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B978-3-437-56621-9.50020-8

10.1016/B978-343756621-9.50020-8

978-3-437-56621-9

Hauptteil I

Theoretische Grundlagen ( 1–70)

Aufgaben des Arztes ( 1-4)

Krankheiten vorbeugen (Prophylaxe) ( 4).

Krankheiten heilen ( 1), schnell, sanft, dauerhaft, nach einsehbaren Gründen ( 2).

Kenntnis der Erkrankung, der Arzneikräfte, der Arzneimittel-Wahl einschließlich ihrer Dosierung sowie der Heilungshindernisse ( 3).

1
Der einzige und höchste Beruf des Arztes ist es, kranke Menschen gesund zu machen. Das nennt man Heilen1

1

Nicht aber das Zusammenspinnen leerer Einfälle und Hypothesen über das innere Wesen des Lebensvorgangs und der Krankheitsentstehungen im unsichtbaren Inneren zu so genannten Systemen, womit viele Ärzte ihre Kräfte und Zeit ruhmsüchtig verschwenden. Auch nicht die unzähligen Erklärungsversuche über die Erscheinungen bei Krankheiten, ihre nächste Ursache, die ihnen stets verborgen bleibt, usw. In unverständliche Worte und einen Schwulst abstrakter Redensarten gehüllt, sollen sie gelehrt klingen, um den Unwissenden in Erstaunen zu setzen - während die kranke Welt vergeblich nach Hilfe seufzt. Solche gelehrten Schwärmereien (man nennt es theoretische Arzneikunst und hat sogar eigene Professuren dafür) haben wir genug. Es wird Zeit, dass, wer sich Arzt nennt, aufhört, die armen Menschen mit Geschwätz zu täuschen, und anfängt, zu handeln, das heißt wirklich zu helfen und zu heilen.

.
2
Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfang, auf dem kürzesten, zuverlässigsten und unnachteiligsten Weg, nach deutlich einzusehenden Gründen.
3
Ein Arzt versteht zweckmäßig und gründlich zu handeln und ist ein ech ter Heilkünstler, wenn er
  • deutlich einsieht, was an Krankheiten, das heißt, was an jedem einzelnen Krankheitsfall im Besonderen zu heilen ist (Krankheits-Erkenntnis, Indikation),

  • deutlich einsieht, was an den Arzneien, das heißt an jeder Arznei im Besonderen das Heilende ist (Kenntnis der Arzneikräfte),

  • nach deutlichen Gründen das Heilende der Arzneien dem, was er an dem Kranken als unbezweifelbar Krankhaftes erkannt hat, so anzupassen weiß, dass Genesung erfolgen muss sowohl hinsichtlich der Angemessenheit der Arznei, die für den Fall nach ihrer Wirkungsart die geeignetste ist (Wahl des Heilmittels, Indikat), als auch hinsichtlich ihrer erforderlichen Zubereitung und Menge (richtige Gabe) und der gehörigen Wiederholungszeit der Gabe, und

  • die Hindernisse der Genesung in jedem Fall kennt und sie zu beseitigen weiß, damit die Herstellung von Dauer ist.

4
Er ist zugleich ein Gesundheits-Erhalter, wenn er die Dinge kennt, die die Gesundheit stören und Krankheit erzeugen und unterhalten, und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß.

Krankheitserkenntnis ( 5 – 18)

Gesamtheit der Symptome und Krankheits-Ursachen ( 5–8)

Zum Heilen ist die Kenntnis folgender Bereiche nötig: die Gesamtheit der Symptome (diese repräsentiert die Krankheit) ( 6–8),

die Grundursache (chronisches Miasma) und Veranlassung (Erregungsursache, ist nur bei vorhandener Grundursache wirksam) ( 5) sowie gegebenenfalls die causa occasionalis (die Krankheit bedingende und unterhaltende Ursache) ( 7).

5
Als Beihilfe der Heilung dienen dem Arzt bei einer akuten Krankheit die Daten ihrer wahrscheinlichsten Veranlassung sowie bei einem langwierigen Siechtum die bedeutungsvollsten Momente der Krankheits-Geschichte, um seine Grundursache ausfindig zu machen, die meist auf einem chronischen Miasma beruht. Zu berücksichtigen sind dabei die erkennbare Körper-Beschaffenheit besonders des langwierig Kranken, sein Gemüts- und geistiger Charakter, seine Beschäftigungen, seine Lebensweise und Gewohnheiten, seine bürgerlichen und häuslichen Verhältnisse, sein Alter, seine geschlechtliche Funktion usw.
6
Ein vorurteilsloser Beobachter kennt die Nichtigkeit übersinnlicher Ergrübelungen, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen lassen. Auch der Scharfsinnigste nimmt an jeder einzelnen Krankheit nur Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, die äußerlich durch die Sinne erkennbar sind. Das sind Abweichungen vom ehemaligen gesunden Zustand des Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen und die der Arzt an ihm beobachtet. Diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentieren die Krankheit in ihrem ganzen Umfang. Sie bilden zusammen ihre wahre und einzig denkbare Gestalt1

1

Statt am Krankenbett sorgfältigst auf die Symptome zu achten und sich bei der Heilung genau nach ihnen zu richten, lässt man sich einfallen, das an der Krankheit zu Heilende bloß im verborgenen und unerkennbaren Inneren suchen zu müssen und finden zu können. Und das mit dem prahlerischen und lächerlichen Vorgeben, dass man das im unsichtbaren Inneren Veränderte erkennen und mit (ungekann-ten!) Arzneien wieder in Ordnung bringen kann, ohne sonderlich auf die Symptome zu achten. Und so etwas heißt gründlich und rational behandeln!

Für den Heilkünstler ist das durch Zeichen an Krankheiten sinnlich Erkennbare die Krankheit selbst. Das die Krankheit schaffende geistige Wesen, die Lebenskraft, kann er nie sehen. Er braucht sie auch nie selbst zu sehen und zu erfahren, sondern bloß ihre krankhaften Wirkungen, um hiernach die Krankheit heilen zu können. Was für eine prima causa morbi [erste Ursache der Krankheit] will die alte Schule im verborgenen Inneren noch aufsuchen? Die sinnlich und deutlich wahrnehmbare Darstellung der Krankheit, die vernehmlich zu uns sprechenden Symptome, verwirft sie als Heilgegenstand und verachtet sie vornehm. Was, außer diese, will sie denn sonst an Krankheiten heilen?

.
7
An einer Krankheit, von der keine sie offensichtlich veranlassende oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) [Gelegenheitsursache] zu entfernen ist1

1

Jeder verständige Arzt räumt diese zuerst weg. Das Übelbefinden lässt dann meistens von selbst nach. Er entfernt die stark duftenden Blumen, die Ohnmacht und hysterische Zustände erregen, aus dem Zimmer, zieht den Splitter, der Augen-Entzündung erregt, aus der Hornhaut, löst den zu festen Verband eines verwundeten Gliedes, dem sonst Brand droht, und legt ihn passender an. Er legt die Ohnmacht herbeiführende, verletzte Arterie bloß und unterbindet sie, versucht, verschluckte Belladonna-Beeren usw. durch Erbrechen fortzuschaffen, zieht die in Öffnungen des Körpers (Nase, Schlund, Ohren, Harnröhre, Mastdarm, Scham) geratenen Fremdkörper heraus, zermalmt den Blasenstein, öffnet den verwachsenen After des neugeborenen Kindes usw.

, kann man nur die Krankheits-Zeichen wahrnehmen. Unter Mitberücksichtigung eines etwaigen Miasmas und unter Beachtung der Nebenumstände ( 5) müssen es allein die Symptome sein, durch die eine Krankheit die zu ihrer Hilfe geeignete Arznei fordert und auf sie hinweisen kann. So muss die Gesamtheit ihrer Symptome, dieses nach außen reflek tierende Bild des inneren Wesens der Krankheit, das heißt des Leidens der Lebenskraft, das Hauptsächlichste oder Einzige sein, wodurch die Krankheit zu erkennen geben kann, welches Heilmittel sie braucht. Das Einzige, das die Wahl des angemessensten Hilfsmittels bestimmen kann. So muss die Gesamtheit2

2

Von jeher versucht die alte Schule, da man sich oft nicht anders zu helfen weiß, bei Krankheiten ein einzelnes der zahlreichen Symptome mit Arzneien zu bekämpfen und möglichst zu unterdrücken. Diese Einseitigkeit findet unter dem Namen symptomatische Behandlungsart mit Recht allgemeine Verachtung, weil durch sie nicht nur nichts gewonnen, sondern auch viel verdorben wird. Ein einzelnes der gegenwärtigen Symptome ist so wenig die Krankheit selbst wie ein einzelner Fuß der Mensch selbst ist. Dieses Verfahren ist umso verwerflicher, als man ein solches einzelnes Symptom nur durch ein entgegengesetztes Mittel (also bloß enantiopathisch und palliativ) behandelt. Dadurch verschlimmert es sich nach kurzer Linderung nur umso mehr.

der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige sein, das er an jedem Krankheitsfall zu erkennen und durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt wird.
8
Nach Hebung aller Krankheitssymptome und des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zufälle bleibt nur Gesundheit übrig. Es kann nichts anderes übrig bleiben. Es ist undenkbar und durch keine Erfahrung nachweisbar, dass die krankhafte Veränderung im Inneren ungetilgt geblieben ist1

1

Wenn jemand durch einen wahren Heilkünstler von seiner Krankheit so wiederhergestellt wird, dass kein Zeichen von Krankheit, kein Krankheits-Symptom mehr übrig ist und alle Zeichen von Gesundheit dauernd wiedergekehrt sind, so kann man bei ihm doch nicht mehr voraussetzen, dass die ganze leibhaftige Krankheit noch im Inneren wohnt. Dennoch behauptete der ehemalige Vorstand der alten Schule, Hufeland, so etwas mit den Worten (s. Die Homöopathie. S. 27. Z. 19): Die Homöopathie kann die Symptome heben, aber die Krankheit bleib.. Er behauptete es teils aus Gram über die Fortschritte der Homöopathie zum Heil der Menschen, teils weil er noch ganz materielle Begriffe von Krankheit hatte. Er konnte sie noch nicht als ein dynamisch von der krankhaft verstimmten Lebenskraft verändertes Sein des Organismus, nicht als abgeändertes Befinden denken. Er sah sie als ein materielles Ding an, das nach geschehener Heilung noch in irgendeinem Winkel im Inneren des Körpers liegen geblieben sein könnte, um eines Tages, bei schönster Gesundheit, nach Belieben mit seiner materiellen Gegenwart hervorzubrechen! So krass ist die Verblendung der alten Pathologie noch! Kein Wunder, dass sie nur eine Therapie erzeugen kann, die auf bloßes Ausfegen des armen Kranken losgeht.

.
Krankheit als Verstimmung der Lebenskraft ( 9-18)

Die Lebenskraft ist unsichtbar, belebend, ordnend, fühlend, verstimmbar, Krankheit schaffend und äußernd.

Dynamisch bedeutet nicht-materiell, nicht-mechanisch, nicht-chemisch, unsichtbar, unkörperlich und geistartig.

Äußere Krankheitsreize bewirken auf dynamische Weise eine Verstimmung der Lebenskraft, die sich in Form von Krankheits-Symptomen äußert.

(Homöopathische) Arzneimittel heben auf dynamische Weise die Verstimmung der Lebenskraft auf, was sich am Verschwinden der Symptome zeigt.

Jede (dynamische) Krankheit ist an ihren Symptomen erkennbar. Das Verschwinden jeglicher Symptome bedeutet Heilung der (dynamischen) Krankheit ( 9-18).

9
Im gesunden Zustand des Menschen waltet die geistartige Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt. Als Dynamis belebt sie den materiellen Körper (Organismus) und hält seine Teile - in Gefühlen und Tätigkeiten - in bewundernswert harmonischem Lebensgang. So kann sich unser inwohnender, vernünftiger Geist dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höheren Zweck unseres Daseins bedienen.
10
Ohne Lebenskraft ist der materielle Organismus keiner Empfindung, keiner Tätigkeit und keiner Selbsterhaltung fähig1

1

Er ist dann tot. Bloß der Macht der physischen Außenwelt unterworfen, fault er und wird in seine chemischen Bestandteile aufgelöst.

. Nur das immaterielle Wesen, das den materiellen Organismus im gesunden und kranken Zustand belebt (das Lebensprinzip, die Lebenskraft), verleiht ihm Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.
11
Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese geistartige, in seinem Organismus überall anwesende, selbsttätige Lebenskraft (Lebensprinzip) durch den lebensfeindlichen dynamischen1

1

Was ist dynamischer Einfluss, dynamische Kraft

Wir nehmen wahr, dass die Erde den Mond durch eine heimliche, unsichtbare Kraft in 28 Tagen und etlichen Stunden um sich herumführt. Der Mond erhebt unsere nördlichen Meere abwechselnd in festgesetzten Stunden zur Flut und lässt sie in gleichen Stunden wieder zur Ebbe sinken (einige Verschiedenheit bei Voll- und Neumond abgerechnet). Wir sehen das und staunen, weil unsere Sinne nicht wahrnehmen, auf welche Weise dies geschieht. Offenbar geschieht es nicht durch materielle Werkzeuge, nicht durch mechanische Veranstaltungen so wie menschliche Werke. Wir sehen um uns herum noch viele andere Ereignisse, die durch die Wirkung einer Substanz auf eine andere erfolgen, ohne dass ein sinnlich wahrnehmbarer Zusammenhang zwischen Ursache und Erfolg zu erkennen ist.

Nur der kultivierte, im Vergleichen und Abstrahieren geübte Mensch kann sich dabei eine Art übersinnlicher Idee bilden, die ausreicht, um beim Auffassen solcher Begriffe in seinen Gedanken alles Materielle oder Mechanische entfernt zu halten. Er nennt solche Wirkungen dynamische, virtuelle, das heißt solche, die durch absolute, spezifische, reine Macht und Wirkung des einen auf das andere erfolgen. So ist z.B. die dynamische Wirkung der krankmachenden Einflüsse auf den gesunden Menschen sowie die dynamische Kraft der Arzneien auf das Lebensprinzip, um den Menschen wieder gesund zu machen, nichts als Ansteckung. Sie ist überhaupt nicht materiell, überhaupt nicht mechanisch, wie die Kraft eines Magnetstabs, wenn er ein Stück Eisen oder Stahl, das in seiner Nähe liegt, mit Gewalt an sich zieht. Man sieht, dass das Stück Eisen von einem Ende (Pol) des Magnetstabs angezogen wird. Aber wie das geschieht, sieht man nicht. Diese unsichtbare Kraft des Magnets braucht kein mechanisches (materielles) Hilfsmittel, keinen Haken oder Hebel, um das Eisen an sich zu ziehen. Sie zieht es an sich und wirkt auf das Stück Eisen oder auf eine Nadel aus Stahl durch eine reine, immaterielle, unsichtbare, geistartige, eigene Kraft, das heißt dynamisch. Sie teilt der Stahl-Nadel die magnetische Kraft ebenso unsichtbar (dynamisch) mit. Die Stahl-Nadel wird, auch wenn der Magnet sie nicht berührt, schon in einiger Entfernung von ihm selbst magnetisch und steckt wieder andere Stahl-Nadeln mit derselben magnetischen Eigenschaft (dynamisch) an, mit der sie vom Magnetstab vorher angesteckt wurde. So wie ein Kind, das mit Menschen-Pocken oder Masern behaftet ist, dem nahen, von ihm nicht berührten, gesunden Kind auf unsichtbare Weise (dynamisch) die Menschen-Pocken oder die Masern mitteilt. Das heißt, es steckt aus der Entfernung an, ohne dass etwas Materielles von dem ansteckenden Kind in das anzusteckende kommt oder kommen kann. So wenig wie aus dem Pol des Magnetstabs etwas Materielles in die nahe Stahlnadel. Eine bloß spezifische, geistartige Einwirkung teilt dem nahen Kind dieselbe Pocken- oder Masern-Krankheit mit wie der Magnetstab die magnetische Eigenschaft der ihm nahen Nadel.

