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B978-3-437-56621-9.50021-X

10.1016/B978-343756621-9.50021-X

978-3-437-56621-9

Hauptteil II

Praktische Grundlagen ( 71–291)

Gliederung ( 71)

  • 1.

    Erforschung der Krankheiten [Anamnese],

  • 2.

    Erforschung der Arzneikräfte [Arzneimittelprüfungen an Gesunden],

  • 3.

    Anwendung der richtigen Arzneien [Homöotherapie].

71
Die Krankheiten des Menschen bestehen bloß aus Gruppen bestimmter Symptome und werden durch einen Arzneistoff nur dadurch, dass er ähnliche krankhafte Symptome künstlich erzeugen kann, vernichtet und in Gesundheit verwandelt (darauf beruht der Vorgang jeder echten Heilung). Dementsprechend beschränkt sich das Heilgeschäft auf folgende drei Punkte:
  • I. Wie erforscht der Arzt, was er zum Heilzweck von der Krankheit wissen muss?

  • II. Wie erforscht er die Werkzeuge, die zur Heilung der natürlichen Krankheiten bestimmt sind, die krankmachende Potenz der Arzneien?

  • III. Wie wendet er diese künstlichen Krankheitspotenzen (Arzneien) zur Heilung der natürlichen Krankheiten am zweckmäßigsten an?

Erforschung der Krankheiten, Anamnese ( 72-104)

Akute und chronische Krankheiten1 ( 72-78)

Akute Krankheiten verlaufen schnell und sind selbstlimitierend. Hahnemann unterscheidet

  • 1.

    solche, die durch Veranlassung individueller Schädlichkeiten [Erregungsursachen] einzelne Menschen befallen (Auflodern latenter Psora),

  • 2.

    sporadische, die durch Veranlassung meteorischer oder tellurischer Einflüsse einige Menschen befallen [Kollektivkrankheiten],

  • 3.

    epidemische, die durch Ansteckung mit einem für die jeweilige Epidemie typischen Fieber viele Menschen befallen [Kollektivkrankheiten], und

  • 4.

    solche, die aufgrund ihrer Verursachung durch ein akutes Miasma bei allen Menschen denselben Verlauf nehmen [festständige Krankheiten] ( 73).

Chronische Krankheiten verlaufen langsam und heilen nie von selbst. Sie können

  • 1.

    durch allopathische Behandlung erkünstel. (und damit unheilbar) sein ( 74-76),

  • 2.

    durch ständige Einwirkung von vermeidbaren Schädlichkeiten unterhalten werden ( 77) oder

  • 3.

    auf einem chronischen Miasma beruhen ( 78).

72
Zum ersten Punkt dient Folgendes als allgemeine Übersicht:
  • Die Krankheiten der Menschen sind teils schnelle Erkrankungs-Prozesse des anormal verstimmten Lebensprinzips, die ihren Verlauf in mäßiger, mehr oder weniger kurzer Zeit beenden. Man nennt sie akute Krankheiten.

  • Teils sind es solche Krankheiten, die anfangs oft unbemerkt und jede auf ihre eigene Weise den lebenden Organismus dynamisch verstimmen und allmählich so vom gesunden Zustand entfernen, dass die zur Erhaltung der Gesundheit bestimmte, automatische Lebens-Energie - Lebenskraft (Lebensprinzip) genannt - ihnen bei ihrem Anfang wie Fortgang nur unvollkommenen, unzweckmäßigen, unnützen Widerstand entgegensetzen kann. Sie kann sie durch ihre eigene Kraft nicht in sich selbst auslöschen, sondern muss sie ohnmächtig fortwuchern und sich selbst immer anormaler umstimmen lassen, bis hin zur Zerstörung des Organismus. Man nennt sie chronische Krankheiten. Sie entstehen von dynamischer Ansteckung durch ein chronisches Miasma.

73
Akute Krankheiten sind teils solche, die den einzelnen Menschen auf Veranlassung von Schädlichkeiten befallen, denen gerade dieser Mensch insbesondere ausgesetzt ist. Veranlasst werden solche akuten Fieber durch Ausschweifungen in Genüssen oder ihre Entbehrung, physische heftige Eindrücke, Erkältungen, Erhitzungen, Strapazen, Verheben usw. oder psychische Erregungen, Affekte usw. Im Grunde sind es meist vorübergehende Aufloderungen latenter Psora, die von selbst wieder in ihren Schlummer-Zustand zurückkehrt, wenn die akuten Krankheiten nicht zu heftig waren und bald beseitigt werden.
Teils sind akute Krankheiten solche, die einige Menschen zugleich hie und da (sporadisch) befallen, auf Veranlassung meteorischer oder tellurischer Einflüsse und Schädlichkeiten. Nur einige Menschen besitzen zu derselben Zeit die Empfänglichkeit, davon krankhaft erregt zu werden.
Hieran grenzen jene akuten Krankheiten, die viele Menschen aus ähnlicher Ursache unter sehr ähnlichen Beschwerden epidemisch ergreifen. Wenn sie zusammengedrängte Massen von Menschen überziehen, werden sie gewöhnlich ansteckend (kontagiös). Da entstehen Fieber1

1

Der homöopathische Arzt ist nicht von den Vorurteilen befangen, die die gewöhnliche Schule ersann. Damit sie bei ihrer Behandlung nach einem bestimmten Leisten verfahren kann, setzt sie einige Namen solcher Fieber fest, außer denen die Natur keine anderen hervorbringen darf. Er erkennt die Namen Kerker-, Gallen-, Typhus-, Faul-, Nerven- oder Schleim-Fieber nicht an, sondern heilt sie, ohne ihnen bestimmte Namen zu geben, jedes nach seiner Eigentümlichkeit.

von jeweils eigener Natur. Weil die Krankheits-Fälle den gleichen Ursprung haben, versetzen sie die daran Erkrankten in einen gleichartigen Krankheits-Pro-zess, der sich in einem mäßigen Zeitraum zu Genesung oder Tod entscheidet, wenn er sich selbst überlassen bleibt. Nicht selten werden sie durch Kriegsnot, Überschwemmungen und Hungersnot veranlasst und erzeugt.
Teils sind es eigenartige akute Miasmen, die entweder auf gleiche Art wiederkehren (und daher unter einem hergebrachten Namen bekannt sind) und den Menschen nur einmal im Leben befallen, wie die Menschenpocken, die Masern, der Keuchhusten, das ehemalige glatte, hellrote Schar-lach-Fieber2

2

Nach dem Jahr 1801 verwechselten die Ärzte ein aus dem Westen gekommenes Purpur-Friesel (Roodvonk) mit dem Scharlachfieber, obwohl es ganz andere Zeichen hatte. Das Purpur-Friesel fand an Belladonna, das Scharlachfieber an Akonit sein Schutz- und Heilmittel. Letzteres erschien meist nur sporadisch, ersteres stets nur epidemisch. In den letzten Jahren scheinen sich beide hie und da zu einem Ausschlagsfieber von eigener Art verbunden zu haben, gegen das weder das eine noch das andere dieser beiden Heilmittel einzeln als genau homöopathisch passend befunden wird.

des Sydenham, die Mumps usw. Oder die oft auf ziemlich ähnliche Weise wiederkehren, wie die levantische Pest, das gelbe Fieber der Küstenländer, die ostindische Cholera usw.
74
Zu den chronischen Krankheiten müssen wir immer noch jene allgemein verbreiteten rechnen, die durch allopathische Behandlungen erkünstelt sind. Oder durch den anhaltenden Gebrauch heftiger, heroischer Arzneien in großen und gesteigerten Gaben, den Missbrauch von Kalomel, Quecksilbersublimat, Quecksilbersalbe, salpetersauren Silbers, Jodinen und ihrer Salbe, Opium, Baldrian, Chinarinde und Chinin, Purpurfingerhut, Blausäure, Schwefel und Schwefelsäure, jahrelange Abführmittel, Blut in Strömen vergießende Aderlässe1

1

Unter allen Methoden, die zur Hilfe für Krankheiten ersonnen werden, ist keine allopathischer, widersinniger und zweckwidriger als die seit vielen Jahren über einen großen Teil der Erde verbreitete broussaische Schwächungs-Behandlung durch Blut-Vergießen und Hunger-Diät. Kein verständiger Mensch kann sich darunter etwas Ärztliches, etwas arzneilich Helfendes denken. Wirkliche Arznei dagegen, selbst wenn sie blindlings ergriffen und einem Kranken eingegeben wird, bessert doch ab und zu einen Krankheits-Fall, weil es zufällig eine homöopathische ist. Von Blut-Ver-gießen aber kann der gesunde Menschen-Verstand nur eine unausbleibliche Verminderung und Verkürzung des Lebens erwarten. Es ist eine jämmerliche, völlig grundlose Fiktion, dass die meisten, ja alle Krankheiten aus örtlichen Entzündungen bestehen. Selbst für wahre örtliche Entzündungen findet sich schnelle Heilung in Arzneien, die die Gereiztheit der Arterien, die der Entzündung zugrunde liegt, dynamisch wegnehmen, ohne den mindesten Verlust an Säften und Kräften. Die örtlichen Blut-Entziehungen vermehren dagegen selbst an der krankhaften Stelle die Neigung zu wiederholter Entzündung dieser Teile. Ebenso ist es bei entzündlichen Fiebern im Allgemeinen zweckwidrig, ja mörderisch, viele Pfund Blut aus den Venen abzuzapfen. Denn wenige, angemessene Arznei nimmt die Gereiztheit der Arterien, die das vorher so ruhige Blut jagt, samt der zugrunde liegenden Krankheit oft in wenigen Stunden weg, ohne den mindesten Verlust an Säften und Kräften. Großer Blutverlust dieser Art ist für die restliche Lebensdauer offenbar unersetzlich. Die zur Blutbereitung bestimmten Organe werden dadurch so wesentlich geschwächt, dass sie zwar Blut in gleicher Menge, aber nie wieder in gleicher Güte zubereiten können. Unmöglich kann sich die eingebildete Plethora, die man durch gehäufte Aderlässe abzuzapfen verordnet, in so großer Geschwindigkeit erzeugt haben, da doch der Puls des jetzt so heißen Kranken noch vor einer Stunde (vor dem Fieber-Schauder) so ruhig schlug. Kein Mensch, kein Kranker hat jemals zuviel Blut oder zuviele Kräfte. Vielmehr fehlt es jedem Kranken an Kräften. Sonst hätte sein Lebensprinzip die Entstehung der Krankheit abgewehrt. Dem ohnehin schwachen Kranken verursacht man durch Vergießen seines Blutes eine noch größere Schwächung, die ärgste, die sich nur denken lässt. Seine Krankheit, die nur dynamisch ist und nur durch dynamische Potenzen gehoben werden kann, wird dadurch nicht weggenommen. Das ist ebenso unsinnig wie grausam. Eine mörderische Misshandlung aufgrund einer aus der Luft gegriffenen Theorie.

Der einzig mögliche Fall einer Plethora ereignet sich bei einer gesunden Frau einige Tage vor ihrer monatlichen Periode. Da spürt sie eine gewisse Fülle in ihrer Gebärmutter und in ihren Brüsten, ohne alle Entzündung.

, Blutegel, Fontanellen, Haarseile usw. Davon wird die Lebenskraft teils geschwächt, teils nach und nach (vom Missbrauch jedes besonderen Mittels auf eigene Art) anormal verstimmt, wenn sie nicht gar unterliegt. Um das Leben gegen diese feindseligen und zerstörenden Angriffe aufrecht zu erhalten, muss die Lebenskraft den Organismus umändern, diesem oder jenem Teil entweder die Erregbarkeit oder die Empfindung nehmen oder übermäßig erhöhen, Teile erweitern oder zusammenziehen, erschlaffen oder verhärten oder sogar vernichten und hie und da im Inneren und Äußeren organische Fehler anbringen2

2

Unterliegt der Kranke schließlich, so pflegt der Vollbringer einer solchen Behandlung bei der Leichenöffnung diese inneren organischen Verunstaltungen, deren Entstehung sich seiner Unkunst verdankt, den trostlosen Angehörigen als ursprüngliches unheilbares Übel vorzuführen. S. mein Buch Die Allopathie, ein Wort der Warnung an Kranke jeder Art. Leipzig, bei Baumgärtner. Die anatomischen Pathologien mit Abbildungen täuschenden Andenkens enthalten die Produkte solcher jämmerlichen Verpfuschungen. Die pathologische Anatomie pflegt Landbewohner und städtische Arme, die ohne solche Verpfuschung durch schädliche Mittel an natürlichen Krankheiten verstorben sind, nicht zu öffnen. In ihren Leichen würde man keine solchen Schäden und Verunstaltungen finden. Daran kann man die Beweis-Kraft jener schönen Abbildungen und die Redlichkeit dieser Autoren beurteilen.

(den Körper im Inneren und Äußeren verkrüppeln). Dadurch verschafft sie dem Organismus Schutz vor völliger Zerstörung des Lebens und gegen die immer erneuerten, feindlichen Angriffe solcher ruinierender Potenzen.
75
Die Verhunzungen des menschlichen Befindens, die die allopathische Unheilkunst (am schlimmsten in letzter Zeit) hervorgebracht hat, sind unter allen chronischen Krankheiten die traurigsten und unheilbarsten. Wenn sie entsprechend hoch getrieben wurden, können anscheinend keine Heilmittel mehr für sie erfunden oder erdacht werden.
76
Nur gegen natürliche Krankheiten hat uns der Allgütige Hilfe durch die Homöopathie geschenkt. Nicht aber gegen jene oft jahrelangen Schwächungen, die durch falsche Kunst schonungslos erzwungen werden (durch Blut-Verschwenden, Auszehrung durch Haarseile und Fontanellen). Auch nicht gegen die Verhunzungen und Verkrüppelungen des menschlichen Organismus im Inneren und Äußeren durch schädliche Arzneien und zweckwidrige Behandlungen. Diese müsste (bei sonstiger zweckmäßiger Hilfe gegen ein vielleicht im Hintergrund liegendes chronisches Miasma) die Lebenskraft selbst wieder zurücknehmen. Sie ist aber zu sehr durch solche Untaten geschwächt worden. Außerdem müsste sie mehrere Jahre für dieses ungeheuere Geschäft ungestört verwenden können. Eine menschliche Heilkunst zur Normalisierung jener unzähligen Anormalitäten, die von der allopathischen Unheilkunst so oft angerichtet werden, gibt es nicht und kann es nicht geben.
77
Diejenigen Krankheiten sollten eigentlich nicht chronische genannt werden, die Menschen erleiden, die sich fortwährend vermeidbaren Schädlichkeiten aussetzen,
  • schädliche Getränke oder Nahrungsmittel genießen,

  • sich Ausschweifungen verschiedener Art hingeben, die die Gesundheit untergraben,

  • zum Leben nötige Bedürfnisse andauernd entbehren,

  • sich in ungesunden, besonders sumpfigen Gegenden aufhalten,

  • in Kellern, feuchten Werkstätten oder anderen verschlossenen Wohnungen hausen,

  • unter Mangel an Bewegung oder frischer Luft leiden,

  • sich durch übermäßige Körper- oder Geistes-Anstrengungen um ihre Gesundheit bringen,

  • in stetem Verdruss leben usw.

Diese sich selbst zugezogenen Ungesundheiten vergehen (wenn kein chronisches Miasma im Körper liegt) bei gebesserter Lebensweise von selbst und können den Namen chronische Krankheiten nicht führen.
78
Die wahren, natürlichen chronischen Krankheiten sind durch ein chronisches Miasma entstanden. Sich selbst überlassen und ohne den Gebrauch eines gegen sie spezifischen Heilmittels nehmen sie immer weiter zu. Sie steigen selbst beim besten geistig und körperlich diätetischen Verhalten und quälen den Menschen mit immer höheren Leiden bis ans Ende des Lebens. Außer jenen durch ärztliche Misshandlung ( 74) erzeugten sind sie die zahlreichsten und größten Peiniger des Menschen. Die robusteste Körper-Anlage, die geordnetste Lebensweise und die tätigste Energie der Lebenskraft sind außerstande, sie zu vertilgen.1

1

In den blühendsten Jünglingsjahren und zu Beginn der geregelten Menstruation, gepaart mit einer für Geist, Herz und Körper wohltätigen Lebensweise, bleiben sie oft mehrere Jahre unkenntlich. Die davon Ergriffenen scheinen dann in den Augen ihrer Verwandten und Bekannten völlig gesund und die Krankheit, die ihnen durch Ansteckung oder Erbschaft eingeprägt wurde, scheint völlig verschwunden zu sein. Sie kommt aber in späteren Jahren und bei widrigen Ereignissen und Verhältnissen im Leben unausbleiblich aufs Neue zum Vorschein. Sie nimmt umso schneller zu und gewinnt einen umso beschwerlicheren Charakter, je mehr das Lebens-Prinzip durch schwächende Leidenschaften, Gram und Kummer, vor allem aber durch zweckwidrige medizinische Behandlung zerrüttet wurde.

Die drei chronischen Miasmen ( 79-81)

Nach erfolgter örtlicher Infektion und Ausbreitung der inneren Krankheit im ganzen Organismus entstehen als Lokalsymptom bei der Syphilis der Schanker, bei der Sykosis die Feigwarzen und bei der Psora die Krätze oder andere Hautausschläge.

Bloß äußerliche Behandlung des Primärsymptoms bringt die im Inneren schlummernde Krankheit zum Ausbruch (Sekundärsymptome). Die innere Psora kann nur durch anti-psorische Arzneimittel (homöopathisch) geheilt werden ( 79-81).

79
  • Bisher kennt man nur die Syphilis einigermaßen als eine chronisch miasmatische Krankheit, die ungeheilt nur mit dem Ende des Lebens erlischt.

  • Die Sykosis (Feigwarzenkrankheit), die ungeheilt von der Lebenskraft ebenso wenig vertilgt werden kann, erkennt man nicht als eine innere chronisch miasmatische Krankheit eigener Art, die sie doch ist. Durch Zerstörung der Auswüchse auf der Haut glaubt man, sie geheilt zu haben. Das fortdauernde Siechtum, das von ihr zurückbleibt, beachtet man nicht.

80
Unermesslich verbreiteter, folglich weit bedeutender als die beiden genannten ist das chronische Miasma der Psora. Die Syphilis bezeichnet ihr spezifisches inneres Siechtum durch den venerischen Schanker, die Sykosis durch die blumenkohlartigen Auswüchse. Das innere, ungeheuere, chronische Miasma der Psora zeigt sich ebenfalls erst nach vollendeter innerer Infektion des ganzen Organismus durch einen eigenartigen Haut-Ausschlag, der manchmal nur aus einigen wenigen Blütchen besteht, mit unerträglich kitzelnd-wohllüstigem Jucken und spezifischem Geruch. Die Psora ist die wahre Grund-Ursache und Erzeugerin fast aller übrigen häufigen, ja unzähligen Krankheits-Formen

Zwölf Jahre verbrachte ich damit, die Quelle jener unglaublich zahlreichen langwierigen Leiden aufzufinden, diese Wahrheit, die der ganzen Vor- und Mitwelt unbekannt geblieben ist, zu erforschen und zur Gewissheit zu bringen. Zugleich entdeckte ich die besten (antipsorischen) Heilmittel, die diesem tausendköpfigen Ungeheuer von Krankheit in seinen sehr verschiedenen Äußerungen und Formen meist gewachsen sind. Meine Erfahrungen hierüber habe ich in dem Buch Die chronischen Krankheiten (4 Teile. Dresden, bei Arnold, 1828, 1830 und 2. Ausgabe in 5 Bänden, bei Schaub) vorgelegt.

