durch solche vom Organismus bewerkstelligte4

4

Ebenso wenig durch die künstlich veranstalteten.

Ausleerungen irgendeine chronische Krankheit heilen. In solchen Fällen verschlimmert sich nach immer kürzerer Erleichterung das ursprüngliche Siechtum offensichtlich. Die schlimmen Anfälle kommen öfter und stärker wieder, trotz der fortdauernden Ausleerungen.
Die sich selbst überlassene Natur weiß sich bei den Gefährdungen, die dem Leben von einem inneren chronischen Übel drohen, nur durch Her- vorbringung äußerer Lokalsymptome zu helfen, um die Gefahr von den Teilen, die zum Leben unentbehrlich sind, abzulenken und auf diese Gebilde, die für das Leben entbehrlich sind, hinzuleiten (Metastase). Diese Veranstaltungen der energischen, aber verstandlosen und keiner Überlegung oder Vorsicht fähigen Lebenskraft führen zu keiner wahren Hilfe oder Heilung. Sie sind bloß palliative, kurze Beschwichtigungen für das gefährliche innere Leiden, unter Vergeudung eines großen Teils der Säfte und Kräfte, ohne das Ur-Übel um ein Haar zu verkleinern. Sie können den Untergang, der ohne echte, homöopathische Heilung unausbleiblich ist, höchstens verzögern.
Die Allopathie der alten Schule überschätzt diese Anstrengungen der rohen automatischen Naturkraft nicht nur, sondern missdeutet sie auch. Sie hält sie fälschlicherweise für echt heilsam und versucht sie zu erhöhen und zu fördern, in dem Wahn, dadurch das ganze Übel vernichten und gründlich heilen zu können. Wenn die Lebenskraft bei chronischen Krankheiten dieses oder jenes beschwerliche Symptom des inneren Befindens z.B. durch einen nässenden Haut-Ausschlag zu beschwichtigen scheint, legt der Diener der rohen Naturkraft (minister naturae) [Diener der Natur] auf die entstandene jauchende Fläche ein Kanthariden-Pflaster oder ein Exutorium (Seidelbast). Er tut dies, um duce natura [mit der Natur als Führerin] noch mehr Feuchtigkeit aus der Haut zu ziehen und so den Zweck der Natur, die Heilung (durch Entfernen der KrankheitsMaterie aus dem Körper?) zu fördern und zu unterstützen. Aber entweder vergrößert er – wenn die Einwirkung des Mittels zu heftig, die nässende Flechte schon alt und der Körper zu reizbar sind – nutzlos für das UrÜbel, das äußere Leiden um vieles und erhöht die Schmerzen, die dem Kranken den Schlaf rauben und seine Kräfte herabsetzen (oder auch einen fieberhaften bösartigen Rotlauf [erysipelas] herbeiführen). Oder er vertreibt damit – bei milderer Einwirkung auf das noch neue Lokalübel – durch eine Art übel angebrachten, äußeren Homöopathismus das Lokalsymptom, das von der Natur zur Erleichterung des inneren Leidens auf der Haut bewerkstelligt wird, von der Stelle. Dadurch erneuert er das innere, gefährlichere Übel und verleitet die Lebenskraft durch diese Vertreibung des Lokalsymptoms zur Bereitung eines schlimmeren Metaschematismus auf andere, edlere Teile. Der Kranke bekommt gefährliche Augen-Entzündung, Taubheit, Magen-Krämpfe, epileptische Zuckungen, Erstickungs- oder Schlagfluss-Anfälle oder Geistes- oder Gemüts-Krankheit usw.5

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Dies sind natürliche Folgen der Vertreibung solcher Lokalsymptome - Folgen, die vom allopathischen Arzt oft für ganz andere, neu entstandene Krankheiten ausgegeben werden.

In demselben Wahn, die Lebenskraft in ihren Heil-Bestrebungen zu unterstützen, legt der minister naturae [Diener der Natur], wenn die kranke Naturkraft Blut in die Venen des Mastdarms oder des Afters drängt (blinde Hämorrhoiden), Blutegel an, um dem Blut dort oft in beträchtli- cher Menge Ausgang zu verschaffen. Die Erleichterung ist kurz, oft kaum nennenswert, aber verbunden mit einer Schwächung des Körpers und Veranlassung zu noch stärkeren Kongestionen in diesen Teilen, ohne das UrÜbel im Geringsten zu vermindern.
Fast in allen Fällen, in denen die kranke Lebenskraft zur Beschwichtigung eines inneren, gefährlichen Leidens versucht, durch Erbrechen, Husten usw. etwas Blut auszuleeren, ereifert sich der Arzt alter Schule duce natura [mit der Natur als Führerin], diese vermeintlich heilsamen NaturBestrebungen zu fördern. Er lässt reichlich Blut aus der Ader, mit nachteiligen Folgen und offensichtlicher Schwächung des Körpers.
Bei häufigeren chronischen Übelkeiten erregt er starke Ausleerung aus dem Magen und gibt tüchtig zu Erbrechen, in der Meinung, die Absichten der Natur zu fördern. Nie mit gutem Erfolg, oft mit üblen, nicht selten mit gefährlichen, ja tödlichen Folgen.
Manchmal erregt die Lebenskraft kalte Geschwülste äußerer Drüsen, um das innere Siechtum zu erleichtern. Der angebliche Diener der Natur glaubt, ihre Absichten zu fördern, wenn er diese Geschwülste durch erhitzende Einreibungen und Pflaster in Entzündung setzt, um dann die reife Eiterbeule mit einem Schnitt zu öffnen und die schlechte Krankheits-Materie (?) herauszulassen. Dadurch wird fast ausnahmslos langwieriges Unheil veranlasst, wie die Erfahrung hundertfach lehrt.
Bei langwierigen Krankheiten hat er öfters kleine Erleichterungen großer Übel durch von selbst entstandenen Nacht-Schweiß oder durch dünne Stuhl-Ausleerungen bemerkt. Daher glaubt er sich berufen, diesen NaturWinken (duce natura) [mit der Natur als Führerin] zu folgen und sie durch Veranstaltung und Unterhaltung vollständiger Schwitz-Behandlun-gen oder jahrelang fortgesetzter, so genannter milder Abführungen fördern zu müssen. Er meint, dadurch die zur Heilung des chronischen Leidens führenden Bestrebungen der Natur (der Lebenskraft des verstandlosen Organismus) zu fördern und zu vermehren und so den Kranken umso eher und sicherer von seiner Krankheit (dem Stoff seiner Krankheit?) zu befreien.
Er bewirkt aber das Gegenteil als Ergebnis: Verschlimmerung des ursprünglichen Leidens.
Seiner vorgefassten, grundlosen Meinung zufolge setzt der Arzt alter Schule jene Förderung6

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Mit diesem Verfahren im Widerspruch, erlaubt sich auch die alte Schule oft das Gegenteil davon. Wenn die Bestrebungen der Lebenskraft bei der Beschwichtigung des inneren Siechtums durch Ausleerungen und an den Außenteilen des Körpers veranstaltete Lokal-Symptome beschwerlich werden, unterdrückt sie sie nach Gutdünken durch ihre repercutientia [zurückstoßende Mittel] und repellentia [zurücktreibende Mittel]. Sie vertreibt die chronischen Schmerzen, die Schlaflosigkeit und alten Durchfälle mit waghalsig gesteigerten Gaben Mohnsaft, das Erbrechen mit der brausenden Salz-Mixtur, die stinkenden Fuß-Schweiße mit kalten Fußbädern und adstringierenden Umschlägen, die Haut-Ausschläge mit Blei- und Zink-Präparaten. Sie hemmt die Gebärmutter-Blutungen mit Essig-Einspritzungen, die kolliquativen Schweiße mit Alaun-Molken, die nächtlichen Samen-Ergießungen mit viel Kampfer-Gebrauch, die häufigen Anfälle fliegender Körper- und Gesichts-Hitze mit Salpeter und Gewächs- und Schwefel-Säure, das Nasen-Bluten durch Tamponieren der Nasenlöcher mit Pfropfen, die in Weingeist oder adstringierende Flüssigkeiten getaucht werden. Sie trocknet mit Blei- und Zink-Oxyden die jauchenden Schenkel-Geschwüre aus, die von der Lebenskraft veranstaltet werden, um große innere Leiden zu beschwichtigen usw. Die traurigen Folgen davon zeigen tausend Erfahrungen.