Auf ähnliche Weise ist die Wirkung der Arzneien auf den lebenden Menschen zu beurteilen. Die Natur-Substanzen, die sich uns als Arzneien beweisen, sind nur insofern Arzneien, als sie (jede eine eigene spezifische) Kraft besitzen, das menschliche Befinden zu verändern, durch dynamische, geistartige Einwirkung (mittels der lebenden, empfindlichen Faser) auf das geistartige, das Leben verwaltende Lebensprinzip.

Das Arzneiliche jener Natur-Substanzen, die wir im engeren Sinn Arzneien nennen, bezieht sich bloß auf ihre Kraft, Veränderungen im Befinden des tierischen Lebens hervorzubringen. Nur auf das geistartige Lebensprinzip erstreckt sich sein Befinden ändernder geistartiger (dynamischer) Einfluss. So wie die Nähe eines Magnet-Pols dem Stahl nur magnetische Kraft mitteilen kann (und zwar durch eine Art Ansteckung), aber nicht andere Eigenschaften (z.B. nicht mehr Härte oder Dehnbarkeit usw.).

Jede besondere Arznei-Substanz verändert durch eine Art Ansteckung das Menschen-Befinden auf eine ausschließlich ihr eigentümliche Weise und nicht auf die einer anderen Arznei eigene. So teilt die Nähe eines pockenkranken Kindes einem gesunden Kind nur die Menschenpocken-Krankheit mit und nicht die Masern. Diese Einwirkung der Arzneien auf unser Befinden geschieht dynamisch, wie durch Ansteckung, ganz ohne Mitteilung materieller Teile der Arznei-Substanz.

Die kleinste Gabe einer auf die beste Art dynamisierten Arznei äußert im geeigneten Krankheits-Fall bei weitem mehr Heilkraft als große Gaben derselben Arznei in Substanz. Nach angestellter Berechnung kann sich in ihr nur so wenig Materielles befinden, dass dessen Kleinheit vom besten arithmetischen Kopfe nicht mehr gedacht und begriffen werden kann. Jene feinste Gabe kann nur die reine, frei enthüllte, geistartige Arznei-Kraft enthalten. Nur dynamisch kann sie so große Wirkungen vollbringen, wie sie von der eingenommenen rohen Arznei-Substanz selbst in großer Gabe nie erreicht werden können.

Es sind nicht die körperlichen Atome dieser hoch dynamisierten Arzneien. Es ist auch nicht ihre physische oder mathematische Oberfläche, womit man die höheren Kräfte der dynamisierten Arzneien – immer noch materiell genug, aber vergeblich – deuten will. In dem so befeuchteten Kügelchen oder in seiner Auflösung liegt vielmehr unsichtbarerweise eine aus der Arznei-Substanz möglichst enthüllte und frei gewordene, spezifische Arzneikraft. Diese wirkt durch Berühren der lebenden Tierfaser dynamisch auf den ganzen Organismus ein, ohne ihm irgendeine noch so fein gedachte Materie mitzuteilen. Umso stärker, je freier und immaterieller sie durch die Dynamisation ( 270) geworden ist.

In einem Zeitalter, das dafür gerühmt wird, so reich an aufgeklärten und denkenden Köpfen zu sein, muss es doch möglich sein, dynamische Kraft als etwas Unkörperliches zu denken. Man sieht doch täglich Erscheinungen, die sich auf keine andere Weise erklären lassen! Wenn Du etwas Ekelhaftes ansiehst und es hebt sich in Dir zum Erbrechen, so ist kein materielles Brechmittel in Deinen Magen gekommen, das ihn zu dieser antiperistaltischen Bewegung zwingt. Es ist allein die dynamische Wirkung des ekligen Anblicks auf Deine Einbildungskraft. Und wenn Du Deinen Arm hebst, geschieht das nicht durch ein materielles, sichtbares Werkzeug, einen Hebel. Es ist allein die geistartige, dynamische Kraft Deines Willens, die ihn hebt.

Einfluss eines krankmachenden Agens verstimmt. Nur das zu einer solchen Anormalität verstimmte Lebensprinzip kann dem Organismus die widrigen Empfindungen verleihen und ihn zu so regelwidrigen Tätigkeiten bestimmen, die wir Krankheit nennen. Dieses Kraftwesen, das an sich unsichtbar und bloß an seinen Wirkungen im Organismus erkennbar ist, gibt seine krankhafte Verstimmung nur durch Äußerung von Krankheit in Gefühlen und Tätigkeiten, das heißt durch Krankheits-Symptome zu erkennen. Das ist die einzige den Sinnen des Beobachters und Heilkünstlers zugekehrte Seite des Organismus. Es kann sie nicht anders zu erkennen geben.
12
Allein die krankhaft gestimmte Lebenskraft bringt die Krankheiten hervor1

1

Wie die Lebenskraft den Organismus zu den krankhaften Äußerungen bringt, das heißt, wie sie Krankheit schafft, von diesem Wie und Warum kann der Heilkünstler keinen Nutzen ziehen. Es bleibt ihm ewig verborgen. Nur das, was er von der Krankheit wissen muss und ihm zum Heilzweck ausreicht, legt der Herr des Lebens vor seine Sinne.

. Durch die unseren Sinnen wahrnehmbare Krankheits-Äußerung wird die ganze innere Veränderung, das heißt die ganze krankhafte Ver stimmung der inneren Dynamis ausgedrückt und die ganze Krankheit an den Tag gebracht. Das Verschwinden aller Krankheits-Äußerungen, das heißt aller merkbaren Veränderungen, die vom gesunden Lebens-Vorgang abweichen, mittels Heilung bedingt andererseits die Wiederherstellung der Integrität des Lebens-Prinzips. Es setzt die Wiederkehr der Gesundheit des ganzen Organismus voraus.
13
Krankheit ist, sofern sie nicht in den Bereich der manuellen Chirurgie fällt, kein innerlich verborgenes Wesen, das vom lebenden Ganzen, vom Organismus und von der ihn belebenden Dynamis gesondert wäre, so fein es auch gedacht wird. Für Allopathen ist es das aber. So ein Unding1

1

Materia peccans [sündigender Stoff]!

konnte bloß in materiellen Köpfen entstehen. Es gab der bisherigen Medizin seit Jahrtausenden all die verderblichen Richtungen, die sie zu einer wahren Unheilkunst machen.
14
Alles krankhafte Heilbare und unsichtbarerweise krankhaft veränderte Heilbare im Inneren des Menschen gibt sich dem genau beobachtenden Arzt durch Krankheits-Zeichen und Symptome zu erkennen - gemäß der Güte des weisen Lebenserhalters der Menschen.
15
Das Leiden der krankhaft verstimmten, geistartigen, unseren Körper belebenden Dynamis (Lebenskraft) im unsichtbaren Inneren einerseits und der Inbegriff der Symptome, die von ihr im Organismus veranstaltet werden, äußerlich wahrnehmbar sind und das vorhandene Übel darstellen, andererseits bilden ein Ganzes. Sie sind ein und dasselbe. Der Organismus ist materielles Werkzeug zum Leben. Er ist aber ohne Belebung durch die instinktartig fühlende und ordnende Dynamis so wenig denkbar wie Lebenskraft ohne Organismus. Beide bilden eine Einheit. Nur der leichteren
Begreiflichkeit wegen spalten wir in Gedanken diese Einheit in zwei Begriffe.
16
Schädliche Einwirkungen auf den gesunden Organismus und feindliche Potenzen, die von der Außenwelt her das harmonische Lebensspiel stören, können unsere Lebenskraft als geistartige Dynamis nur auf geistartige (dynamische) Weise ergreifen und affizieren. Solche krankhaften Verstimmungen (die Krankheiten) kann auch der Heilkünstler von ihr nur durch geistartige (dynamische,1

1

S. Anm. zu 11.

virtuelle) Umstimmungs-Kräfte entfernen, die die dienlichen Arzneien auf unsere geistartige Lebenskraft ausüben und die durch den im Organismus allgegenwärtigen Fühlsinn der Nerven wahrgenommen werden. Heil-Arzneien können nur durch dynamische Wirkung auf das Lebensprinzip Gesundheit und Lebens-Harmonie wiederherstellen und stellen sie auch her. Die unseren Sinnen merkbaren Veränderungen im Befinden des Kranken (der Symptomen-Inbegriff) stellen dem aufmerksam beobachtenden und forschenden Heilkünstler die Krankheit so vollkommen dar, wie es zu ihrer Heilung nötig ist.
17
Bei der Heilung wird der ganze Inbegriff der wahrnehmbaren Zeichen und Zufälle der Krankheit weggenommen und dadurch zugleich die innere Veränderung der Lebenskraft, die ihr zugrunde liegt, also das Total der Krankheit, behoben1

1

Durch hinreichende Verstimmung des Lebensprinzips durch die Einbildungskraft kann die schlimmste Krankheit zuwege gebracht und auf gleiche Art wieder weggenommen werden. Ein ahnungsartiger Traum, eine abergläubische Einbildung oder eine feierliche Schicksals-Prophezeiung des an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde zu erwartenden Todes bringt manchmal alle Zeichen entstehender und zunehmender Krankheit des herannahenden Todes, ja selbst den Tod zur angedeuteten Stunde zuwege. So etwas ist nur möglich, wenn gleichzeitig die innere Veränderung (die dem von außen wahrnehmbaren Zustand entspricht) bewirkt wird. Durch eine künstliche Täuschung oder Gegenüberredung werden in solchen Fällen aus gleicher Ursache manchmal wiederum alle Krankheitsmerkmale, die den nahen Tod ankündigen, verscheucht und plötzlich Gesundheit wiederhergestellt. Ohne Wegnahme der Tod bereitenden, inneren und äußeren krankhaften Veränderungen mittels dieser bloß moralischen Heilmittel wäre das nicht möglich.

. Der Heilkünstler hat bloß den Inbegriff der Symptome wegzunehmen, um mit ihm zugleich die innere Veränderung, das heißt die krankhafte Verstimmung des Lebensprinzips, also das Total der Krankheit, die Krankheit selbst, aufzuheben und zu vernichten2

2

Gott, der Erhalter der Menschen, legt so seine Weisheit und Güte bei der Heilung der sie befallenden Krankheiten an den Tag. Er offenbart dem Heilkünstler, was er bei Krankheiten wegzunehmen hat, um sie zu vernichten und so die Gesundheit wiederherzustellen. Aufgrund seiner Weisheit und Güte kann er das an Krankheiten zu Heilende nicht in ein mystisches Dunkel gehüllt oder im Inneren verschlossen haben. Dies gibt aber die bisherige Arzneischule vor, die eine seherische Einsicht in das innere Wesen der Dinge beansprucht. So hätte er es dem Menschen unmöglich gemacht, das Übel zu erkennen und zu heilen.

. Die vernichtete Krankheit ist wiederhergestellte Gesundheit. Sie ist das höchste und einzige Ziel des Arztes, der die Bedeutung seines Berufs kennt. Der besteht nicht in gelehrt klingendem Schwatzen, sondern im Helfen.
18
Außer der Gesamtheit der Symptome ist - unter Berücksichtigung der begleitenden Umstände ( 5) - an Krankheiten nichts aufzufinden, wodurch sie ihr Bedürfnis nach Hilfe ausdrücken können. Der Inbegriff aller Symptome und Umstände, die in jedem einzelnen Krankheitsfall wahrgenommen werden, ist die einzige Indikation, die einzige Hinweisung auf ein zu wählendes Heilmittel.

Kenntnis der Arzneikräfte ( 19–21)

Arzneien bewirken an Gesunden Befindensveränderungen (= Verstimmung der Lebenskraft einschließlich deren Symptome). Diese für jede Arznei spezifischen (dynamischen) Kräfte lassen sich nur in Arzneimittelprüfungen an Gesunden erforschen.

19
Krankheiten sind nur Befindensveränderungen des Gesunden, die sich durch Krankheitszeichen ausdrücken. Heilung ist nur durch Befindensveränderung des Kranken in den gesunden Zustand möglich. Arzneien können Krankheiten nur heilen, wenn sie die Kraft besitzen, das Menschenbefinden, das auf Gefühlen und Tätigkeiten beruht, umzustimmen. Ihre Heilkraft beruht allein auf dieser ihrer Kraft, Menschenbefinden umzuändern.
20
Diese im inneren Wesen der Arzneien verborgene geistartige Kraft, Menschenbefinden umzuändern und Krankheiten zu heilen, ist mit bloßer Ver-standes-Anstrengung nicht erkennbar. Nur durch ihre Äußerungen beim Einwirken auf das Befinden der Menschen läßt sie sich in der Erfahrung, und zwar deutlich, wahrnehmen.
21
Das heilende Wesen in Arzneien ist nicht an sich erkennbar. Bei reinen Versuchen kann der scharfsinnigste Beobachter an Arzneien von dem, was sie zu Arzneien oder Heilmitteln machen kann, nur jene Kraft wahrnehmen, im menschlichen Körper deutliche Veränderungen seines Befindens hervorzubringen, besonders aber den gesunden Menschen in seinem Befinden umzustimmen und bestimmte Krankheitssymptome in und an ihm zu erregen. Wenn Arzneien als Heilmittel wirken, können sie ebenfalls nur durch diese ihre Kraft, Menschenbefinden durch Erzeugung eigentümlicher Symptome umzustimmen, ihr Heilvermögen ausüben. Wir haben uns also an die krankhaften Zufälle, die die Arzneien im gesunden Körper erzeugen, als die einzig mögliche Offenbarung ihrer inwohnenden Heilkraft zu halten. So erfahren wir, welche Krankheits-Er-zeugungskraft, das heißt zugleich welche Krankheits-Heilungskraft jede Arznei besitzt.

Wahl des angezeigten Arzneimittels ( 22–69)

Das homöopathische Naturgesetz ( 22–28)

Die Erfahrung zeigt, dass Arzneien, die an Gesunden Symptome erzeugen, die einer gegebenen Krankheit entgegengesetzt (antipathisch, en-antiopathisch, palliativ) sind, diese verschlimmern. Arzneien dagegen, deren Prüfungssymptome der Krankheit ähnlich (homöopathisch) sind, heilen diese. Dies beruht auf dem homöopathischen Naturgesetz ( 26) bzw. Naturheilgesetz ( 28), demzufolge eine dynamische Affektion von einer ähnlichen stärkeren ausgelöscht wird.