Bevor ich mit dieser Kenntnis im Reinen war, konnte ich nur lehren, sämtliche chronischen Krankheiten als abgesonderte, einzelne Individuen mit den Arzneisubstanzen zu behandeln, die nach ihrer reinen Wirkung an gesunden Menschen bis dahin geprüft waren. So wurde jeder Fall einer langwierigen Krankheit von meinen Schülern nach der Symptomen-Gruppe, die an ihm anzutreffen war, wie eine Krankheit eigener Art behandelt und oft so weit geheilt, dass die kranke Menschheit über den weit fortgeschrittenen Hilfs-Reichtum der neuen Heilkunst frohlocken konnte. Nun kann sie noch zufriedener sein, dass sie dem gewünschten Ziel noch näher kommt. Jetzt sind ihr auch die hinzugefundenen homöopathischen Heilmittel, die für die aus Psora hervorkeimenden chronischen Leiden noch viel spezifischer sind, und die spezielle Lehre, sie zu bereiten und anzuwenden, mitgeteilt worden. Unter diesen wählt der echte Arzt diejenigen, deren Arznei-Symptome der zu heilenden chronischen Krankheit am meisten (homöopathisch) entsprechen und so fast durchgängig vollständige Heilungen bewirken.

. In den Pathologien treten diese als eigene, abgeschlossene Krankheiten unter folgenden Namen in Erscheinung:
  • Nerven-Schwäche, Hysterie, Hypochondrie, Manie, Melancholie, Blödsinn, Raserei, Fallsucht und Krämpfe aller Art, Knochen-Erweichung (Rachitis), Skrofel, Skoliose und Kyphose, Knochenfäule, Krebs, Blutschwamm, Afterorganisationen, Gicht, Hämorrhoiden, Gelb- und Blausucht, Wassersucht, Amenorrhöe, Blutsturz aus Magen, Nase, Lungen, Harnblase oder Gebärmutter, Asthma und Lungenvereiterung, Impotenz und Unfruchtbarkeit, Migräne, Taubheit, grauer und schwarzer Star, Nierenstein, Lähmungen, Sinnes-Mängel und Schmerzen tausenderlei Art usw.

81
Dieser uralte Ansteckungs-Zunder ging in einigen hundert Generationen nach und nach durch viele Millionen menschlicher Organismen und gelangte zu einer unglaublichen Ausbildung. So wird begreiflich, wie er sich bei dem großen Menschen-Geschlecht in so unzähligen Krankheits-Formen entfalten konnte. Besonders wenn wir betrachten, welche Menge von Umständen1

1

Einige dieser Ursachen, die die Ausbildung der Psora zu chronischen Übeln modifizieren, liegen offenbar teils im Klima und der besonderen, natürlichen Beschaffenheit des Wohnorts. Teils in der so abweichenden Erziehung des Körpers und Geistes der Jugend, der vernachlässigten, verschrobenen oder überfeinerten Ausbildung beider, ihrem Missbrauch im Beruf oder in den Lebens-Verhältnissen, der diätetischen Lebensweise, den Leidenschaften der Menschen, ihren Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten mancher Art.

zur Bildung dieser großen Verschiedenheit chronischer Krankheiten (sekundärer Symptome der Psora) beitragen. Allein schon die den Menschen angeborenen Körper-Konstitutionen, die bereits für sich unendlich voneinander abweichen, sind von einer unbeschreiblichen Mannigfaltigkeit. So ist es kein Wunder, wenn so viele verschiedene Schädlichkeiten, die von innen und außen oft dauernd auf so verschiedene, vom psorischen Miasma durchdrungene Organismen einwirken, auch unzählbar verschiedene Mängel, Schäden, Verstimmungen und Leiden hervorbringen. Letztere werden in der alten Pathologie2

2

In der alten Pathologie gibt es sehr viele missbräuchliche, vieldeutige Namen, unter denen man höchst verschiedene Krankheitszustände begreift, die sich oft nur in einem einzigen Symptom ähneln, wie kaltes Fieber, Gelbsucht, Wassersucht, Schwindsucht, Leukorrhöe, Hämorrhoiden, Rheumatismus, Schlagfluss, Krämpfe, Hysterie, Hypochondrie, Melancholie, Manie, Bräune, Lähmung usw. Man gibt sie für sich gleichbleibende, festständige Krankheiten aus und behandelt sie des Namens wegen nach dem eingeführten, gewöhnlichen Leisten! Mit einem solchen Namen kann man eine gleichartige arzneiliche Behandlung nicht rechtfertigen. Soll die Behandlung nicht immer dieselbe sein, wozu dann der irreleitende identische Name, der gleiche Behandlung voraussetzt?

Nihil sane in artem medicam pestiferum magis unquam irrepsit malum, quam ge-neralia quaedam nomina morbis imponere iisque aptare velle generalem quandam medicina. [Es hat fürwahr niemals ein schlimmeres Übel in der medizinischen Kunst gegeben als dieses, nämlich Krankheiten mit allgemeinen Namen zu belegen und diesen dann irgendwelche allgemeinen Arzneien zuordnen zu wollen], spricht der so einsichtsvolle wie seines zarten Gewissens wegen verehrungswerte Huxham (Op. phys. med. Tom. I.). Und ebenso beklagt sich Fritze (Annalen. I. S. 80), dass man wesentlich verschiedene Krankheiten mit einem Namen benennt.

Selbst jene akuten Volkskrankheiten, die sich wohl bei jeder einzelnen Epidemie durch einen eigenen, uns unbekannt bleibenden Ansteckungsstoff fortpflanzen, werden in der alten Arzneischule mit speziellen Namen wie Typhus-, Spital-, Kerker-, Lager-, Faul-, typhöse, Nerven- oder Schleim-Fieber usw. belegt. Als wären sie stets gleichartig wiederkehrende, schon bekannte, festständige Krankheiten. Dabei zeichnet sich jede Epidemie solcher herumgehenden Fieber jedesmal als eine andere, neue, nie ganz so dagewesene Krankheit aus - sehr abweichend sowohl in ihrem Verlauf als auch in mehreren der auffallendsten Symptome und in ihrem ganzen jedesmaligen Verhalten. Jede ist allen vorhergegangenen, so oder so benannten Epidemien derart unähnlich, dass man alle logische Genauigkeit in Begriffen verleugnen muss, wenn man diesen untereinander so abweichenden Seuchen einen jener in den Pathologien eingeführten Namen gibt und sie dieser missbräuchlichen Benennung gemäß arzneilich gleich behandelt.

Dies sah bloß der Redliche Sydenham ein, indem er (Oper. Cap. 2. de morb. epid. S. 43) fordert, keine epidemische Krankheit für eine bereits dagewesene zu halten und sie nach Art einer anderen ärztlich zu behandeln, da sie doch alle, so viele ihrer nach und nach erscheinen, voneinander verschieden sind: animum admiratione percellit, quam discolor et sui plane dissimilis morborum epidemicorum facies; quae tam aperta horum morborum diversitas tum propriis ac sibi peculiaribus symptomatis tum etiam medendi ratione, quam hi ab illis disparem sibi vindicant, satis illucescit. Ex quibus constat, morbos epidemicos, utut externa quatantenus specie et symptomatis aliquot utrisque pariter convenire paullo incautioribus videantur, re tamen ipsa, si bene adverteris animum, alienae esse admodum indolis et distare ut aera lupinis [Es ist erstaunlich, wie bunt und untereinander völlig unterschiedlich die Erscheinungsformen epidemischer Krankheiten sind; diese so offensichtliche Verschiedenheit zeigt sich das eine Mal durch die charakteristischen und spezifischen Symptome, das andere Mal auch in der Behandlungsart, von der jede eine andere verlangt. Folglich können epidemische Krankheiten, auch wenn sie äußerlich bis zu einem gewissen Grad und in einigen Symptomen den etwas ungenaueren Betrachtern geradezu gleich zu sein scheinen, tatsächlich von sehr verschiedenem Wesen sein und sich diametral unterscheiden; man muss nur gut genug darauf achten.].

Aus all dem ergibt sich, dass diese nutzlosen und missbräuchlichen Krankheitsnamen keinen Einfluss auf die Behandlungsweise eines echten Heilkünstlers haben dürfen. Er weiß, dass die Krankheiten nicht nach der Namens-Ähnlichkeit eines einzelnen Symptoms, sondern nach dem Inbegriff aller Zeichen des individuellen Zustandes jedes einzelnen Kranken zu beurteilen und zu heilen sind. Dessen Leiden muss er genau ausspähen, darf sie aber nie bloß hypothetisch voraussetzen.

Glaubt man, dennoch manchmal gewisse Krankheitsnamen zu benötigen, um sich dem Volk in aller Kürze verständlich zu machen, wenn von einem Kranken die Rede ist, so gebrauche man sie nur als Kollektivnamen und sage z.B.: der Kranke hat eine Art Veitstanz, eine Art von Wassersucht, eine Art von Nervenfieber, eine Art kalten Fiebers. Nie aber (damit endlich einmal die Täuschung mit diesen Namen aufhört) sage man: er hat den Veitstanz, das Nervenfieber, die Wassersucht, das kalte Fieber. Es gibt keine festständigen, sich gleichbleibenden Krankheiten mit diesen oder ähnlichen Namen.

unter einer Menge eigener Namen fälschlich als für sich bestehende Krankheiten aufgeführt.
Die Anamnese ( 82-104)

Eine individualisierende Anamnese erfordert vom Arzt Unbefangenheit, Aufmerksamkeit, Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen ( 83, 98).

Nach dem Spontanbericht des Patienten ( 84), gezielten Nachfragen dazu ( 86) sowie offenen und gezielten Fragen zu noch nicht angesprochenen Bereichen ( 88 f.) ergänzt der Arzt seine eigenen Beobachtungen ( 90) sowie gegebenenfalls das Ergebnis der Fremdanamnese ( 84, 93) und zeichnet alles schriftlich auf ( 84 f., 104). Bisherige Arzneien sollten - soweit möglich - vorher abgesetzt ( 91 f.), Suggestivfragen vermieden ( 87) und Übertreibungen von Hypochondern kritisch eingeschätzt werden ( 96).

Besonders bei chronischen Krankheiten sollte die Befragung auch mögliche Krankheits-Verursachungen [Erregungsursachen] ( 93) sowie die Lebensverhältnisse des Kranken [Heilungshindernisse] ( 94) erkunden und bis in kleinste Einzelheiten gehen ( 95).

Die Anamnese einer akuten Krankheit ist zwar einfacher ( 82, 99), doch bei sporadischen Krankheiten und epidemischen Seuchen kann der ganze Umfang der (nicht-festständigen, akuten) Kollektivkrankheit nicht an einem einzelnen, sondern nur an mehreren Patienten erkannt werden ( 100-102).

Auf gleiche Weise erforschte Hahnemann den Umfang der Symptomatik der chronisch-miasmatischen Krankheiten, speziell der Psora ( 103).

82
Durch die Entdeckung jener großen Quelle der chronischen Krankheiten ist die Heilkunst der Natur der meisten zu heilenden Krankheiten um einige Schritte näher gekommen, auch hinsichtlich der Auffindung der spezifischeren homöopathischen Heilmittel, besonders für die Psora. Dennoch bleibt für den homöopathischen Arzt die Pflicht, die erforschbaren Symptome und ihre Eigenheiten sorgfältig aufzufassen, um die Indikation bei jeder zu heilenden chronischen (psorischen) Krankheit bilden zu können, so unerlässlich wie vor jener Erfindung. Nur durch strenge Eigen-Behandlung (Individualisierung) jedes Krankheits-Falls kann echte Heilung dieser sowie der übrigen Krankheiten stattfinden. Bei dieser Erforschung ist der Unterschied zu beachten, ob das Leiden eine akute und schnell entstandene Krankheit oder eine chronische ist.
  • Da bei den akuten Krankheiten die Haupt-Symptome schneller auffallen und den Sinnen erkennbar werden, ist viel weniger Zeit zur Aufzeichnung des Krankheits-Bildes erforderlich und viel weniger dabei zu fragen.1

    1

    Das folgende Schema zur Erforschung der Symptome betrifft daher nur zum Teil die akuten Krankheiten.

    Hier bietet sich das meiste von selbst dar.

  • Bei einer chronischen Krankheit, die schon mehrere Jahre allmählich fortgeschritten ist, sind die Symptome viel mühsamer aufzufinden.

83
Die individualisierende Untersuchung eines Krankheits-Falls verlangt vom Heilkünstler nur Unbefangenheit und gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit. Ich gebe hier eine allgemeine Anleitung, wovon der Krankheits-Untersu-cher nur das beibehält, was für den jeweiligen Fall anwendbar ist.
84
Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden. Die Angehörigen berichten über seine Klagen, sein Benehmen und was sie an ihm wahrgenommen haben. Der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne, was an ihm verändert und ungewöhnlich ist. Er schreibt alles mit denselben Ausdrücken auf, die der Kranke und die Angehörigen verwenden. Er lässt sie möglichst stillschweigend und ohne Unterbrechung ausreden, sofern sie nicht auf Nebendinge abschweifen.1

1

Jede Unterbrechung stört die Gedankenreihe der Erzählenden. Es fällt ihnen hinterher nicht mehr alles so ein, wie sie es anfangs sagen wollten.

Zu Beginn soll der Arzt sie lediglich ermahnen, langsam zu sprechen, damit er dem Sprechenden beim Aufschreiben des Nötigen folgen kann.
85
Mit jeder Angabe des Kranken oder der Angehörigen beginnt er eine neue Zeile, damit alle Symptome einzeln untereinander stehen. So kann er bei jedem Symptom nachtragen, was ihm zunächst zu unbestimmt, dann aber deutlicher angegeben wird.
86
Sind die Erzählenden fertig mit dem, was sie von selbst sagen wollten, trägt der Arzt bei jedem einzelnen Symptom die nähere Bestimmung nach, die er auf folgende Weise ermittelt: Er liest die einzelnen, ihm berichteten Symptome durch und fragt bei diesem oder jenem insbesondere z.B.:
  • Zu welcher Zeit ereignete sich dieser Zufall? In der Zeit vor dem bisherigen Arzneigebrauch? Während der Einnahme der Arznei? Oder erst einige Tage nach Absetzen der Arzneien?

  • Was für ein Schmerz, welche Empfindung, genau beschrieben, ereignete sich an dieser Stelle? Welche genaue Stelle war es? Erfolgte der Schmerz abgesetzt und einzeln, zu verschiedenen Zeiten? Oder war er anhaltend, unausgesetzt? Wie lange? Zu welcher Tages- oder Nacht-Zeit und in welcher Lage des Körpers war er am schlimmsten, oder setzte er ganz aus?

  • Wie war dieser, wie war jener angegebene Zufall oder Umstand - mit deutlichen Worten beschrieben - genau beschaffen?

87
So lässt sich der Arzt zu jeder einzelnen Angabe noch ihre nähere Bestimmung berichten. Niemals legt er dem Kranken bei der Frage schon die Antwort mit in den Mund1

1

Der Arzt darf z.B. nicht fragen: War nicht etwa auch dieser oder jener Umstand da. Solche Suggestionen, die zu einer falschen Antwort und Angabe verführen, darf sich der Arzt nie zuschulden kommen lassen.

, so dass der Kranke bloß mit Ja oder Nein zu antworten hätte. Dieser wird sonst dazu verleitet, aus Bequemlichkeit oder um dem Fragenden einen Gefallen zu tun, etwas Unwahres oder Halbwahres zu bejahen oder etwas wirklich Vorhandenes zu verneinen. Dadurch entsteht ein falsches Bild der Krankheit und eine unpassende Behandlungsart.
88
Sind bei diesen freiwilligen Angaben mehrere Teile oder Funktionen des Körpers oder seine Gemüts-Stimmung nicht erwähnt worden, so fragt der Arzt, was hinsichtlich dieser Teile und Funktionen sowie des Geistes oder Gemüts-Zustandes des Kranken1

1

Z.B. Wie ist es mit dem Stuhlgang? Wie geht der Urin ab? Wie ist es mit dem Schlaf, bei Tag, bei Nacht? Wie ist sein Gemüt, seine Laune, seine Besinnungskraft beschaffen? Wie ist es mit dem Appetit, dem Durst? Wie ist es mit dem Geschmack, für sich, im Mund? Welche Speisen und Getränke schmecken ihm am besten? Welche sind ihm am meisten zuwider? Hat alles seinen natürlichen, vollen oder einen anderen, fremdartigen Geschmack? Wie wird ihm nach dem Essen oder Trinken? Ist etwas hinsichtlich des Kopfs, der Glieder oder des Unterleibs zu erinnern?

zu erinnern ist. Aber in allgemeinen Ausdrücken, damit der Berichtgeber genötigt wird, sich speziell darüber zu äußern.
89
Hat der Kranke - denn ihm ist hinsichtlich seiner Empfindungen (außer in verstellten Krankheiten) am meisten zu glauben - durch diese freiwilligen und veranlassten Äußerungen dem Arzt eine entsprechende Auskunft gegeben und das Bild der Krankheit ziemlich vervollständigt, so ist es dem Arzt erlaubt, ja nötig (wenn er fühlt, dass er noch nicht ausreichend unterrichtet ist), nähere, speziellere Fragen zu stellen1

1

Z.B. Wie oft hatte der Kranke Stuhlgang? Von welcher genauen Beschaffenheit? War der weißliche Stuhlgang Schleim oder Kot? Waren Schmerzen beim Abgang oder nicht? Welche und wo genau?

Was erbrach der Kranke? Ist der garstige Geschmack im Mund faul, bitter oder sauer oder wie sonst? Vor oder nach dem Essen und Trinken oder währenddessen? Zu welcher Tageszeit am meisten? Von welchem Geschmack ist das Aufstoßen? Wird der Urin erst beim Stehen trüb oder scheidet er ihn gleich trüb aus? Von welcher Farbe ist er, wenn er ihn eben gelassen hat? Von welcher Farbe ist der Satz? Wie gebärdet oder äußert der Kranke sich im Schlaf? Wimmert, stöhnt, redet oder schreit er im Schlaf? Erschrickt er im Schlaf? Schnarcht er beim Einatmen oder beim Ausatmen? Liegt er ausschließlich auf dem Rücken oder auf welcher Seite? Deckt er sich selbst fest zu oder mag er das Zudecken nicht? Wacht er leicht auf oder schläft er zu tief? Wie befindet er sich gleich nach dem Erwachen aus dem Schlaf? Wie oft kommt diese, wie oft jene Beschwerde? Auf welche jedesmalige Veranlassung kommt sie? Im Sitzen, im Liegen, im Stehen oder bei Bewegung? Bloß nüchtern, oder doch früh, oder bloß abends, oder bloß nach der Mahlzeit, oder wann sonst gewöhnlich?

Wann kam der Frost? War es bloß Frostempfindung, oder war er zugleich kalt? An welchen Teilen? Oder war er bei der Frostempfindung sogar heiß anzufühlen? War es bloß Empfindung von Kälte, ohne Schauder? War er heiß, ohne Gesichtsröte? An welchen Teilen war er heiß anzufühlen? Oder klagte er über Hitze, ohne beim Anfühlen heiß zu sein? Wie lange dauerte der Frost, wie lange die Hitze? Wann kam der Durst? Beim Frost? Bei der Hitze? Oder vorher oder nachher? Wie stark war der Durst, und worauf?

Wann kommt der Schweiß? Am Anfang oder zu Ende der Hitze? Oder wieviel Stunden nach der Hitze? Im Schlaf oder im Wachen? Wie stark ist der Schweiß? Heiß oder kalt? An welchen Teilen? Von welchem Geruch?

Was klagt er an Beschwerden vor oder bei dem Frost? Was bei der Hitze? Was nach derselben? Was bei oder nach dem Schweiß?

Wie ist es (beim weiblichen Geschlecht) mit der monatlichen Blutung oder mit anderen Ausflüssen? usw.

.
90
Ist der Arzt mit der Niederschrift dieser Aussagen fertig, notiert er sich, was er selbst an dem Kranken wahrnimmt1

1

Z.B. Wie sich der Kranke bei seinem Besuch gebärdet, ob er verdrießlich, zänkisch, hastig, weinerlich, ängstlich, verzweifelt oder traurig, oder getrost, gelassen usw., ob er schlaftrunken oder überhaupt unbesinnlich ist? Ob er heiser, sehr leise, oder ob er unpassend, oder wie anders er redet? Wie die Farbe des Gesichts und der Augen, und die Farbe der Haut, wie die Lebhaftigkeit und Kraft der Mienen und Augen, wie die Zunge, der Atem, der Geruch aus dem Mund oder das Gehör beschaffen ist? Wie sehr die Pupillen erweitert oder verengert sind? Wie schnell, wie weit sie sich im Dunkeln und Hellen verändern? Wie der Puls, wie der Unterleib, wie die Haut (feucht oder trocken, kalt oder heiß) an diesen oder jenen Teilen oder überhaupt anzufühlen ist? Ob er mit zurückgebogenem Kopf, mit halb oder ganz offenem Mund, mit über den Kopf gelegten Armen, ob er auf dem Rücken oder in welcher anderen Stellung er liegt? Mit welcher Anstrengung er sich aufrichtet, und was von dem Arzt sonst auffallend Bemerkbares an ihm wahrgenommen werden kann.