Der Arzt alter Schule brüstet sich, ein rationaler Arzt zu sein und den Grund der Krankheit aufzusuchen, um gründlich zu heilen. Er behandelt aber nur auf ein einzelnes Symptom los und immer zum Schaden des Kranken.

der Triebe der kranken Lebenskraft fort und vermehrt beim Kranken jene Ableitungen und Ausleerungen, die nie zum gedeihlichen Ziel, sondern bloß zum Ruin führen. Die Lokalübel, Ausleerungen und anscheinenden Ableitungs-Bestrebungen, die die sich selbst überlassene, verstandlose Lebenskraft veranstaltet und unterhält, um das ursprüngliche, chronische Leiden zu beschwichtigen, sind aber die Krankheit selbst, die Zeichen der ganzen Krankheit. Gegen diese wäre eine nach
Ähnlichkeits-Wirkung gewählte homöopathische Arznei das einzig hilfreiche Heilmittel, und zwar auf kürzestem Weg.
Was die rohe Natur tut, um sich bei Krankheiten zu helfen, ist bei akuten und noch mehr bei chronischen höchst unvollkommen und selbst Krankheit. Die künstliche Beförderung dieser Unvollkommenheit und Krankheit kann nur noch mehr schaden, zumindest selbst bei akuten Übeln nichts an der Natur-Hilfe verbessern. Die Arzneikunst ist nicht imstande, die verborgenen Wege zu betreten, auf denen die Lebenskraft ihre Krisen veranstaltet. Sie unternimmt nur, es von außen durch angreifende Mittel zu bewirken. Diese sind noch weniger wohltätig als das, was die sich selbst überlassene, instinktartige Lebenskraft auf ihre Weise tut, aber noch störender und rauben noch mehr die Kräfte. Nicht einmal die unvollkommene Erleichterung, die die Natur durch ihre Ableitungen und Krisen bewirkt, kann die Allopathie auf ähnlichem Weg erreichen. Sie bleibt mit ihren Bemühungen tief unter der jämmerlichen Hilfe zurück, die die sich allein überlassene Lebenskraft zu verschaffen vermag.
Mit ritzenden Werkzeugen versucht man, ein dem natürlichen Nasenbluten nachgemachtes hervorzubringen, um die Anfälle z.B. eines chronischen Kopfschmerzes zu erleichtern. Da kann man eine Menge Blut aus den Nasenhöhlen rinnen lassen und den Menschen schwächen, aber die Erleichterung davon ist Null oder doch geringer, als wenn zu anderer Zeit die instinktartige Lebenskraft aus eigenem Trieb wenige Tropfen ausfließen lässt.
Ein so genannter kritischer Schweiß oder Durchfall, den die stets tätige Lebenskraft nach einer schnellen Erkrankung durch Ärger, Schreck, Verheben oder Erkälten veranlasst, wird zumindest vorläufig viel erfolgreicher die akuten Leiden beseitigen als alle Schwitz- oder Abführmittel aus der Apotheke, die nur kränker machen, wie die tägliche Erfahrung lehrt.
Die Lebenskraft kann nur nach der körperlichen Einrichtung unseres Organismus wirken und nicht nach Verstand, Einsicht und Überlegung handeln. Sie ist uns Menschen nicht dazu verliehen, sie als bestmögliche Krankheits-Heilerin anzunehmen, um jene traurigen Abweichungen von Gesundheit in ihr normales Verhältnis zurückzuführen. Noch weniger dazu, ihre unvollkommenen, krankhaften Bestrebungen (sich selbst aus Krankheiten zu retten) sklavisch und mit noch zweckwidrigeren und angreifenderen Veranstaltungen nachzuahmen, als sie selbst vermag. Die Ärzte würden sich dadurch zwar bequem den Aufwand von Verstand, Nachdenken und Überlegung ersparen, der zur Erfindung und Ausführung der edelsten aller menschlichen Künste, der wahren Heilkunst, erforderlich ist. Sie würden aber eine schlechte Kopie jener wenig wohltätigen Selbsthilfe der rohen Naturkraft für Heilkunst, für rationale Heilkunst ausgeben!
Kein verständiger Mensch möchte sie in ihren Rettungs-Bestrebungen nachahmen. Diese Bestrebungen sind ja die Krankheit selbst. Die krankhaft affizierte Lebenskraft erzeugt die sich offenbarende Krankheit! Künstliches Nachmachen und auch das Unterdrücken dieser Bestrebungen muss das Übel vermehren oder durch Unterdrückung gefährlich machen. Beides tut die Allopathie. Das sind ihre schädlichen Handlungen, die sie für Heilkunst, für rationale Heilkunst ausgibt!
Jene dem Menschen angeborene, herrliche Kraft, die dazu bestimmt ist, das Leben auf die vollkommenste Weise während seiner Gesundheit zu führen, ist in allen Teilen des Organismus – in der sensiblen wie in der irritablen Faser – gleichermaßen gegenwärtig und unermüdete Triebfeder aller normalen, natürlichen Körper-Verrichtungen. Sie ist nicht dazu erschaffen, sich in Krankheiten selbst zu helfen oder eine nachahmungswürdige Heilkunst auszuüben.
Wahre Heilkunst ist ein nachdenkliches Geschäft, das dem höheren Menschen-Geist, der freien Überlegung und dem wählenden, nach Gründen entscheidenden Verstand obliegt. Durch sie lässt sich die instinktartige und verstand- und bewusstlose, aber automatisch energische Lebenskraft, wenn sie durch Krankheit zu anormaler Tätigkeit verstimmt worden ist, umstimmen. Von einer homöopathisch ausgewählten Arznei wird eine Affektion erzeugt, die dieser ähnlich ist und die Lebenskraft arzneikrank macht, und zwar in einem etwas höheren Grad. Die natürliche Krankheits-Affektion kann dadurch nicht mehr auf die Lebenskraft wirken. So wird sie von jener befreit und bleibt nur noch mit der ähnlichen, etwas stärkeren Arzneikrankheits-Affektion beschäftigt, gegen die sie ihre ganze Energie richtet und die sie bald überwältigt. Dadurch wird sie frei und fähig, wieder zur Norm der Gesundheit und zu ihrer Bestimmung, der Belebung und Gesund-Erhaltung des Organismus zurückzukehren. Bei dieser Umwandlung erleidet sie keine schmerzhaften oder schwächenden Angriffe. Dies zu bewirken, lehrt die homöopathische Heilkunst.
Bei den angeführten Behandlungs-Methoden der alten Schule entrinnen nicht wenige Kranke ihren Krankheiten. Jedoch nicht den chronischen (unvenerischen). Nur den akuten, ungefährlichen und nur auf beschwerlichen Umwegen, oft so unvollkommen, dass man die Behandlungen nicht durch milde Kunst vollführte Heilungen nennen kann. Die akuten Krankheiten werden von ihr in nicht sehr gefährlichen Fällen mittels Blutentziehungen oder Unterdrückung eines der Hauptsymptome durch ein enanti-opathisches Palliativmittel (contraria contrariis) [Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem] niedergehalten. So lange, bis die natürliche Verlaufs-Zeit des kurzen Übels vorüber ist. Oder sie werden durch Mittel sus- pendiert, die an anderen als den kranken Punkten gegenreizend und ableitend (antagonistisch und revellierend) wirken sollen. Diese Umwege rauben Kräfte und Säfte. Zur vollständigen Beseitigung der Krankheit und Wiederersetzung der verlorenen Kräfte und Säfte bleibt der eigenen Natur des so Behandelten das meiste und Beste zu tun übrig. Die Lebens-Erhal-tungs-Kraft hat neben der Beseitigung des natürlichen, akuten Übels auch die Folgen unzweckmäßiger Behandlung zu besiegen. So kann sie in ungefährlichen Fällen durch ihre eigene Energie, doch oft mühsam, unvollkommen und unter mancherlei Beschwerden, die Funktionen allmählich wieder in ihr normales Verhältnis setzen.
Es bleibt sehr zweifelhaft, ob der Genesungs-Prozess der Natur durch dieses Eingreifen der bisherigen Arzneikunst bei akuten Krankheiten (auch nur etwas) abgekürzt oder erleichtert wird. Denn sie kann auch nur indirekt – wie die Lebenskraft – zu Werke gehen. Ihr ableitendes und antagonistisches Verfahren ist aber noch angreifender und raubt noch mehr Kräfte.
Erregende und stärkende Behandlung der alten Schule

Beispiele: Behandlungen mit Wein, Bitterstoffen, Eisen, Balsam, Elektrizität, Aphrodisiaka und Roborantia.