22
Von Krankheiten ist nur der Inbegriff ihrer Zeichen und Symptome wegzunehmen, um sie in Gesundheit zu verwandeln. Arzneien können an Heilkräftigem nur ihre Neigung aufweisen, Krankheits-Symptome bei Gesunden zu erzeugen und am Kranken wegzunehmen. Arzneien werden also dadurch zu Heilmitteln und fähig, Krankheiten zu vernichten, dass das Arzneimittel durch Erregung gewisser Zufälle und Symptome, das heißt durch Erzeugung eines gewissen künstlichen Krankheitszustands die schon vorhandenen Symptome, nämlich den zu heilenden natürlichen Krankheitszustand, aufhebt und vertilgt. Für den Inbegriff der Symptome der zu heilenden Krankheit muss dagegen die Arznei gesucht werden, die die meiste Neigung bewiesen hat, ähnliche oder entgegengesetzte Symptome zu erzeugen. Je nachdem, was die Erfahrung zeigt: ob die Krankheitssymptome durch ähnliche oder durch entgegengesetzte Arznei-Symptome1

1

Außer diesen beiden Anwendungsarten der Arzneien gegen Krankheiten ist noch die allopathische Methode möglich. Da werden Arzneien verordnet, deren Symptome keine direkte pathische Beziehung zu dem Krankheitszustand haben. Sie sind den Krankheitssymptomen weder ähnlich noch opponiert, sondern heterogen. Diese Verfahrensweise treibt, wie ich anderswo gezeigt habe, ein unverantwortliches, mörderisches Spiel mit dem Leben des Kranken. Sie verwendet gefährlich heftige, nach ihren Wirkungen ungekannte Arzneien und reicht sie auf leere Vermutungen hin in großen, häufigeren Gaben. Sodann schmerzhafte Operationen, die die Krankheit an andere Stellen hinleiten sollen, sowie Minderung der Kräfte und Säfte des Kranken durch Ausleerungen von oben und unten, Schweiß oder Speichelfluss. Besonders aber Verschwendung des unersetzlichen Blutes, wie es die eben herrschende Routine haben will, blindlings und schonungslos angewendet, gewöhnlich unter dem Vorwand, der Arzt müsse die kranke Natur in ihren Bestrebungen, sich zu helfen, nachahmen und sie unterstützen. Diese höchst unvollkommenen, meist zweckwidrigen Bestrebungen der bloß instinktartigen, verstandlosen Lebenskraft sollte man nicht nachahmen und unterstützen. Sie wurde unserem Organismus nur anerschaffen, um, solange er gesund ist, unser Leben in harmonischem Gang zu führen, aber nicht, um in Krankheiten sich selbst zu heilen. Besäße sie dazu eine mustergültige Fähigkeit, hätte sie den Organismus nicht krank werden lassen. Von Schädlichkeiten erkrankt, vermag unsere Lebenskraft nichts anderes, als ihre Verstimmung durch Störung des guten Lebens-Ganges des Organismus und durch Leidens-Gefühle auszudrücken. Damit ruft sie den verständigen Arzt um Hilfe an. Bleibt diese aus, so strebt sie danach, sich durch Erhöhung der Leiden, besonders aber durch heftige Ausleerungen zu retten. Es koste, was es wolle, oft mit den größten Aufopferungen. Oder unter Zerstörung des Lebens selbst. Zum Heilen besitzt die krankhaft verstimmte Lebenskraft wenig nachahmenswerte Fähigkeit. Alle von ihr im Organismus erzeugten Befindens-Veränderungen und Symptome sind ja eben die Krankheit selbst! Kein verständiger Arzt ahmt sie im Heilen nach, wenn er nicht seinen Kranken aufopfern will.

am leichtesten, gewissesten und dauerhaftesten aufzuheben und in Gesundheit zu verwandeln sind.
23
Reine Erfahrung und genaue Versuche überzeugen uns, dass anhaltende Krankheitssymptome von einer Arznei mit entgegengesetzten Symptomen (in der antipathischen, enantiopathischen oder palliativen Methode) nicht aufgehoben und vernichtet werden. Nach kurzer, scheinbarer Linderung kommen sie in umso stärkerem Grad wieder und verschlimmern sich offensichtlich (s. 58-62 und 69).
24
Als einzige Anwendungsart der Arzneien gegen Krankheiten, die Hilfe verspricht, bleibt die homöopathische übrig. Bei dieser wird gegen die Gesamtheit der Symptome des Krankheitsfalls - unter Berücksichtigung der Entstehungs-Ursache, wenn sie bekannt ist, und der Neben-Umstände -eine Arznei gesucht, die unter allen (durch ihre in gesunden Menschen bewiesenen Befindensveränderungen gekannten) Arzneien Kraft und Neigung hat, den dem Krankheitsfall ähnlichsten künstlichen Krankheitszustand zu erzeugen.
25
Das einzige und untrügliche Orakel der Heilkunst, die reine Erfahrung1

1

Nicht eine solche Erfahrung, der sich unsere gewöhnlichen Praktiker der alten Schule rühmen, nachdem sie jahrelang mit einem Haufen vielfach zusammengesetzter Rezepte gegen eine Menge Krankheiten gewirtschaftet haben. Sie haben diese nie genau untersucht, sondern sie schulmäßig für schon in der Pathologie benannte gehalten. Sie glauben in ihnen einen (eingebildeten) Krankheitsstoff zu erblicken oder dichten ihnen eine andere hypothetische, innere Abnormität an. Da sehen sie immer etwas, wissen aber nicht, was sie sehen. Ergebnisse, die nur ein Gott und kein Mensch aus den vielfachen Kräften enträtseln kann, die auf den unbekannten Gegenstand einwirken. Ergebnisse, aus denen nichts zu lernen, nichts zu erfahren ist. Eine fünfzigjährige Erfahrung dieser Art gleicht einem fünfzig Jahre langen Schauen in ein Kaleidoskop, das sich, mit bunten, unbekannten Dingen angefüllt, in steter Umdrehung bewegt. Tausenderlei sich ständig verwandelnde Gestalten und keine Rechenschaft darüber!

, lehrt in allen sorgfältigen Versuchen: Die Arznei, die in ihrer Einwirkung auf gesunde menschliche Körper die meisten Symptome in Ähnlichkeit er- zeugen kann, die an dem zu heilenden Krankheitsfall zu finden sind, hebt in gehörig potenzierten und verkleinerten Gaben die Gesamtheit der Symptome dieses Krankheitszustands, das heißt (s. 6–16) die ganze gegenwärtige Krankheit, schnell, gründlich und dauerhaft auf und verwandelt sie in Gesundheit. Arzneien heilen die Krankheiten, die ihnen an ähnlichen Symptomen möglichst nahe kommen, ausnahmslos und lassen keine derselben ungeheilt.
26
Dies beruht auf dem homöopathischen Naturgesetz. Es wurde zwar hie und da geahnt, bisher aber nicht anerkannt. Jeder wahren Heilung liegt es von jeher zugrunde:
Eine schwächere dynamische Affektion wird im lebenden Organismus von einer stärkeren dauerhaft ausgelöscht, wenn diese (der Art nach von ihr abweichend) jener sehr ähnlich in ihrer Äußerung ist1

1

Auch physische Affektionen und moralische Übel werden so geheilt. Wie kann der hell leuchtende Jupiter in der Morgendämmerung dem Sehnerv des Betrachters entschwinden? Durch eine stärkere, sehr ähnlich auf den Sehnerv einwirkende Potenz, die Helle des anbrechenden Tages!

Womit stellt man an Orten, die von üblen Gerüchen angefüllt sind, die beleidigten Nasennerven wirksam zufrieden? Durch Schnupftabak, der den Geruchssinn ähnlich, aber stärker ergreift! Dieser Geruchs-Ekel wird durch keine Musik, kein Zuckerbrot, die auf die Nerven anderer Sinne Bezug haben, geheilt. Wie schlau wusste der Krieger das Gewinsel des Spießruten-Läufers aus den mitleidigen Ohren der Umstehenden zu verdrängen? Durch die quiekende, feine Pfeife, zusammen mit der lärmenden Trommel! Und den im Heer Furcht erregenden, fernen Donner der feindlichen Kanonen? Durch das tiefe, bebende Brummen der großen

Trommel! Für beides hilft weder die Austeilung eines glänzenden Montierungs-stücks noch ein dem Regiment erteilter Verweis.

Auch Trauer und Gram werden durch einen neuen, stärkeren Trauerfall, der einem anderen begegnet, im Gemüt ausgelöscht, auch wenn er nur erdichtet ist. Der Nachteil von einer allzu lebhaften Freude wird durch den Kaffeetrank aufgehoben, der Überfreudigkeit erzeugt.

Völker wie die Deutschen, die Jahrhunderte hindurch immer mehr in willenlose Apathie und unterwürfigen Sklavensinn herabsanken, mussten erst vom Eroberer aus dem Westen [Napoleon] noch tiefer in den Staub getreten werden, bis zum Unerträglichen. Erst dadurch wurde ihre Selbst-Nichtachtung überstimmt und aufgehoben. Ihre Menschenwürde wurde ihnen wieder fühlbar, und sie erhoben ihr Haupt zum ersten Mal wieder als deutsche Männer.

.
27
Das Heilvermögen der Arzneien beruht ( 22-26) auf ihren Symptomen, die der Krankheit ähnlich sind und sie an Kraft überwiegen. Jeder Krankheitsfall wird nur durch eine Arznei, die die Gesamtheit seiner Symptome am ähnlichsten und vollständigsten im menschlichen Befinden selbst erzeugen kann und zugleich die Krankheit an Stärke übertrifft, am gewissesten, gründlichsten, schnellsten und dauerhaftesten vernichtet und aufgehoben.
28
Dieses Naturheilgesetz bestätigt sich in allen reinen Versuchen und echten Erfahrungen. Die Tatsache besteht also. Auf die wissenschaftliche Erklärung, wie dies vor sich geht, kommt es wenig an. Ich lege wenig Wert darauf, dies zu versuchen. Folgende Ansicht bewährt sich jedoch als die wahrscheinlichste, da sie auf lauter Erfahrungs-Prämissen beruht.
Natürliche und künstliche Krankheits-Affektionen ( 29-34)

Ein (homöopathischer) Arzneireiz ist stets stärker als ein entsprechender Krankheitsreiz. Der Arzneireiz befreit zunächst - durch Überstimmung - das Lebensprinzip vom Einfluss des Krankheitsreizes. Nach Ablauf der Wirkungsdauer des Arzneireizes ist dann auch dessen Verstimmung des Lebensprinzips beendet und der Kranke somit geheilt.

29
Jede (nicht bloß der Chirurgie zufallende) Krankheit besteht nur aus einer besonderen, krankhaften, dynamischen Verstimmung unserer Lebenskraft (Lebensprinzip) in Gefühlen und Tätigkeiten. Bei der homöopathischen Heilung wird dieses Lebensprinzip, das von einer natürlichen Krankheit dynamisch verstimmt ist, durch Eingabe einer Arznei-Potenz, die genau nach Symptomen-Ähnlichkeit gewählt ist, von einer etwas stärkeren, ähnlichen, künstlichen Krankheits-Affektion ergriffen. Dadurch erlischt und entschwindet ihm das Gefühl der natürlichen (schwächeren) dynamischen Krankheits-Affektion, das von da an nicht mehr für das Lebensprinzip existiert. Dieses wird nun bloß von der stärkeren, künstlichen Krankheits-Affektion beschäftigt und beherrscht. Die hat aber bald ausgewirkt und lässt den Kranken frei und genesen zurück.1

1

Aufgrund der kurzen Wirkungsdauer der künstlich krankmachenden Potenzen, die wir Arzneien nennen, werden sie von der Lebenskraft viel leichter überwunden als die schwächeren natürlichen Krankheiten, obwohl sie stärker sind als diese. Die natürlichen Krankheiten können wegen ihrer längeren, meist lebenslangen Wirkungsdauer (Psora, Syphilis, Sykosis) nie von ihr allein besiegt und ausgelöscht werden. Bis der Heilkünstler die Lebenskraft stärker affiziert mit einer sehr ähnlich krankmachenden, aber stärkeren Potenz (homöopathische Arznei). Die mehrjährigen Krankheiten, die (nach 46) von den ausgebrochenen Menschenpocken und Masern (die beide nur eine Verlaufszeit von etlichen Wochen haben) geheilt werden, sind ähnliche Vorgänge.

Die so befreite Dynamis kann nun das Leben wieder in Gesundheit weiterführen. Dieser höchst wahrscheinliche Vorgang beruht auf folgenden Sätzen.
30
Der menschliche Körper scheint sich in seinem Befinden durch Arzneien (auch weil die Einrichtung ihrer Gabe in unserer Macht steht) wirksamer umstimmen zu lassen als durch natürliche Krankheits-Reize. Natürliche Krankheiten werden ja durch angemessene Arznei geheilt und überwunden.
31
Die feindlichen, teils psychischen, teils physischen Potenzen, die man krankhafte Schädlichkeiten nennt, besitzen nicht unbedingt die Kraft, das menschliche Befinden krankhaft zu stimmen1

1

Ich nenne Krankheit eine Stimmung oder Verstimmung des menschlichen Befindens. Dadurch will ich keinen hyperphysischen Aufschluss über die innere Natur der Krankheiten überhaupt oder eines einzelnen Krankheitsfalls im Besonderen geben. Dieser Ausdruck soll nur andeuten, was Krankheiten nicht sind und nicht sein können. Sie sind keine mechanischen oder chemischen Veränderungen der materiellen Körpersubstanz und nicht von einem materiellen Krankheits-Stoff abhängig. Sondern sie sind bloß geistartige, dynamische Verstimmungen des Lebens.

. Wir erkranken durch sie nur dann, wenn unser Organismus dafür empfänglich und dazu aufgelegt ist, von der gegenwärtigen Krankheits-Ursache angegriffen und in seinem Befinden verändert, verstimmt und in anormale Gefühle und Tätigkeiten versetzt zu werden. Sie machen nicht jeden und nicht zu jeder Zeit krank.
32
Mit den künstlichen Krankheitspotenzen, die wir Arzneien nennen, verhält es sich ganz anders. Jede wahre Arznei wirkt zu jeder Zeit, unter allen Umständen auf jeden lebenden Menschen und erregt in ihm die ihr eigentümlichen Symptome. Sie fallen deutlich in die Sinne, wenn die Gabe groß genug ist. Offenbar wird jeder lebende menschliche Organismus jederzeit und unbedingt von der Arzneikrankheit behaftet und gleichsam angesteckt. Bei natürlichen Krankheiten ist dies nicht der Fall.
33
Aus allen Erfahrungen1

1

Ein auffallendes Beispiel dieser Art ist folgendes: Vor dem Jahr 1801 herrschte das glatte Sydenhamsche Scharlachfieber unter den Kindern von Zeit zu Zeit noch epidemisch. Es befiel ausnahmslos alle Kinder, die es in einer früheren Epidemie noch nicht überstanden hatten. Alle Kinder blieben jedoch in einer Epidemie, die ich in Kö-nigslutter erlebte, frei von dieser höchst ansteckenden Kinderkrankheit, wenn sie rechtzeitig eine sehr kleine Gabe Belladonna eingenommen hatten. Wenn Arzneien vor Ansteckung mit einer grassierenden Krankheit schützen können, so müssen sie eine überwiegende Macht besitzen, unsere Lebenskraft umzustimmen.

geht hervor, dass der lebende menschliche Organismus bei weitem aufgelegter und geneigter ist, sich von arzneilichen Kräften erregen und sein Befinden umstimmen zu lassen als von gewöhnlichen krankhaften Schädlichkeiten und Ansteckungsmiasmen. Die krankhaften Schädlichkeiten besitzen eine untergeordnete und oft sehr bedingte, die Arzneikräfte aber eine absolute, unbedingte, jene weit überwiegende Macht, das menschliche Befinden krankhaft umzustimmen.
34
Die größere Stärke der Kunst-Krankheiten, die durch Arzneien zu bewirken sind, ist nicht die einzige Bedingung ihres Vermögens, die natürlichen Krankheiten zu heilen. Für eine Heilung ist vor allem erforderlich, dass sie eine der zu heilenden Krankheit möglichst ähnliche Kunst-Krankheit ist. Mit etwas stärkerer Kraft versetzt sie das instinktartige Lebensprinzip, das keiner Überlegung und Erinnerung fähig ist, in eine der natürlichen Krankheit sehr ähnliche, krankhafte Stimmung. Damit verdunkelt sie in ihm das Gefühl der natürlichen Krankheits-Verstimmung, löscht es aus und vernichtet es. Von der Natur kann eine ältere Krankheit nicht durch eine neu hinzutretende unähnliche Krankheit geheilt werden, sei sie auch noch so stark. Ebenso wenig gelingt dies durch ärztliche Behandlung mit Arzneien, die keinen ähnlichen Krankheitszustand im gesunden Körper erzeugen können, wie die allopathischen.
Interaktion verschiedener Affektionen im gleichen Organismus ( 35–51)

Bei einander unähnlichen Krankheiten hält eine bereits bestehende eine hinzutretende schwächere Krankheit ab ( 36), wird von einer hinzutretenden stärkeren suspendiert ( 38) oder bildet bei längerer Einwirkung mit ihr eine komplizierte Krankheit ( 40, 42).