, und erkundigt sich, was ihm davon an gesunden Tagen eigen war.
91
Ging ein Arzneigebrauch voraus, ergeben die Zufälle und das Befinden des Kranken nicht das reine Bild der Krankheit. Die Symptome und Beschwerden, die er vor dem Gebrauch der Arzneien oder nach ihrer mehrtätigen Aussetzung hatte, geben den echten Grundbegriff von der ursprünglichen Gestalt der Krankheit. Besonders diese muss sich der Arzt aufzeichnen. Bei einer langwierigen Krankheit kann er den Kranken einige Tage ganz ohne Arznei lassen, falls dieser bis jetzt Arznei genommen hat. Oder er gibt ihm einstweilen etwas Unarzneiliches und verschiebt bis dahin die genauere Prüfung der Krankheitszeichen. So kann er die dauerhaften, unvermischten Symptome des alten Übels in ihrer Reinheit auffassen und danach ein untrügliches Bild von der Krankheit entwerfen.
92
In einer schnellverlaufenden Krankheit, deren dringender Zustand keinen Verzug duldet, muss sich der Arzt mit dem von Arzneien veränderten Krankheitszustand begnügen, wenn er die vor dem Arzneigebrauch bemerkten Symptome nicht erfahren kann. Die gegenwärtige Gestalt des Übels, das heißt die mit der ursprünglichen Krankheit verbundene Arzneikrankheit, ist durch die oft zweckwidrigen Mittel meist beträchtlicher und gefährlicher als die ursprüngliche und verlangt oft dringend eine zweckmäßige Hilfe. Er kann zumindest diese [gegenwärtige Gestalt des Übels] in ein Gesamtbild zusammenfassen und mit einem passend homöopathischen Heilmittel besiegen, damit der Kranke an der genommenen schädlichen Arznei nicht stirbt.
93
Ist die Krankheit vor kurzem - oder bei einem langwierigen Übel vor längerer Zeit - durch ein merkwürdiges Ereignis verursacht worden, so wird es der Kranke schon angeben oder wenigstens die heimlich befragten Angehörigen. Entweder von selbst und aus eigenem Antrieb oder auf eine behutsame Erkundigung hin.1

1

Veranlassungen, die möglicherweise entehrend sind, gestehen der Kranke oder die Angehörigen nicht gern, zumindest nicht aus freien Stücken. Der Arzt muss versuchen, ihnen durch kluge Wendungen der Fragen oder durch andere Privat-Erkun-digungen auf die Spur zu kommen. Hierher gehören Vergiftung oder begonnener Selbstmord, Onanie, Ausschweifungen gewöhnlicher oder unnatürlicher Wollust, Schwelgerei in Wein, Likören, Punsch und anderen hitzigen Getränken, Tee oder Kaffee, Schwelgen im Essen überhaupt oder in besonders schädlichen Speisen, venerische oder Krätz-Ansteckung, unglückliche Liebe, Eifersucht, häuslicher Unfriede, Ärger, Gram über ein Familien-Unglück, erlittene Misshandlungen, verbissene Rache, gekränkter Stolz, Zerrüttung der Vermögens-Verhältnisse, abergläubische Furcht, Hunger, oder ein Körpergebrechen an den Geschlechtsteilen, ein Bruch, ein Vorfall usw.

94
Beim Erforschen des Zustands chronischer Krankheiten müssen die besonderen Verhältnisse des Kranken hinsichtlich seiner gewöhnlichen Beschäftigungen, seiner gewohnten Lebensordnung und Diät, seiner häuslichen Lage usw. wohl erwogen werden. Es muss geprüft werden, was sich darin an Krankheiterregendem oder -unterhaltendem befindet, um durch seine Entfernung die Genesung fördern zu können1

1

Bei chronischen Krankheiten des weiblichen Geschlechts müssen besonders Schwangerschaft, Unfruchtbarkeit, Neigung zur Begattung, Niederkünfte, Fehlgeburten, Stillen, Abgänge aus der Scheide und der Zustand der monatlichen Blutung berücksichtigt werden. Insbesondere ist die Erkundigung nicht zu versäumen, ob letztere in zu kurzen Perioden wiederkehrt oder über die normale Zeit ausbleibt, wieviele Tage sie anhält, ununterbrochen oder abgesetzt? In welcher Menge überhaupt, wie dunkel von Farbe, ob mit Leukorrhöe (Weißfluss) vor dem Eintritt oder nach der Beendigung? Besonders aber mit welchen Beschwerden des Leibes und der Seele, mit welchen Empfindungen und Schmerzen vor dem Eintritt, bei der Blutung oder nachher? Ist Weißfluss bei ihr? Wie ist er beschaffen? Von welchen Empfindungen begleitet? In welcher Menge? Unter welchen Bedingungen und auf welche Veranlassungen erscheint er?

.
95
Bei chronischen Krankheiten muss die Erforschung dieser und aller übrigen Krankheitszeichen so sorgfältig und ausführlich wie möglich geschehen und bis in die kleinsten Einzelheiten gehen.
  • Teils deshalb, weil sie bei diesen Krankheiten am sonderlichsten sind und den Krankheitszeichen der schnell vorübergehenden Krankheiten am wenigsten gleichen. Sie können nicht genau genug genommen werden, wenn die Heilung gelingen soll.

  • Teils weil die Kranken die langen Leiden so gewohnt sind, dass sie die kleineren, oft sehr bezeichnungsvollen (charakteristischen) Nebenzufälle, die bei der Aufsuchung des Heilmittels sehr entscheidend sind, wenig oder nicht mehr beachten. Sie halten sie fast für einen Teil ihres natürlichen Zustands, fast für Gesundheit, deren wahres Gefühl sie bei der oft fünfzehn-, zwanzigjährigen Dauer ihrer Leiden vergessen haben. So glauben sie kaum, dass diese Nebensymptome, diese übrigen, kleineren oder größeren Abweichungen vom gesunden Zustand, mit ihrem Hauptübel in einem Zusammenhang stehen könnten.

96
Die Kranken selbst sind von sehr abweichender Gemütsart. Besonders die so genannten Hypochonder und andere sehr gefühlsbetonte und wehleidige Personen stellen ihre Klagen in zu grellem Licht auf und bezeichnen ihre Beschwerden mit überspannten Ausdrücken1

1

Reine Erdichtung von Zufällen und Beschwerden trifft man bei Hypochondern, selbst bei den wehleidigsten, wohl nie an. Dies beweist der Vergleich ihrer Beschwerden, über die sie zu verschiedenen Zeiten klagen, während der Arzt ihnen nichts oder etwas Unarzneiliches eingibt. Nur muss man etwas von ihren Übertreibungen abziehen, zumindest die Stärke ihrer Ausdrücke ihrem übermäßigen Gefühl zuschreiben. In dieser Hinsicht wird die Hochstimmung ihrer Ausdrücke, die sie für ihre Leiden gebrauchen, für sich schon zum bedeutenden Symptom in der Reihe der übrigen, aus denen das Bild der Krankheit zusammengesetzt ist. Bei Wahnsinnigen und bei böswilligen Krankheits-Erdichtern ist es etwas anderes.

, um den Arzt zur Hilfe aufzureizen.
97
Entgegengesetzt geartete Personen halten dagegen eine Menge von Beschwerden zurück, bezeichnen sie mit undeutlichen Ausdrücken oder geben mehrere als unbedeutend an. Teils aus Trägheit, teils aus missverstandener Scham, teils aus einer Art milder Gesinnung oder Dummheit.
98
Man hat vor allem den Kranken selbst über seine Beschwerden und Empfindungen anzuhören und besonders seinen eigenen Ausdrücken zu glauben, mit denen er seine Leiden zu verstehen gibt. Im Mund der Angehörigen und Krankenpfleger werden sie gewöhnlich verändert und verfälscht. Andererseits erfordert bei allen Krankheiten, besonders bei den langwierigen, die Erforschung ihres wahren, vollständigen Bildes und seiner Einzelheiten in hohem Grad besondere Umsicht, Bedenklichkeit, Menschenkenntnis, Behutsamkeit im Erkundigen und Geduld.
99
Die Erforschung akuter oder sonst seit kurzem entstandener Krankheiten ist für den Arzt im Allgemeinen leichter, weil dem Kranken und den Angehörigen alle Zufälle und Abweichungen von der erst unlängst verlorenen Gesundheit noch frisch im Gedächtnis, noch neu und auffallend geblieben sind. Der Arzt muss auch hier alles wissen. Er braucht aber viel weniger zu erforschen. Man sagt ihm alles größtenteils von selbst.
100
Bei der Erforschung des Symptomen-Inbegriffs der epidemischen Seuchen und sporadischen Krankheiten ist es gleichgültig, ob schon früher einmal etwas Ähnliches unter diesem oder jenem Namen vorgekommen ist. Die Neuheit oder Besonderheit einer solchen Seuche macht keinen Unterschied, weder in ihrer Untersuchung noch in ihrer Heilung. Der Arzt muss ohnehin das reine Bild jeder gegenwärtig herrschenden Krankheit als neu und unbekannt voraussetzen und es von Grund auf für sich erforschen. Wenn er ein echter, gründlicher Heilkünstler sein will, darf er nie Vermutung an die Stelle der Wahrnehmung setzen, nie einen Krankheitsfall, der ihm zur Behandlung aufgetragen ist, ganz oder zum Teil als bekannt annehmen, ohne ihn sorgfältig nach allen seinen Äußerungen zu erkunden. Und dies umso mehr, als jede herrschende Seuche in vielerlei Hinsicht eine Erscheinung eigener Art ist und bei genauer Untersuchung sehr abweichend von allen ehemaligen, fälschlicherweise mit bestimmten Namen belegten Seuchen befunden wird. Nur die Epidemien von sich gleich bleibendem Ansteckungszunder, die Menschenpocken, die Masern usw. sind davon ausgenommen.
101
Es kann sein, dass der Arzt beim ersten ihm vorkommenden Fall einer epidemischen Seuche nicht gleich ihr vollkommenes Bild zur Wahrnehmung bekommt, da jede solche Kollektivkrankheit erst bei näherer Beobachtung mehrerer Fälle den Inbegriff ihrer Symptome und Zeichen an den Tag legt. Einstweilen kann der sorgfältig forschende Arzt schon beim ersten und zweiten Kranken dem wahren Zustand oft so nahe kommen, dass er ein charakteristisches Bild davon erhält - und schon ein passendes, homöopathisch angemessenes Heilmittel für sie findet.
102
Durch das Aufzeichnen der Symptome mehrerer Fälle dieser Art wird das entworfene Krankheitsbild immer vollständiger, nicht größer und wortreicher, aber bezeichnender (charakteristischer), die Eigentümlichkeit dieser Kollektivkrankheit umfassender. Die allgemeinen Zeichen (z.B. Appetitlosigkeit, Mangel an Schlaf usw.) erhalten ihre eigenen und genaueren Bestimmungen. Andererseits treten die mehr ausgezeichneten, besonderen Symptome hervor, die zumindest in dieser Verbindung seltener und nur wenigen Krankheiten eigen sind, und bilden das Charakteristische dieser Seuche1

1

Dem Arzt, der schon in den ersten Fällen das Heilmittel wählen konnte, das dem spezifisch homöopathischen nahe kommt, werden die folgenden Fälle entweder die Angemessenheit der gewählten Arznei bestätigen oder ihn auf ein noch passenderes, auf das passendste homöopathische Heilmittel hinweisen.

. Alle an der aktuellen Seuche Erkrankten haben zwar eine aus derselben Quelle geflossene und daher gleiche Krankheit. Aber der ganze Umfang einer solchen epidemischen Krankheit und die Gesamtheit ihrer Symptome kann nicht bei einem einzelnen Kranken wahrgenommen, sondern nur aus den Leiden mehrerer Kranker von verschiedener Körperbeschaffenheit vollständig abgezogen (abstrahiert) und entnommen werden. Die Kenntnis der Gesamtheit der Symptome gehört zur Übersicht des vollständigen Krankheitsbildes, um das homöopathische Heilmittel wählen zu können, das für diesen Symptomen-Inbegriff das passendste ist.
103
Auf die gleiche Weise, wie hier von den epidemischen, meist akuten Seuchen gelehrt wird, mussten von mir die miasmatischen, chronischen Siechtümer, die sich in ihrem Wesen gleich bleiben, - besonders die Psora - viel genauer als bisher nach dem Umfang ihrer Symptome erforscht werden. Auch bei ihnen trägt der eine Kranke nur einen Teil der Symptome an sich, ein zweiter, dritter usw. leidet wiederum an einigen anderen Zufällen, die ebenfalls nur ein gleichsam abgerissener Teil aus der Gesamtheit der Symptome sind, die den ganzen Umfang des Siechtums ausmachen. So konnte nur an sehr vielen chronischen Kranken der Inbegriff aller Symptome, die zu einem solchen miasmatischen chronischen Siechtum, insbesondere der Psora gehören, ermittelt werden. Ohne vollständige Übersicht und Ge-samt-Bild der Symptome konnten die (namentlich antipsorischen) Arzneien, die das ganze Siechtum homöopathisch heilen, nicht erforscht werden. Diese Arzneien sind zugleich die Heilmittel der einzelnen Kranken, die an solchen chronischen Übeln leiden.
104
Ist die Gesamtheit der Symptome, die den Krankheits-Fall besonders bestimmen und auszeichnen, oder das Bild der Krankheit einmal genau aufgezeichnet1

1

Die Ärzte der alten Schule machen es sich damit bei ihren Behandlungen äußerst bequem. Da hört man keine genaue Erkundigung nach allen Umständen des Kranken. Der Arzt unterbricht sie sogar oft in der Erzählung ihrer einzelnen Beschwerden, um sich nicht stören zu lassen beim schnellen Aufschreiben des Rezepts, das aus mehreren Ingredienzen zusammengesetzt ist, deren wahre Wirkung er nicht kennt. Kein allopathischer Arzt verlangt sämtliche genaue Umstände des Kranken zu erfahren und noch weniger schreibt er sich etwas davon auf. Wenn er den Kranken nach mehreren Tagen wieder sieht, weiß er von den wenigen zuerst gehörten Umständen (da er seitdem viele verschiedene, andere Kranke gesehen hat) wenig oder nichts mehr. Er hat es zu dem einen Ohr hinein und zu dem anderen wieder hinausgehen lassen. Auch bei weiteren Besuchen stellt er nur wenige, allgemeine Fragen, tut, als fühle er den Puls an der Handwurzel, besieht die Zunge, verschreibt in demselben Augenblick ohne verständlichen Grund ein anderes Rezept oder lässt das erste (mehrmals am Tag in ansehnlicheren Portionen) fortbrauchen und eilt mit zierlichen Gebärden zu dem fünfzigsten, sechzigsten Kranken, den er an demselben Vormittag noch gedankenlos zu besuchen hat. So wird das nachdenklichste aller Geschäfte, die gewissenhafte, sorgfältige Erforschung des Zustands jedes einzelnen Kranken und die darauf zu gründende spezielle Heilung, von den Leuten getrieben, die sich Ärzte, rationale Heilkünstler nennen. Das Ergebnis ist fast ohne Ausnahme schlecht. Dennoch mussten die Kranken zu ihnen, teils weil es nichts Besseres gab, teils aus Etikette und weil es so eingeführt war.

, so ist die schwerste Arbeit getan. Der Heilkünstler hat dieses Bild dann besonders bei der Behandlung der chronischen Krankheit immer vor sich, kann es in allen Teilen durchschauen und die charakteristischen Zeichen hervorheben. So kann er ihm eine gegen diese, das heißt gegen das Übel selbst gerichtete, treffend ähnliche künstliche Krankheitspotenz im homöopathisch gewählten Arzneimittel entgegensetzen - gewählt aus den Symptomenreihen aller Arzneien, die nach ihren reinen Wirkungen bekannt sind. Und wenn er sich während der Behandlung nach dem Erfolg der Arznei und dem geänderten Befinden des Kranken erkundigt, braucht er bei seinem neuen Krankheitsbefund von der ursprünglichen Gruppe der zuerst aufgezeichneten Symptome in seinem Manual bloß das wegzulassen, was sich gebessert hat, und dazu zu setzen, was noch davon vorhanden oder etwa an neuen Beschwerden dazugekommen ist.

Erforschung der Arzneien, Arzneimittelprüfung an Gesunden ( 105-145)

Grundlagen der Arzneimittelprüfung an Gesunden ( 105-120)

Die reinen Wirkungen jeder Arznei lassen sich am sichersten in Prüfungen an gesunden Personen erforschen ( 107 - 109). Auch Berichte von Vergiftungen können Hinweise auf die jeweiligen Arzneikräfte liefern ( 110). Während allerdings Versuche mit mäßigen Gaben - außer bei narkotischen Substanzen - allein die (homöopathisch relevanten) Erstwirkungen offenbaren, lassen sich bei Vergiftungen Erst- und Nachwirkungen kaum voneinander unterscheiden ( 112-114). Es gibt auch einige Arzneien (Ign., Bry., Rhus-t., Bell.), die einander entgegengesetzte Erstwirkungen produzieren ( 115, 251).

Die bei Idiosynkratikern [Allergikern] auftretenden Prüfungssymptome sind nicht deren überempfindlicher Konstitution, sondern der Arzneikraft zuzuschreiben ( 117). Da jede Arznei besondere Wirkungen hat, kann keine durch ein Surrogat ersetzt werden ( 111, 118 - 119).

105
Der zweite Punkt des Geschäfts eines echten Heilkünstlers betrifft die Erforschung der Werkzeuge, die zur Heilung der natürlichen Krankheiten bestimmt sind, die Erforschung der krankmachenden Kraft der Arzneien. So lässt sich, wo zu heilen ist, von ihnen eine aussuchen, aus deren Symptomenreihe eine künstliche Krankheit zusammengesetzt werden kann, die der Haupt-Symptomen-Gesamtheit der zu heilenden natürlichen Krankheit möglichst ähnlich ist.
106
Die ganze krankheitserregende Wirksamkeit der einzelnen Arzneien muss bekannt sein. Das heißt, alle krankhaften Symptome und Befindens-Veränderungen, die jede Arznei in gesunden Menschen besonders erzeugen kann, müssen beobachtet worden sein. Erst dann kann man hoffen, für die meisten natürlichen Krankheiten treffend homöopathische Heilmittel unter ihnen finden und auswählen zu können.
107
Gibt man, um dies zu erforschen, Arzneien nur kranken Personen ein, so sieht man von ihren reinen Wirkungen wenig oder nichts Bestimmtes, selbst wenn man sie einfach und einzeln verordnet. Denn die besonderen Befindens-Veränderungen, die von den Arzneien zu erwarten sind, können nur selten deutlich wahrgenommen werden, wenn sie mit den Symptomen der gegenwärtigen natürlichen Krankheit vermengt sind.
108
Es gibt keinen anderen Weg, um die eigentümlichen Wirkungen der Arzneien auf das Befinden des Menschen zu erfahren, und keine sichere, natürlichere Veranstaltung zu diesem Zweck, als die einzelnen Arzneien versuchsweise gesunden Menschen in mäßiger Menge zu geben. So lässt sich erfahren, welche Veränderungen, Symptome und Zeichen ihrer Einwirkung jede besonders im Befinden des Leibes und der Seele hervorbringt, das heißt, welche Krankheits-Elemente sie zu erregen fähig und geneigt ist1

1

Meines Wissens kam kein einziger Arzt in einer zweieinhalbtausendjährigen Vorzeit auf diese so natürliche, so notwendige, einzig echte Prüfung der Arzneien auf ihre reinen, eigentümlichen, das Befinden der Menschen umstimmenden Wirkungen, um zu erfahren, welche Krankheitszustände jede Arznei heilen kann, außer dem großen, unsterblichen Albrecht von Haller. Bloß dieser sah, obgleich nicht praktischer Arzt, vor mir die Notwendigkeit hiervon ein (s. Vorrede zur Pharmaco-poea Helvetica. Basil. 1771. fol. S. 12): Nempe primum in corpore sano medela tentanda est, sine peregrina ulla miscela; odoreque et sapore ejus exploratis, exi-gua illius dosis ingerenda et ad omnes, quae inde contingunt, affectiones, quis pul-sus, qui calor, quae respiratio, quaenam excretiones, attendendum. Inde ad ductum phaenomenorum, in sano obviorum, transeas ad experimenta in corpore aegroto etc. [Zuerst ist das Heilmittel allerdings ohne jegliche fremde Beimischung am gesunden Körper auszuprobieren; nachdem man seinen Geruch und Geschmack geprüft hat, gebe man eine geringe Menge davon; danach ist auf alle seine Wirkungen genau zu achten: Puls, Körperwärme, Atmung und Ausscheidungen. Dann gehe man zu Versuchen am kranken Körper über, wobei man sich von den Phänomenen leiten lasse, die man am gesunden Körper beobachtet hatte usw.]. Aber niemand, kein einziger Arzt achtete oder befolgte diese seine unschätzbaren Winke.