Kritik: Es wird letztlich eine Schwächung des Organismus bewirkt.

Die alte Schule hat noch ein Behandlungs-Verfahren, die so genannte erregende und stärkende Behandlungs-Methode1

1

Sie ist eigentlich enantiopathisch, und ich werde ihrer noch im Text des Organons ( 59) gedenken.

(durch excitantia, nervina, tonica, confortantia, roborantia) [erregende, Nerven-, die Spannung erhöhende, Bequemlichkeit verschaffende, stärkende Mittel]. Man wundert sich, wie sie sich ihrer rühmen kann.
Nie kann sie die häufige Schwäche des Körpers, die von einem chronischen Siechtum erzeugt, unterhalten oder vermehrt wird, durch Verord- nung ätherischen Rheinweins oder feurigen Tokayers beheben, wie sie es unzählige Male versuchte. Die Kräfte sinken dabei (weil die Erzeugerin der Schwäche, die chronische Krankheit von ihr nicht geheilt werden kann) allmählich umso tiefer, je mehr Wein dem Kranken aufgeredet wird. Künstlichen Aufregungen setzt die Lebenskraft Erschlaffung in der Nachwirkung entgegen.
Auch die Chinarinde und ihre missverstandenen, vieldeutigen und andersartig schädlichen Amara [Bitterstoffe] geben in diesen häufigen Fällen keine Kräfte. Diese Gewächs-Substanzen, die unter allen Verhältnissen für tonisch und stärkend ausgegeben werden, setzen samt den Eisenmitteln oft neue Leiden aus ihren eigentümlichen, krank machenden Wirkungen zu den alten hinzu, ohne die Schwäche beseitigen zu können, die auf unge-kannter, alter Krankheit beruht.
Die anfangende Lähmung eines Armes oder Beines, die oft aus einem chronischen Siechtum entsteht, kann man durch die so genannten ungu-enta nervina [Nervensalben] oder die anderen geistigen, balsamischen Einreibungen – ohne Heilung des Siechtums – niemals auf Dauer (nur um etwas) mindern. In diesen Fällen haben auch elektrische oder voltasche Schläge in solchen Gliedern nur immer weiter zunehmende, ja vollkommene Lähmung und Abtötung aller Muskel-Erregbarkeit und NervenReizbarkeit zur Folge.2

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Die Schwerhörigen bessern sich von der voltaschen Säule des jeverschen Apothekers bei mäßigen Schlägen nur für einige Stunden. Schon bald tun sie nichts mehr. Er muss, um Gleiches zu bewirken, mit den Schlägen steigen, bis auch diese nichts mehr helfen. Dann reizen die stärksten anfangs das Gehör des Kranken noch für kurze Zeit, lassen ihn aber schließlich stocktaub zurück.

Die gerühmten excitantia [erregende Mittel] und aphrodisiaca [die Lust anregende Mittel], die Ambra, der Meer-Stinz, die Kanthariden-Tink-tur, die Trüffel, Kardemomen, Zimt und Vanille bringen das allmählich geschwächte Begattungs-Vermögen (wobei jederzeit ein unbeachtetes chronisches Miasma zu Grunde liegt) stets zur völligen Impotenz herunter.
Einer Aufregung und Bekräftigung für einige Stunden kann man sich nicht rühmen, wenn der danach verbleibende Erfolg – nach den Gesetzen der Natur aller Palliative – das dauernde Gegenteil, die Unheilbarmachung des Übels bewirkt.
Das wenige Gute, das die excitantia [erregende Mittel] und robo-rantia [stärkende Mittel] bei der Erholung aus akuten Krankheiten (die auf alte Art behandelt werden) hervorbringen, wird tausendfach von ihrem Nachteil in chronischen Übeln überwogen.
Alterierende Behandlung der alten Schule

Beispiele: Behandlungen mit Quecksilber, Chinarinde, Baldrian und Digitalis.

Kritik: Damit verdirbt man die Krankheit, erreicht aber keine Heilung.

Wo die alte Medizin nicht weiß, was sie mit einer langwierigen Krankheit anfangen soll, da behandelt sie blindlings mit ihren so genannten verändernden Mitteln (alterantia) [verändernde Mittel] darauf los. Die Mer-curialia [Quecksilber-Mittel] (Kalomel, Ätzsublimat und QuecksilberSalbe) sind ihr fürchterliches Hauptmittel, das sie (bei unvenerischen Krankheiten!) schädlicherweise oft in so großem Maß und so lange auf den kranken Körper einwirken lässt, bis die ganze Gesundheit untergraben ist. Sie erzeugt so zwar große Veränderungen, aber solche, die nicht gut sind. Stets verdirbt sie völlig die Gesundheit mit diesem Metall, das äußerst verderblich ist, wenn es am unrechten Ort gegeben wird.
Die Chinarinde ist als homöopathisches Fieber-Mittel bloß für wahre Sumpf-Wechselfieber spezifisch, wenn Psora kein Hindernis ist. Wenn die alte Medizinschule allen epidemischen Wechselfiebern, die sich oft über große Länder verbreiten, Chinarinde in großen Gaben entgegensetzt, so zeigt sie ihre Unbesonnenheit handgreiflich. Denn sie kommen in einem fast alljährlich verschiedenen Charakter vor und verlangen fast immer eine andere homöopathische Arznei als Hilfe, von der sie durch eine oder einige wenige sehr kleine Gaben in einigen Tagen gründlich geheilt werden. Diese epidemischen Fieber haben auch periodische Anfälle (typus) [Form]. Die alte Schule sieht aber in allen Wechselfiebern nur deren typus. Sie kennt kein anderes Fieber-Heilmittel als Chinarinde und will kein anderes kennen lernen. Die alte Schlendrians-Schule glaubt, wenn sie den typus der epidemischen Wechselfieber mit gehäuften Gaben Chinarinde und ihres teueren Auszugs (Chinin) unterdrücken kann (was die unverständige, hier aber doch gescheitere Lebenskraft oft monatelang zu verhindern strebt), diese epidemischen Wechselfieber geheilt zu haben. Der betrogene Kranke wird stets elender nach solcher Unterdrückung der Anfallzeit (typus) seines Fiebers, als er im Fieber selbst war: erdfahl im Gesicht, engbrüstig, in den Hypochondrien wie zusammengeschnürt, mit geschädigten Eingeweiden, ohne gesunden Appetit, ohne ruhigen Schlaf, matt und mutlos, oft mit praller Schwellung der Beine, des Bauchs, oder auch des Gesichts und der Hände. So schleicht er, als geheilt entlassen, aus dem Krankenhaus. Nicht selten gehören Jahre mühsamer homöopathischer Behandlung dazu, um einen solchen in der Wurzel verdorbenen (geheilten?) künstlich ka-chektischen Kranken vor dem Tod zu retten, geschweige denn zu heilen und gesund zu machen.
Die alte Schule freut sich, die träge Unbesinnlichkeit in Nervenfiebern durch den hier antipathischen Baldrian für Stunden zu einer Art Munterkeit umwandeln zu können. Dies hält aber nicht vor, und so muss sie eine kurze Belebung durch immer größere Gaben Baldrian erzwingen. Bald kommt es dazu, dass auch die größten Gaben nicht mehr beleben. In der Nachwirkung dieses Palliativs, das hier nur in der Erstwirkung aufreizt, erlahmt die Lebenskraft. Ein solcher Kranker kann seiner baldigen Tötung durch dieses rationale Behandlungs-Verfahren der alten Schule gewiss sein. Keiner kann entrinnen. Wie gewiss sie damit tötet, sieht diese Schlendrians-Kunst nicht ein. Sie schiebt den Tod auf die Bösartigkeit der Krankheit.
Ein für chronisch Kranke fast noch schrecklicheres Palliativ ist die digitalis purpurea [Purpur-Fingerhut], auf die sich die bisherige Arzneischule so Herrliches zugute hält, wenn sie den zu schnellen, gereizten Puls bei chronischen Krankheiten damit (echt symptomatisch!) langsamer zwingen will. Dieses ungeheure, hier enantiopathisch angewendete Mittel verlangsamt den schnellen, gereizten Puls auffallend und vermindert die Arterien-Schläge um vieles nach der ersten Gabefür etliche Stunden. Aber er wird bald wieder schneller. Die Gabe wird erhöht, um ihn nur wieder etwas langsamer zu machen. Und er wird es, für noch kürzere Zeit, bis auch diese und noch viel höhere Palliations-Gaben dies nicht mehr bewirken und der Puls in der schließlich nicht mehr abzuhaltenden Nachwirkung des Fingerhuts noch schneller wird, als er vor dem Gebrauch dieses Krauts war. Er wird unzählbar, unter Verschwinden des Schlafs, des Appetits und der Kräfte. Eine sichere Leiche – abgeschlachtet. Keiner von diesen entrinnt dem Tod, wenn er nicht in unheilbaren Wahnsinn gerät1

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Dennoch rühmt der Vorstand dieser alten Schule, Hufeland (s. Homöopathie. S. 22), die digitalis zu diesem Zweck und hält sich viel darauf zugute, wenn er sagt: Niemand wird leugne. (nur die Erfahrung tut es!) dass zu heftige Zirkulation durch digitalis aufgehoben (?) werden kann. Dauerhaft? Aufgehoben? Durch ein heroisches enantiopathisches Mittel? Armer Hufeland!