Analoges geschieht bei allopathischer Behandlung: schwächere Arzneien lassen die Krankheit ungeheilt ( 37), stärkere unterdrücken ( 39) oder komplizieren sie ( 41).

Bei einander ähnlichen Krankheiten löscht die stärkere die schwächere aus ( 43–46).

Analog können Krankheiten nur durch homöopathische Arzneien geheilt werden ( 47 f.).

Arzneiheilungen sind Naturheilungen überlegen: die Zahl geprüfter Arzneien läßt sich beliebig steigern, ihre Zubereitung, Dosierung usw. unendlich variieren, und ihre begrenzte Wirkungsdauer verhindert bleibende Schäden ( 49–51).

35
Zur Erläuterung betrachten wir in drei verschiedenen Fällen einerseits den Vorgang in der Natur bei zwei im Menschen zusammentreffenden natürlichen, einander unähnlichen Krankheiten, andererseits das Ergeb nis der gewöhnlichen ärztlichen Behandlung der Krankheiten mit allopathisch unpassenden Arzneien. Diese sind nicht fähig, einen der zu heilenden Krankheit ähnlichen künstlichen Krankheitszustand hervorzubringen. Es zeigt sich, dass nicht einmal die Natur durch eine unhomöopathische, selbst stärkere Krankheit eine schon vorhandene unähnliche aufheben kann. Ebenso wenig ist die unhomöopathische Anwendung auch noch so starker Arzneien imstande, irgendeine Krankheit zu heilen.
36
I. Wenn zwei unähnliche Krankheiten im Menschen zusammentreffen und beide von gleicher Stärke sind oder die ältere stärker ist, so wird die neue durch die alte vom Körper abgehalten. Wer schon an einer schweren chronischen Krankheit leidet, wird von einer Herbstruhr oder einer anderen mäßigen Seuche nicht angesteckt.
Die levantische Pest kommt nach Larrey1

1

Mmoires et observations, in der Description de l'Egypte. Tom. I.

nicht dahin, wo der Scharbock herrscht. Personen, die an Flechten leiden, werden von ihr auch nicht angesteckt. Rachitis lässt nach Jenner die Schutzpockenimpfung nicht haften. Geschwürig Lungensüchtige werden nach von Hildenbrand von nicht zu heftigen epidemischen Fiebern nicht angesteckt.
37
Auch bei einer gewöhnlichen ärztlichen Behandlung bleibt ein altes chronisches Übel ungeheilt und wie es war, wenn es nach allgemeiner Behandlungs-Art allopathisch, das heißt mit Arzneien, die keinen der Krankheit ähnlichen Befindenszustand in gesunden Menschen erzeugen können, mild behandelt wird, selbst wenn die Behandlung jahrelang dauert.1

1

Wird es mit heftigen allopathischen Mitteln behandelt, so werden stattdessen andersartige Übel gebildet, die noch beschwerlicher und lebensgefährlicher sind.

Dies sieht man in der Praxis täglich. Es bedarf keiner bestätigenden Beispiele.
38
II. Oder die neue unähnliche Krankheit ist stärker. Hier wird die Krankheit, an der der Kranke bisher litt, als die schwächere von der stärkeren, hinzutretenden so lange aufgeschoben und suspendiert, bis die neue wie der verflossen oder geheilt ist. Dann kommt die alte ungeheilt wieder hervor.
  • Zwei mit einer Art Fallsucht behaftete Kinder blieben nach Ansteckung mit dem Grindkopf (tinea) [Hautflechte] von epileptischen Anfällen frei. Sobald der Kopfausschlag verging, war nach Tulpius1

    1

    Obs. lib. I. obs. 8.

    Beobachtung die Fallsucht wieder da wie zuvor.

  • Die Krätze, wie Schöpf2

    2

    In Hufelands Journal. XV. II.

    sah, verschwand, als der Scharbock eintrat, kam aber nach seiner Heilung wieder zum Vorschein.

  • Die geschwürige Lungensucht stand still, als der Kranke von einem heftigen Typhus ergriffen war, ging aber nach seinem Verlauf wieder ihren Gang fort3

    3

    Chevalier in Hufelands Neuesten Annalen der französischen Heilkunde. II. S. 192.

    .

  • Tritt eine Manie zur Lungensucht, so wird diese mit all ihren Symptomen von ersterer weggenommen. Vergeht der Wahnsinn, so kehrt die Lungensucht zurück und tötet4

    4

    Mania phthisi superveniens eam cum omnibus suis phaenomenis aufert, verum mox redit phthisis et occidit, abeunte mania [Die Manie hebt die Phthisis mit all ihren Krankheitserscheinungen auf, wenn sie zu dieser hinzukommt. Allerdings kehrt die Phthisis bald wieder und richtet den Kranken zugrunde, wobei die Manie sich wieder verflüchtigt.]. Reil, Memorab. Fasc. III. v. S. 171.

    .

  • Wenn die Masern und Menschenpocken zugleich herrschen und beide dasselbe Kind angesteckt haben, so werden gewöhnlich die ausgebrochenen Masern von den etwas später hervorbrechenden Menschenpocken in ihrem Verlauf aufgehalten. Sie setzen diesen erst wieder fort, wenn die Kindpocken abgeheilt sind.

  • Auch die nach der Einimpfung ausgebrochenen Menschenpocken wurden nicht selten von den inzwischen hervorkommenden Masern vier Tage lang suspendiert, wie Manget5

    5

    In Edinb. Med. Comment. T. I. I.

    bemerkte. Nach ihrer Abschuppung setzten die Pocken ihren Lauf bis zu Ende fort. Auch wenn der Impfstich von Menschenpocken schon sechs Tage gehaftet hatte und dann die Masern ausbrachen, stand die Impf-Entzündung still und die Pocken brachen erst aus, als die Masern ihren siebentägigen Verlauf vollendet hatten6

    6

    John Hunter, Über die venerischen Krankheiten. S. 5.

    .

  • Am vierten oder fünften Tag nach eingeimpften Menschenpocken brachen bei einer Masern-Epidemie bei vielen Masern aus und verhinderten den Pockenausbruch, bis sie selbst vollkommen verlaufen waren. Erst dann kamen die Pocken hervor und verliefen gut7

    7

    Rainay in Med. Comment. of Edinb. III. S. 480.

    .

  • Das wahre, glatte, rotlaufartige Sydenhamsche8

    8

    Es wurde auch von Withering und Plenciz richtig beschrieben. Vom Purpurfriesel (oder dem Roodvonk), das man fälschlich auch Scharlachfieber nannte, ist es aber höchst verschieden. Erst in den letzten Jahren haben sich beide ursprünglich sehr verschiedenen Krankheiten einander in ihren Symptomen genähert.

    Scharlachfieber mit Hals-Bräune wurde am vierten Tag durch den Ausbruch der Kuhpocken gehemmt, die völlig bis zu Ende verliefen. Erst danach stellte sich das Scharlachfieber wieder ein.

    Da beide von gleicher Stärke zu sein scheinen, wurden auch die Kuhpocken am achten Tag von dem ausbrechenden wahren, glatten Syden-hamschen Scharlachfieber suspendiert. Der rote Hof der Kuhpocken verschwand, bis das Scharlachfieber vorüber war. Danach setzten die Kuhpocken ihren Weg bis zu Ende fort9

    9

    Jenner in Medizinische Annalen. 1800. August. S. 747.

    .

  • Die Masern suspendierten die Kuhpocken. Am achten Tag, als die Kuhpocken ihrer Vollkommenheit nahe waren, brachen die Masern aus. Die Kuhpocken standen nun still. Erst als die Masern sich abschuppten, gingen die Kuhpocken wieder ihren Gang bis zur Vollendung, so dass sie am sechszehnten Tag aussahen wie sonst am zehnten, wie Kortum beobachtete10

    10

    In Hufelands Journal der praktischen Arzneikunde. XX. III. S. 50.

    .

  • Bei schon ausgebrochenen Masern schlug die Kuhpockenimpfung noch an, machte aber ihren Verlauf erst, als die Masern vorbei waren, wie ebenfalls Kortum bezeugt11

    11

    A.a.O.

    .

  • Ich selbst sah einen Bauernwetzel (angina parotidea [Halsbräune neben dem Ohr], Mumps, Ziegenpeter, Tölpel) verschwinden, als die Schutzpockenimpfung gehaftet hatte und sich ihrer Vollkommenheit näherte. Erst nach völligem Verlauf der Kuhpocken und dem Verschwinden ihres roten Hofs trat diese fieberhafte Ohr- und Unterkiefer-Drüsengeschwulst von eigenem Miasma (der Bauernwetzel) wieder hervor und durchlief ihre siebentägige Verlaufzeit.

Und so suspendieren sich alle einander unähnlichen Krankheiten – die stärkere die schwächere –, heilen einander aber nie. Sie können sich auch komplizieren, was bei akuten Krankheiten selten geschieht.
39
Die gewöhnliche Arzneischule sieht dies seit vielen Jahrhunderten mit an. Sie sieht, dass die Natur selbst keine Krankheit durch Hinzutreten einer anderen, auch noch so starken heilen kann, wenn die hinzutretende der schon im Körper wohnenden unähnlich ist. Dennoch behandelt sie die chronischen Krankheiten weiterhin allopathisch, nämlich mit Arzneien und Rezepten, die Gott weiß welchen Krankheitszustand erzeugen können, der doch stets dem zu heilenden Übel nur unähnlich ist. Die Ärzte beobachten die Natur nicht genau. Aus den elenden Folgen ihres Verfahrens könnten sie bemerken, dass sie auf einem zweckwidrigen, falschen Weg sind. Sie sehen nicht, dass sie nur eine der ursprünglichen unähnliche Kunstkrankheit erzeugen, wenn sie gegen eine langwierige Krankheit eine (wie gewöhnlich) angreifende, allopathische Behandlung gebrauchen. Solange diese unterhalten wird, bringt sie das ursprüngliche Übel zum Schweigen, unterdrückt und suspendiert es. Sie sehen nicht, dass es immer wieder zum Vorschein kommt und kommen muss, sobald die Kraft-Abnahme des Kranken es nicht mehr gestattet, die allopathischen Angriffe auf das Leben fortzusetzen.
  • Durch oft wiederholte heftige Purganzen verschwindet der Krätz-Aus-schlag bald von der Haut. Wenn aber der Kranke die erzwungene (unähnliche) Darmkrankheit nicht mehr aushalten und die Purgiermittel nicht mehr einnehmen kann, blüht entweder der Haut-Ausschlag wieder auf oder die innere Psora entwickelt sich zu irgendeinem schlimmen Symptom. Der Kranke hat dann außer seinem unverminderten, ursprünglichen Übel als Zugabe noch eine schmerzhafte, zerrüttete Verdauung und Kräfte-Verlust zu erdulden.

  • Die gewöhnlichen Ärzte unterhalten künstliche Hautgeschwüre und Fontanellen äußerlich am Körper, um dadurch eine chronische Krankheit zu tilgen. Sie können damit aber nie ihre Absicht erreichen, können sie nie damit heilen, weil solche künstlichen Hautgeschwüre dem inneren Leiden ganz fremd und allopathisch sind. Der durch mehrere Fontanellen erregte Reiz ist ein, wenigstens zuweilen, stärkeres (unähnliches) Übel als die innere Krankheit. Dadurch wird sie anfänglich manchmal auf ein paar Wochen zum Schweigen gebracht und suspendiert. Aber nur für sehr kurze Zeit, unter allmählicher Auszehrung des Kranken. Fallsucht, die viele Jahre lang durch Fontanellen unterdrückt wurde, kam stets und schlimmer wieder zum Vorschein, sobald man diese zuheilen ließ, wie Pechlin1

    1

    Obs. phys. med. lib. 2. obs. 30.

    und andere bezeugen.

Purganzen sind für die Krätze und Fontanellen für eine Fallsucht fremdartige, unähnliche Umstimmungs-Potenzen, allopathische, angreifende Behandlungs-Mittel. Dies gilt erst recht für die Rezepte, die gewöhnlich aus ungekannten Ingredienzen gemischt sind, für die übrigen namenlosen, unzählbaren Krankheits-Formen in der bisherigen Praxis. Sie schwächen bloß, unterdrücken und suspendieren die Übel nur für kurze Zeit, ohne sie heilen zu können. Durch langwierigen Gebrauch fügen sie zu dem alten Übel immer einen neuen Krankheitszustand hinzu.
40
III. Oder die neue Krankheit tritt nach langer Einwirkung auf den Organismus endlich zu der alten, ihr unähnlichen hinzu und bildet mit ihr eine komplizierte Krankheit. Jede von ihnen nimmt dann eine eigene Gegend im Organismus ein, das heißt die ihr besonders angemessenen Organe, gleichsam nur den ihr eigentümlich zugehörigen Platz, und überlässt den übrigen Platz der ihr unähnlichen Krankheit. Ein venerisch Kranker kann auch noch krätzig werden und umgekehrt. Zwei sich unähnliche Krankheiten können einander aber nicht aufheben, nicht heilen. Anfangs schweigen die venerischen Symptome, während der Krätz-Ausschlag zu er scheinen beginnt. Sie werden suspendiert. Da die venerische Krankheit mindestens ebenso stark ist wie die Krätze, gesellen sich mit der Zeit beide zueinander1

1

Nach genauen Versuchen und Heilungen komplizierter Krankheiten dieser Art bin ich fest überzeugt, dass sie keine Verschmelzung sind. In solchen Fällen besteht die eine nur neben der anderen im Organismus, jede in den Teilen, die für sie geeignet sind. Denn ihre Heilung wird vollständig bewirkt durch eine zeitgemäße Abwechslung des besten antisyphilitischen Mittels mit den die Krätze heilenden Mitteln, jedes in der angemessensten Gabe und Zubereitung.