. Wie ( 24 - 27) gezeigt wurde, liegt alle Heilkraft der Arzneien in ihrer Menschenbefindens-Veränderungskraft und leuchtet aus der Beobachtung der letzteren hervor.
109
Diesen Weg schlug ich zuerst ein, mit einer Beharrlichkeit, die nur durch eine vollkommene Überzeugung von der menschenbeglückenden Wahrheit, dass nur durch den homöopathischen Gebrauch der Arzneien die einzig gewisse Heilung der Krankheiten der Menschen möglich ist1

1

Außer der reinen Homöopathie kann es unmöglich noch eine andere wahre, beste Heilung der dynamischen (das heißt aller nicht-chirurgischen) Krankheiten geben. So wenig, wie zwischen zwei gegebenen Punkten mehr als eine gerade Linie zu ziehen möglich ist. Jemand, der glaubt, dass es außer ihr noch andere Arten gibt, Krankheiten zu heilen, kann der Homöopathie nur wenig auf den Grund gekommen sein und sie kaum mit hinlänglicher Sorgfalt ausgeübt haben. Er kann nur wenig richtig motivierte homöopathische Heilungen gesehen oder gelesen, andererseits die Un-gegründetheit jeder allopathischen Verfahrensart in Krankheiten erwogen und die ebenso schlechten wie oft schrecklichen Ergebnisse davon erforscht haben. Sonst könnte er nicht mit einem solchen lockeren Indifferentismus die einzig wahre Heilkunst jenen schädlichen Behandlungsarten gleichsetzen oder sie sogar als Schwestern der Homöopathie ausgeben, die sie nicht entbehren könne! Meine gewissenhaften Nachfolger, die echten, reinen Homöopathen, mögen sie mit ihren fast nie misslingenden, glücklichen Heilungen eines Besseren belehren.

, entstehen und aufrecht erhalten werden konnte2

2

Die erste Frucht von diesem Streben gab ich, so reif sie damals sein konnte, in den Fragmenta de viribus medicamentorum positivis sive in sano corpore humano ob-servatis. P. I. II. Lipsiae 1805, apud J. A. Barth. Die reifere in Reine Arzneimittellehre. I. Teil. 3. Ausg. II. Teil. 3. Ausg. 1833. III. Teil. 2. Ausg. 1825. IV. Teil. 2. Ausg. 1825. V. Teil. 2. Ausg. 1826. VI. Teil. 2. Ausg. 1827, und im II., III. und IV. Teil der Chronischen Krankheiten. 1828. 1830. Dresden, bei Arnold, und 2. Ausgabe der chronischen Krankheiten. II., III., IV., V. Teil. 1835, 1837, 1838, 1839. Düsseldorf, bei Schaub.

.
110
Auch frühere Schriftsteller haben die Wirkungen krankhafter Schädlichkeiten von arzneilichen Substanzen aufgezeichnet, wenn sie in großer Menge entweder aus Versehen oder um sich oder andere zu töten oder unter anderen Umständen in den Magen gesunder Personen geraten waren. Diese Wirkungen stimmen mit meinen Beobachtungen bei Versuchen mit denselben Substanzen an mir selbst und anderen gesunden Personen weitgehend überein. Besagte Schriftsteller erzählten diese Vorgänge als Vergiftungsgeschichten und als Beweise des Nachteils dieser heftigen Dinge. Meistens nur, um davor zu warnen. Teils auch, um ihre Kunst zu rühmen, wenn mit den Mitteln, die sie gegen diese gefährlichen Zufälle gebrauchten, allmählich wieder Genesung eintrat. Schließlich, wenn diese so angegriffenen Personen in ihrer Behandlung starben, um sich mit der Gefährlichkeit dieser Substanzen, die sie dann Gifte nannten, zu entschuldigen. Keiner dieser Beobachter ahnte, dass diese Symptome, die von ihnen bloß als Beweise der Schädlichkeit und Giftigkeit dieser Substanzen aufgeführt wurden, einen sicheren Hinweis auf die Kraft dieser Drogen enthielten, ähnliche Beschwerden in natürlichen Krankheiten heilkräftig auslöschen zu können. Sie ahnten nicht, dass diese ihre Krankheits-Erregungen Andeutungen ihrer homöopathischen Heilwirkungen sind und dass bloß auf der Beobachtung solcher Befindensveränderungen, die Arzneien in gesunden Körpern hervorbringen, die einzig mögliche Erforschung ihrer Arzneikräfte beruht. Weder durch vernünftelnde Klügelei a priori noch durch Geruch, Geschmack oder Ansehen der Arzneien noch durch chemische Bearbeitung noch durch Gebrauch einer oder mehrerer Arzneien in einer Mischung (Rezepte) bei Krankheiten sind die reinen, eigentümlichen Kräfte der Arzneien zum Heilzweck zu erkennen. Man ahnte nicht, dass diese Geschichten von Arzneikrankheiten einmal die ersten Anfangsgründe der reinen Arzneistoff-Lehre abgeben würden. Diese bestand vom Anbeginn bis jetzt nur in falschen Vermutungen und Erdichtungen, das heißt, sie war so gut wie gar nicht vorhanden1

1

Hiervon habe ich einiges gesagt in: Beleuchtung der Quellen der gewöhnlichen Materia medica, vor dem 3. Teil meiner Reinen Arzneimittellehre.

.
111
Jene älteren Beobachtungen reiner Arzneiwirkungen stimmen sowohl mit meinen als auch mit anderen dieser Art von verschiedenen Schriftstellern überein, obwohl jene ohne Hinblick auf einen Heilzweck geschrieben wurden. Das zeigt, dass die Arzneistoffe bei ihrer krankhaften Veränderung des gesunden menschlichen Körpers nach bestimmten Naturgesetzen wirken und dadurch bestimmte zuverlässige Krankheitssymptome erzeugen können - jeder Stoff nach seiner Eigentümlichkeit besondere.
112
In den älteren Beschreibungen der oft lebensgefährlichen Wirkungen von Arzneien, die in übermäßigen Gaben verschluckt wurden, findet man Zustände, die nicht anfangs, sondern erst am Ende solcher traurigen Ereignisse auftraten und den anfänglichen Zuständen entgegengesetzt waren. Diese Symptome, die der Erstwirkung ( 63) oder eigentlichen Einwirkung der Arzneien auf die Lebenskraft entgegenstehen, sind die Gegenwirkung des Lebensprinzips des Organismus, seine Nachwirkung ( 62-67). Bei Versuchen mit mäßigen Gaben ist davon in gesunden Körpern selten oder fast nie das mindeste zu spüren, bei kleinen Gaben gar nichts. Beim homöopathischen Heilgeschäft macht der lebende Organismus gegen sie nur so viel Gegenwirkung, wie erforderlich ist, um das Befinden wieder in den natürlichen, gesunden Zustand zu versetzen.
113
Die narkotischen Arzneien scheinen hier eine Ausnahme zu machen. In ihrer Erstwirkung nehmen sie teils die Empfindlichkeit und Empfindung, teils die Reizbarkeit weg. In ihrer Nachwirkung wird - auch bei mäßigen Versuchsgaben - in gesunden Körpern oft eine erhöhte Empfindlichkeit (und eine größere Reizbarkeit) bemerkbar.
114
Diese narkotischen Substanzen ausgenommen, werden bei Versuchen mit mäßigen Gaben Arznei in gesunden Körpern bloß ihre Erstwirkungen wahrgenommen, das heißt diejenigen Symptome, mit denen die Arznei das Befinden des Menschen umstimmt und einen krankhaften Zustand auf längere oder kürzere Zeit in und an ihm hervorbringt.
115
Bei manchen Arzneien gibt es unter diesen Symptomen einige, die anderen teils vorher erschienenen, teils nachher erscheinenden Symptomen zum Teil oder in gewissen Nebenumständen entgegengesetzt sind. Sie sind deshalb nicht als Nachwirkung oder bloße Gegenwirkung der Lebenskraft anzusehen, sondern bilden nur den Wechselzustand der verschiedenen Erst-Wirkungs-Paroxysmen. Man nennt sie Wechselwirkungen.
116
Einige Symptome werden von den Arzneien öfter, das heißt in vielen Körpern zuwege gebracht, andere seltener oder in wenigen Menschen, einige nur in sehr wenigen gesunden Körpern.
117
Zu den letzteren gehören die so genannten Idiosynkrasien. Darunter versteht man besondere Körperbeschaffenheiten, die, obwohl sonst gesund, dazu neigen, von bestimmten Dingen in einen mehr oder weniger krankhaften Zustand versetzt zu werden1

1

Einige wenige Personen können vom Geruch der Rosen in Ohnmacht fallen und vom Genuss der Mies-Muscheln, der Krebse oder des Roggens des Barbe-Fischs, von der Berührung des Laubes einiger Sumach-Arten usw. in mancherlei andere krankhafte, zuweilen gefährliche Zustände geraten.

, die bei vielen anderen Menschen keinen Eindruck und keine Veränderung zu machen scheinen. Dieser Mangel an Eindruck auf einige Personen ist nur scheinbar. Um diese sowie alle übrigen krankhaften Befindensveränderungen im Menschen hervorzubringen, ist sowohl die der einwirkenden Substanz innewohnende Kraft erforderlich, als auch die Fähigkeit der den Organismus belebenden geistartigen Dynamis, von dieser Kraft erregt zu werden. Die auffallenden Erkrankungen bei den so genannten Idiosynkrasien können also nicht bloß den besonderen Körperbeschaffenheiten zugeschrieben, sondern müssen von diesen veranlassenden Dingen hergeleitet werden. In ihnen muss die Kraft liegen, auf alle menschlichen Körper denselben Eindruck zu machen. Es sind aber nur wenige unter den gesunden Körperbeschaffenheiten geneigt, sich von ihnen in einen so auffallend kranken Zustand versetzen zu lassen. Dass diese Potenzen wirklich auf jeden Körper diesen Eindruck machen, sieht man daran, dass sie bei allen kranken Personen für ähnliche Krankheitssymptome wie die, die sie selbst (obgleich anscheinend nur bei den so genannten idiosynkratischen Personen) erregen können, als Heilmittel homöopathische Hilfe leisten2

2

Die Prinzessin Maria Porphyrogeneta half ihrem an Ohnmachten leidenden Bruder, dem Kaiser Alexius, durch Bespritzung mit Rosenwasser () [der Tropfen der Rosen], in Gegenwart seiner Tante Eudoxia (Hist. byz. Alexias lib. 15. S. 503. ed. Poßer.). Horstius (Oper. III. S. 59) sah, dass Rosenessig bei Ohnmachten sehr hilfreich ist.

.
118
Jede Arznei zeigt im menschlichen Körper besondere Wirkungen, die sich von keinem anderen Arzneistoff verschiedener Art genau so ereignen1

1

Auch der verehrungswürdige Albrecht von Haller sah das ein, da er sagt (Vorrede zu seiner Hist. stirp. helv.): latet immensa virium diversitas in iis ipsis plantis, qua-rum facies externas dudum novimus, animas quasi et quodcunque caelestius ha-bent, nondum perspeximu. [Es liegt in den Pflanzen, deren Äußeres wir schon zur Genüge kennen, eine ungeheuere Vielfalt an Kräften verborgen; doch haben wir ihre Seelen und was sie sonst Himmlisches in sich tragen, noch nicht durchschaut].

.
119
  • Jede Pflanzenart ist in ihrer äußeren Gestalt, in der eigenen Weise ihres Lebens und Wuchses, in ihrem Geschmack und Geruch von jeder anderen Pflanzen-Art und Gattung verschieden.

  • Auch jedes Mineral und jedes Salz unterscheidet sich sowohl in seinen äußeren als auch inneren physischen und chemischen Eigenschaften (die allein schon alle Verwechslung verhüten sollten) von jedem anderen.

  • Ebenso sind sie alle unter sich in ihren krankmachenden - also auch heilenden - Wirkungen verschieden und voneinander abweichend1

    1

    Die Wirkungen jeder einzelnen Substanz auf das menschliche Befinden sind von den Wirkungen jeder anderen sonderbar verschieden. Wer sie genau kennt und zu würdigen versteht, sieht leicht ein, dass es unter ihnen in arzneilicher Hinsicht keine gleichbedeutenden Mittel, keine Surrogate geben kann. Bloß wer die verschiedenen Arzneien nach ihren reinen, positiven Wirkungen nicht kennt, kann behaupten, eines könne statt des anderen genommen werden und ebenso gut wie jenes bei der gleichen Krankheit helfen. So verwechseln unverständige Kinder die wesentlich verschiedensten Dinge, weil sie sie kaum dem Äußeren nach und am wenigsten nach ihrem Wert, ihrer wahren Bedeutung und ihren inneren, höchst abweichenden Eigenschaften kennen.

    .

Jede dieser Substanzen wirkt auf eine eigene, verschiedene, doch bestimmte Weise, die alle Verwechslung verbietet, und erzeugt Abänderungen des Gesundheitszustands und des Befindens der Menschen2

2

Will ein Arzt nicht als verstandlos angesehen werden und nicht sein gutes Gewissen - das einzige Zeugnis echter Menschenwürde - verletzen, kann er unmöglich eine andere Arzneisubstanz zur Behandlung der Krankheiten anwenden, als eine solche, die er genau und vollständig in ihrer wahren Bedeutung kennt. Er muss ihre virtuelle Wirkung auf das Befinden gesunder Menschen ausreichend erprobt haben, um genau zu wissen, dass sie einen Krankheitszustand selbst erzeugen kann, der dem zu heilenden sehr ähnlichen ist, ähnlicher als es mit jeder anderen ihm bekannt gewordenen Arznei möglich ist. Wie oben gezeigt wurde, können weder der Mensch noch die große Natur vollkommen, schnell und dauerhaft anders als mit einem homöopathischen Mittel heilen. Kein echter Arzt kann sich solchen Versuchen, am besten an sich selbst, verschließen, um diese Kenntnis der Arzneien zu erlangen, die am notwendigsten zum Heilzweck gehört - diese von den Ärzten aller Jahrhunderte bisher so schnöde versäumte Kenntnis. Alle vergangenen Jahrhunderte begnügten sich damit, bei Krankheiten blindlings Arzneien zu verordnen, die in ihrer Bedeutung unbekannt und hinsichtlich ihrer höchst wichtigen, höchst abweichenden, reinen, dynamischen Wirkung auf Menschenbefinden nie geprüft worden sind. Sie mischen meist mehrere dieser unbekannten, so sehr verschiedenen Kräfte in Rezepte zusammen und überlassen es dem Zufall, wie es dem Kranken danach ergeht. So dringt ein Wahnsinniger in die Werkstatt eines Künstlers ein und ergreift Hände voll ihm unbekannte, höchst verschiedene Werkzeuge, um die dastehenden Kunstwerke so, wie er meint, zu bearbeiten. Von seiner unsinnigen Arbeit werden sie verdorben oder sogar unwiederbringlich verdorben.

.
120
Die Arzneien, von denen Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit der Menschen abhängen, müssen sorgfältigst genau voneinander unterschieden und durch sorgfältige, reine Versuche auf ihre Kräfte und Wirkungen im gesunden Körper geprüft werden. So lernt man sie genau kennen und kann bei ihrem Gebrauch bei Krankheiten jeden Fehlgriff vermeiden. Nur eine treffende Wahl der Arzneien kann das größte der irdischen Güter, Wohlbefinden des Leibes und der Seele, bald und dauerhaft wiederbringen.
Anleitung zur Arzneimittelprüfung an Gesunden ( 121-142)

Bei Arzneimittelprüfungen muss eine genau bekannte Substanz allein und unter einer möglichst wenig reizenden Diät und Lebensordnung von gewissenhaften Männern und Frauen eingenommen werden ( 122, 124-127).

Während Hahnemann zunächst mit materiellen Dosen prüfte ( 121, 123, 132, 137), verwendete er zuletzt bei allen Substanzen 4-6 Globuli der C30 ( 128).

Man beginnt mit einer kleinen Gabe und steigert sie (das heißt die Anzahl der Globuli) täglich, bis Symptome auftreten ( 129, 131). Um zwischen Erst-, Nach- und Wechselwirkungen differenzieren zu können, muss gleich zu Beginn eine entsprechend starke Gabe verabreicht werden ( 130).

Modalitäten werden durch Variation der Rahmenbedingungen der Versuchsperson eruiert ( 133). Zur Erforschung sämtlicher Wirkungen muss eine Arznei nicht nur an einer, sondern an verschiedenen Personen geprüft werden ( 134-136). Alle während einer Prüfung auftretenden Symptome werden der Arznei zugeschrieben ( 138). Der Arzt hat die Angaben der Versuchspersonen engmaschig und kritisch zu überprüfen und zu dokumentieren ( 139 f.). Am besten führt er Arzneimittelprüfungen an sich selbst durch ( 141). Nur Meister der Beobachtun. können Arzneimittelsymptome während der Behandlung von Krankheiten herausfinden ( 142).

121
  • Bei der Prüfung von Arzneien hinsichtlich ihrer Wirkungen im gesunden Körper muss man bedenken, dass die starken, so genannten heroischen Substanzen schon in geringer Gabe Befindensveränderungen erregen, selbst bei starken Personen.

  • Die von milderer Kraft müssen bei diesen Versuchen in größerer Gabe gereicht werden.

  • Die schwächsten können, damit man ihre Wirkung wahrnehmen kann, bloß bei solchen von Krankheit freien Personen versucht werden, die zart, reizbar und empfindlich sind.

122
Zu solchen Versuchen dürfen nur Arzneien genommen werden, die man genau kennt, und von deren Reinheit, Echtheit und Vollkräftigkeit man völlig überzeugt ist. Die Gewissheit der ganzen Heilkunst und das Wohl aller folgenden Menschen-Generationen hängt von ihnen ab.
123
  • Jede dieser Arzneien muss in einfacher, ungekünstelter Form eingenommen werden.

  • Die einheimischen Pflanzen werden als frisch ausgepresster Saft mit etwas Weingeist vermischt, um sein Verderben zu verhüten.

  • Die ausländischen Gewächse werden als Pulver oder frisch mit Weingeist zur Tinktur ausgezogen und dann mit etlichen Teilen Wasser versetzt.

  • Die Salze und Gummen werden kurz vor der Einnahme in Wasser aufgelöst.

  • Ist die Pflanze nur in trockener Gestalt zu haben und ihrer Natur nach schwach an Kräften, so nimmt man zu einem solchen Versuch den Aufguss, in dem das zerkleinerte Kraut mit kochendem Wasser übergossen und so ausgezogen wird. Er muss gleich nach seiner Zubereitung warm getrunken werden, denn alle ausgepressten Pflanzensäfte und alle wässrigen Pflanzen-Aufgüsse gehen ohne geistigen Zusatz schnell in Gärung und Verderbnis über und verlieren dabei ihre Arzneikraft.