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Unzulänglichkeiten der alten Schule

Unkenntnis der wahren Krankheits-Ursache, stattdessen Behandlung des vermeintlichen Charakters von Krankheiten nach allgemeinen, hypothetischen Indikationen.

So behandelt der Allopath. Die Kranken mussten sich in diese traurige Notwendigkeit fügen, weil sie keine bessere Hilfe bei den übrigen Allopathen fanden, die aus denselben trugvollen Büchern belehrt worden sind.
Die Grund-Ursache und die Heilmittel der chronischen (nicht venerischen) Krankheiten bleiben diesen Praktikern, die sich mit Kausal-Be-handlungen und bei ihrer Diagnose mit der Erforschung1

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Die Hufeland in seinem Pamphlet: Die Homöopathie (S. 20.) seiner alten Unkunst vergeblich zuspricht. Wie bekannt, wusste vor dem Erscheinen meines Buchs (die chronischen Krankheiten) die zweieinhalbtausendjährige Allopathie nichts von der Quelle der meisten chronischen Krankheiten (der Psora). Musste sie da nicht den langwierigen Übeln eine andere, falsche Quelle (genesis [Entstehung]) andichten?

der Genesis [Entstehung] vergeblich brüsten, unbekannt. Die ungeheure Zahl langwieriger Krankheiten können sie mit ihren indirekten Behandlungen nicht beheben. Diese sind nur verderbliche Nachahmungen der Selbsthilfe der verstandlosen Lebenskraft, die nicht zum Vorbild im Heilen bestimmt ist.
Den vermeintlichen Charakter des Übels halten sie für die KrankheitsUrsache. Ihre angeblichen Kausal-Behandlungen richten sie daher gegen Krampf, Entzündung (Plethora), Fieber, allgemeine und partielle Schwäche, Schleim, Fäulnis, Infarkte usw. Diese glauben sie durch ihre (ihnen nur oberflächlich bekannten) krampfstillenden, antiphlogistischen, stärkenden, erregenden, antiseptischen, auflösenden, zerteilenden, ableitenden, ausleerenden, antagonistischen Mittel wegzuräumen.
Nach so allgemeinen Indikationen lassen sich aber keine hilfreichen Arzneien finden, am allerwenigsten in der Materia medica [Arzneimittellehre] der bisherigen alten Schule, die, wie ich anderswo2

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Vor dem 3. Teil der Reinen Arzneimittellehre: Quellen der bisherigen Materia Me-dica.

zeigte, meist nur auf Vermutung und auf falschen Schlüssen ab usu in morbis [beim Gebrauch in Krankheiten] beruhte, mit Lug und Trug vermischt.
Und ebenso gewagt gehen sie gegen die noch hypothetischeren so genannten Indikationen zu Felde: gegen Mangel oder Übermaß an Sauer-, Stick-, Kohlen- oder Wasserstoff in den Säften, gegen Steigerung oder Minderung der Irritabilität, Sensibilität, Reproduktion, Arterialität, Veno-sität, Kapillarität, Asthenie usw. – ohne Hilfsmittel zur Erreichung so phantastischer Zwecke zu kennen. Es ist Ostentation. Es sind Behandlungen – nicht zum Wohl der Kranken.
Arzneigemische der alten Schule

Rezepte bestehen theoretisch aus Basis, Adjuvans, Corrigens usw., die Gesamtwirkung ist jedoch unvorhersehbar.

Aller Anschein von zweckmäßiger Behandlung der Krankheiten verschwindet völlig durch die seit den ältesten Zeiten eingeführte und sogar zum Gesetz gemachte Vermischung der Arznei-Substanzen, die in ihrer wahren Wirkung fast ausnahmslos ungekannt und ausnahmslos voneinander abweichend sind, zum Rezept. Darin setzt man als erstes eine (nach dem Umfang ihrer Arznei-Wirkungen nicht gekannte) Arznei als Hauptmittel (basis) [Grundlagen-Mittel] an, die den vom Arzt angenommenen Haupt-Charakter der Krankheit besiegen soll. Dann fügt man noch dieses oder jenes (nach dem Umfang seiner arzneilichen Wirkungen ebenfalls nicht gekannte) Mittel zur Beseitigung dieser oder jener NebenIndikation oder als Verstärkungs-Mittel (adjuvantia) [UnterstützungsMittel] hinzu. Wohl auch noch ein angebliches (nach dem Umfang seiner Arzneikräfte ebenfalls nicht gekanntes) Verbesserungs-Mittel (corri-gens) [Berichtigungs-Mittel]. Das alles lässt man (kochen, ausziehen) mischen – oder auch mit einem wieder anders arzneilichen Sirup oder mit destilliertem arzneilichen Wasser in die Form bringen. Nun meint man, jeder dieser Mischungs-Teile (Ingredienzen) wird die Verrichtungen im kranken Körper ausführen, die ihm in den Gedanken des Verschreibers zugeteilt sind, ohne sich von den übrigen dazu gemischten Dingen stören oder irre machen zu lassen. Verständlicherweise ist das nicht zu erwarten. Eines hebt das andere in seiner Wirkung ganz oder zum Teil auf oder gibt ihm und den übrigen eine andere, nicht geahnte, nicht zu vermutende Tätigkeits-Beschaffenheit und Wirkungs-Richtung, so dass die erwartete Wirkung unmöglich erreicht werden kann. Es erfolgt, was man von dem unerklärlichen Rätsel von Mischung weder erwartet hat noch erwarten kann, oft eine im Tumult der KrankheitsSymptome nicht bemerkbare neue Krankheits-Verstimmung, die bei langem Fortgebrauch des Rezepts bleibend wird. Eine hinzugesetzte Kunst-Krankheit also, die sich mit der ursprünglichen kompliziert, eine Verschlimmerung der ursprünglichen Krankheit. Wenn das Rezept nicht oft wiederholt, sondern von einem oder mehreren neu verschriebenen – aus anderen Ingredienzen – bald verdrängt wird, entsteht zumindest ein vermehrtes Sinken der Kräfte. Die in solchem Sinn verordneten Substanzen haben wenig oder keinen direkten pathischen Bezug auf das ursprüngliche Leiden und sollen auch keinen haben. Sie greifen nur die von der Krankheit am wenigsten befallenen Punkte an, in nutzloser und schädlicher Weise.
Bei Gemischen von mehreren Arzneien kennt der Rezeptschreiber oft nicht den tausendsten Teil der Wirkungen jeder einzelnen auf den menschlichen Körper, die ihrerseits ohnehin nicht genau bekannt sind. Von den zahlreichen Ingredienzen sind manche schon selbst vielfach komponiert. Ihre einzelne genaue Wirkung ist so gut wie nicht bekannt, im Grunde aber immer sehr verschieden von der der übrigen. All das lässt man zusammen in eine Formel mischen. Dieses unbegreifliche Gemisch soll vom Kranken in großen Gaben, oft wiederholt, eingenommen werden. Man will damit eine beabsichtigte, gewisse Heilwirkung bei ihm erzielen. Diese Unverständigkeit empört jeden nachdenkenden Unbe-fangenen1