, das heißt, jede nimmt bloß die für sie geeigneten Teile des Organismus ein. Der Kranke ist dadurch kränker geworden und schwerer zu heilen.
Beim Zusammentreffen von einander unähnlichen akuten Ansteckungskrankheiten, z.B. der Menschenpocken und Masern, suspendiert gewöhnlich die eine die andere, wie oben angeführt. Es gab aber auch heftige Epidemien, wo sich in seltenen Fällen zwei einander unähnliche akute Krankheiten dieser Art in ein und demselben Körper einfanden und sich so auf kurze Zeit komplizierten. Bei einer Epidemie, wo Menschenpocken und Masern zugleich herrschten, gab es 300 Fälle, wo diese Krankheiten einander mieden oder sich suspendierten. Die Masern befielen den Menschen erst 20 Tage nach dem Pockenausbruch, die Pocken aber 17-18 Tage nach dem Masernausbruch, so dass die erste Krankheit vorher bereits ganz abgelaufen war. Dennoch gab es einen Fall, wo P. Russel2

2

S. Transactions of a society for the improvement of med. and chir. knowledge. II.

beide unähnlichen Krankheiten gleichzeitig an derselben Person antraf. Rainay3

3

In den Med. Kommentaren von Edinb. III. S. 480.

sah bei zwei Mädchen Menschenpocken und Masern zusammen, J. Maurice4

4

In Med. and phys. Journal. 1805.

hat in seiner Praxis zwei solche Fälle beobachtet. Man findet dergleichen auch bei Ettmüller5

5

II. P. I. Cap. 10.

und einigen anderen.
Kuhpocken sah Zencker6

6

In Hufelands Journal. XVII.

ihren regelmäßigen Verlauf neben Masern und neben Purpurfriesel beibehalten.
Kuhpocken gingen bei einer Mercurial-Behandlung gegen Lustseuche ihren Weg ungestört, wie Jenner sah.
41
Wesentlich häufiger als die natürlichen unähnlichen Krankheiten, die sich in demselben Körper zueinander gesellen und komplizieren, sind jene Krankheits-Komplikationen, die das zweckwidrige ärztliche Verfahren (die allopathische Behandlungsart) durch den langwierigen Gebrauch unangemessener Arzneien zuwege bringt. Zu der natürlichen Krankheit, die geheilt werden sollte, gesellen sich durch anhaltende Wiederholung des unpassenden Arzneimittels die neuen, oft sehr langwierigen Krankheits-zustände, die der Natur dieses Arzneimittels entsprechen. Sie verbinden und komplizieren sich allmählich mit dem ihnen unähnlichen chronischen Übel (das sie nicht durch Ähnlichkeits-Wirkung, das heißt nicht homöopathisch heilen konnten). Sie setzen zu der alten eine neue, unähnliche künstliche Krankheit chronischer Art hinzu, wodurch sie den bisher einfach Kranken doppelt krank, das heißt um vieles kränker und unheilbarer, manchmal ganz unheilbar machen, ja oft töten. Mehrere in ärztlichen Journalen zur Konsultation aufgestellte Krankheitsfälle sowie andere Krankengeschichten in medizinischen Schriften liefern Belege hierzu. Von gleicher Art sind die häufigen Fälle, wo die venerische Schankerkrankheit, die vorwiegend mit Krätzkrankheit oder auch mit dem Siechtum des Feigwarzentrippers kompliziert ist, unter langwieriger oder oft wiederholter Behandlung mit großen Gaben unpassender Quecksilberpräparate nicht geheilt wird, sondern neben dem inzwischen allmählich erzeugten chronischen Quecksilber-Siechtum1

1

Quecksilber hat außer den Krankheitssymptomen, die als das Ähnliche die venerische Krankheit homöopathisch heilen können, in seiner Wirkungsart noch viele andere, der Lustseuche unähnliche Symptome, z.B. Knochen-Geschwulst, Knochenfraß usw. Diese richten bei Anwendung großer Gaben, besonders in der häufigen Komplikation mit Psora, neue Übel und große Zerstörungen im Körper an.

im Organismus Platz nimmt. Mit ihm bildet sie oft ein grausames Ungeheuer von komplizierter Krankheit (unter dem allgemeinen Namen: verlarvte venerische Krankheit), die, wenn nicht ganz unheilbar, nur mit größter Schwierigkeit wiederherzustellen ist.
42
Die Natur selbst erlaubt in einigen Fällen den Zusammentritt zweier (oder dreier) natürlicher Krankheiten in einem Körper. Diese Komplizierung ereignet sich aber nur bei einander unähnlichen Krankheiten, die sich nach ewigen Naturgesetzen nicht aufheben, nicht vernichten und nicht heilen können. Die beiden (oder die drei) scheinen sich den Organismus zu teilen, und jede nimmt die ihr entsprechenden Teile und Systeme ein. Wegen der Unähnlichkeit dieser Übel untereinander kann das trotz der Einheit des Lebens geschehen.
43
Wenn zwei ähnliche Krankheiten im Organismus zusammentreffen, das heißt, wenn zu der schon vorhandenen Krankheit eine stärkere ähnliche hinzutritt, so ist das Ergebnis ein ganz anderes. Hier zeigt sich, wie im Laufe der Natur Heilung erfolgt und wie von Menschen geheilt werden soll.
44
Zwei ähnliche Krankheiten können einander weder abhalten (wie bei I. von den unähnlichen gesagt wurde) noch suspendieren, so dass die alte nach Verlauf der neuen wiederkäme (wie bei II. von den unähnlichen gezeigt wurde). Ebenso wenig können die beiden ähnlichen in demselben Organismus nebeneinander bestehen oder eine doppelte, komplizierte Krankheit bilden (wie bei III. von den unähnlichen gezeigt wurde).
45
Zwei Krankheiten, die der Art nach1

1

S. 26, Anm.

zwar verschieden, aber in ihren Äußerungen und Wirkungen sowie durch die Leiden und Symptome, die jede verursacht, einander sehr ähnlich sind, vernichten sich, sobald sie im Organismus zusammentreffen. Die stärkere Krankheit vernichtet dabei die schwächere. Die stärkere, hinzukommende Krankheitspotenz nimmt ihrer Wirkungs-Ähnlichkeit wegen vorzugsweise dieselben Teile im Organismus in Anspruch, die bisher von dem schwächeren Krankheits-Reiz affi-ziert waren. Dieser kann nun nicht mehr einwirken und erlischt2

2

So wie das Bild einer Lampenflamme von dem stärkeren, in unsere Augen fallenden Sonnenstrahl im Sehnerven schnell überstimmt und verwischt wird.

. Sobald die neue ähnliche, aber stärkere Krankheitspotenz sich des Gefühls des Kranken bemächtigt, kann das Lebensprinzip, seiner Einheit wegen, die schwächere ähnliche nicht mehr fühlen. Sie ist erloschen, sie existiert nicht mehr. Denn sie ist nie etwas Materielles, sondern nur eine dynamische (geistartige) Affektion. Das Lebensprinzip bleibt nur von der neuen ähnlichen, aber stärkeren Krankheitspotenz des Arzneimittels affiziert, doch nur vorübergehend.
46
Von Krankheiten, die im Laufe der Natur durch Krankheiten von ähnlichen Symptomen homöopathisch geheilt wurden, könnten sehr viele Beispiele angeführt werden. Um aber von etwas Bestimmtem und Unzweifelhaftem zu sprechen, müssen wir uns an die wenigen sich stets gleich bleibenden Krankheiten halten, die aus einem feststehenden Miasma entspringen und daher einen bestimmten Namen verdienen.
Unter ihnen ragt die wegen der großen Zahl ihrer heftigen Symptome so berüchtigte Menschenpocken-Krankheit hervor, die schon zahlreiche Übel mit ähnlichen Symptomen aufgehoben und geheilt hat.
  • Bei den Menschenpocken sind die heftigen, bis zur Erblindung steigenden Augenentzündungen ziemlich verbreitet. Eingeimpft heilten sie eine langwierige Augenentzündung vollständig und für immer bei Dezoteux1

    1

    Trait de l'inoculation. S. 189.

    und eine andere bei Leroy2

    2

    eilkunde für Mütter. S. 384.

    .

  • Eine von unterdrücktem Kopfgrind entstandene zweijährige Blindheit wich ihnen nach Klein3

    3

    Interpres clinicus. S. 293.

    völlig.

  • Die Menschenpocken-Krankheit erzeugt oft Taubheit und Schwerat-migkeit. Beide langwierigen Übel hob sie, als sie ihren Höhepunkt erreichte, wie J. Fr. Closs4

    4

    Neue Heilart der Kinderpocken. Ulm 1769. S. 68 und specim. Obs. Nr. 18.

    beobachtete.

  • Ein häufiges Symptom der Menschenpocken ist Hodengeschwulst, die sehr heftig sein kann. Deshalb konnten sie - durch Ähnlichkeit - eine durch Quetschung entstandene große, harte Geschwulst des linken Hodens heilen, wie Klein5

    5

    Ebendaselbst.

    beobachtete. Eine ähnliche Hodengeschwulst wurde von ihnen unter den Augen eines anderen Beobachters6

    6

    Nov. Act. Nat. Cur. Vol. I. Obs. 22.

    geheilt.

  • Unter die beschwerlichen Zufälle der Menschenpocken gehört auch ein ruhrartiger Stuhlgang. Sie besiegten daher als ähnliche Krankheitspotenz eine Ruhr, nach Fr. Wendts7

    7

    Nachricht von dem Krankeninstitut zu Erlangen. 1783.

    Beobachtung.

  • Wegen ihrer größeren Stärke und ihrer großen Ähnlichkeit hebt die Menschenpocken-Krankheit, wenn sie zu Kuhpocken hinzukommt, diese sofort ganz (homöopathisch) auf und lässt sie nicht zur Vollendung kommen. Durch Kuhpocken, die ihrer Reife schon nahe gekommen sind, werden wiederum – ihrer großen Ähnlichkeit wegen – die darauf ausbrechenden Menschenpocken (homöopathisch) um vieles gemindert und gutartiger8

    8

    Dies scheint der Grund des so wohltätigen, merkwürdigen Ereignisses zu sein, dass seit der allgemeinen Verbreitung der Jennerschen Kuhpocken-Impfung die Menschenpocken nie wieder unter uns so epidemisch und so bösartig erscheinen wie vor 40, 50 Jahren. Damals verlor eine davon ergriffene Stadt mindestens die Hälfte, auch oft drei Viertel ihrer Kinder durch den jämmerlichsten Pest-Tod.

    gemacht, wie Mühry9

    9

    Bei Robert Willan, über die Kuhpockenimpfung.

    und viele andere bezeugen.

  • Die Lymphe der eingeimpften Kuhpocken enthält außer Schutzpockenstoff auch den Zunder zu einem allgemeinen Hautausschlag anderer Natur. Dieser besteht aus selten größeren, eiternden, meistens kleinen, trockenen, auf roten Fleckchen sitzenden, spitzigen Blüten (pimples) [Pickel], oft mit untermischten, roten, runden Hautfleckchen. Manchmal ist er von heftigstem Jucken begleitet. Dieser Ausschlag erscheint bei einigen Kindern mehrere Tage vor, öfter jedoch nach dem roten Hof der Kuhpocken, vergeht in ein paar Tagen und hinterlässt kleine, rote, harte Hautfleckchen.

Die geimpften Kuhpocken heilen durch die Ähnlichkeit dieses NebenMiasmas ähnliche, oft sehr alte und beschwerliche Hautausschläge der Kinder homöopathisch vollkommen und dauerhaft, nachdem die Kuhpockenimpfung bei ihnen gehaftet hat, wie eine Menge Be-obachter10

10

Vor allem Clavier, Hurel und Desormeaux, im Bulletin des sc. mdicales, publi par les membres du comit central de la soc. de mdecine du dpartement de l'Eure. 1808. So auch im Journal de Mdecine continu. Vol. XV. S. 206.

bezeugen.
  • Die Kuhpocken, deren eigentümliches Symptom es ist, Arm-schwellung11

    11

    Balhorn, in Hufelands Journal. X. II.

    zu verursachen, heilten nach ihrem Ausbruch einen geschwollenen, halb gelähmten Arm12

    12

    Stevenson in Duncans Annals of medicine. Lustr. II. Vol. I. Abt. 2. No. 9.

    .

  • Das Fieber bei den Kuhpocken, das sich zur Zeit der Entstehung des roten Hofs einfindet, heilte (homöopathisch) ein Wechselfieber bei zwei Personen, wie Hardege der Jüngere13

    13

    In Hufelands Journal der praktischen Arzneikunde. XXIII.

    berichtet. Dies bestätigte, was schon J. Hunter14

    14

    Über die venerische Krankheit. S. 4.

    bemerkt hatte, dass nicht zwei Fieber (ähnliche Krankheiten) zugleich in einem Körper bestehen können.

  • In Fieber und Hustenbeschaffenheit haben die Masern viel Ähnlichkeit mit dem Keuchhusten. Deshalb sah Bosquillon15

    15

    Elements de mdec. prat. de M. Cullen, traduits P. II. I. 3. Ch. 7.

    , dass bei einer Epidemie, wo beide herrschten, viele Kinder, die die Masern bereits überstanden hatten, vom Keuchhusten frei blieben. Sie wären alle auch in der Folge vom Keuchhusten frei und durch Masern unansteckbar geworden, wenn der Keuchhusten nicht eine den Masern nur zum Teil ähnliche Krankheit wäre, das heißt, wenn er auch einen ähnlichen Hautausschlag wie sie bei sich führte. So konnten die Masern nur viele und nur in der gegenwärtigen Epidemie von Keuchhusten frei erhalten.

  • Wenn die Masern eine im Ausschlag, ihrem Hauptsymptom, ähnliche Krankheit vor sich haben, können sie diese ungehindert aufheben und homöopathisch heilen. Eine langwierige Flechte wurde durch den Ausbruch der Masern sofort ganz und dauerhaft (homöopathisch) geheilt16

    16

    Oder wenigstens dieses Symptom hinweggenommen.

    , wie Kortum17

    17

    In Hufelands Journal XX. III. S. 50.

    beobachtete. Ein äußerst brennender, sechsjähriger frieselartiger Ausschlag im Gesicht, am Hals und an den Armen, der sich bei jedem Wetter-Wechsel erneuerte, wurde von hinzukommenden Masern zu einer aufgeschwollenen Haut-Fläche. Nach dem Verlauf der Masern war das Friesel geheilt und kam nicht wieder18

    18

    Rau, über den Wert des homöopathischen Heilverfahrens. Heidelberg 1824. S. 85.

    .

47
Der Arzt findet hier die deutlichste und überzeugendste Belehrung darüber, welche Art von künstlicher Krankheitspotenz (Arznei) er zu wählen hat, um nach dem Vorgang der Natur gewiss, schnell und dauerhaft zu heilen.
48
All diese Beispiele zeigen, dass weder im Laufe der Natur noch durch die Kunst des Arztes ein vorhandenes Leiden und Übelsein von einer unähnlichen Krankheits-Potenz aufgehoben und geheilt werden kann, auch wenn sie noch so stark ist. Sondern nur von einer an Symptomen ähnlichen, etwas stärkeren. Nach ewigen, unwiderruflichen, bisher jedoch verkannten Natur-Gesetzen.
49
Solche echten homöopathischen Natur-Heilungen würden wir noch viel häufiger finden, wenn einerseits die Beobachter mehr Aufmerksamkeit darauf gerichtet hätten und es andererseits der Natur nicht an homöopathischen Hilfs-Krankheiten mangelte.
50
Die Natur selbst hat zu homöopathischen Heilwerkzeugen fast nur die wenigen miasmatischen, festständigen Krankheiten als Hilfe: die Krätze, die Masern und die Menschenpocken1

1

Und den oben genannten Hautausschlags-Zunder, der sich nebenher in der Kuhpocken-Lymphe befindet.

. Diese Krankheitspotenzen2

2

Die Menschenpocken und Masern.

sind einerseits als Heilmittel lebensgefährlicher und schrecklicher als das damit zu heilende Übel, andererseits bedürfen sie (wie die Krätze) nach vollführter Heilung ähnlicher Krankheiten selbst der Heilung, um wiederum vertilgt zu werden. Beide Umstände machen ihre Anwendung als homöopathische Mittel schwierig, unsicher und gefährlich. Außerdem gibt es nur wenige Krankheits-Zustände unter den Menschen, die an Pocken, Masern oder Krätze ihr ähnliches (homöopathisches) Heilmittel finden. Im Laufe der Natur können sich deshalb nur wenige Übel mit diesen bedenklichen und misslichen homöopathischen Mitteln heilen. Der Erfolg zeigt sich nur mit Gefahr und großen Beschwerden, denn die Gaben dieser Krankheitspotenzen lassen sich nicht je nach Umständen verkleinern, wie wir das bei Arzneigaben können. Wer mit einem alten, ähnlichen Übel behaftet ist, wird mit dem ganzen gefährlichen und beschwerlichen Leiden, der ganzen Menschenpocken-, Masern- und Krätz-Krankheit überzogen, um von letzterem zu genesen. Dennoch haben wir von diesem glücklichen Zusam- mentreffen schöne homöopathische Heilungen aufzuweisen. Als sprechende Belege von dem in ihnen waltenden, einzigen Natur-Heilgesetz: Heile durch Symptomen-Ähnlichkeit!
51
Aus solchen Tatsachen wird dem fähigen Geist des Menschen dieses Heilgesetz kund, und dazu genügen sie. Gegenüber zufälligen Ereignissen der rohen Natur hat der Mensch jedoch einen großen Vorteil. Er hat zur Hilfe für die leidenden Mitbrüder viele tausend homöopathische Krankheitspotenzen mehr an den Arzneisubstanzen, die überall in der Schöpfung verbreitet sind. An ihnen hat er Krankheits-Erzeugerinnen von allen möglichen Wirkungs-Verschiedenheiten für all die unzähligen, erdenklichen und unerdenklichen natürlichen Krankheiten, gegen die sie homöopathische Hilfe leisten können. Krankheitspotenzen (Arzneisubstanzen), deren Kraft nach vollendeter Heil-Anwendung durch die Lebenskraft besiegt wird und von selbst verschwindet, ohne eine abermalige Hilfe zur Wieder-Vertreibung, wie die Krätze, zu brauchen. Künstliche Krankheitspotenzen, die der Arzt bis an die Grenzen der Unendlichkeit verdünnen, zerteilen, potenzieren und in ihrer Gabe bis dahin vermindern kann, dass sie nur um wenig stärker bleiben als die damit zu heilende ähnliche natürliche Krankheit. Bei dieser unübertrefflichen Heilart bedarf es keines heftigen Angriffs auf den Organismus, selbst um ein altes, hartnäckiges Übel auszurotten. Sie bildet nur einen sanften, unmerklichen und doch oft geschwinden Übergang aus den quälenden natürlichen Leiden in die erwünschte dauerhafte Gesundheit.
Homöopathie versus Allopathie ( 52–54)

Die Homöopathie ist der einzig richtige Heilweg ( 53). Das Gegenteil davon, die Allopathie (Heteropathie), beruht statt auf Erfahrung auf spekulativen Systemen, verwendet Arzneigemische und schadet den Kranken ( 54).