124
Jeden Arzneistoff muss man zu diesem Zweck allein und rein anwenden, ohne irgendeine fremdartige Substanz dazuzumischen. Man darf nichts fremdartig Arzneiliches zu sich nehmen, weder an demselben Tag noch an den folgenden Tagen, solange man die Wirkungen der Arznei beobachten will.
125
Die Diät muss während der Versuchszeit mäßig eingerichtet werden, möglichst ohne Gewürze, von bloß nährender, einfacher Art.
  • Grüne Gemüsebeilagen und Wurzeln1

    1

    Junge grüne Erbsen (Schoten), grüne Bohnen, über Wasser-Dampf gesottene Kartoffeln und allenfalls Möhren (Mohrrüben) sind zulässig. Das sind die am wenigsten arzneilichen Gemüse.

    sowie alle Salate und Suppenkräuter (die trotz aller Zubereitung immer einige störende Arzneikraft behalten) sind zu vermeiden.

  • Die Getränke sollen die alltäglichen sein, so wenig wie möglich reizend2

    2

    Die Versuchs-Person darf nicht an Wein, Branntwein, Kaffee oder Tee gewöhnt sein oder muss sich diese teils reizenden, teils arzneilich schädlichen Getränke schon vor längerer Zeit ganz abgewöhnt haben.

    .

126
Die dazu gewählte Versuchsperson muss vor allem glaubwürdig und gewissenhaft sein.
  • Sie muss sich während des Versuchs vor geistigen und körperlichen Anstrengungen sowie vor allen Ausschweifungen und störenden Leidenschaften hüten.

  • Keine dringenden Geschäfte dürfen sie von der genauen Beobachtung abhalten.

  • Sie muss mit gutem Willen genaue Aufmerksamkeit auf sich selbst richten und dabei ungestört sein.

  • Auf ihre Art gesund am Körper, muss sie auch den nötigen Verstand besitzen, um ihre Empfindungen in deutlichen Ausdrücken benennen und beschreiben zu können.

127
Die Arzneien müssen an Männern und an Frauen geprüft werden, um auch die Befindens-Veränderungen, die sich auf das Geschlecht beziehen, an den Tag zu bringen.
128
Die neueren und neuesten Erfahrungen lehren, dass die Arzneisubstanzen, wenn sie von der Versuchs-Person zur Prüfung ihrer eigentümlichen Wirkungen im rohen Zustand eingenommen werden, lange nicht so den vollen Reichtum der in ihnen verborgen liegenden Kräfte äußern, als wenn sie in hohen Verdünnungen, durch entsprechendes Reiben und Schütteln potenziert, eingenommen werden. Durch diese einfache Bearbeitung werden die Kräfte, die in ihrem rohen Zustand verborgen und gleichsam schlafend gelegen sind, bis zum Unglaublichen entwickelt und zur Tätigkeit erweckt. Am besten erforscht man die Substanzen - selbst die, die für schwach gehalten werden - hinsichtlich ihrer Arzneikräfte folgendermaßen: Man lässt 4 bis 6 feinste Streukügelchen der 30. Potenz einer solchen Substanz, mit ein wenig Wasser angefeuchtet oder in einer größeren oder geringeren Menge Wasser aufgelöst und gut geschüttelt, von der Versuchs-Person täglich nüchtern einnehmen und dies mehrere Tage fortsetzen.
129
Kommen von einer solchen Gabe nur schwache Wirkungen zum Vorschein, so kann man täglich einige Kügelchen mehr zur Gabe nehmen, bis die Wirkungen deutlicher und stärker und die Befindens-Veränderungen wahrnehmbarer werden. Wenige Personen werden von einer Arznei gleich stark angegriffen. Im Gegenteil, es gibt eine große Verschiedenheit in diesem Punkt.
  • Manchmal wird eine schwächlich scheinende Person von einer als sehr kräftig bekannten Arznei in mäßiger Gabe fast überhaupt nicht erregt, aber von mehreren anderen, weit schwächeren dagegen stark genug.

  • Andererseits gibt es sehr starke Personen, die von einer mild scheinenden Arznei sehr beträchtliche Krankheitssymptome spüren, von stärkeren aber geringere usw.

Da dies im Voraus nicht bekannt ist, so ist es sehr ratsam, bei jedem mit einer kleinen Arzneigabe zu beginnen und sie, wo es angemessen und erforderlich ist, von Tag zu Tag zu einer immer höheren Gabe zu steigern.
130
Wenn man gleich anfangs zum ersten Mal eine gehörig starke Arzneigabe reicht, hat man den Vorteil, dass die Versuchs-Person die Aufeinanderfolge der Symptome erfährt und die Zeit, wann jedes erschienen ist, genau aufzeichnen kann. Dies ist zur Kenntnis des Charakters der Arznei sehr belehrend, weil dann die Ordnung der Erstwirkungen sowie der Wechselwirkungen am eindeutigsten zum Vorschein kommt. Ist die Versuchs-Person feinfühlig genug und sehr aufmerksam auf ihr Befinden, so ist zum Versuch oft schon eine sehr mäßige Gabe ausreichend. Die Wirkungsdauer einer Arznei wird erst durch den Vergleich mehrerer Versuche erkannt.
131
Muss die Arznei, um überhaupt etwas zu erfahren, derselben Person einige Tage nacheinander in immer höheren Gaben zum Versuch gegeben werden, so erfährt man zwar die Krankheitszustände, die diese Arznei überhaupt zuwege bringen kann, nicht aber ihre Reihenfolge. Die jeweils folgende Gabe nimmt oft das eine oder andere Symptom, das von der vorhergehenden Gabe erregt wurde, wieder weg - heilwirkend oder den entgegengesetzten Zustand hervorbringend. Diese Symptome müssen als zweideutig eingeklammert werden, bis folgende, reinere Versuche zeigen, ob sie eine Gegen- und Nachwirkung des Organismus oder eine Wechselwirkung der Arznei sind.
132
Will man ohne Rücksicht auf die Folgereihe der Zufälle und die Wirkungsdauer der Arznei bloß die Symptome für sich, besonders die eines schwachkräftigen Arzneistoffs erforschen, so ist es vorzuziehen, einige Tage nacheinander jeden Tag eine erhöhte Gabe zu reichen. Dann kommt die Wirkung selbst der mildesten, noch unbekannten Arznei an den Tag, besonders wenn man sie an empfindlichen Personen versucht.
133
Zur genauen Bestimmung von Symptomen ist es dienlich, ja erforderlich, sich bei der Empfindung dieser oder jener Arzneibeschwerde in verschiedene Lagen zu versetzen.
  • Es ist zu beobachten, ob der Zufall sich durch Bewegung des soeben leidenden Teils, durch Gehen in der Stube oder in frischer Luft, durch Stehen, Sitzen oder Liegen vermehrt oder vermindert, oder ob er vergeht und in der ersten Lage wiederkommt.

  • Auch ob sich das Symptom durch Essen, Trinken oder durch eine andere Bedingung ändert.

  • Oder durch Sprechen, Husten, Niesen oder bei einer anderen Verrichtung des Körpers.

  • Es ist darauf zu achten, zu welcher Tages- oder Nachtzeit es sich vorwiegend einstellt und wodurch das jedem Symptom Eigentümliche und Charakteristische offenbar wird.

134
Alle äußeren Potenzen, vor allem die Arzneien, haben die Eigenschaft, eine ihnen eigentümliche, besonders geartete Veränderung im Befinden des lebenden Organismus hervorzubringen. Nicht alle Symptome, die einer Arznei eigen sind, kommen aber schon bei einer Person, auch nicht alle sofort oder bei demselben Versuch zum Vorschein. Vielmehr kommen bei der einen Person diesmal diese, bei einem zweiten und dritten Versuch andere, bei einer anderen Person diese oder jene Symptome besonders hervor. Doch so, dass sich vielleicht bei der vierten, achten, zehnten usw. Person einige oder mehrere von den Zufällen zeigen, die schon bei der zweiten, sechsten, neunten usw. Person auftraten. Sie erscheinen auch nicht jedesmal wieder zur selben Stunde.
135
Der Inbegriff aller Krankheits-Elemente, die eine Arznei erzeugen kann, wird erst durch vielfache Beobachtungen an vielen dazu tauglichen, verschiedenartigen Körpern von Personen beiderlei Geschlechts der Vollständigkeit nahe gebracht. Man kann erst dann sicher sein, eine Arznei auf die Krankheits-Zustände, die sie erregen kann, das heißt auf ihre reinen Kräfte zur Veränderung des Menschenbefindens ausgeprüft zu haben, wenn die nachfolgenden Versuchspersonen wenig Neues von ihr bemerken und fast immer nur dieselben Symptome an sich wahrnehmen, die schon von anderen beobachtet wurden.
136
Eine Arznei kann bei ihrer Prüfung im gesunden Zustand nicht alle ihre Befindens-Veränderungen bei einer Person hervorbringen, sondern nur bei vielen verschiedenen von abweichender Leibes- und Seelenbeschaffenheit. Doch liegt die Neigung (Tendenz) in ihr, alle diese Symptome in jedem Menschen zu erregen ( 117). Nach einem Naturgesetz bringt sie alle ihre Wirkungen, selbst die, die sie in Gesunden selten hervorbringt, bei jedem Menschen in Ausübung, dem man sie in einem Krankheits-Zustand mit ähnlichen Beschwerden eingibt. Selbst in der kleinsten Gabe erregt die Arznei - homöopathisch gewählt - stillschweigend einen der natürlichen Krankheit nahe kommenden, künstlichen Zustand im Kranken, der ihn von seinem ursprünglichen Übel schnell und dauerhaft (homöopathisch) befreit und heilt.
137
Je mäßiger die Gaben einer zu solchen Versuchen bestimmten Arznei bis zu einem gewissen Grad sind, desto deutlicher kommen ausschließlich die Erstwirkungen als die wissenswürdigsten hervor und keine Nachwirkungen oder Gegenwirkungen des Lebensprinzips. Vorausgesetzt, man erleichtert die Beobachtung durch die Wahl einer wahrheitsliebenden, in jeder Hinsicht gemäßigten, feinfühligen Person, die die gespannteste Aufmerksamkeit auf sich richtet. Bei übermäßig großen Gaben kommen mehrere Nachwirkungen unter den Symptomen vor und die Erstwirkungen treten in so verwirrter Eile und mit solcher Heftigkeit auf, dass sich nichts genau beobachten lässt. Ihre Gefahr kann einem nicht gleichgültig sein, wenn man Achtung vor der Menschheit hat und auch den Geringsten im Volk als seinen Bruder schätzt.
138
Wenn obige Bedingungen ( 124-127) eines guten, reinen Versuchs beachtet werden, rühren alle Beschwerden, Zufälle und Veränderungen des Befindens der Versuchs-Person während der Wirkungsdauer einer Arznei allein von ihr her und müssen als ihr eigentümlich zugehörig, als ihre Symptome angesehen und aufgezeichnet werden. Auch wenn die Person bei sich ähnliche Zufälle vor längerer Zeit von selbst wahrgenommen hat. Dass diese beim Arznei-Versuch wiedererscheinen, zeigt bloß an, dass dieser Mensch aufgrund seiner Körperbeschaffenheit besonders geeignet ist, zu dergleichen erregt zu werden. In diesem Fall geschieht es durch die Arznei. Die Symptome kommen jetzt - während die eingenommene, kräftige Arznei sein ganzes Befinden beherrscht - nicht von selbst, sondern rühren von ihr her.
139
Nimmt der Arzt die Arznei zum Versuch nicht selbst ein, sondern gibt sie einer anderen Person, so hat diese ihre Empfindungen, Beschwerden, Zufälle und Befindensveränderungen genau aufzuschreiben. Zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich ereignen, mit Angabe der Zeit, die seit der Einnahme bis zur Entstehung jedes Symptoms vergangen ist und, wenn es lange anhielt, seiner Dauer.
Der Arzt sieht den Aufsatz in Gegenwart der Versuchs-Person gleich nach vollendetem Versuch oder, wenn dieser mehrere Tage dauert, jeden Tag durch. So kann er sie, solange noch alles frisch im Gedächtnis ist, über die genaue Beschaffenheit jedes Vorfalls befragen und die so ermittelten näheren Umstände dazuschreiben oder sie nach ihrer Aussage abändern1

1

Wer solche Versuche der Ärzteschaft bekannt macht, ist für die Zuverlässigkeit der Versuchs-Person und ihrer Angaben verantwortlich, und zwar mit Recht. Hier steht das Wohl der leidenden Menschheit auf dem Spiel.

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140
Kann die Person nicht schreiben, so muss der Arzt sie jeden Tag befragen, was und wie es sich ereignet hat. Was man als Befund niederschreibt, muss aber größtenteils freiwillige Erzählung der Versuchsperson sein. Nichts Erratenes, nichts Vermutetes und so wenig wie möglich Ausgefragtes. Alles mit der Vorsicht, die ich oben ( 84-99) bei Erkundigung des Befundes und Bildes der natürlichen Krankheiten angegeben habe.
141
Unter den Prüfungen der reinen Wirkungen einfacher Arzneien in Bezug auf die Veränderung des menschlichen Befindens sowie auf die künstlichen Krankheitszustände und Symptome, die sie im gesunden Menschen erzeugen können, bleiben diejenigen die vorzüglichsten, die der gesunde, vorurteilslose, gewissenhafte, feinfühlige Arzt an sich selbst mit der hier gelehrten Vorsicht und Behutsamkeit anstellt. Er weiß am sichersten, was er an sich selbst wahrgenommen hat1

1

Diese Selbstversuche haben für ihn noch andere, unersetzliche Vorteile. Zunächst wird ihm dadurch die Wahrheit zur Tatsache, dass das Arzneiliche aller Arzneien, worauf ihre Heilkraft beruht, in jenen Befindens-Veränderungen liegt, die er von den selbstgeprüften Arzneien erlitten hat, und in den Krankheits-Zuständen, die er an sich selbst durch die Arzneien erfahren hat. Ferner wird er durch solche merkwürdigen Beobachtungen an sich selbst teils zum Verständnis seiner eigenen Empfindungen, seiner Denk- und Gemütsart (dem Grundwesen aller wahren Weisheit: ) [Erkenne dich selbst] gebildet, teils zum Beobachter, was keinem Arzt fehlen darf. Alle unsere Beobachtungen an anderen haben bei weitem nicht das Anziehende wie die an uns selbst angestellten. Wer andere beobachtet, muss immer befürchten, dass der die Arznei Versuchende das, was er sagt, nicht so deutlich gefühlt oder seine Gefühle nicht mit dem genau passenden Ausdruck angegeben und bezeichnet hat. Immer bleibt er im Zweifel, ob er nicht wenigstens zum Teil getäuscht wird. Bei Selbstversuchen entfällt dieses nie ganz auszuräumende Hindernis der Wahrheits-Erkenntnis bei der Erkundigung der künstlichen Krankheits-Symptome, die durch Arzneien bei anderen entstanden sind. Der Selbstversucher weiß es selbst. Was er gefühlt hat, weiß er gewiss. Jeder Selbstversuch ist für ihn ein neuer Antrieb zur Erforschung der Kräfte mehrerer Arzneien. So übt er sich mehr und mehr in der für den Arzt so wichtigen Beobachtungskunst, wenn er weiterhin sich selbst beobachtet - als das Gewissere, ihn nicht Täuschende. Umso eifriger wird er es tun, da ihm diese Selbstversuche die Kenntnis der zum Heilen meist noch mangelnden Werkzeuge nach ihrem wahren Wert und ihrer wahren Bedeutung versprechen und ihn nicht täuschen. Er hat nicht zu befürchten, dass solche kleinen Erkrankungen beim Einnehmen der zu prüfenden Arzneien seiner Gesundheit schaden. Die Erfahrung lehrt im Gegenteil, dass der Organismus des Prüfenden durch die verschiedenen Angriffe auf das gesunde Befinden geübter wird in der Zurücktreibung alles dessen, was seinem Körper von der Außenwelt her feindlich ist, sowie aller künstlichen und natürlichen krankhaften Schädlichkeiten. Durch gemäßigte Selbstversuche mit Arzneien wird er auch abgehärteter gegen alles Nachteilige. Seine Gesundheit wird unveränderlicher. Er wird robuster, wie die Erfahrung lehrt.

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142
Selbst bei Krankheiten - besonders bei den chronischen, sich meist gleichbleibenden - kann man unter den Beschwerden der ursprünglichen Krankheit einige Symptome1

1

Die in der Krankheit vor langer Zeit oder nie bemerkten, folglich neuen Symptome, die der Arznei angehören.

der einfachen Arznei auffinden, die zum Heilen angewendet wird. Dies ist aber ein Gegenstand höherer Beurteilungskunst und Meistern der Beobachtung zu überlassen.
Reine Materia medica ( 143-145)

Eine wahre Materia medica ist eine Sammlung reiner Arzneiwirkungen, ein Kodex der sorgfältig befragten Natur, ohne Vermutungen, Behauptungen oder Erdichtungen ( 143 f.). Bei entsprechendem Umfang wird dort für jeden Krankheitszustand ein homöopathisch passendes Arzneimittel zu finden sein ( 145).

143
Hat man eine beträchtliche Zahl einfacher Arzneien im gesunden Menschen auf diese Art geprüft und alle Krankheits-Elemente und Symptome sorgfältig und treu aufgezeichnet, die sie von selbst als künstliche Krankheits-Potenzen erzeugen können, so hat man eine wahre Materia medica. Das ist eine Sammlung der echten, reinen, untrüglichen1

1

In letzter Zeit hat man entfernten, unbekannten Personen, die sich dafür bezahlen ließen, aufgetragen, Arzneien zu prüfen, und hat diese Verzeichnisse drucken lassen. Auf diese Weise scheint das wichtigste Geschäft, das die einzig wahre Heilkunst zu begründen bestimmt ist und das die größte moralische Gewissheit und Zuverlässigkeit erfordert, in seinen Ergebnissen zweideutig und unsicher zu werden und allen Wert zu verlieren. Die falschen Angaben, die davon zu erwarten sind und vom homöopathischen Arzt einst für wahr angenommen werden, müssen in ihrer Anwendung dem Kranken zum größten Nachteil gereichen.

Wirkungsweisen der einfachen Arzneistoffe, ein Kodex der Natur. Darin sind von jeder so erforschten, kräftigen Arznei eine beachtliche Reihe besonderer Befindens-Veränderungen und Symptome aufgezeichnet, wie sie sich der Aufmerksamkeit des Beobachters darstellten. In diesen sind in Ähnlichkeit die (homöopathischen) Krankheits-Elemente mehrerer natürlicher Krankheiten vorhanden, die einst durch sie zu heilen sind. Sie enthalten künstliche Krankheitszustände, die für die ähnlichen natürlichen Krankheitszustände die einzigen wahren, homöopathischen, das heißt spezifischen Heilwerkzeuge zur gewissen und dauerhaften Genesung darstellen.
144
Von einer solchen Arzneimittellehre sollte alles Vermutete, bloß Behauptete oder sogar Erdichtete ausgeschlossen sein. Alles hat reine Sprache der sorgfältig und redlich befragten Natur zu sein.
145
Nur ein sehr beträchtlicher Vorrat an Arzneien, deren reine Wirkungsweise bei der Veränderung des Menschenbefindens genau bekannt ist, kann uns in den Stand versetzen, für jeden der unendlich vielen Krank-heitszustände, für jedes Siechtum ein homöopathisches Heilmittel, ein passendes Analogon von künstlicher (heilender) Krankheitspotenz zu finden1

1

Anfangs (vor etwa 40 Jahren) war ich der einzige, der sich die Prüfung der reinen Arzneikräfte zur wichtigsten Aufgabe machte. Seitdem bin ich von einigen jungen Männern unterstützt worden, die Versuche an sich selbst machten und deren Beobachtungen ich prüfend durchging. Danach wurde noch einiges Echte dieser Art von wenigen anderen getan. Was wird erst an Heilung im ganzen Umfang des unendlichen Krankheits-Gebiets ausgerichtet werden, wenn mehrere genaue und zuverlässige Beobachter sich durch sorgfältige Selbstversuche um die Bereicherung dieser einzig echten Arzneistoff-Lehre verdient machen! Dann wird das Heilgeschäft den mathematischen Wissenschaften an Zuverlässigkeit nahe kommen.