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Die Widersinnigkeit der Arzneigemische sehen selbst Männer aus der gewöhnlichen Arzneischule ein, obwohl sie in der Praxis gegen ihre Einsicht selbst diesem Schlendrian folgten. So drückt Marcus Herz (in Hufelands Journal der praktischen Arzneikunde. II. S. 33) seine Gewissensregung durch folgende Worte aus: Wollen wir den Entzündungszustand beheben, so bedienen wir uns weder des Salpeters noch des Salmiaks noch der Pflanzensäure allein, sondern wir mischen gewöhnlich mehrere, oft zu viele, so genannte antiphlogistische Mittel zusammen oder lassen sie zur gleichen Zeit nebeneinander gebrauchen. Haben wir der Fäulnis Widerstand zu leisten, so genügt es uns nicht, von einer der bekannten antiseptischen Arzneien, von der Chinarinde, den Mineralsäuren, dem Wohlverleih, der Schlangenwurz usw. allein, in großer Menge gegeben, unseren Endzweck zu erwarten. Wir setzen lieber mehrere zusammen und rechnen auf das Gemeinschaftliche ihrer Wirkung oder werfen sogar mannigfaltige Dinge durcheinander, aus Unwissenheit, wessen Tätigkeit in dem vorhandenen Fall die angemessenste ist, und überlassen es gleichsam dem Zufall, eines von ihnen die beabsichtigte Veränderung hervorbringen zu lassen. So erregen wir Schweiß, verbessern Blut (?), lösen Stockungen (?), befördern Auswurf und entleeren sogar die ersten Wege selten durch einzelne Mittel. Immer sind unsere Vorschriften zu diesem Endzweck zusammengesetzt, fast nie einfach und rein, folglich auch nicht die Erfahrungen hinsichtlich der Wirkungen ihrer einzelnen, ent haltenen Stoffe. Zwar stiften wir unter den Mitteln in unseren Formeln nach schulgerechter Weise eine Art von Rangordnung und nennen dasjenige, dem wir eigentlich die Wirkung auftragen, die Grundlage (basis) [Grundlagen-Mittel] und die übrigen die Helfer, Unterstützer (adjuvantia) [Unterstützungs-Mittel], Verbesserer (corrigentia) [Berichtigungs-Mittel] usw. Doch offenbar liegt bei dieser Charakterisierung größtenteils bloße Willkür zugrunde. Die Helfer und Unterstützer haben ebenso viel Anteil an der ganzen Wirkung wie das Hauptmittel, auch wenn wir aus Mangel eines Maßstabs seinen Grad nicht bestimmen können. Ebenso kann der Einfluss der Verbesserer auf die Kräfte der übrigen Mittel nicht ganz gleichgültig sein. Sie müssen sie erhöhen, herunterstimmen oder ihnen eine andere Richtung geben. Wir müssen daher die heilsame (?) Veränderung, die wir durch eine solche Formel bewirken, immer als das Resultat ihres ganzen, zusammengesetzten Inhalts ansehen und können daraus nie eine reine Erfahrung von der alleinigen Wirksamkeit eines einzigen Stücks desselben gewinnen. Unsere Einsicht in das, worauf bei allen unseren Mitteln das Wesentliche ihrer Kenntnis beruht, sowie die Kenntnis der vielleicht noch hundertfältigen Verwandtschaften, in die sie bei ihrer Vermischung untereinander treten, sind doch sehr gebrechlich. Wir können daher nicht mit Ge-wissheit angeben, wie groß und mannigfaltig die Tätigkeit eines an sich noch so unbedeutend scheinenden Stoffs sein kann, wenn er, verbunden mit anderen Stoffen, in den menschlichen Körper gebracht wird.

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Das Ergebnis widerspricht jeder bestimmten Erwartung. Es entstehen Veränderungen und Erfolge, aber keine zweckmäßigen, guten, sondern schädliche, verderbliche!
Solch ein blindes Hineinarbeiten in den kranken menschlichen Körper kann niemand Heilung nennen wollen!
Von der Allopathie zur Homöopathie

Das Gegenteil der palliativen Unheilkuns. (Contraria contrariis) ist die homöopathische Heilkunst (Similia similibus).

Heilung lässt sich nur von dem beim Kranken noch übrigen Vorrat an Lebensprinzip erwarten, wenn es durch die angemessene Arznei zur richtigen Tätigkeit gestimmt wird. Nicht aber von einer Ausmergelung des Körpers, die kunstgemäß bis zum Verscheiden getrieben wird. Die alte Schule weiß nichts anderes mit langwierig Kranken anzufangen, als auf die Leidenden mit marternden Mitteln, die Kräfte und Säfte verschwenden und Leben verkürzen, einzuarbeiten! Sie kann nicht retten, während sie zugrunde richtet. Sie kann nur den Namen Unheilkunst verdienen. Sie handelt, lege artis [nach der Regel der Kunst], möglichst zweckwidrig und sie tut (es könnte fast scheinen absichtlich) o [anderes], das heißt das Gegenteil von dem, was sie tun sollte. Man kann sie weder rühmen noch weiter dulden.
In letzter Zeit hat sich die Allopathie völlig an Grausamkeit gegenüber den kranken Mitmenschen und an Zweckwidrigkeit in ihren Handlungen überboten. Jeder unparteiische Beobachter muss das zugeben, und selbst Ärzte ihrer eigenen Schule müssen es, beim Erwachen ihres Gewissens (wie Krüger-Hansen), der Welt gestehen.
Es war hohe Zeit, dass der weise und gütige Schöpfer und Erhalter der Menschen diesen Gräueln Einhalt tat, diesen Torturen Stillstand gebot und eine Heilkunst an den Tag brachte, die das Gegenteil von all dem ist.
  • Diese braucht nicht die Lebenssäfte und Kräfte durch Brechmittel, jahrelanges Darmausfegen, warme Bäder, Schwitzmittel oder Speichelfluss zu vergeuden.

  • Sie braucht das Lebensblut nicht zu vergießen und braucht auch nicht durch Schmerzmittel zu peinigen und zu schwächen.

  • Sie braucht den Kranken nicht durch langwieriges Aufdrängen falscher, ihrer Wirkung nach ungekannter Arzneien von angreifender Art neue chronische Arzneikrankheiten bis zur Unheilbarkeit anzuhängen, statt die an Krankheiten Leidenden zu heilen.

  • Sie braucht nicht nach dem alten, beliebten Wahlspruch contraria contrariis curentur [Behandle Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem] durch heftige Palliative die Pferde hinter den Wagen zu spannen.

  • Kurz, sie braucht die Kranken nicht wie der unbarmherzige Schlendrian statt zur Hilfe, den Weg zum Tod zu führen.

Im Gegenteil, sie schont die Kräfte der Kranken so weit wie möglich und bringt sie auf eine milde Weise unbeschwert, bald und dauerhaft zur Heilung und Gesundheit. Sie erreicht das durch wenige, wohl erwogene und nach ihren ausgeprüften Wirkungen gewählte, einfache Arzneien in den feinsten Gaben - nach dem einzig naturgemäßen Heilgesetz similia simili-bus curentur [Behandle Ähnliches mit Ähnlichem]. Es war hohe Zeit, dass er die Homöopathie finden ließ.
Durch Beobachtung, Nachdenken und Erfahrung fand ich, dass im Gegensatz zur alten Allopathie die wahre, richtige, beste Heilung in dem Satz zu finden ist: Wähle, um sanft, schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfall eine Arznei, die ein ähnliches Leiden () [ähnliches Leiden] für sich erregen kann, als sie heilen soll!
Spuren der Homöopathie bei früheren Heilungen und bei Hausmitteln

Heilungen geschahen zu allen Zeiten (unbewusst) homöopathisch. Beispiele: Syphilis durch Quecksilber, Quetschungen durch Arnika, Wechselfieber durch Chinarinde, Krätze durch Schwefel, Fieber durch Holderblüten, entzündete Geschwulste durch warmen Brei, Augenentzündungen durch rotes Quecksilberoxid, Harndrang durch Petersilie, Halsentzündung durch Pimpinelle, Menorrhagien durch Sadebaum, Ileus durch Mohnsaft, Rachen-Geschwüre durch Quecksilber, Durchfall durch Rhabarber, Tollwut durch Belladonna, Koma durch Mohnsaft, Erfrierungen durch Schnee, Verbrühungen durch Annäherung ans Feuer, Verbrennungen durch erwärmten Weingeist oder Terpentinöl und Sonnenstich durch Branntwein.

Diesen homöopathischen Heilweg lehrte bisher niemand, niemand führte ihn aus. Da die Wahrheit einzig in diesem Verfahren liegt, so lässt sich erwarten, dass, auch wenn sie Jahrtausende hindurch nicht anerkannt worden ist, sich dennoch tätliche Spuren von ihr in allen Zeitaltern auffinden
lassen.1

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Wahrheit ist ewigen Ursprungs – wie die allweise, gütige Gottheit. Menschen können sie lange unbeachtet lassen, bis der Zeitpunkt kommt, wo ihr Strahl nach dem Beschluss der Vorsehung den Nebel der Vorurteile unaufhaltbar durchbrechen soll, als Morgenröte und anbrechender Tag, um dann dem Menschengeschlecht zu seinem Wohl hell und unauslöschlich zu leuchten.