Beide Behandlungsarten sind miteinander unvereinbar ( 52).

52
Es gibt nur zwei Haupt-Behandlungsarten: die eine, die all ihr Tun nur auf genaue Beobachtung der Natur, auf sorgfältige Versuche und reine Erfahrung gründet, die (vor mir nie absichtlich angewendete) homöopathische, und eine zweite, die das nicht tut, die allopathische (oder heteropathi-sche). Beide sind einander entgegengesetzt. Nur wer beide nicht kennt, kann sich dem Wahn hingeben, dass sie sich jemals einander annähern könnten oder sich sogar vereinigen ließen. Nur der kann sich so lächerlich machen, nach den Vorlieben der Kranken in seinen Behandlungen bald homöopathisch, bald allopathisch zu verfahren. Das ist verbrecherischer Verrat an der göttlichen Homöopathie!
53
Wahre, sanfte Heilungen geschehen nur auf homöopathischem Weg. Diesen Weg fanden wir oben ( 7-25) durch Erfahrungen und Schlüsse. Er ist der richtige. Auf ihm gelangt man am gewissesten, schnellsten und dauerhaftesten zur Heilung der Krankheiten durch die Kunst, weil diese Heilart auf einem Naturgesetz beruht. Die reine homöopathische Heilart ist der einzig richtige, der einzig durch Menschenkunst mögliche, geradeste Heilweg, so gewiss wie zwischen zwei gegebenen Punkten nur eine einzige gerade Linie möglich ist.
54
Die allopathische Behandlungsart unternimmt einiges gegen die Krankheiten, jedoch immer nur das Ungehörige () [anderes]. Sie ist seit Menschengedenken unter sehr verschiedenen Formen, die man Systeme nennt, die herrschende. Jedes dieser von Zeit zu Zeit aufeinander folgenden, sehr voneinander abweichenden Systeme beehrt sich mit dem Namen rationale Heilkunde1

1

Eine Wissenschaft, die bloß auf Beobachtung der Natur beruht und allein auf reine Versuche und Erfahrung zu gründen ist, kann doch nicht durch müßiges Grübeln und scholastisches Räsonieren gefunden werden!

. Jeder Erbauer eines dieser Systeme hat die hochmütige Meinung von sich, er sei fähig, das innere Wesen des Lebens, des gesunden wie des kranken Menschen, zu durchschauen und klar zu erkennen. Hiernach verordnet er, welche schädliche Materie2

2

Bis zur heutigen Zeit sucht man das an Krankheiten zu Heilende in einer wegzuschaffenden Materie. Man kann sich nicht zum Begriff einer dynamischen (Anm. zu 11) Wirkung der krankhaften Potenzen und der Arzneien auf das Leben des tierischen Organismus erheben.

aus dem kranken Menschen und wie sie wegzunehmen ist, um ihn gesund zu machen. Alles nach leeren Vermutungen und beliebigen Voraussetzungen, ohne die Natur redlich zu befragen und die Erfahrung vorurteilslos anzuhören. Man gibt Krankheiten als Zustände aus, die immer wieder auf ziemlich gleiche Art erscheinen. Die meisten Systeme geben ihren erdichteten Krankheits-Bildern Namen, und jedes System klassifiziert sie anders. Den Arzneien werden nach Vermutungen Wirkungen zugeschrieben (s. die vielen Arz neimittellehren!), die diese anormalen Zustände aufheben, das heißt heilen sollen.3

3

In maßloser Selbst-Verblendung werden (recht gelehrt) stets mehrere verschiedene Arzneien in so genannten Rezepten zusammengemischt und auch oft und in großen Gaben gegeben. So wird das teure, leicht zerstörbare Menschenleben vielfachunter den Händen dieser Verkehrten gefährdet, besonders weil man auch Aderlass, Brech- und Purgiermittel zu Hilfe nimmt sowie Ziehpflaster, Fontanellen, Haarseile, Beizen und Brennen.

Antipathische Behandlung ( 55-62)

Antipathie (Enantiopathie) beruht auf dem Contrarium-Prinzip und verschafft dem Kranken palliative Erleichterung ( 55-57). Ein einzelnes Symptom kann durch ein gegenteilig wirkendes Arzneimittel vorübergehend unterdrückt werden, wegen der anschließenden Verschlimmerung der Beschwerden (Nachwirkung) muss die Dosis aber immer weiter erhöht werden ( 58-60).

Isopathie gehört, genau betrachtet, ebenfalls zur Homöopathie ( 56). Homöopathie ist die wahre, dauerhafte Heilart ( 61).

55
Bald nach der Einführung jedes dieser Systeme überzeugte sich das Publikum, wie sich bei genauer Befolgung dieser Behandlungs-Methoden die Leiden der Kranken noch vermehren und erhöhen. Man hat die allopathischen Ärzte nur deshalb nicht schon längst verlassen, weil die palliative Erleichterung, die sie dem Kranken von Zeit zu Zeit durch einige empirisch aufgefundene Mittel (deren oft fast augenblickliche, schmeichelhafte Wirkung in die Augen fällt) zu verschaffen wissen, ihren Kredit noch einigermaßen aufrecht erhält.
56
Die palliative (antipathische, enantiopathische) Methode ist seit 17 Jahrhunderten nach Galens Lehre contraria contrariis [Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem] eingeführt. Mit ihr können die herkömmlichen Ärzte noch am sichersten hoffen, das Vertrauen des Kranken zu gewinnen, indem sie ihn mit fast augenblicklicher Besserung täuschen. Wie unhilfreich und wie schädlich diese Behandlungs-Art (in nicht sehr schnell verlaufenden Krankheiten) im Grunde ist, werden wir im Folgenden sehen. Sie ist zwar das einzige in der Behandlungs-Art der Allopathen, was einen offensichtlichen Bezug zu einem Teil der Symptome der natürlichen Krankheit hat. Aber nur einen umgekehrten Bezug, der sorgfältig vermieden werden sollte, wenn man den chronisch Kranken nicht täuschen und ihn ernst nehmen will.1

1

Man möchte gern eine dritte Anwendung der Arzneien gegen Krankheit durch Iso-pathie, wie man sie nennt, erschaffen, nämlich mit gleichem Miasma eine gleiche vorhandene Krankheit heilen. Aber angenommen, man könnte das, so würde sie, da sie das Miasma dem Kranken nur hoch potenziert und folglich verändert reicht, dennoch nur durch ein dem Simillimo entgegengesetztes Simillimum [das Ähnlichste] die Heilung bewirken.

Dieses Heilen Wollen durch eine ganz gleiche Krankheits-Potenz (per idem) [durch dasselbe] widerspricht dem gesunden Menschen-Verstand und aller Erfahrung. Diejenigen, die die so genannte Isopathie zuerst zur Sprache brachten, hatten vermutlich die Wohltat vor Augen, die die Menschheit durch die Anwendung der Kuhpocken-Impfung erfuhr. Durch sie wird der Geimpfte von künftiger Menschenpocken-Ansteckung freigehalten und gleichsam schon im Voraus von ihr geheilt. Aber beide, die Kuhpocken und die Menschenpocken, sind nur sehr ähnlich, auf keine Weise ganz dieselbe Krankheit. Sie sind in vielerlei Hinsicht voneinander verschieden, vor allem durch den schnelleren und milden Verlauf der Kuhpocken. Besonders aber dadurch, dass diese durch ihre Nähe den Menschen nie anstecken. So haben sie durch die allgemeine Verbreitung ihrer Impfung allen Epidemien der tödlichen, fürchterlichen Menschenpocken ein Ende gemacht. Deshalb hat die jetzige Generation keine anschauliche Vorstellung mehr von der ehemaligen scheußlichen Menschenpocken-Pest. Auch in Zukunft werden uns einige den Tieren eigene Krankheiten Arznei- und Heil-Potenzen für sehr ähnliche, wichtige Menschen-Krankheiten liefern und unseren homöopathischen Arznei-Vorrat ergänzen. Aber mit einem menschlichen Krankheits-Stoff (z.B. einem Psorikum, von Menschen-Krätze genommen) eine gleiche menschliche Krankheit (Menschen-Krätze oder davon entstandene Übel) heilen zu wollen – das sei fern! Die Folge davon ist nur Unheil und Verschlimmerung der Krankheit!

57
Um antipathisch zu verfahren, gibt ein gewöhnlicher Arzt gegen ein einzelnes, beschwerliches Symptom unter den vielen übrigen, von ihm nicht beachteten Symptomen der Krankheit eine Arznei, von der bekannt ist, dass sie das Gegenteil des zu beschwichtigenden Krankheits-Symptoms hervorbringt. Nach der Regel der uralten medizinischen Schule (contraria con-trariis) [Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem], die ihm seit mehr als fünfzehnhundert Jahren vorgeschrieben wird, kann er davon schnellste (palliative) Hilfe erwarten.
  • Er gibt starke Gaben Mohnsaft gegen Schmerzen aller Art, weil diese Arznei die Empfindung schnell betäubt. Er gibt dieses Mittel auch gegen Durchfälle, weil es schnell die wurmförmige Bewegung des Darmkanals hemmt und ihn bald unempfindlich macht. Ebenso gegen Schlaflosigkeit, weil Mohnsaft schnell einen betäubenden, stupiden Schlaf zuwege bringt.

  • Er gibt Purganzen, wo der Kranke schon lange an Leibesverstopfung und Hartleibigkeit leidet.

  • Er lässt die verbrannte Hand in kaltes Wasser tauchen, das durch die Kälte den Brennschmerz momentan wegzuzaubern scheint.

  • Er setzt den Kranken, der über Frostigkeit und Mangel an Lebenswärme klagt, in warme Bäder, die ihn doch nur momentan erwärmen.

  • Er lässt den langwierig Geschwächten Wein trinken, wodurch er momentan belebt und erquickt wird.

Und so wendet er noch einige andere antipathische Hilfs-Veranstaltungen an. Doch abgesehen von diesen nur noch wenige, da der gewöhnlichen Arzneikunst nur von wenigen Mitteln einige eigentümliche (Erst-) Wirkungen bekannt sind.
58
Bei dieser Arzneianwendung wird sehr fehlerhaft, bloß symptomatisch verfahren (s. Anm. zu 7). Das heißt, es wird nur einseitig für ein einzelnes Symptom, also nur für einen kleinen Teil des Ganzen gesorgt. Davon ist keine Hilfe für das Total der Krankheit zu erwarten, die allein der Kranke wünschen kann. Abgesehen davon muss man zur Beurteilung die Erfahrung fragen. In allen Fällen solchen antipathischen Arzneigebrauchs gegen eine langwierige oder anhaltende Beschwerde erfolgte nach kurzer Erleichterung eine größere Verschlimmerung der anfangs palliativ beschwichtigten Beschwerde, ja eine Verschlimmerung der ganzen Krankheit. Bei aufmerksamer Beobachtung sieht man, dass auf eine solche antipathische, kurze Erleichterung jederzeit und ohne Ausnahme eine Verschlimmerung folgt. Diese nachfolgende Verschlimmerung pflegt der gewöhnliche Arzt dem Kranken jedoch anders zu deuten. Er schiebt sie auf eine sich jetzt erst offenbarende Bösartigkeit der ursprünglichen Krankheit oder auf die Entstehung einer neuen1

1

Auch wenn die Ärzte bisher wenig zu beobachten pflegten, konnte ihnen doch nicht die Verschlimmerung entgehen, die auf solche Palliative sicher folgt. Ein starkes Beispiel dieser Art findet man in J. H. Schulze, Diss. qua corporis humani momen-tanearum alterationum specimina quaedam expenduntur. Halae 1741. 28. Etwas Ähnliches bezeugt Willis, Pharm. rat. Sect. 7. Cap. I. S. 298. Opiata dolores atrocis-simos plerumque sedant atque indolentiam - procurant, eamque - aliquamdiu et pro stato quodam tempore continuant, quo spatio elapso dolores mox recrudescunt et brevi ad solitam ferociam augentur [Opiumhaltige Mittel lindern meistens auch sehr starke Schmerzen. Sie bewirken Schmerzlosigkeit und lassen diese auch für eine bestimmte Zeit fortdauern; wenn aber dieser Zeitraum vorüber ist, kehren die Schmerzen bald wieder und steigern sich in kurzer Zeit zu gewohnter Stärke.]. Und so S. 295: Exactis opii viribus illico redeunt tormina, nec atrocitatem suam remittunt, nisi dum ab eodem pharmaco rursus incantantur [Wenn die Kräfte des Opiums nachgelassen haben, kehrt das Leibschneiden sofort zurück und lässt an Stärke nicht nach, es sei denn, es wird wieder durch das gleiche Medikament betäubt.]. So sagt J. Hunter (Über die venerische Krankheit. S. 13), dass Wein bei Schwachen die Wirkungskraft vermehrt, ohne ihnen eine wahre Stärke mitzuteilen. Danach sinken die Kräfte wieder in demselben Verhältnis, wie sie zuvor erregt wurden. Man erhält keinen Vorteil, sondern die Kräfte gehen größtenteils verloren.

.
59
Nie werden bedeutende Symptome anhaltender Krankheiten durch solche palliativen Gegensätze behandelt, ohne dass nach wenigen Stunden das Gegenteil, die Rückkehr, ja offensichtliche Verschlimmerung eines solchen Übels erfolgt.
  • Gegen langwierige Neigung zu Tagesschläfrigkeit verordnet man den in seiner Erstwirkung ermunternden Kaffee. Hat er ausgewirkt, nimmt die Tagesschläfrigkeit zu.

  • Gegen häufiges nächtliches Aufwachen gibt man, ohne auf die übrigen Symptome der Krankheit zu sehen, abends Mohnsaft, der seiner Erstwirkung zufolge für diese Nacht einen betäubenden, dummen Schlaf zuwege bringt. Die folgenden Nächte werden dann aber noch schlafloser.

  • Den chronischen Durchfällen setzt man, ohne die übrigen Krankheits-Zeichen zu berücksichtigen, Mohnsaft entgegen, der in seiner Erstwirkung den Leib verstopft. Nach kurzer Hemmung des Durchfalls wird er hinterher aber nur umso ärger.