. Schon jetzt hat jede der kräftigen Arzneisubstanzen bei ihrer Einwirkung auf gesunde Körper die Wahrheit der Symptome und den Reichtum an Krankheits-Elementen beobachten lassen. Dadurch bleiben nur wenige Krankheitsfälle übrig, für die sich unter den bereits auf ihre reine Wirkung geprüften2

2

S.o., Anm. 2 zu 109.

nicht ein ziemlich passendes homöopathisches Heilmittel antreffen ließe, das die Gesundheit ohne sonderliche Beschwerden sanft, sicher und dauerhaft wiederbringt. Und zwar wesentlich gewisser und sicherer als nach allen allgemeinen und speziellen Therapien der bisherigen allopathischen Arzneikunst. Deren ungekannte, gemischte Mittel können die chronischen Krankheiten nur verändern und verschlimmern, aber nicht heilen. Die Heilung der akuten verzögern sie eher, als dass sie sie fördern. Oft führen sie sogar Lebensgefahr herbei.

Anwendung der Arzneimittel zur Heilung ( 146-285)

Heilung durch Homöopathie ( 146-149)

Krankheiten werden durch dasjenige Arzneimittel geheilt, das im Vergleich zu den Krankheitssymptomen die meisten ähnlichen Prüfungssymptome aufweist. Durch die Einwirkung der ähnlichen Kunstkrankheit geht dem Lebensprinzip die Empfindung des krankmachenden Agens verloren.

Akute Krankheiten heilen auf diese Weise oft schon nach einigen Stunden, chronische natürliche Krankheiten brauchen zur Heilung etwas länger,

chronische durch allopathische Behandlung komplizierte Krankheiten wesentlich länger, falls sie überhaupt noch heilbar sind ( 146-149).

146
Der dritte Punkt des Geschäfts eines echten Heilkünstlers betrifft die zweckmäßigste Anwendung der künstlichen Krankheits-Potenzen (Arzneien), die auf ihre reine Wirkung an gesunden Menschen geprüft sind, zur homöopathischen Heilung der natürlichen Krankheiten.
147
Unter den Arzneien, deren Menschenbefindens-Veränderungs-Kraft erforscht wurde, ist diejenige das passendste, gewisseste homöopathische Heilmittel, bei der man in den von ihr beobachteten Symptomen das meiste Ähnliche von der Gesamtheit der Symptome einer gegebenen natürlichen Krankheit antrifft. In ihr ist das Spezifikum dieses Krankheitsfalls gefunden.
148
Die natürliche Krankheit ist keine irgendwo im Inneren oder Äußeren des Menschen sitzende schädliche Materie ( 11, 13), sondern wird von einer geistartigen, feindlichen Potenz erzeugt. Wie durch eine Art von Ansteckung (Anm. zu 11) stört diese das geistartige Lebensprinzip, das im ganzen Organismus herrscht, in seinem instinktartigen Walten, quält es wie ein böser Geist und zwingt es, bestimmte Leiden und Unordnungen im Gang des Lebens zu erzeugen, die man Krankheiten (Symptome) nennt. Dem Lebensprinzip kann das Gefühl von der Einwirkung dieses feindlichen Agens, das diese Verstimmung zu bewirken und fortzusetzen strebt, wieder entzogen werden. Dazu lässt der Arzt eine künstliche Potenz (homöopathische Arznei) auf den Kranken einwirken, die das Lebensprinzip möglichst ähnlich krankhaft verstimmen kann und die stets - auch in der kleinsten Gabe - die ähnliche natürliche Krankheit an Energie ( 33, 279) übertrifft. Während der Einwirkung dieser stärkeren, ähnlichen Kunst-Krankheit geht für das Lebensprinzip die Empfindung von dem ursprünglichen, krankhaften Agens verloren. Das Übel existiert von da an nicht mehr für das Lebensprinzip. Es ist vernichtet. Wird die passend gewählte homöopathische Arznei richtig angewendet, so vergeht die zu überstimmende akute natürliche Krankheit, wenn sie kurz vorher entstanden war, unbemerkt, nicht selten in einigen Stunden. Eine etwas ältere, natürliche Krankheit vergeht (nach Anwendung noch einiger Gaben derselben, höher potenzierten Arznei oder nach sorgfältiger Wahl1

1

Das Aufsuchen und Auswählen des Heilmittels, das dem jeweiligen Krankheits-Zustand in allen Hinsichten homöopathisch am angemessensten ist, ist ein zuweilen sehr mühsames Geschäft. Trotz lobenswerter Erleichterungs-Bücher erfordert es immer noch das Studium der Quellen selbst. Auch vielseitige Umsicht und ernste Erwägung. Seinen besten Lohn empfängt es vom Bewusstsein treu erfüllter Pflicht.

Diese mühsame, sorgfältige Arbeit, die allein die beste Heilung der Krankheiten möglich macht, behagt den Herren von der neuen Mischlings-Sekte nicht. Sie brüsten sich mit dem Ehrennamen Homöopathen, geben zum Schein Arznei von Form und Ansehen der homöopathischen, doch von ihnen nur leichthin ergriffen (quidquid in buccam venit) [irgendetwas kommt in den Mund]. Wenn das ungenaue Mittel nicht sofort hilft, schieben sie die Schuld nicht auf ihre unverzeihliche Mühescheu und Leichtfertigkeit beim Abfertigen der wichtigsten und bedenklichsten aller Angelegenheiten der Menschen, sondern auf die Homöopathie, der sie große Unvollkommenheit vorwerfen. (Eigentlich die, dass sie ihnen das angemessenste homöopathische Heilmittel für jeden Krankheits-Zustand nicht von selbst, ohne eigene Mühe, wie gebratene Tauben in den Mund führt!). Wie gewandte Leute wissen sie sich über das Nicht-Helfen ihrer kaum halb-homöopathischen Mittel bald zu trösten, indem sie die ihnen geläufigeren allopathischen Scherwenzel anbringen. Unter diesen nehmen sich ein oder etliche Dutzend Blutegel, die an die leidende Stelle gesetzt werden, oder kleine, unschuldige Aderlässe von 8 Unzen usw. recht stattlich aus. Kommt der Kranke trotzdem davon, so rühmen sie ihre Aderlässe, Blutegel usw., ohne die er nicht hätte erhalten werden können, und geben zu verstehen, dass diese Operationen, die sie ohne viel Kopfzerbrechen aus dem verderblichen Schlendrian der alten Schule hervorkramten, im Grunde das Beste bei der Behandlung getan hätten. Stirbt der Kranke dabei, was nicht selten vorkommt, so suchen sie die trostlosen Angehörigen damit zu beruhigen, dass sie selbst Zeuge waren, wie doch alles Ersinnliche für den selig Verstorbenen getan worden sei. Einer solchen leichtsinnigen, schädlichen Brut will niemand die Ehre antun, sie nach dem Namen der sehr mühsamen, aber auch heilbringenden Kunst homöopathische Ärzte zu nennen. Auf sie wartet der gerechte Lohn, dass sie, wenn sie einmal selbst erkranken, auf gleiche Art behandelt werden!

der einen oder anderen noch ähnlicheren homöopathischen Arznei) etwas später, samt aller Spuren von Übelbefinden. In unmerklichen, oft schnellen Übergängen erfolgt Gesundheit und Genesung. Das Lebensprinzip fühlt sich wieder frei und fähig, das Leben des Organismus wie vorher in Gesundheit fortzuführen. Die Kräfte sind wieder da.
149
Die alten (und besonders die komplizierten) Siechtümer erfordern zur Heilung entsprechend mehr Zeit. Besonders die chronischen Arznei-Siechtümer, die durch allopathische Unkunst oft neben der von ihr unge-heilt gelassenen natürlichen Krankheit erzeugt werden, erfordern eine bei weitem längere Zeit zur Genesung. Oft sind sie sogar unheilbar
  • wegen des Raubs der Kräfte und Säfte des Kranken, der Blutentziehungen, Purganzen usw.,

  • wegen der oft lange fortgesetzten Anwendung großer Gaben heftig wirkender Mittel nach leeren, falschen Vermutungen von ihrem angeblichen Nutzen in ähnlich scheinenden Krankheits-Fällen,

  • wegen der Verordnung unpassender Mineralbäder usw.

Dies sind die gewöhnlichen Heldentaten der Allopathie bei ihren so genannten Behandlungen.
Bewertung der Symptome ( 150-154)

Geringfügige Symptome erfordern keine Arzneitherapie ( 150). Unter den Symptomen einer zu behandelnden Krankheit ( 151 f.) sind besonders die auffallenderen, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen, das heißt die charakteristischen Symptome (s. die Reper-torien von Bönninghausen und Jahr) zu beachten. Besonders diesen (näher bezeichneten) Krankheitssymptomen sollten die Prüfungssymptome der verordneten Arznei quantitativ und qualitativ am meisten ähneln ( 153 f.).

150
Ein oder ein paar geringfügige Zufälle, die erst seit kurzem bemerkt wurden, sind, wenn sie dem Arzt geklagt werden, nicht als vollständige Krankheit anzusehen, die ernsthafte, arzneiliche Hilfe benötigt. Eine kleine Abänderung in der Diät und Lebensordnung reicht gewöhnlich, um diese Unpässlichkeit zu verwischen.
151
Sind es ein paar heftige Beschwerden, über die der Kranke klagt, so findet der forschende Arzt gewöhnlich nebenbei noch mehrere, wenn auch kleinere Zufälle, die ein vollständiges Bild der Krankheit ergeben.
152
Je schlimmer eine akute Krankheit ist, aus desto zahlreicheren, auffallenderen Symptomen ist sie gewöhnlich zusammengesetzt. Umso sicherer lässt sich auch ein passendes Heilmittel für sie auffinden, wenn eine ausreichende Zahl Arzneien, deren positive Wirkungen bekannt sind, zur Auswahl vorhanden ist. Unter den Symptomenreihen vieler Arzneien lässt sich ohne Schwierigkeit eine finden, aus deren einzelnen Krankheits-Elementen sich ein Bild einer heilenden Kunstkrankheit zusammensetzen lässt, das dem Symptomen-Inbegriff der natürlichen Krankheit gegenüber sehr ähnlich ist. Diese Arznei ist das gewünschte Heilmittel.
153
Das Aufsuchen eines homöopathisch spezifischen Heilmittels erfolgt durch das Gegeneinanderhalten des Zeichen-Inbegriffs der natürlichen Krankheit gegen die Symptomenreihen der vorhandenen Arzneien, um unter diesen eine Kunstkrankheits-Potenz zu finden, die dem zu heilenden Übel in Ähnlichkeit entspricht. Dabei sind die auffallenderen, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome1

1

Um die Aufstellung der charakteristischen Symptome der homöopathischen Arzneien hat sich Herr Regierungsrat Freiherr von Bönninghausen durch sein Reperto-rium verdient gemacht sowie auch Herr G. H. G. Jahr (in seinem Handbuch der Haupt-Anzeigen, jetzt zum dritten Mal herausgegeben, unter dem Titel Grand Manuel).

des Krankheitsfalls besonders und fast einzig fest ins Auge zu fassen. Denn besonders diesen müssen sehr ähnliche in der Symptomenreihe der gesuchten Arznei entsprechen, wenn sie die passendste zur Heilung sein soll. Die allgemeineren und unbestimmteren wie Appetitlosigkeit, Kopfweh, Mattigkeit, unruhiger Schlaf, Unbehaglichkeit usw. verdienen in dieser Allgemeinheit wenig Aufmerksamkeit, wenn sie nicht näher bezeichnet sind. Denn etwas so Allgemeines sieht man fast bei jeder Krankheit und jeder Arznei.
154
Enthält das Gegenbild, das aus der Symptomen-Reihe der treffendsten Arznei zusammengesetzt ist, jene besonderen, ungewöhnlichen, eigenheitlich sich auszeichnenden (charakteristischen) Zeichen, die in der zu heilenden Krankheit anzutreffen sind, in der größten Zahl und in der größten Ähnlichkeit, so ist diese Arznei für diesen Krankheitszustand das passendste, homöopathische, spezifische Heilmittel. Eine Krankheit von nicht zu langer Dauer wird gewöhnlich durch die erste Gabe davon ohne bedeutende Beschwerden aufgehoben und ausgelöscht.
Die homöopathische Verschlimmerung ( 155-161)

Da eine vollständige Deckung von Krankheits- und Arzneimittel-Symptomen selten ist, kann eine (weitgehend) homöopathische Arznei beim Patienten auch nicht-homöopathische neue Symptome erzeugen [im Sinne einer Arzneimittelprüfung], die allerdings durch die Gegenwirkung der Lebenskraft kaum bemerkt werden ( 155 f.).

Etwas anderes geschieht, wenn eine Arznei solche Krankheitssymptome verschlimmert, die ihren eigenen Symptomen ähnlich sind. Was dem Patienten als Verschlimmerung seiner Krankheit erscheint, ist lediglich eine Arzneikrankheit, die bei akuten Krankheiten in wenigen Stunden vorübergeht. Sie ist ein gutes Zeichen für baldige Heilung und kann durch möglichst kleine Gaben minimiert werden [Erstverschlimmerung] ( 157-160).

Bei Behandlung chronischer Krankheiten [mit Q-Potenzen] können homöopathische Verschlimmerungen nur gegen Ende der Behandlung auftreten [Spätverschlimmerung] ( 161, vgl. 248, 280).

155
Wohlgemerkt: ohne bedeutende Beschwerden. Beim Gebrauch der passendsten homöopathischen Arznei sind bloß die den Krankheits-Symptomen entsprechenden Arznei-Symptome des Heilmittels in Wirksamkeit. Sie nehmen die Stelle der (schwächeren) Krankheits-Symptome im Organismus, das heißt im Gefühl des Lebensprinzips ein und vernichten sie durch Überstimmung. Die oft sehr vielen übrigen Symptome der homöopathischen Arznei, die in dem vorliegenden Krankheitsfall keine Anwendung finden, schweigen dabei. Im Befinden des sich stündlich bessernden Kranken lässt sich fast nichts von ihnen bemerken. Die Arznei-Gabe ist zum homöopathischen Gebrauch nur in tiefer Verkleinerung nötig und viel zu schwach, um ihre übrigen Symptome, die nicht zu den homöopathischen gehören, in den von der Krankheit freien Teilen des Körpers zu äußern. Sie kann bloß ihre homöopathischen Symptome auf die Teile im Organismus wirken lassen, die von den ähnlichen Krankheitssymptomen schon am gereiztesten und aufgeregtesten sind. So lässt die Arzneigabe dem kranken Lebensprinzip nur die ähnliche, aber stärkere Arzneikrankheit fühlen. Dadurch erlischt die ursprüngliche Krankheit.
156
Selten gibt es ein (anscheinend auch passend gewähltes) homöopathisches Arzneimittel, das - besonders in zu wenig verkleinerter Gabe - nicht wenigstens eine kleine, ungewohnte Beschwerde, ein kleines, neues Symptom während seiner Wirkungsdauer bei sehr reizbaren und feinfühligen Kranken zuwege bringt. Es ist fast unmöglich, dass sich Arznei und Krankheit in ihren Symptomen so genau decken wie zwei Dreiecke von gleichen Winkeln und gleichen Seiten. Diese (im guten Fall) unbedeutende Abweichung wird von der eigenen Krafttätigkeit (Autokratie) des lebenden Organismus leicht verwischt und von Kranken, die nicht übermäßig zart sind, nicht einmal bemerkt. Die Wiederherstellung schreitet dennoch zum Ziel der Genesung voran, wenn sie nicht durch fremdartig arzneiliche Einflüsse, durch Fehler in der Lebensordnung oder durch Leidenschaften daran gehindert wird.
157
Ein homöopathisch gewähltes Heilmittel hebt wegen seiner Angemessenheit und der Kleinheit der Gabe die ihm analoge, akute Krankheit ruhig auf und vernichtet sie, ohne dass seine übrigen, unhomöopathischen Symptome laut werden, das heißt ohne Erregung neuer, bedeutender Beschwerden. Bei nicht gehörig verkleinerter Gabe bewirkt es jedoch gleich nach der Einnahme, in der ersten oder den ersten Stunden, eine Art kleiner Verschlimmerung, die bei etwas zu großen Gaben mehrere Stunden dauern kann. Diese hat so viel Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Krankheit, dass sie dem Kranken eine Verschlimmerung seines eigenen Übels zu sein scheint. Sie ist aber tatsächlich nichts anderes als eine höchst ähnliche Arzneikrankheit, die das ursprüngliche Übel etwas an Stärke übersteigt.
158
Diese kleine homöopathische Verschlimmerung in den ersten Stunden ist ein sehr gutes Vorzeichen dafür, dass die akute Krankheit von der ersten Gabe beendet sein wird. Sie ist nicht selten, da die Arzneikrankheit etwas stärker als das zu heilende Übel sein muss, wenn sie letzteres überstimmen und auslöschen soll. Auch eine ähnliche natürliche Krankheit kann nur, wenn sie stärker ist als die andere, diese aufheben und vernichten ( 43- 48).
159
Je kleiner die Gabe des homöopathischen Mittels ist, desto kleiner und kürzer ist bei der Behandlung akuter Krankheiten diese scheinbare Krankheits-Erhöhung in den ersten Stunden.
160
Die Gabe eines homöopathischen Heilmittels lässt sich kaum so klein bereiten, dass sie nicht die ihr analoge, vor nicht langer Zeit entstandene, unverdorbene natürliche Krankheit bessern, überstimmen, ja völlig heilen und vernichten kann ( 249, Anm.). Eine nicht kleinstmögliche Gabe einer passend homöopathischen Arznei bringt dagegen immer noch in der ersten Stunde nach der Einnahme eine merkbare homöopathische Verschlimmerung dieser Art1

1

Diese Erhöhung der Arzneisymptome über die ihnen analogen Krankheitssymptome, die einer Verschlimmerung ähnlich ist, haben auch andere Ärzte beobachtet, wenn ihnen der Zufall ein homöopathisches Mittel in die Hand spielte. Wenn der Krätz-Kranke nach Einnahme des Schwefels über vermehrten Ausschlag klagt, so tröstet ihn der Arzt, der die Ursache davon nicht kennt, mit der Versicherung, dass die Krätze erst recht herauskommen muss, ehe sie heilen kann. Er weiß nicht, dass es Schwefel-Ausschlag ist, der nur den Schein vermehrter Krätze annimmt.

Den Gesichts-Ausschlag, den die viola tricolor heilte, hat sie am Anfang ihres Gebrauchs verschlimmert. versichert Leroy (Heilkunde für Mütter. S. 406). Aber er weiß nicht, dass die scheinbare Verschlimmerung von der allzu großen Gabe des hier einigermaßen homöopathischen Freisam-Veilchens herrührte. Lysons sagt (Med. Transact. Vol. II. London 1772): Die Ulmenrinde heilt die Hautausschläge am sichersten, die sie am Anfang ihres Gebrauchs vermehrt. Hätte er die Rinde nicht in der (in der allopathischen Arzneikunst üblichen) ungeheuren Gabe, sondern in ganz kleinen Gaben gereicht, wie es bei Symptomen-Ähnlichkeit der Arznei, das heißt bei ihrem homöopathischen Gebrauch sein muss, so hätte er geheilt, ohne oder fast ohne diese scheinbare Krankheits-Erhöhung (homöopathische Verschlimmerung) zu sehen.

zuwege.
161
Die so genannte homöopathische Verschlimmerung oder vielmehr die Erstwirkung der homöopathischen Arznei, die die Symptome der ursprünglichen Krankheit etwas zu erhöhen scheint, tritt bei den akuteren, seit kurzem entstandenen Übeln in der ersten oder in den ersten Stunden auf. Wo Arzneien von langer Wirkungsdauer ein altes oder sehr altes Siechtum zu bekämpfen haben, dürfen sich während des Verlaufs der Behandlung keine solchen anscheinenden Erhöhungen der ursprünglichen Krankheit zeigen. Sie zeigen sich auch nicht, wenn die treffend gewählte Arznei in entsprechend kleinen, nur allmählich erhöhten Gaben gereicht und jedesmal durch neue Dynamisierung ( 247) um etwas modifiziert wird1

1

Sind die Gaben der am besten dynamisierten ( 270) Arznei klein genug und war die Gabe jedesmal aufs Neue durch Schütteln modifiziert, dann können auch bei chronischen Krankheiten selbst Arzneien von langer Wirkungs-Dauer in kurzen Zeiträumen wiederholt werden.