Und so ist es. In allen Zeitaltern sind die Kranken, die wirklich, schnell, dauerhaft und sichtbar durch Arznei geheilt wurden, nur (obgleich ohne Wissen des Arztes) durch ein (homöopathisches) Arzneimittel geheilt worden, das für sich die Kraft hat, einen ähnlichen Krankheits-Zu-stand hervorzubringen. Es sei denn, sie genasen bei allopathischen und antagonistischen Behandlungen durch ein anderes wohltätiges Ereignis, durch den Selbstverlauf der akuten Krankheit oder mit der Zeit durch allmähliches Übergewicht der Körperkräfte. Das direkt Geheiltwerden weicht sehr vom Genesen auf indirektem Weg ab.
Selbst bei den wirklichen Heilungen mit vielerlei zusammengesetzten Arzneien (die äußerst selten sind) findet man, dass das vorherrschende Mittel stets von homöopathischer Art war.
Noch auffallend überzeugender findet man dies, wo Ärzte gegen die Observanz – die bisher bloß Arzneimischungen in Form von Rezepten zuließ – zuweilen mit einem einfachen Arzneistoff die Heilung schnell zustande brachten. Da sieht man erstaunlicherweise, dass es stets durch eine Arznei geschah, die geeignet ist, ein ähnliches Leiden, wie es der Krankheitsfall enthielt, selbst zu erzeugen. Diese Ärzte wussten selbst nicht, was sie da taten, es geschah gleichsam in einem Anfall von Vergessenheit der gegenteiligen Lehren ihrer Schule. Sie verordneten eine Arznei, von der sie nach der hergebrachten Therapie gerade das Gegenteil hätten gebrauchen sollen, und nur so wurden die Kranken schnell geheilt.2

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Beispiele hiervon stehen in den vorigen Ausgaben des Organons der Heilkunst.

In manchen Fällen hatte den gewöhnlichen Ärzten (nicht ihre ErfindungsKunst, sondern) die Empirie des einfachen Mannes für eine sich gleichbleibende Krankheit das spezifische Mittel in die Hände gegeben, womit sie direkt heilen konnten. So z.B. die venerische Schanker-Krankheit mit Quecksilber, die Quetschungs-Krankheit mit Arnika, die Sumpf-Wechselfieber mit Chinarinde, die frisch entstandene Krätze mit Schwefelpulver usw. Wenn man diese Fälle wegrechnet, sind alle übrigen Behandlungen der Ärzte alter Schule in langwierigen Krankheiten fast ausnahmslos Schwächungen, Quälereien und Peinigungen der ohnehin schon leidenden Kranken zu ihrer Verschlimmerung und zu ihrem Verderben, mit vornehmer Miene und Familien ruinierendem Aufwand.
Manchmal führte sie eine blinde Erfahrung auf homöopathische Krankheits-Behandlung3

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Sie glauben die Ausdünstungs-Materie, die nach Erkältung angeblich in der Haut stockt, durch die Haut fortzutreiben, wenn sie im Frost des Erkältungs-Fiebers Hol-derblüten-Aufguss trinken lassen. Dieser kann durch eigentümliche Wirkungs-Ähnlichkeit (homöopathisch) ein solches Fieber beheben und den Kranken wiederherstellen, am schnellsten und besten ohne Schweiß, wenn er von diesem Trank wenig und sonst nichts weiter zu sich nimmt.

Die harten, akuten Geschwulste, deren überheftige Entzündung unter unerträglichen Schmerzen ihren Übergang zur Eiterung behindert, belegen sie mit oft erneuertem, sehr warmen Brei. Die Entzündung und die Schmerzen mindern sich schnell unter baldiger Bildung des Abszesses, wie sie an der gelblichen, glänzenden Erhabenheit und deren fühlbarer Weiche erkennen. Da meinen sie, sie hätten die Härte durch die Nässe des Breies erweicht. Sie haben aber hauptsächlich durch die stärkere Wärme des Brei-Umschlags das Übermaß der Entzündung homöopathisch gestillt und die baldigste Bildung der Eiterung möglich gemacht. Sie wenden das rote Quecksilber-Oxyd, das die Augen entzünden kann, in der St. Yves-Salbe mit Vorteil bei manchen Augen-Entzündungen an. Hier verfahren sie homöopathisch.

Bei dem (nicht selten) vergeblichen, ängstlichen Drängen auf den Urin bei kleinen Kindern und beim gewöhnlichen Tripper, der vor allem durch sehr schmerzhaften, häufigen und fast vergeblichen Harndrang erkennbar ist, hilft offenkundig ein wenig Saft von Petersilie. Dieser frische Saft bewirkt bei Gesunden ein schmerzhaftes, fast vergebliches Nötigen zum Urinieren, hilft also homöopathisch. Mit der Pimpinell-Wurzel, die viel Schleim-Absonderung in den Bronchien und dem Rachen erregt, bestreiten sie glücklich die so genannte Schleim-Bräune. Außerdem stillen sie einige Gebärmutter-Blutungen mit etwas von den Blättern des Sade-baums, der für sich Gebärmutter-Blutsturz hervorbringt, ohne das homöopathische Heil-Gesetz zu erkennen.

Bei der Verstopfung von eingeklemmten Brüchen und im Ileus befinden mehrere Ärzte den die Darm-Ausleerung zurückhaltenden Mohnsaft in kleiner Gabe als eines der vorzüglichsten und sichersten Hilfsmittel. Sie ahnen dennoch das hier waltende homöopathische Heil-Gesetz nicht.

Sie heilen unvenerische Rachen-Geschwüre durch kleine Gaben des hier homöopathischen Quecksilbers, stillen mehrere Durchfälle durch kleine Gaben des Darm ausleerenden Rhabarbers und heilen die Tollwut mit der ein ähnliches Übel hervorbringenden Belladonna. Sie entfernen den komatösen Zustand, der bei hitzigen Fiebern nahe Gefahr androht, mit einer kleinen Gabe des erhitzend betäubenden Mohnsafts wie durch einen Zauberschlag. Dennoch schimpfen sie auf die Homöopathie und verfolgen sie.

, und dennoch erkannten sie nicht das Naturgesetz, nach dem diese Heilungen erfolgten und erfolgen mussten.
Es ist sehr wichtig für das Wohl der Menschheit, zu untersuchen, wie diese äußerst seltenen und ausgezeichnet heilbringenden Behandlungen zugingen. Der Aufschluss, den wir darin finden, ist von höchster Bedeutung. Sie erfolgten nie und auf keine Art anders als durch Arzneien von homöopathischer Kraft, die eine Krankheit erregte, die dem zu heilendem Krankheitszustand ähnlich war. Sie erfolgten schnell und dauerhaft durch Arzneien, die ihre ärztlichen Verordner – selbst im Widerspruch zu den Lehren aller bisherigen Systeme und Therapien – wie durch Zufall ergriffen (oft ohne selbst recht zu wissen, was sie taten und warum sie es taten). Widerwillig mussten sie so die Notwendigkeit des einzig naturgemäßen Heilgesetzes, der Homöopathie, durch diese Taten bestätigen. Kein ärztliches Zeitalter bemühte sich bisher, von medizinischen Vorurteilen geblendet, dieses Heilgesetz aufzufinden, so viele Tatsachen und so unzählige Winke sie auch dazu hinleiteten.
Die Hausmittel-Praxis der mit gesundem Beobachtungssinn begabten, unärztlichen Klasse von Menschen hatte diese Heilart vielfach als die sicherste, gründlichste und untrüglichste in der Erfahrung befunden.
Auf frisch erfrorene Glieder legt man gefrorenes Sauerkraut oder reibt sie mit Schnee4

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Auf diese Beispiele aus der Hausmittel-Praxis baut Herr M. Lux seine so genannte Heilart durch Gleiches und Idem [dasselbe], von ihm Isopathie genannt. Diese haben einige exzentrische Köpfe als das non plus ultra [Unübertreffbares] von Heilmethode angenommen, ohne zu wissen, wie sie es realisieren könnten.

Beurteilt man diese Beispiele genau, so verhält sich die Sache anders.

Die rein physischen Kräfte sind in ihrer Einwirkung auf den lebenden Organismus von anderer Natur als die dynamisch arzneilichen.