  • Heftige, oft wiederkehrende Schmerzen aller Art kann man mit dem gefühlsbetäubenden Mohnsaft für kurze Zeit unterdrücken. Dann kommen sie oft unerträglich erhöht wieder zurück, oder andere, viel schlimmere Übel entstehen.

  • Gegen alten Nachthusten weiß der gewöhnliche Arzt bestenfalls Mohnsaft zu geben, der in seiner Erstwirkung jeden Reiz unterdrückt. In der ersten Nacht schweigt dieser dann vielleicht, kehrt aber in den folgenden Nächten nur umso angreifender zurück. Wird er dann noch einmal mit diesem Palliativ in hochgesteigerter Gabe unterdrückt, kommen Fieber und Nachtschweiß dazu.

  • Eine geschwächte Harnblase und daher rührende Harnverhaltung versucht man durch den antipathischen Gegensatz der Kantharidentink-tur zu besiegen, die die Harnwege aufreizt. Dadurch wird anfangs zwar eine Ausleerung des Urins erzwungen, hinterher die Blase aber noch unreizbarer und unvermögender, sich zusammenzuziehen, und die Harnblasen-Lähmung steht vor der Tür.

  • Mit den Purgier-Arzneien und Laxier-Salzen, die in starker Gabe die Därme zu häufiger Ausleerung reizen, will man eine alte Neigung zu Leibverstopfung aufheben. In der Nachwirkung wird der Leib aber nur umso verstopfter.

  • Langwierige Schwäche will der gewöhnliche Arzt durch Weintrinken heben, das nur in der Erstwirkung aufreizt. In der Nachwirkung sinken die Kräfte nur umso tiefer.

  • Durch bittere Dinge und hitzige Gewürze will er langwierig schwache und kalte Mägen stärken und erwärmen. Der Magen wird aber von diesen nur in der Erstwirkung aufregenden Palliativen in der Nachwirkung nur umso untätiger.

  • Lang anhaltender Mangel an Lebenswärme sowie Frostigkeit sollen durch die Verordnung warmer Bäder weichen. Die Kranken werden aber hinterher umso matter, kälter und frostiger.

  • Stark verbrannte Teile fühlen auf Behandlung mit kaltem Wasser zwar augenblickliche Erleichterung. Der Brennschmerz vermehrt sich hinterher aber unglaublich. Die Entzündung greift um sich und steigert sich zu einem umso höheren Grad.

  • Durch schleimerregende Niesmittel will man alten Stockschnupfen beheben. Durch dieses Entgegengesetzte verschlimmert er sich (in der Nachwirkung) aber immer mehr und die Nase wird noch verstopfter.

  • Mit den Potenzen der Elektrizität und des Galvanismus, die in der Erstwirkung die Muskelbewegung stark reizen, versetzt man langwierig schwache, fast gelähmte Glieder schnell in tätigere Bewegung. Die Folge aber (die Nachwirkung) sind völlige Abtötung der Muskel-Reizbarkeit und vollständige Lähmung.

  • Mit Aderlässen will man langwierigen Blutandrang zum Kopf und zu anderen Teilen z.B. bei Herzklopfen wegnehmen. Darauf erfolgt aber stets größere Blut-Anhäufung in diesen Organen, stärkeres, häufigeres Herzklopfen usw.

  • Die lähmende Trägheit der Körper- und Geistesorgane, zusammen mit der Besinnungslosigkeit, die in vielen Typhus-Arten vorherrscht, weiß die gewöhnliche Arzneikunst bestenfalls mit großen Gaben Baldrian zu behandeln, weil dieser angeblich eines der kräftigsten, ermunternden und beweglich machenden Arzneimittel ist. Diese Wirkung ist aber bloß Erstwirkung. In der Nachwirkung (Gegenwirkung) verfällt der Organismus in eine umso größere Betäubung und Bewegungslosigkeit, das heißt in Lähmung der Geistes- und Körper-Organe (selbst Tod). Gerade die Kranken, die sie am meisten mit dem hier opponierten, an-tipathischen Baldrian füttern, sterben am sichersten.

  • Der Arzt alter Schule1

    1

    S. Hufeland in seinem Pamphlet: Die Homöopathie. S. 20.

    frohlockt, wenn er den kleinen, schnellen Puls in Kachexien schon mit der ersten Gabe von Purpur-Fingerhut, der in seiner Erstwirkung den Puls verlangsamt, für mehrere Stunden langsamer erzwungen hat. Bald kehrt seine Geschwindigkeit aber verdoppelt zurück. Wiederholte, verstärkte Gaben bewirken immer weniger und schließlich gar keine Minderung seiner Schnelligkeit mehr, vielmehr wird er in der Nachwirkung nun unzählbar. Schlaf, Appetit und Kraft weichen, und der baldige Tod ist unausbleiblich, wenn nicht Wahnsinn entsteht.

Kurz gesagt: Durch solche entgegengesetzte (antipathische) Mittel verstärkt man in der Nachwirkung die Krankheit und führt oft noch etwas Schlimmeres herbei. Das sieht die falsche Theorie nicht ein. Aber die Erfahrung lehrt es mit Schrecken.
60
Gegen diese üblen Folgen, die vom antipathischen Gebrauch der Arzneien zu erwarten sind, glaubt der gewöhnliche Arzt sich dadurch zu helfen, dass er bei jeder erneuten Verschlimmerung eine verstärkte Gabe des Mittels reicht. Davon erfolgt ebenfalls nur eine kurze Beschwichtigung.1

1

Alle gewöhnlichen Palliative für die Leiden des Kranken haben (wie man hier sieht) als Nachwirkung eine Erhöhung der Leiden. Die älteren Ärzte müssen daher die Gaben verstärkt wiederholen, um eine ähnliche Minderung hervorzubringen, die dennoch nie von Dauer ist und nie ausreicht, um eine verstärkte Rückkehr des Leidens zu verhindern.

Broussais kämpfte vor 25 Jahren gegen die unsinnige Mischerei mehrerer Drogen in den Rezepten der Ärzte und machte ihr in Frankreich ein Ende (was ihm die Menschheit verdankt). Aber durch sein so genanntes physiologisches System führte er (ohne die schon damals verbreitete homöopathische Heilkunst zu beachten) eine Behandlungsart ein, die die Leiden der Kranken wirksam verminderte und (was die bis dahin üblichen Palliative nicht vermocht hatten) die verstärkte Rückkehr aller ihrer Leiden dauerhaft verhinderte. Sie erstreckte sich auf alle Krankheiten der Menschen. Brous-sais konnte die Krankheiten nicht mit milden, unschuldigen Arzneien heilen und Gesundheit herstellen. Er fand den leichteren Weg, die Leiden der Kranken auf Kosten ihres Lebens nach und nach immer mehr zu stillen und endlich mit dem Leben ganz auszulöschen. Eine Behandlungsart, die seinen kurzsichtigen Zeitgenossen genügte. Je mehr der Kranke noch Kräfte hat, desto auffallender sind seine Beschwerden, desto lebhafter fühlt er seine Schmerzen. Er wimmert, stöhnt, schreit und ruft immer stärker um Hilfe, so dass die Umstehenden nicht schnell genug zum Arzt eilen können, um ihm Ruhe zu verschaffen. Broussais musste nur die Lebenskraft des Kranken herabstimmen und immer mehr mindern, und siehe! Je öfter er ihn zur Ader ließ und durch je mehr Blutegel und Schröpfköpfe er ihm den Lebenssaft aussaugen ließ (denn nach ihm sollte fast an allen Leiden das unschuldige, unersetzliche Blut Schuld sein!), desto mehr verlor der Kranke die Kraft, Schmerzen zu empfinden oder durch heftige Klagen und Gebärden seinen verschlimmerten Zustand auszudrücken. Der Kranke erscheint nun umso ruhiger, je schwächer er geworden ist. Die Umstehenden freuen sich über seine scheinbare Besserung und eilen, wenn die Krämpfe, die Erstickung, die Angst-Anfälle oder die Schmerzen sich erneuern wollen, wieder zu den Mitteln, die schon so schön beruhigt hatten und Aussicht auf abermalige Beruhigung geben. Wenn bei langwierigen Krankheiten der Kranke noch etwas kräftig war, hatte er sich schon die Nahrung versagen und Hunger-Diät halten müssen, um das Leben umso erfolgreicher herabzustimmen und den beunruhigenden Zuständen ein Ende zu setzen. Der schon sehr geschwächte Kranke fühlt sich unfähig, gegen die weitere Schwächung durch Aderlass, Blutegel, Blasenpflaster, warme Bäder usw. zu protestieren oder sie abzuwehren.

Dass auf eine solche oft wiederholte Minderung und Erschöpfung der Lebenskraft der Tod folgen muss, merkt der seines Bewusstseins immer weniger mächtige Kranke nicht mehr. Die Verwandten werden durch die Minderung der letzten Leiden des Kranken durch Blutabzapfen und lauwarme Bäder so eingeschläfert, dass sie sich wundern, wie ihnen der Kranke unvermutet unter den Händen wegsterben konnte. Man behandelte doch, weiß Gott!, den Kranken auf seinem Krankenlager anscheinend nicht mit Heftigkeit.

Der kleine Lanzetten-Stich bei jedem Aderlass ist nicht schmerzhaft und die GummiAuflösung in Wasser (eau de gomme, fast die einzige Arznei, die Broussais erlaubte) mild von Geschmack und ohne sichtbare Wirkung. Auch die Blutegel beißen nur etwas und ziehen die vom Arzt verordnete Menge Blut in aller Stille ab, und die lauwarmen Wasserbäder können doch nur besänftigen. So muss die Krankheit wohl gleich von vornherein tödlich gewesen sein, so dass der Kranke trotz aller Bemühungen des Arztes die Erde verlassen musste. So trösten sich die Verwandten und besonders die Erben des Verstorbenen.

Den Ärzten in Europa und anderswo gefiel diese so bequeme Behandlung aller Krankheiten über einen Leisten gut, da sie ihnen alles Nachdenken (die mühsamste Arbeit!) ersparte. Sie hatten nur dafür zu sorgen, die Erinnerungen des Gewissens zu besänftigen und sich damit zu trösten, dass sie nicht Urheber dieses Systems und dieser Behandlungsart waren, dass alle übrigen Tausende von Broussaisten dasselbe taten und dass mit dem Tod vielleicht alles vorbei ist, wie ihr Meister öffentlich gelehrt hatt.. So wurden viele tausend Ärzte dazu verführt, mit kaltem Herzen das warme Blut ihrer heilungsfähigen Kranken in Strömen zu vergießen (ohne der Donnerworte des ältesten unserer Gesetzgeber zu gedenken: Du sollst kein Blut vergießen, denn das Leben ist im Blu.). So wurden mehr Millionen Menschen (brous-saisch) allmählich ihres Lebens beraubt, als in Napoleons Schlachten fielen. Vielleicht musste jenes System Broussais', das Leben der heilbaren Kranken medizinisch zu vernichten, vorausgehen, um der Welt die Augen zu öffnen für die einzig wahre Heilkunst, die Homöopathie. In ihr finden alle heilbaren Kranken Genesung und Wiederbelebung, wenn diese schwerste aller Künste von einem unermüdeten, scharfsinnigen Arzt rein und gewissenhaft ausgeübt wird.

Wird dann eine immer höhere Steigerung des Palliativs noch nötiger, folgt entweder ein anderes, größeres Übel oder oft sogar Unheilbarkeit, Lebensgefahr und Tod. Nie aber Heilung eines etwas älteren oder alten Übels.
61
Durch Nachdenken über solche traurigen Folgen von opponierter Arzneianwendung hätten die Ärzte die Wahrheit finden können, dass die wahre, dauerhafte Heilart im geraden Gegenteil von solcher anti-pathischen Behandlung der Krankheitssymptomezufinden ist. Eine den Krankheitssymptomen entgegengesetzte Arzneiwirkung (antipathisch angewendete Arznei) hat nur kurze Erleichterung und nach ihrem Verfließen stets Verschlimmerung zur Folge. Das umgekehrte Verfahren, die homöopathische Anwendung der Arzneien nach ihrer Symptomen-Ähn-lichkeit, bringt eine dauernde, vollständige Heilung zuwege, wenn dabei das Gegenteil ihrer großen, nämlich die allerkleinsten Gaben gegeben werden. Kein Arzt bewirkte jemals eine dauerhafte Heilung bei älteren oder alten Übeln, wenn sich in seiner Verordnung nicht zufällig ein vorwirkendes homöopathisches Arzneimittel befand. Jede schnelle, vollkommene Heilung, die die Natur jemals zustande gebracht hat ( 46), wurde stets durch eine ähnliche, zu der alten hinzugekommene Krankheit bewirkt. Durch nichts von all dem kamen sie in so vielen Jahrhunderten auf diese einzig heilbringende Wahrheit.
62
Worauf diese verderbliche Wirkung des palliativen, antipathischen Verfahrens und die Heilsamkeit des umgekehrten, homöopathischen beruht, erklären folgende aus vielfältigen Beobachtungen gewonnene Erfahrungen. Vor mir fielen sie niemandem auf, so nahe sie auch lagen, so einleuchtend und wichtig sie auch zum Heilzweck sind.
Erstwirkung und Nachwirkung ( 63–69)

Die Erstwirkung einer Arznei beruht auf deren Einwirkung auf die zunächst passive Lebenskraft. Als Nachwirkung setzt die nun aktiv gewordene Lebenskraft der vorher erlittenen Veränderung den entgegengesetzten Zustand entgegen (Gegenwirkung) oder löscht sie wieder aus (Heilwirkung) ( 63–65).

Bei kleinen homöopathischen Gaben sind Nachwirkungen kaum erkennbar ( 66, 68). Bei großen palliativen Gaben, die nur bei lebensbedrohlichen Zuständen indiziert sind ( 67), wird in der Nachwirkung durch die Gegenwirkung der Lebenskraft die Krankheit verschlimmert ( 69).

63
Jede auf das Leben einwirkende Potenz, jede Arznei, stimmt die Lebenskraft mehr oder weniger um und erregt für kürzere oder längere Zeit eine gewisse Befindens-Veränderung im Menschen. Man nennt sie Erstwirkung. Obwohl sie ein Produkt aus Arznei- und Lebens-Kraft ist, gehört sie mehr der einwirkenden Potenz an. Unsere Lebenskraft versucht, dieser Einwirkung ihre Energie entgegenzusetzen. Diese Rückwirkung gehört unserer Lebens-Erhaltungs-Kraft an und ist eine automatische Tätigkeit von ihr. Sie wird Nachwirkung oder Gegenwirkung genannt.
64
Bei der Erstwirkung der künstlichen Krankheits-Potenzen (Arzneien) auf unseren gesunden Körper (wie man an folgenden Beispielen sieht) scheint sich unsere Lebenskraft bloß empfänglich (rezeptiv, gleichsam leidend) zu verhalten. Sie scheint die Eindrücke der von außen einwirkenden künstlichen Potenz wie gezwungen in sich geschehen und dadurch ihr Befinden umändern zu lassen, sich dann aber wieder aufzuraffen.
  • Gegen diese in sich aufgenommene Einwirkung (Erstwirkung) scheint die Lebenskraft A) den entgegengesetzten Befindens-Zustand hervorzubringen (Gegenwirkung, Nachwirkung), wo es einen solchen gibt. In gleichem Grad, wie die Einwirkung (Erstwirkung) der künstlich krankmachenden oder arzneilichen Potenz auf sie gewesen ist, und nach dem Maß ihrer eigenen Energie.

  • Wo es keinen der Erstwirkung entgegengesetzten Zustand in der Natur gibt, scheint sie B) danach zu streben, ihr Übergewicht geltend zu machen. Sie löscht dann die Veränderung, die von außen (durch die Arznei) in ihr bewirkt wurde, aus und setzt an deren Stelle wieder ihre Norm ein (Nachwirkung, Heilwirkung).