. Solche Erhöhungen der ursprünglichen Symptome der chronischen Krankheit können dann nur gegen Ende solcher Behandlungen zum Vorschein kommen, wenn die Heilung fast oder ganz vollendet ist.
Vorgehen bei unvollständigem Vorrat geprüfter Arzneien ( 162-171)

Findet sich unter allen geprüften Arzneien keine, die mehr als nur einen Teil der Krankheitssymptome abdeckt, wird auch die bestgewählte Arznei beim Patienten [nicht-homöopathische] neue Nebensymptome hervorrufen ( 162 f.). Sind die wenigen homöopathischen Symptome der Arznei jedoch charakteristisch, erfolgt dennoch Heilung ( 164). Wenn nicht, wählt man für den nun veränderten neuen Krankheitszustand wiederum eine möglichst ähnliche Arznei usw. ( 165-168). Keineswegs verabreicht man nun automatisch das Mittel, das für den ursprünglichen Krankheitszustand am zweitbesten zu passen schien ( 169 f.).

Bei psorischen chronischen Krankheiten sind oft mehrere auf diese Weise verordnete Arzneimittel zur Heilung nötig ( 171).

162
Manchmal trifft es sich bei der noch geringen Zahl Arzneien, deren reine Wirkungen genau bekannt sind, dass nur ein Teil von den Symptomen der zu heilenden Krankheit in der Symptomenreihe der Arznei angetroffen wird, die noch am besten passt. In Ermangelung einer vollkommeneren muss dann diese unvollkommene Arzneikrankheits-Potenz angewendet werden.
163
In diesem Fall lässt sich von der Arznei keine vollständige, unbeschwerliche Heilung erwarten. Bei ihrem Gebrauch treten einige Zufälle hervor, die früher in der Krankheit nicht zu finden waren. Das sind Nebensymptome der nicht vollständig passenden Arznei. Sie verhindern zwar nicht, dass ein beträchtlicher Teil des Übels (die den Arznei-Symptomen ähnlichen Krankheits-Symptome) von dieser Arznei getilgt wird und ein beträchtlicher Anfang der Heilung gemacht wird. Dies erfolgt aber nicht ohne jene Nebenbeschwerden, die jedoch bei entsprechend kleiner Arznei-Gabe nur mäßig sind.
164
Eine geringe Zahl der in der bestgewählten Arznei anzutreffenden homöopathischen Symptome beeinträchtigt die Heilung nicht, wenn diese wenigen Arznei-Symptome größtenteils von ungewöhnlicher, die Krankheit besonders auszeichnender Art (charakteristisch) sind. Die Heilung erfolgt dann doch ohne sonderliche Beschwerden.
165
Manchmal ist unter den Symptomen der gewählten Arznei nichts von den auszeichnenden (charakteristischen), sonderlichen, ungewöhnlichen Symptomen des Krankheitsfalls in genauer Ähnlichkeit vorhanden. Die Arznei entspricht der Krankheit nur in den allgemeinen, nicht näher bezeichneten, unbestimmten Zuständen (Übelkeit, Mattigkeit, Kopfweh usw.). Findet sich unter den gekannten Arzneien keine homöopathisch passendere, so hat sich der Heilkünstler keinen unmittelbar vorteilhaften Erfolg von der Anwendung dieser unhomöopathischen Arznei zu versprechen.
166
Bei der inzwischen vermehrten Zahl von Arzneien, die nach ihren reinen Wirkungen gekannt sind, ist dieser Fall sehr selten. Wenn er doch eintreten sollte, mindern sich seine Nachteile, sobald eine folgende Arznei in treffenderer Ähnlichkeit gewählt wird.
167
Entstehen beim Gebrauch dieser zuerst angewendeten, unvollkommen homöopathischen Arznei Nebenbeschwerden von einiger Bedeutung, so lässt man bei akuten Krankheiten diese erste Gabe nicht völlig auswirken und überlässt den Kranken nicht der vollen Wirkungsdauer des Mittels. Sondern man untersucht den nun geänderten Krankheitszustand aufs Neue und bringt den Rest der ursprünglichen Symptome mit den neu entstandenen in Verbindung, um ein neues Krankheitsbild aufzuzeichnen.
168
Auf diese Weise wird man leichter ein Analogon aus den gekannten Arzneien herausfinden, das diesem Krankheitsbild entspricht. Sein einmaliger Gebrauch wird die Krankheit vernichten oder doch der Heilung um vieles näher bringen. Wenn auch diese Arznei zur Herstellung der Gesundheit nicht ausreichen sollte, fährt man mit abermaliger Untersuchung des noch übrigen Krankheitszustandes und der Wahl einer dafür möglichst passenden homöopathischen Arznei fort, bis die Absicht erreicht ist, den Kranken in den vollen Besitz der Gesundheit zu versetzen.
169
Manchmal findet man bei der ersten Untersuchung einer Krankheit und der ersten Wahl der Arznei, dass der Symptomen-Inbegriff der Krankheit nicht ausreichend von den Krankheits-Elementen einer einzigen Arznei gedeckt wird - eben wegen der unzureichenden Zahl gekannter Arzneien. Möglicherweise streiten zwei Arzneien um den Vorrang: Die eine passt homöopathisch mehr für den einen, die andere mehr für den anderen Teil der Zeichen der Krankheit. Es ist dann nicht ratsam, nach Gebrauch der besseren unter den beiden Arzneien unbesehen die andere zu gebrauchen1

1

Noch weit weniger, beide zusammen einzugeben (s. 272, Anm.).

. Wenn sich die Umstände inzwischen verändert haben, würde die Arznei, die sich als zweitbeste herausgestellt hat, nicht mehr für den Rest der dann noch übrig gebliebenen Symptome passen. In diesem Fall ist für den neu aufgenommenen Symptomen-Bestand ein anderes, homöopathisch passenderes Arzneimittel als das zweite zu wählen.
170
Wie überall, wo eine Änderung des Krankheits-Zustands erfolgt ist, muss hier der gegenwärtig noch übrige Symptomen-Bestand aufs Neue ermittelt und eine dem neuen, jetzigen Zustand möglichst angemessene homöopathische Arznei von neuem ausgewählt werden. Dies hat ohne Rücksicht auf die zweite Arznei zu erfolgen, die anfänglich als nächst-passend erschien. Es geschieht nicht oft, dass die Arznei, die anfänglich als zweitbeste erschien, sich dann noch dem übriggebliebenen Krankheits-Zustand wohl angemessen zeigt. Träfe das aber zu, so würde sie umso mehr das Vertrauen verdienen, bevorzugt angewendet zu werden.
171
Bei den unvenerischen, aus Psora entstandenen chronischen Krankheiten benötigt man zur Heilung oft mehrere antipsorische Heilmittel, die nacheinander anzuwenden sind. Dabei wird jedes folgende Mittel gemäß dem Befund der Symptomen-Gruppe, die nach vollendeter Wirkung des vorhergehenden Mittels übrig geblieben ist, homöopathisch gewählt.

Vorgehen bei speziellen Krankheitsformen ( 172-244)

Einseitige Krankheiten ( 172-184)

Bei einseitigen Krankheiten sind nur ein paar Hauptsymptome (jahrelanger Kopfschmerz, Durchfall usw.), aber keine weiteren Symptome aufzufinden ( 173 f.), auch nicht nach gründlicher Anamnese ( 175 f.).

Die möglichst passend gewählte Arznei ( 177) wird hier entweder, im Falle der Übereinstimmung charakteristischer Symptome, die Krankheit sogleich heilen ( 178) oder Nebensymptome erregen und damit die Symptomatik der Krankheit vervollständigen ( 179-182). Für diesen neuen Zustand wird wiederum das homöopathisch passendste Mittel gewählt usw. ( 183 f.).

172
Eine ähnliche Schwierigkeit entsteht durch die allzu geringe Zahl der Symptome einer zu heilenden Krankheit. Dieser Umstand verdient sorgfältige Beachtung, da seine Beseitigung fast alle Schwierigkeiten dieser vollkommensten aller möglichen Heil-Methoden behebt, wenn man von dem noch nicht vollständigen Apparat homöopathisch gekannter Arzneien absieht.
173
Manche Krankheiten kann man einseitige nennen, weil nur ein oder ein paar Hauptsymptome hervorstechen, die fast den ganzen Rest der übrigen Zufälle verdunkeln. Nur diese Krankheiten scheinen wenige Symptome zu haben und deshalb die Heilung schwieriger anzunehmen. Sie gehören größtenteils zu den chronischen.
174
Ihr Hauptsymptom kann ein inneres Leiden (z.B. jahrelanger Kopfschmerz oder Durchfall, eine alte Kardialgie usw.) oder ein mehr äußeres Leiden sein, das man bevorzugt Lokal-Krankheit nennt.
175
Bei den einseitigen Krankheiten ersterer Art liegt es oft bloß an der Unaufmerksamkeit des ärztlichen Beobachters, wenn er die Zufälle, die zur Vervollständigung des Umrisses der Krankheitsgestalt vorhanden sind, nicht vollständig aufspürt.
176
Es gibt aber einige wenige Übel dieser Art, die nach aller anfänglichen ( 84-98) Forschung - abgesehen von ein paar starken, heftigen Zufällen - die übrigen nur undeutlich bemerken lassen.
177
Um auch in diesem sehr seltenen Fall Erfolg zu haben, wählt man nach Anleitung dieser wenigen Symptome zuerst die Arznei, die dafür nach bestem Ermessen homöopathisch ausgesucht ist.
178
Manchmal stellt diese Arznei, die unter sorgfältiger Beachtung des homöopathischen Gesetzes gewählt wurde, die passend ähnliche künstliche Krankheit zur Vernichtung des gegenwärtigen Übels dar. Das ist am ehesten möglich, wenn die wenigen Krankheitssymptome sehr auffallend, bestimmt und von seltener Art oder besonders ausgezeichnet (charakteristisch) sind.
179
Meistens aber passt die hier zuerst gewählte Arznei nur zum Teil, das heißt nicht genau, da keine Mehrzahl von Symptomen zur treffenden Wahl leitet.
180
Die so gut wie möglich gewählte Arznei, die aber wegen der genannten Ursache nur unvollkommen homöopathisch ist, erregt bei ihrer Wirkung gegen die ihr nur zum Teil analoge Krankheit Nebenbeschwerden und mischt mehrere Zufälle aus ihrer eigenen Symptomenreihe in das Befinden des Kranken ein - ebenso wie im obigen ( 162) Fall, wo die Armut an homöopathischen Heilmitteln die Wahl unvollständig ließ. Diese Nebenbeschwerden sind, obwohl sie bisher noch nicht oder selten gefühlt wurden, zugleich Beschwerden der Krankheit selbst. Es ereignen sich Zufälle oder entwickeln sich in höherem Grad, die der Kranke vorher nicht oder nicht deutlich wahrgenommen hat.
181
Die jetzt erschienenen Nebenbeschwerden und neuen Symptome dieser Krankheit kommen zwar von dem eben gebrauchten Arzneimittel.1

1

Wenn nicht ein wichtiger Fehler in der Lebensordnung, eine heftige Leidenschaft oder eine stürmische Entwicklung im Organismus, der Ausbruch oder Abschied des Monatlichen, Empfängnis, Niederkunft usw. die Ursache davon ist.

Es sind aber nur solche Symptome, zu deren Erscheinung diese Krankheit in diesem Körper für sich schon fähig ist. Sie werden von der gebrauchten Arznei, die ähnliche Symptome selbst erzeugen kann, bloß hervorgelockt und zur Erscheinung gebracht. Man hat den ganzen Symptomen-Inbegriff, der jetzt sichtbar geworden ist, als den zur Krankheit selbst gehörenden, als den gegenwärtigen, wahren Zustand anzunehmen und ihn dementsprechend weiter zu behandeln.
182
Dieses Arzneimittel, dessen Wahl aufgrund der allzu geringen Zahl anwesender Symptome fast unvermeidlich unvollkommen war, dient so zur Vervollständigung des Symptomen-Inhalts der Krankheit. Es erleichtert auf diese Weise die Auffindung einer zweiten, treffender passenden homöopathischen Arznei.
183
Wenn die neu entstandenen Beschwerden nicht wegen ihrer Heftigkeit schnelle Hilfe erfordern, was bei der Gaben-Kleinheit homöopathischer Arznei und bei sehr langwierigen Krankheiten fast nie der Fall ist, muss, sobald die Gabe der ersten Arznei nichts Vorteilhaftes mehr bewirkt, ein neuer Befund der Krankheit aufgenommen werden. Es muss der status morbi [Krankheitszustand], wie er jetzt ist, aufgezeichnet und nach ihm ein zweites homöopathisches Mittel gewählt werden, das genau auf den jetzigen Zustand passt. Dieses kann umso angemessener gefunden werden, da die Gruppe der Symptome zahlreicher und vollständiger geworden ist1

1

Manchmal (höchst selten bei chronischen, wohl aber bei akuten Krankheiten) fühlt sich der Kranke bei ganz geringen Symptomen dennoch sehr übel. Diesen Zustand kann man mehr der Betäubung der Nerven zuschreiben, die die Schmerzen und Beschwerden beim Kranken nicht zur deutlichen Wahrnehmung kommen lässt. In diesem Fall tilgt Mohnsaft diese Betäubung des inneren Gefühls-Sinnes und die Symptome der Krankheit kommen in der Nachwirkung deutlich zum Vorschein.

.
184
So wird nach vollendeter Wirkung jeder Arznei, wenn sie nicht mehr als passend und hilfreich befunden wird, der Zustand der noch übrigen Krankheit gemäß den übrigen Symptomen jedesmal von neuem aufgenommen. Nach dieser gefundenen Gruppe von Zufällen wird eine möglichst passende homöopathische Arznei ausgesucht usw., bis zur Genesung.
Lokale Krankheiten ( 185-203)

Lokal-Übel sind einseitige Krankheiten an äußeren Körperteilen ( 185).

Ist ein örtliches Übel durch eine größere äußere Verletzung entstanden, müssen einerseits Heilungshindernisse mechanisch bzw. chirurgisch beseitigt, zum anderen der stets in Mitleidenschaft gezogene Organismus (dynamisch) durch innerliche (homöopathische) Arzneien behandelt werden ( 186).

Liegt dem Lokal-Übel eine innere Krankheit zugrunde, wird es bei innerer (homöopathischer) Behandlung der Gesamtkrankheit abheilen ( 187-193), zumindest nach antipsorischer Nachbehandlung ( 194 f.).

Eine bloß äußerliche Entfernung des Lokalsymptoms würde dagegen nicht nur die Arzneitherapie der Gesamtkrankheit erschweren ( 194-200), sondern auch die innere Krankheit durch Wegnahme ihres stellvertretenden Symptoms verschlimmern ( 201-203)

185
Unter den einseitigen Krankheiten nehmen die so genannten Lokal-Übel eine wichtige Stelle ein. Darunter versteht man Veränderungen und Beschwerden, die an äußeren Teilen des Körpers erscheinen. Bisher lehrte man, dass diese Teile allein erkrankt sind, ohne dass der übrige Körper daran teilnimmt. Diese theoretische, ungereimte Behauptung hat zu der verderblichsten arzneilichen Behandlung verführt.
186
Diejenigen so genannten Lokal-Übel, die erst kürzlich bloß durch eine äußere Beschädigung entstanden sind, scheinen noch am ehesten den Namen örtliche Übel zu verdienen. Die Beschädigung muss aber sehr geringfügig sein und ist dann ohne besondere Bedeutung. Übel von nur einiger Beträchtlichkeit, die dem Körper von außen zugefügt wurden, ziehen dagegen den ganzen lebenden Organismus in Mitleidenschaft. Es entstehen Fieber usw.
  • Mit diesen beschäftigt sich die Chirurgie, mit Recht aber nur insofern, als an den leidenden Teilen eine mechanische Hilfe anzubringen ist, durch die die äußeren Hindernisse der Heilung, die allein durch die Lebenskraft zu erwarten ist, mechanisch beseitigt werden können.

  • Beispiele sind Einrenkungen, Wundränder vereinigende Heft-Nadeln und Binden, mechanische Hemmung und Stillung der Blutung aus einer geöffneten Arterie, Herausziehen von in die lebenden Teile gelangten Fremdkörpern, Öffnung einer Körperhöhle, um eine belästigende Substanz herauszunehmen oder um den Ergießungen ausgetretener oder angesammelter Flüssigkeiten einen Ausgang zu verschaffen, Aneinanderfügung der Bruch-Enden eines gebrochenen Knochens und Befestigung ihres Aufeinander-Passens durch einen geeigneten Verband usw.

Bei solchen Beschädigungen verlangt stets der ganze lebende Organismus tätige dynamische Hilfe, um in den Stand versetzt zu werden, das Werk der Heilung zu vollführen. So ist z.B. das stürmische Fieber bei großen Quetschungen, zerrissenem Fleisch, Flechsen und Gefäßen durch innere Arznei zu beseitigen oder der äußere Schmerz verbrannter oder geätzter Teile homöopathisch wegzunehmen. Hier ist das Geschäft des dynamischen Arztes und seine homöopathische Hilfe angezeigt.
187
Die an äußeren Teilen erscheinenden Übel, Veränderungen und Beschwerden, die keine Beschädigung von außen zur Ursache haben oder nur durch kleine äußere Verletzungen veranlasst wurden, entstehen auf andere Art. Sie haben ihre Quelle in einem inneren Leiden. Sie als bloß örtliche Übel auszugeben und nur oder fast nur mit örtlichen Auflegungen oder anderen ähnlichen Mitteln gleichsam wundärztlich zu behandeln, wie es die bisherige Medizin seit jeher tut, ist ungereimt und hat die schädlichsten Folgen.
188
Man hielt diese Übel für bloß örtliche und nannte sie deshalb Lokal-Übel. Als wären es Erkrankungen, die ausschließlich an diesen Teilen stattfinden, an denen der Organismus wenig oder gar nicht teilnimmt, oder Leiden dieser einzelnen, sichtbaren Teile, von denen der übrige lebende Organismus sozusagen nichts weiß1

1

Eine der vielen verderblichen Haupttorheiten der alten Schule.