Wärme oder Kälte der uns umgebenden Luft, des Wassers oder der Speisen und Getränke bedingen (als Wärme oder Kälte) an sich keine absolute Schädlichkeit für einen gesunden Körper. Wärme und Kälte gehören in ihren Abwechslungen zur Erhaltung des gesunden Lebens, folglich sind sie nicht Arznei an sich. Wärme und Kälte agieren als Heilmittel bei Körper-Beschwerden nicht durch ihr Wesen (also nicht als Wärme und Kälte an sich, nicht als an sich schädliche Dinge wie die Arzneien Rhabarber, Chinarinde usw., selbst in den feinsten Gaben), sondern bloß aufgrund ihrer größeren oder geringeren Menge, das heißt durch ihre TemperaturGrade. Nehmen wir ein anderes Beispiel rein physischer Kräfte. Ein großes Bleigewicht quetscht meine Hand schmerzhaft nicht aufgrund seines Wesens als Blei (eine dünne Platte Blei würde mich nicht quetschen), sondern wegen seiner Menge und Schwere in einem Klumpen.

Sind Kälte oder Wärme bei Körper-Beschwerden wie Erfrieren oder Verbrennen hilfreich, so sind sie es bloß wegen ihres Temperatur-Grades. Ebenso fügen sie bloß wegen der Extreme ihres Temperatur-Grades dem gesunden Körper Nachteil zu.

In diesen Beispielen von Hilfe in der Hausmittel-Praxis finden wir, dass nicht der anhaltend angebrachte Frost-Grad, in dem das Glied erfror, dieses isopathisch wiederherstellt (es würde davon leblos und getötet werden), sondern eine Kälte, die ihm nur nahe kommt (Homöopathie) und sich allmählich zur behaglichen Temperatur herabstimmt. Gefrorenes Sauerkraut, das bei Zimmertemperatur auf die erfrorene Hand aufgelegt wird, zerschmilzt bald und erwärmt sich allmählich vom Grad 1 zu 2 und so bis zur Zimmertemperatur, sei sie auch nur 10o, und stellt so das Glied physisch homöopathisch wieder her. Eine mit siedendem Wasser verbrannte Hand wird nicht mit Isopathie durch Auflegen siedenden Wassers wiederhergestellt, sondern nur durch eine etwas geringere Hitze. Hält man sie z.B. in einen Topf mit einer Flüssigkeit, die bis 60o erhitzt ist, mit jeder Minute etwas weniger heiß wird und schließlich die Temperatur des Zimmers annimmt, ist der verbrannte Teil durch Homöopathie wiederhergestellt. Aus Kartoffeln und Äpfeln zieht nicht Wasser, das noch im Gefrieren zu Eis begriffen ist, isopathisch den Frost aus, sondern Wasser, das dem Frostpunkt nur nahes ist.

Ein anderes Beispiel physischer Einwirkung: Der Nachteil z.B. von einem Stoß der Stirn an einen harten Gegenstand (eine sehr schmerzhafte Beule) wird in Schmerz und Schwellung bald gemindert, wenn man die Stelle mit dem Daumen-Ballen eine Weile heftig und schließlich immer sanfter homöopathisch drückt. Nicht durch einen gleichen Schlag mit einem gleich harten Körper, was isopathisch das Übel ärger machen würde.

In jenem Buch wird als Heilung durch Isopathie angeführt, dass Kontraktur bei Menschen und Kreuzlähmung bei einem Hund – beide durch Erkältung entstanden – schnell durch kaltes Baden geheilt werden. Dieses Ereignis wird fälschlicherweise durch Isopathie erklärt. Erkältungs-Beschwerden haben von der Kälte nur den Namen, ereignen sich aber bei den dazu geneigten Körpern oft schon durch einen schnellen Windzug, der nicht einmal kalt war. Auch sind die verschiedenen Wirkungen eines kalten Bades auf den lebenden Organismus im gesunden und kranken Zu-

stand nicht mit einem einzigen Begriff zu umfassen, so dass man darauf ein System von solcher Keckheit gründen könnte! Dass Schlangenbisse, wie da steht, am sichersten durch Teile von Schlangen geheilt werden, gehört noch so lange zu den Fabeln der Vorzeit, bis eine so unwahrscheinliche Behauptung durch unzweifelhafte Beobachtungen und Erfahrungen bestätigt worden ist. Dazu wird es wohl nie kommen. Einem schon von Wasserscheu rasenden Menschen soll eingegebener Speichel eines tollwütigen Hundes (in Russland) geholfen haben. Dieses Soll wird keinen gewissenhaften Arzt zur gefährlichen Nachahmung verleiten oder zum Aufbau eines ebenso gefährlichen wie in seiner Ausdehnung höchst unwahrscheinlichen, so genannten isopathischen Systems. Dafür wird es (nicht vom bescheidenen Verfasser des Büchleins: Die Isopathik der Contagionen. Leipzig, bei Kollmann; wohl aber) von den exzentrischen Nachbetern ausgegeben. Besonders Herr Dr. Gross (s. Allgemeine homöopathische Zeitung. II. S. 72) ruft diese Isopathie (aequalia aequalibus) [Gleiches mit Gleichem] als den einzig richtigen Grundsatz zum Heilen aus und will in dem similia similibus [Ähnliches mit Ähnlichem] nur einen Notbehelf sehen. Undankbar genug, nachdem er allein dem similia similibus Ruf und Vermögen zu verdanken hat.

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Eine mit kochender Brühe begossene Hand hält der erfahrene Koch in einiger Entfernung nahe an das Feuer und beachtet den anfänglich vermehrten Schmerz nicht, weil er aus Erfahrung weiß, dass er damit in kurzer Zeit, oft in wenigen Minuten, die verbrannte Stelle zur gesunden, schmerzlosen Haut wiederherstellen kann5

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So hält auch schon Fernelius (Therap. lib. VI. Cap. 20) die Annäherung des verbrannten Teils ans Feuer für das geeignetste Hilfsmittel, durch das der Schmerz aufhört. John Hunter (On the blood, inflammation etc. S. 218) führt die großen Nachteile der Behandlung von Verbrennungen mit kaltem Wasser an und zieht die Annäherung ans Feuer bei weitem vor. Nicht nach den hergebrachten medizinischen Lehren, die (contraria contrariis) [Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem] kühlende Dinge bei Entzündung gebieten, sondern durch die Erfahrung belehrt, dass eine ähnliche Erhitzung (similia similibus) [Ähnliches mit Ähnlichem] das heilsamste ist.

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Andere verständige Nichtärzte, zum Beispiel die Lackierer, legen auf die verbrannte Stelle ein ähnliches, Brennen erregendes Mittel – starken, wohl erwärmten Weingeist6

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Sydenham (Opera. S. 271) sagt: Weingeist ist gegen Verbrennungen jedem anderen Mittel vorzuziehen, wiederholt aufgelegt. Auch Benj. Bell (System of surgery, third edition. 1789) muss der Erfahrung die Ehre geben, die homöopathische Mittel als die einzig heilbringenden erweist. Er sagt: Eines der besten Mittel für Verbrennungen ist Weingeist. Beim Auflegen scheint er für einen Augenblick den Schmerz zu vermehren (s.u. 164), aber dies lässt bald nach, und danach folgt eine angenehme, beruhigende Empfindung. Am kräftigsten ist es, wenn man die Teile in den Weingeist eintaucht. Wo das nicht geht, müssen sie ununterbrochen mit leinenen Lappen, die mit Weingeist befeuchtet sind, bedeckt werden. Ich setze hinzu: Der sehr warme Weingeist ist hier noch viel schneller und viel gewisser hilfreich, weil er noch viel homöopathischer ist als der unerwärmte. Und dies bestätigt erstaunenswerterweise jede Erfahrung.

oder Terpentin-Öl7

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Edw. Kentish, der die Arbeiter zu behandeln hatte, die in den Steinkohlengruben oft grässlich von dem entzündlichen Schwaden verbrannt wurden, lässt heiß gemachtes Terpentinöl oder Weingeist als das vorzüglichste Rettungsmittel bei den größten und schwersten Verbrennungen auflegen (Essay on Burns. London 1798. Second Essay). Diese Behandlung ist homöopathisch. Es gibt keine heilsamere.

Der ehrliche und hocherfahrene Heister (Institut. Chirurg. Tom. I. S. 333) bestätigt dies aus seiner Erfahrung und rühmt die Auflegung des Terpentinöls, des Weingeistes und möglichst heißen Breis zu diesem Zweck, so heiß man ihn nur ertragen kann.