65
Beispiele für A) liegen vor aller Augen.
  • Eine in heißem Wasser gebadete Hand ist anfänglich viel wärmer als die andere, ungebadete Hand (Erstwirkung). Vom heißen Wasser entfernt und wieder abgetrocknet, wird sie aber nach einiger Zeit kalt und bald viel kälter als die andere (Nachwirkung).

  • Den von heftiger Körperbewegung Erhitzten (Erstwirkung) befällt danach Frost und Schauder (Nachwirkung).

  • Dem gestern durch viel Wein Erhitzten (Erstwirkung) ist heute jedes Lüftchen zu kalt (Gegenwirkung des Organismus, Nachwirkung).

  • Ein lange in das kälteste Wasser getauchter Arm ist anfänglich viel blasser und kälter als der andere (Erstwirkung). Vom kalten Wasser entfernt und abgetrocknet, wird er anschließend aber nicht nur wärmer als der andere, sondern sogar heiß, rot und entzündet (Nachwirkung, Gegenwirkung der Lebenskraft).

  • Auf starken Kaffee erfolgt Übermunterkeit (Erstwirkung). Danach bleibt aber lange Trägheit und Schläfrigkeit zurück (Gegenwirkung, Nachwirkung), wenn sie nicht immer wieder durch neues Kaffeetrinken (palliativ, auf kurze Zeit) weggenommen wird.

  • Auf von Mohnsaft erzeugten tiefen Betäubungs-Schlaf (Erstwirkung) wird die folgende Nacht umso schlafloser (Gegenwirkung, Nachwirkung).

  • Nach der durch Mohnsaft erzeugten Leibverstopfung (Erstwirkung) erfolgt Durchfall (Nachwirkung).

  • Auf das mit darmerregenden Arzneien bewirkte Purgieren (Erstwirkung) folgt mehrtägige Leibverstopfung und Hartleibigkeit (Nachwirkung).

So bringt unsere Lebenskraft auf jede Erstwirkung einer Potenz, die das Befinden des gesunden Körpers stark umändert und in großer Gabe gegeben wird, in der Nachwirkung das Gegenteil (wo es ein solches gibt) zuwege.
66
Bei Einwirkung ganz kleiner homöopathischer Gaben der umstimmenden Potenzen ist keine auffallende, entgegengesetzte Nachwirkung im gesunden Körper wahrzunehmen. Eine bei entsprechender Aufmerksamkeit wahrnehmbare Erstwirkung bringt zwar ein wenig davon hervor. Aber der lebende Organismus macht nur so viel Gegenwirkung (Nachwirkung), wie zur Wiederherstellung des normalen Zustandes erforderlich ist.
67
Diese Wahrheiten, die sich aus Natur und Erfahrung darbieten, erklären den hilfreichen Vorgang bei homöopathischen Heilungen. Andererseits zeigen sie die Verkehrtheit der antipathischen und palliativen Behandlung der Krankheiten mit entgegengesetzt wirkenden Arzneien1

1

Erlaubt und zweckmäßig ist dies bloß in höchst dringenden Fällen, wo Lebensgefahr und Nähe des Todes einem homöopathischen Hilfsmittel zum Wirken keine Zeit, nicht Stunden, oft nicht einmal Viertelstunden und kaum Minuten gestattet. In plötzlich entstandenen Zufällen bei vorher gesunden Menschen, z.B. bei Asphyxien, dem Scheintod vom Blitz, vom Ersticken, Erfrieren, Ertrinken usw. Durch ein Palliativ, z.B. durch milde elektrische Erschütterungen, durch Klistiere mit starkem Kaffee, durch ein exzitierendes Riechmittel, allmähliche Erwärmungen usw. ist vorerst wenigstens die Reizbarkeit und Empfindung (das physische Leben) wieder aufzuregen. Ist es wieder aufgeregt, geht das Spiel der Lebensorgane seinen vorigen gesunden Gang weiter. Denn hier ist keine Krankheit., sondern bloß eine Hemmung und Unterdrückung der an sich gesunden Lebenskraft zu beseitigen. Hierher gehören auch die Antidote plötzlicher Vergiftungen: Alkalien gegen verschluckte Mineralsäuren, Schwefelleber gegen Metallgifte, Kaffee und Kampfer (und Ipecacuanha) gegen OpiumVergiftungen usw.

Eine homöopathische Arznei ist noch nicht deshalb unpassend gegen einen Krankheitsfall gewählt, weil das eine oder andere Arzneisymptom einigen mittleren und kleinen Krankheitssymptomen nur antipathisch entspricht. Es reicht, wenn die übrigen, stärkeren, besonders ausgezeichneten (charakteristischen) und sonderlichen Symptome der Krankheit durch dasselbe Arzneimittel durch SymptomenÄhnlichkeit (homöopathisch) gedeckt und befriedigt, das heißt überstimmt, vertilgt und ausgelöscht werden. So vergehen die wenigen entgegengesetzten Symptome nach verflossener Wirkungsdauer des Medikaments von selbst, ohne im Mindesten die Heilung zu verzögern.

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Dennoch (aber vergeblich) beruft sich die neue Mischlings-Sekte auf diese Anmerkung. Sie will bei Krankheiten überall solche Ausnahmen von der Regel antreffen und bequem ihre allopathischen Palliative einschwärzen sowie anderen verderblichen allopathischen Unrat dazu. Sie wollen sich die Mühe sparen, das treffende homöopathische Heilmittel für jeden Krankheitsfall aufzusuchen, und ganz bequem homöopathische Ärzte scheinen, ohne es zu sein. Ihre Taten sind entsprechend verderblich.

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Bei homöopathischen Heilungen sind ungewöhnlich kleine Arznei-Gaben ( 275-287) nötig, die gerade noch ausreichen, durch Ähnlichkeit ihrer Symptome die ähnliche natürliche Krankheit zu überstimmen und aus dem Gefühl des Lebensprinzips zu verdrängen. Die Erfahrung zeigt, dass manchmal nach Vertilgung der natürlichen Krankheit anfangs noch ein wenig Arzneikrankheit allein im Organismus fortdauert. Sie ist aber wegen der außerordentlichen Kleinheit der Gabe so vorübergehend, so leicht und so bald von selbst verschwindend, dass die Lebenskraft es nicht nötig hat, gegen diese kleine künstliche Verstimmung ihres Befindens eine bedeutendere Gegenwirkung vorzunehmen. Nach Auslöschung der vorherigen krankhaften Verstimmung braucht sie wenig Anstrengung, um das jetzige Befinden auf den gesunden (das heißt, zur völligen Herstellung gehörigen) Standpunkt zu erheben (s. 64 B).
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Bei der antipathischen (palliativen) Verfahrensart geschieht das Gegenteil. Der Arzt setzt dem Krankheitssymptom ein Arzneisymptom entgegen, das diesem nicht fremdartig, nicht völlig allopathisch ist (wenn z.B. Mohnsaft gegen empfindlichen Schmerz in der Erstwirkung Unempfindlichkeit und Betäubung erzeugt). Es ist eine offenbare Beziehung des Arzneisymptoms auf das Krankheitssymptom sichtbar, aber die umgekehrte. Die Vernichtung des Krankheitssymptoms soll hier durch ein opponiertes Arzneisymptom geschehen. Das ist jedoch unmöglich. Die antipathisch gewählte Arznei berührt denselben krankhaften Punkt im Organismus wie die ähnlich krankmachende, homöopathisch gewählte Arznei. Die antipathische Arznei verdeckt aber als ein Entgegengesetztes nur leicht das entgegengesetzte Krankheitssymptom und macht es nur kurzzeitig unserem Lebensprinzip unmerklich. So fühlt die Lebenskraft im ersten Moment der Einwirkung des opponierten Palliativs von beiden nichts Unangenehmes (weder vom Krankheits- noch vom entgegengesetzten Arzneisymptom). Beide scheinen einander gegenseitig im Gefühl des Lebensprinzips aufgehoben und gleichsam dynamisch neutralisiert zu haben (z.B. die Betäu- bungskraft des Mohnsaftes den Schmerz). Die Lebenskraft fühlt sich in den ersten Minuten wie gesund und empfindet weder Mohnsaft-Betäubung noch Krankheitsschmerz. Aber das opponierte Arzneisymptom kann nicht (wie beim homöopathischen Verfahren) die Stelle der vorhandenen Krankheitsverstimmung im Organismus (im Gefühl des Lebensprinzips) als eine ähnliche, stärkere (künstliche) Krankheit einnehmen. Es kann also das Lebensprinzip nicht, wie eine homöopathische Arznei, mit einer sehr ähnlichen Kunst-Krankheit affizieren und an die Stelle der bisherigen natürlichen Krankheits-Verstimmung treten. So muss die palliative Arznei die Krankheits-Verstimmung ungetilgt lassen, weil sie von ihr durch Gegensatz abweicht. Die palliative Arznei macht zwar die natürliche Krankheit für die Lebenskraft durch einen Schein von dynamischer Neutralisation1

1

Im lebenden Menschen findet keine bleibende Neutralisation gegenläufiger oder entgegengesetzter Empfindungen statt – wie etwa bei Substanzen von entgegengesetzter Eigenschaft in der chemischen Werkstatt. Dort vereinigen sich z.B. Schwefelsäure und Potasch-Kali zu einem anderen Wesen, zu einem Neutralsalz, das weder Säure noch Laugensalz ist und sich selbst im Feuer nicht wieder zersetzt. Solche Zusammenschmelzung und innige Vereinigung zu etwas bleibend Neutralem und Gleichgültigem findet bei dynamischen Eindrücken entgegengesetzter Natur in unseren Empfindungs-Werkzeugen nie statt. In diesem Fall ereignet sich anfänglich nur ein Schein von Neutralisation und gegenseitiger Aufhebung, die opponierten Gefühle heben sich aber nicht dauernd auf. Dem Traurigen werden durch ein lustiges Schauspiel nur kurz die Tränen getrocknet. Er vergisst aber bald die Possen, und seine Tränen fließen dann nur umso reichlicher.

anfangs unfühlbar, [die künstliche Arznei-Krankheit] verlöscht aber bald von selbst, wie jede Arzneikrankheit. Sie lässt nicht nur die Krankheit zurück, wie sie vorher war, sondern nötigt (da sie wie alle Palliative in großer Gabe gegeben werden muss, um die Schein-Beschwichtigung zu erreichen) die Lebenskraft auch, einen opponierten Zustand ( 63–65) gegen die palliative Arznei hervorzubringen. Das Gegenteil der Arzneiwirkung ist aber das Ähnliche der vorhandenen, ungetilgten natürlichen Krankheitsverstimmung. Diese wird durch den von der Lebenskraft hervorgebrachten Zusatz (Gegenwirkung auf das Palliativ) notwendig verstärkt und vergrößert2

2

Obwohl das so deutlich ist, hat man es doch missverstanden. Man wendet gegen diesen Satz ein, dass das Palliativ durch seine Nachwirkung, die das Ähnliche der vorhandenen Krankheit ist, ebenso gut heilen müsse, wie eine homöopathische Arznei durch ihre Erstwirkung. Man bedenkt dabei nicht, dass die Nachwirkung nie ein Erzeugnis der Arznei, sondern stets der gegenwirkenden Lebenskraft des Organismus ist. Die Nachwirkung, die von der Lebenskraft durch die Anwendung eines Palliativs herrührt, ist ein dem Krankheits-Symptom ähnlicher Zustand, den eben das Palliativ ungetilgt ließ und den die Gegenwirkung der Lebenskraft auf das Palliativ folglich noch verstärkt.

. Nach beendeter Wirkungsdauer des Palliativs wird das Krankheitssymptom (dieser einzelne Teil der Krankheit) also schlimmer. Umso schlimmer, je größer die Gabe war. Je größer also (um bei demselben Beispiel zu bleiben) die Gabe Mohnsaft ist, die zur Verdeckung des Schmerzes gereicht wird, desto mehr vergrößert sich der Schmerz in seiner ursprünglichen Heftigkeit, sobald der Mohnsaft ausgewirkt hat3

3

Wie wenn in einem dunklen Kerker, wo ein Gefangener nur nach und nach mit Mühe die nahen Gegenstände erkennen kann, plötzlich angezündeter Weingeist dem Elenden auf einmal alles um ihn herum erhellt. Verlischt er, umgibt ihn eine umso schwärzere Nacht, je stärker die erloschene Flamme war, und macht ihm alles umher noch unsichtbarer als vorher.

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Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen ( 70)

Vom Kranken reicht dem Arzt zum Heilen die Kenntnis der Gesamtheit seiner Symptome.

Die Heilkräfte der Arzneien werden in Arzneimittelprüfungen an Gesunden erforscht.

Unter den drei Möglichkeiten von Arzneitherapie erweisen sich die Allopathie und Antipathie als wirkungslos bzw. schädlich, die Homöopathie als allein hilfreich.

70
Aus dem bisher Dargelegten ist folgendes zu erkennen:
Alles Krankhafte und zu Heilende, was der Arzt an Krankheiten finden kann, besteht bloß in dem Zustand, den Beschwerden und den Veränderungen des Befindens, die am Kranken sinnlich wahrnehmbar sind. Es besteht bloß in der Gesamtheit der Symptome. Durch sie fordert die Krankheit die zu ihrer Hilfe geeignete Arznei. Jede ihr angedichtete innere Ursache, verborgene Beschaffenheit oder ein eingebildeter, materieller Krankheits-Stoff ist dagegen ein nichtiger Traum.
Diese Befindens-Verstimmung, die wir Krankheit nennen, kann nur durch eine andere Befindens-Umstimmung der Lebenskraft zur Gesundheit gebracht werden. Dies geschieht durch Arzneien. Deren Heilkraft kann nur in einer Veränderung des Menschenbefindens, das heißt in der eigentümlichen Erregung krankhafter Symptome bestehen. Dies wird am deutlichsten und reinsten bei ihrer Prüfung an gesunden Körpern erkannt.
  • Nach allen Erfahrungen kann durch Arzneien, die einen von der zu heilenden Krankheit abweichenden, fremdartigen Krankheitszustand (unähnliche krankhafte Symptome) in gesunden Menschen erregen können, die ihnen unähnliche natürliche Krankheit nie geheilt werden (also nie durch ein allopathisches Behandlungs-Verfahren). Selbst in der Natur wird keine innere Krankheit durch eine hinzutretende zweite, die ihr unähnlich ist, aufgehoben, vernichtet und geheilt, sei die neue auch noch so stark.

  • Ebenfalls nach allen Erfahrungen wird durch Arzneien, die dazu neigen, ein dem zu heilenden einzelnen Krankheitssymptom entgegengesetztes künstliches Krankheitssymptom im gesunden Menschen zu erregen, bloß eine schnell vorübergehende Linderung bewirkt. Nie aber Heilung einer älteren Beschwerde, sondern stets nachfolgende Ver- schlimmerung. Dieses antipathische und palliative Verfahren ist bei älteren, wichtigen Übeln zweckwidrig.

  • Die dritte, einzig mögliche Verfahrensart (die homöopathische) besteht darin, gegen die Gesamtheit der Symptome einer natürlichen Krankheit in angemessener Gabe eine Arznei zu gebrauchen, die möglichst ähnliche Symptome in gesunden Menschen erzeugen kann. Sie ist die allein hilfreiche Heilart. Durch sie werden die Krankheiten als bloß dynamische Verstimmungs-Reize durch den stärkeren, ähnlichen Verstimmungsreiz der homöopathischen Arznei im Gefühl des Lebens-Prinzips überstimmt und ausgelöscht. Auf diese Weise unbeschwerlich, vollkommen und dauerhaft ausgelöscht, müssen sie zu existieren aufhören. Dabei geht die freie Natur in ihren zufälligen Ereignissen mit ihrem Beispiel voran. Wenn zu einer alten Krankheit eine neue, der alten ähnliche hinzutritt, wird die alte schnell und für immer vernichtet und geheilt.

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