Diese Mittel, die Brenn-Empfindung und Hitze erregen (hier also homöopathisch sind), haben, wenn sie auf die durch Verbrennung entzündeten Teile gelegt werden, einen Vorzug vor den palliativen, kühlenden und kältenden Mitteln. Dies sieht man bei reinen Versuchen, wo die beiden entgegengesetzten Behandlungsmethoden an demselben Körper und bei gleichem Verbrennungsgrad im Vergleich angewendet werden.

John Bell (in Kühns Phys. med. Journal. Leipzig 1801. Juni. S. 428) ließ einer verbrühten Dame den einen Arm mit Terpentinöl benetzen, den anderen in kaltes Wasser tauchen. Der erste Arm befand sich nach einer halben Stunde wohl, der andere schmerzte sechs Stunden lang. Wenn er nur einen Augenblick aus dem Wasser gezogen wurde, empfand sie daran viel größere Schmerzen, und er brauchte viel längere Zeit zum Heilen als der erste.

John Anderson (bei Kentish, a.a.O., S. 43) behandelte eine Frau, die sich Gesicht und Arm mit kochendem Fett verbrannt hatte. Das Gesicht, das sehr rot und verbrannt war und heftig schmerzte, wurde nach einigen Minuten mit Terpentinöl belegt. Den Arm hatte sie schon selbst in kaltes Wasser gesteckt und wünschte, ihn einige Stunden damit zu behandeln. Nach sieben Stunden sah ihr Gesicht viel besser aus und war erleichtert. Das kalte Wasser für den Arm hatte sie oft erneuert. Wenn sie ihn aber herausnahm, klagte sie sehr über Schmerzen. Die Entzündung hatte zugenommen. Am nächsten Morgen fand ich, dass sie in der Nacht große Schmerzen am Arm gehabt hatte. Die Entzündung ging über den Ellbogen hinauf. Verschiedene große Blasen waren aufgegangen, und dicke Schorfe hatten sich auf Arm und Hand angesetzt. Darauf wurde nun warmer Brei gelegt. Das Gesicht war vollkommen schmerzlos. Der Arm musste dagegen 14 Tage lang mit erweichenden Dingen verbunden werden, bevor er heilte.

Hieran erkennt man den Vorteil der (homöopathischen) Behandlung mit Mitteln von ähnlicher Einwirkung vor dem Verfahren durch Gegensatz (contraria contrariis) [Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem] nach der uralten gewöhnlichen Arzneikunst.

– und stellen sich in wenigen Stunden damit wieder her. Wie sie wissen, lassen die kühlenden Salben dies in ebenso vielen Monaten nicht zu. Kaltes Wasser8

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John Hunter führt (a.a.O.) die großen Nachteile der Behandlung von Verbrennungen mit kaltem Wasser an. W. Fabric. von Hilden (De combustionibus libellus. Basi-lea 1607. Cap. 5. S. 11) versichert: Kalte Umschläge sind bei Verbrennungen höchst nachteilig und bringen die schlimmsten Zustände hervor. Es erfolgt davon Entzündung, Eiterung und manchmal Brand.

macht das Übel ärger.
Wenn der alte, erfahrene Schnitter sich in der Sonnenglut bis zum hitzigen Fieber angestrengt hat, wird er nie kaltes Wasser (contraria contrariis) [Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem] trinken, da er das Verderbliche dieses Verfahrens kennt. Auch wenn er sonst keinen Branntwein trinkt, nimmt er ein wenig von einer Hitze hervorbringenden Flüssigkeit, einen mäßigen Schluck Branntwein zu sich. Die Lehrerin der Wahrheit, die Erfahrung, überzeugte ihn von dem großen Vorzug und der Heilsamkeit dieses homöopathischen Verfahrens. Seine Hitze wird schnell weggenommen, ebenso seine Ermüdung9

9

Zimmermann (Über die Erfahrung. II. S. 318) lehrt, dass die Bewohner heißer Länder ebenso verfahren, mit bestem Erfolg. Nach großen Erhitzungen nehmen sie etwas geistige Flüssigkeit zu sich.

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Ahnungen der Homöopathie bei früheren Autoren

Heilung von Erbrechen durch Erbrechen (Hippokrates), Durchfall durch Rhabarber (Boulduc), Kolik durch Sennesblätter (Detharding), Schmerz durch Elektrizität (Bertholon), Tachykardie durch Elektrizität (Thoury), Wahnsinn durch Stechapfel (von Störck) und vermehrte Magensäure durch Vitriolsäure (Stahl).

Von Zeit zu Zeit gab es Ärzte, die ahnten, dass die Arzneien durch ihre Kraft, analoge Krankheits-Symptome zu erregen, analoge Krankheits-Zu-stände heilen1

1

Auch die folgenden Stellen aus den Schriftstellern, die die Homöopathie ahnten, führe ich nicht als Erweise der Gegründetheit dieser Lehre an, die durch sich selbst feststeht. Sondern um dem Vorwurf zu entgehen, ich hätte diese Ahnungen verschwiegen, um mir die Priorität der Idee zu sichern.

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So sagt der Verfasser des unter den Hippokratischen befindlichen Buchs 2

2

Basil. Froben. 1538. S. 72.

[Über die Stellen des Menschen] die merkwürdigen Worte: . [Durch das Ähnliche entsteht Krankheit und durch Hinzufügung des Ähnlichen werden aus Kranken Gesunde Durch das Erbrechen hört das Erbrechen auf.].
Ebenso haben spätere Ärzte die Wahrheit der homöopathischen Heilart gefühlt und ausgesprochen.
  • So sieht z.B. Boulduc3

    3

    Mmoires de l'acadmie royale. 1710.

    ein, dass die purgierende Eigenschaft des Rhabarbers die Ursache seiner Durchfall stillenden Kraft ist.

  • Detharding errät4

    4

    Eph. Nat. Cur. Cent. X. obs. 76.

    , dass der Sennesblätter-Aufguss bei Erwachsenen Kolik stillt aufgrund seiner analogen Wirkung, Kolik bei Gesunden zu erregen.

  • Bertholon5

    5

    Medizin. Elektrizität. II. S. 15 und 282.

    gesteht, dass die Elektrizität den höchst ähnlichen Schmerz, den sie selbst erregt, in Krankheiten abstumpft und vernichtet.

  • Thoury6

    6

    Mmoire lu l'acad. de Caen.

    bezeugt, dass die positive Elektrizität an sich zwar den Puls beschleunigt, ihn aber langsamer macht, wenn er krankhaft schon zu schnell ist.

  • Von Störck7

    7

    Libell. de stram. S. 8.

    kommt auf den Gedanken: Wenn der Stechapfel den Geist zerrüttet und bei Gesunden Wahnsinn hervorbringt, sollte man dann nicht versuchen dürfen, ob er bei Wahnsinnigen durch Umänderung der Ideen gesunden Verstand zurückbringen kann.

  • Am deutlichsten aber hat ein dänischer Regiments-Arzt, Stahl, seine Überzeugung darüber ausgesprochen, wenn er8

    8

    In Jo. Hummelii Commentatio de Arthritide tam tartarea, quam scorbutica, seu podagra et scorbuto. Büdingae 1738. S. 40–42.

    sagt: Ganz falsch und verkehrt ist die in der Arzneikunst angenommene Regel, man müsse durch gegenseitige Mittel (contraria contrariis) [Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem] behandeln. Er ist im Gegenteil überzeugt, dass durch ein Mittel, das ähnliches Leiden erzeugt (similia similibus) [Ähnliches mit Ähnlichem], die Krankheiten weichen und geheilt wer- den: Verbrennungen durch Annäherung ans Feuer, erfrorene Glieder durch aufgelegten Schnee und das kälteste Wasser, Entzündung und Quetschungen durch abgezogene Geister. Und so heilt er mit dem glücklichsten Erfolg die Neigung zu Magensäure durch eine sehr kleine Gabe Vitriolsäure in den Fällen, wo man eine Menge absorbierender Pulver vergeblich gebraucht hat.

So nah war man manchmal der großen Wahrheit! Aber man ließ es bei einem flüchtigen Gedanken bewenden. Die so unentbehrliche Umänderung der uralten ärztlichen Krankheitsbehandlung, des bisherigen unzweckmäßigen Behandelns in eine echte, wahre und gewisse Heilkunst blieb bis auf unsere Zeiten unausgeführt.

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