.
189
Kein äußeres Übel - es sei denn, es ist durch eine sonderliche Beschädigung von außen entstanden - kann ohne innere Ursachen, ohne Mitwirkung des ganzen (folglich kranken) Organismus entstehen und auf seiner Stelle verharren oder sich sogar verschlimmern. Es könnte gar nicht zum Vorschein kommen ohne die Zustimmung des ganzen sonstigen Befindens und ohne die Teilnahme des übrigen lebenden Ganzen, das heißt des Lebensprinzips, das in allen anderen empfindenden und reizbaren Teilen des Organismus waltet. Sein Emporkommen ist ohne Veranlassung durch das ganze (verstimmte) Leben undenkbar. Alle Teile des Organismus hängen innig zusammen und bilden ein unteilbares Ganzes in Gefühlen und Tätigkeit. Ohne vorhergehendes und gleichzeitiges inneres Übelbefinden des Menschen gibt es keinen Lippen-Ausschlag und kein Nagelgeschwür.
190
Jede echt ärztliche Behandlung eines Übels, das an äußeren Teilen des Körpers fast ohne Beschädigung von außen entstanden ist, muss auf das Ganze, auf die Vernichtung und Heilung des allgemeinen Leidens durch innere Heilmittel gerichtet sein. Nur so kann sie zweckmäßig, sicher, hilfreich und gründlich sein.
191
Als Bestätigung zeigt die Erfahrung in allen Fällen, dass jede kräftige innere Arznei nach ihrer Einnahme bedeutende Veränderungen verursacht, im übrigen Befinden eines solchen Kranken ebenso wie besonders an dem leidenden äußeren Teil (der der gewöhnlichen Arzneikunst isoliert erscheint), in einem so genannten Lokal-Übel selbst an den äußersten Stellen des Körpers. Wenn die innere, auf das Ganze gerichtete Arznei passend homöopathisch gewählt wurde, tritt unter Verschwinden des äußeren Übels (ohne Zutun irgendeines äußeren Mittels) die heilsamste Veränderung ein, nämlich die Genesung des ganzen Menschen.
192
Bei der Erörterung des Krankheitsfalls werden zum Entwurf eines vollständigen Krankheits-Bildes am zweckmäßigsten neben der genauen Beschaffenheit des Lokal-Leidens zugleich alle Veränderungen, Beschwerden und Symptome herangezogen, die im übrigen Befinden bemerkbar sind und zuvor beim Nichtgebrauch von Arzneien bemerkt wurden. Dann sucht man ein dieser Gesamtheit von Zufällen entsprechendes Heilmittel unter den Arzneien, deren eigentümliche Krankheitswirkungen bekannt sind, um darunter eine homöopathische Wahl zu treffen.
193
Durch die bloß innerlich gegebene Arznei (wenn das Übel erst kürzlich entstanden ist, oft schon durch die erste Gabe) wird der gemeinsame Krankheitszustand des Körpers gleichzeitig mit dem Lokal-Übel aufgehoben. Letzteres wird gleichzeitig mit ersterem geheilt. Das Lokal-Leiden hängt von der Krankheit des übrigen Körpers ab. Es ist als ein untrennbarer Teil des Ganzen anzusehen, als eines der größten und auffallendsten Symptome der Gesamtkrankheit.
194
Weder bei schnell entstehenden, akuten Lokal-Leiden noch bei schon lange bestehenden örtlichen Übeln ist es dienlich, ein äußeres Mittel - und wäre es auch das spezifische und, innerlich gebraucht, homöopathisch heilsame - äußerlich an die Stelle einzureiben oder aufzulegen. Selbst dann nicht, wenn es zugleich innerlich angewendet wird. Die akuten topischen Übel (z.B. Entzündungen einzelner Teile, Rotlauf usw.), die nicht durch heftige, äußere Beschädigung, sondern durch dynamische oder innere Ursachen entstanden sind, weichen am sichersten und gewöhnlich ausschließlich den inneren Mitteln, die dem gegenwärtigen äußerlich und innerlich wahrnehmbaren Befindens-Zustand homöopathisch angemessen sind und aus dem allgemeinen Vorrat geprüfter Arzneien gewählt werden. Weichen sie ihnen nicht völlig und bleibt bei guter Lebensordnung an der leidenden Stelle und im ganzen Befinden noch ein Rest von Krankheit zurück, den die Lebenskraft nicht mehr zur Normalität erheben kann, so ist (wie nicht selten) das akute Lokal-Übel ein Produkt auflodernder, bisher im Inneren schlummernder Psora, die sich gerade zu einer offenbaren chronischen Krankheit entwickelt.
195
In solchen nicht seltenen Fällen muss zuerst der akute Zustand erträglich beseitigt werden. Dann werden die noch übrig gebliebenen Beschwerden und die krankhaften Befindens-Zustände, die der Leidende vorher gewohnt war, zusammen angemessen antipsorisch behandelt (wie in dem Buch von den chronischen Krankheiten gelehrt wird), um eine gründliche Heilung zu erzielen. Bei chronischen Lokal-Übeln, die nicht offensichtlich venerisch sind, ist ohnehin eine antipsorische innere Heilung er-forderlich.1

1

Wie in meinem Buch von den chronischen Krankheiten angegeben.

196
Es könnte scheinen, dass die Heilung solcher Krankheiten beschleunigt würde, wenn man das Arzneimittel, das für den Inbegriff der Symptome als homöopathisch richtig erkannt wurde, nicht nur innerlich anwendet, sondern auch äußerlich auflegt. Die Wirkung einer Arznei, die an der Stelle des Lokal-Übels angebracht wird, könnte ja eine schnellere Veränderung in ihm hervorbringen.
197
Bei Lokal-Symptomen, denen das Miasma der Psora, Syphilis oder Sykosis zugrunde liegt, ist diese Behandlung aber verwerflich. Die neben dem inneren Gebrauch gleichzeitige örtliche Anwendung des Heilmittels bei Krankheiten, die ein ständiges Lokal-Übel zum Hauptsymptom haben, hat einen großen Nachteil. Durch eine solche örtliche Auflegung verschwindet das Hauptsymptom (Lokal-Übel)1

1

Frischer Krätz-Ausschlag, Schanker, Feigwarze.

gewöhnlich früher aus den Augen, als die innere Krankheit vernichtet ist, und täuscht uns dann mit dem Schein einer völligen Heilung. Zumindest erschwert sie uns durch das vorzeitige Verschwinden des örtlichen Symptoms die Beurteilung, ob die Gesamtkrankheit durch den zusätzlichen Gebrauch der inneren Arznei vernichtet ist, und macht sie in einigen Fällen sogar unmöglich.
198
Die bloß örtliche Anwendung der von innen heilkräftigen Arznei auf die Lokal-Symptome chronisch miasmatischer Krankheiten ist aus dem gleichem Grund verwerflich. Wird das Lokal-Übel der chronischen Krankheit bloß örtlich und einseitig aufgehoben, bleibt die innere Behandlung, die zur völligen Herstellung der Gesundheit unerlässlich ist, im ungewissen Dunkeln. Das Haupt-Symptom (das Lokal-Übel) ist verschwunden, und es sind nur noch die anderen, unkenntlicheren Symptome übrig. Diese sind weniger beständig und bleibend als das Lokal-Leiden und oft von zu geringer Eigentümlichkeit und zu wenig charakteristisch, um noch ein Bild der Krankheit in deutlichem und vollständigem Umriss darzustellen.
199
Wenn das der Krankheit homöopathisch angemessene Heilmittel noch nicht gefunden war1

1

Wie vor mir die Heilmittel der Feigwarzen-Krankheit (und die antipsorischen Arzneien).

, als das örtliche Symptom durch ein beizendes oder austrocknendes äußeres Mittel oder durch den Schnitt vernichtet wurde, wird der Fall noch schwieriger. Die Erscheinung der noch übrigen Symptome ist allzu unbestimmt (uncharakteristisch) und unbeständig. Das äußere Hauptsymptom könnte die Wahl des treffendsten Heilmittels und seine innere Anwendung bis zum Punkt der völligen Vernichtung der Krankheit am meisten leiten und bestimmen. Es wurde aber der Beobachtung entzogen.
200
Ist das äußere Hauptsymptom bei der inneren Behandlung noch da, so kann das homöopathische Heilmittel für die Gesamtkrankheit ermittelt werden. Bei seinem ausschließlich inneren Gebrauch zeigt die noch bleibende Gegenwart des Lokal-Übels, dass die Heilung noch nicht vollendet ist. Heilt es aber an seiner Stelle - unangetastet von einem äußeren, zurücktreibenden Mittel -, so beweist das, dass das Übel bis zur Wurzel ausgerottet und die Genesung von der gesamten Krankheit bis zum erwünschten Ziel gediehen ist. Ein unschätzbarer, unentbehrlicher Vorteil, um zu vollkommener Heilung zu gelangen.
201
Ist die menschliche Lebenskraft mit einer chronischen Krankheit beladen, die sie nicht durch eigene Kräfte überwältigen kann, entschließt sie sich offenbar (instinktartig) zur Bildung eines Lokal-Übels an irgendeinem äußeren Teil. Ihre Absicht ist dabei, durch Krankmachung und Krankerhaltung dieses äußeren Teils, der für das Leben des Menschen entbehrlich ist, jenes innere Übel zu beschwichtigen, das die Lebensorgane zu vernichten und das Leben zu rauben droht. Es soll sozusagen auf ein stellvertretendes Lokal-Übel übertragen, dahin gleichsam abgeleitet werden. Auf diese Weise bringt die Anwesenheit des Lokal-Übels die innere Krankheit vorerst zum Schweigen. Sie kann sie aber weder heilen noch wesentlich vermindern1

1

Die Fontanellen des Arztes alter Schule tun etwas Ähnliches. Sie beschwichtigen als künstliche Geschwüre an den äußeren Teilen mehrere innere chronische Leiden, doch nur für sehr kurze Zeit (solange sie noch einen schmerzhaften Reiz verursachen, der dem kranken Organismus ungewohnt ist) und ohne sie heilen zu können. Andererseits schwächen sie aber und verderben den ganzen Befindens-Zustand viel mehr, als es die instinktartige Lebenskraft durch die meisten ihrer veranstalteten Metastasen tut.

. Das Lokal-Übel ist nur ein Teil der Gesamtkrankheit. Es ist ein von der organischen Lebenskraft einseitig vergrößerter Teil davon, der an eine gefahrlosere (äußere) Stelle des Körpers hinverlegt wird, um das innere Leiden zu beschwichtigen. Durch dieses Lokal-Symptom, das die innere Krankheit zum Schweigen bringt, wird von Seiten der Lebenskraft nur wenig für die Minderung oder Heilung des Gesamt-Übels gewonnen. Im Gegenteil, das innere Leiden nimmt dabei allmählich zu. Die Natur ist genötigt, das Lokal-Symptom immer mehr zu vergrößern und zu verschlimmern, damit es zur Stellvertretung für das innere vergrößerte Übel und zu seiner Beschwichtigung noch ausreicht. Die alten Schenkelgeschwüre verschlimmern sich bei ungeheilter innerer Psora, der Schanker vergrößert sich bei noch ungeheilter innerer Syphilis und die Feigwarzen vermehren sich und wachsen, solange die Sykosis nicht geheilt ist. Dadurch wird die letztere immer schwieriger zu heilen, während die innere Gesamtkrankheit mit der Zeit von selbst wächst.
202
Das Lokal-Symptom wird vom Arzt der bisherigen Schule - in der Meinung, er heile dadurch die ganze Krankheit - durch äußere Mittel örtlich vernichtet. Die Natur ersetzt es dann durch Erweckung des inneren Leidens und der übrigen Symptome, die vorher schon neben dem Lokal-Übel bestanden und schlummerten, das heißt durch Erhöhung der inneren Krankheit. In diesem Fall pflegt man dann unrichtig zu sagen, das Loka-lÜbel wurde durch die äußeren Mittel zurück in den Körper oder auf die Nerven getrieben.
203
Jede äußere Behandlung solcher Lokal-Symptome schafft sie von der Oberfläche des Körpers weg, ohne die innere miasmatische Krankheit geheilt zu haben. Krätz-Ausschlag wird durch allerlei Salben von der Haut vertilgt, der Schanker äußerlich weggebeizt und die Feigwarze ausschließlich durch Wegschneiden, Abbinden oder glühendes Eisen an ihrer Stelle vernichtet. Diese äußere, verderbliche Behandlung ist die allgemeinste Quelle der unzähligen, benannten und unbenannten chronischen Leiden, worüber die Menschheit so allgemein seufzt. Sie ist eine der verbrecherischsten Handlungen, deren sich die ärztliche Zunft schuldig machen konnte. Dennoch war sie bisher allgemein eingeführt und wurde von den Kathedern als die einzige gelehrt1

1

Was dabei an Arzneien innerlich gegeben werden sollte, diente bloß zur Verschlimmerung des Übels. Diese Mittel besaßen nämlich keine spezifische Heilkraft für das Total der Krankheit. Wohl aber griffen sie den Organismus an, schwächten ihn und brachten ihm als Zugabe andere chronische Arzneikrankheiten bei.

.
Die chronischen Miasmen ( 204-209)

Bei der inneren Psora ist das primäre stellvertretende Lokalsymptom, das den Ausbruch der inneren Krankheit verhütet, der Krätz-Ausschlag, bei der inneren Syphilis der Schanker und bei der inneren Sykosis die Feigwarze ( 204).

Primär- wie Sekundärsymptome der chronischen Miasmen dürfen nicht durch örtliche Mittel, sondern nur durch (homöopathische) Arzneitherapie des zugrunde liegenden Miasmas behandelt werden ( 205). Weil chronische Krankheiten oft in komplizierter Form vorliegen, müssen neben den charakteristischen Krankheits-Symptomen auch bisherige allopathische Behandlungen und die Lebensweise des Patienten erkundet werden ( 206-209).

204
Manche langwierigen Übel, Beschwerden und Krankheiten hängen von einer anhaltenden, ungesunden Lebensweise ab ( 77), und unzählige Arznei-Siechtümer (s. 74) entstehen durch die unverständige, anhaltende, angreifende und verderbliche Behandlung oft nur kleiner Krankheiten durch Ärzte der alten Schule. Wenn wir von diesen absehen, so geht der größte Teil der übrigen chronischen Leiden auf die Entwicklung der genannten drei chronischen Miasmen zurück:
  • der inneren Syphilis,

  • der inneren Sykosis, besonders aber und in wesentlich größerem Verhältnis

  • der inneren Psora.

Jedes dieser Miasmen ist schon im Besitz des ganzen Organismus und hat ihn schon in allen seinen Teilen durchdrungen, bevor sein primäres, stellvertretendes und den Ausbruch verhütendes Lokal-Symptom zum Vorschein kommt (bei der Psora der Krätz-Ausschlag, bei der Syphilis der Schanker oder die Schoßbeule, bei der Sykosis die Feigwarze). Raubt man diesen Miasmen durch äußere Mittel ihre stellvertretenden Lokal-Symptome, die das innere Allgemeinleiden beschwichtigen, so kommen die eigentümlichen Krankheiten, die vom Urheber der Natur jedem Menschen bestimmt sind, bald oder spät zur Entwicklung und zum Ausbruch. Sie verbreiten das namenlose Elend, die unglaubliche Menge chronischer Krankheiten, die das Menschengeschlecht seit Jahrtausenden quälen. Keine davon wäre so häufig aufgetreten, hätten die Ärzte ihre äußeren Symptome nicht mit topischen Mitteln angetastet und sich stattdessen bemüht, diese drei Miasmen bloß durch die inneren homöopathischen Arzneien, die zu jeder dieser Krankheiten gehören, gründlich zu heilen und im Organismus auszulöschen (s. Anm. zu 282).
205
Der homöopathische Arzt behandelt weder eines dieser Primär-Symp-tome der chronischen Miasmen noch eines ihrer sekundären Übel, die aus ihrer Entwicklung entsprießen, durch örtliche Mittel (weder durch äußere dynamisch wirkende1

1

Ich kann z.B. nicht zur örtlichen Ausrottung des so genannten Lippen- oder Gesichts-Krebses (ein Produkt weit entwickelter Psora? nicht selten mit Syphilis vereinigt?) durch das kosmische Arsen-Mittel raten. Es ist äußerst schmerzhaft und miss-lingt oft. Selbst wenn dieses Mittel die Körperstelle von dem bösartigen Geschwür örtlich befreit, wird das Grund-Übel dadurch nicht im Geringsten vermindert. Die Le-bens-Erhaltungs-Kraft ist genötigt, den Herd für das innere große Übel an eine noch edlere Stelle (wie sie es bei allen Metastasen tut) zu versetzen und Blindheit, Taubheit, Wahnsinn, Erstickungs-Asthma, Wasser-Geschwulst, Schlagfluss usw. folgen zu lassen. Diese zweideutige örtliche Befreiung der Stelle von dem bösartigen Geschwür durch das topische Arsen-Mittel gelingt ohnehin nur da, wo das Geschwür noch nicht groß, wo es nicht venerischen Ursprungs und die Lebenskraft noch sehr energisch ist. Liegt die Sache aber so, ist auch die innere, vollständige Heilung des ganzen Ur-Übels noch ausführbar.

Das Gleiche erfolgt - ohne vorhergehende Heilung des inneren Miasmas - bei bloß durch den Schnitt weggenommenem Gesichts- oder Brust-Krebs und der Ausschälung der Balg-Geschwülste. Es folgt etwas noch Schlimmeres darauf, zumindest wird der Tod beschleunigt. Unzählige Male war dies das Ergebnis. Die alte Schule aber fährt bei jedem neuen Fall in ihrer Blindheit fort, gleiches Unglück anzurichten.

noch durch mechanische). Er heilt, wo sich die einen oder die anderen zeigen, einzig und allein das große Miasma, das ihnen zugrunde liegt. Davon verschwinden (mit Ausnahme einiger Fälle von veralteter Sykosis) sein primäres Symptom sowie seine sekundären Symptome von selbst. Der homöopathische Arzt hat es aber - da so etwas vor ihm nicht geschah und er meist die Primär-Symptome2

Krätz-Ausschlag, Schanker (Schoßbeule), Feigwarzen.

durch die bisherigen Ärzte schon äußerlich vernichtet vorfindet - jetzt mehr mit den sekundären Übeln zu tun. Mit den Übeln also, die von den Ausbrüchen und der Entwicklung dieser inwohnenden Miasmen stammen, am meisten aber mit den chronischen Krankheiten, die sich aus innerer Psora entfalten. In meinem Buch von den chronischen Krankheiten habe ich versucht, ihre innere Heilung darzulegen, soweit sie ein einzelner Arzt nach jahrelangem Nachdenken, Beobachtung und Erfahrung an den Tag bringen kann.
206
Dem Beginn der Behandlung eines chronischen Übels muss die sorgfältigste Erkundigung1

1

Bei Erkundigungen dieser Art lasse man sich nicht von den häufigen Behauptungen der Kranken oder ihrer Angehörigen betören. Als Ursache langwieriger, ja der größten und langwierigsten Krankheiten geben sie entweder eine vor vielen Jahren erlittene Erkältung (Durchnässung, einen kalten Trunk auf Erhitzung) an oder einen ehemaligen Schreck, ein Verheben, ein Ärgernis (auch eine Verhexung) usw. Diese Veranlassungen sind viel zu klein, um eine langwierige Krankheit in einem gesunden Körper zu erzeugen, lange Jahre zu unterhalten und von Jahr zu Jahr zu vergrößern. Von dieser Art sind aber alle chronischen Krankheiten von entwickelter Psora. Dem Anfang und Fortgang eines bedeutenden, hartnäckigen, alten Übels müssen viel wichtigere Ursachen als jene erinnerbaren Schädlichkeiten zugrunde liegen. Jene angeblichen Veranlassungen können nur Hervorlockungs-Momente eines chronischen Miasmas sein.

vorausgehen, ob der Kranke eine venerische Ansteckung (oder eine Ansteckung mit Feigwarzen-Tripper) gehabt hat. Denn dann muss die Behandlung gegen diese gerichtet werden, und zwar ausschließlich, wenn bloß Zeichen der Lustseuche (oder der selteneren Feigwarzen-Krankheit) vorhanden sind. In letzter Zeit werden sie aber sehr selten allein angetroffen. Auf eine solche vorangegangene Ansteckung muss aber auch da Rücksicht genommen werden, wo Psora zu heilen ist, weil dann letztere mit ersterer kompliziert ist, wie das immer der Fall ist, wenn die Zeichen jener nicht rein sind. Fast immer hat der Arzt, wenn er meint, eine alte venerische Krankheit vor sich zu haben, eine hauptsächlich mit Psora vergesellschaftete (komplizierte) zu behandeln. Das innere Krätz-Siechtum (die Psora) ist bei weitem die häufigste Grundursache der chronischen Krankheiten. Manchmal wird er diese beiden Miasmen auch noch mit Sykosis in chronisch kranken Körpern kompliziert zu bekämpfen haben, wenn eingestanden wird, dass letztere Ansteckungen einst geschehen sind. Oder er findet, was viel öfter vorkommt, die Psora als alleinige Grund-Ursache aller übrigen chronischen Leiden, sie mögen Namen haben, wie sie wollen. Diese werden vorher oft noch durch allopathische Unkunst verpfuscht und zu Ungeheuern erhöht und verunstaltet.
207
Wenn das abgeklärt ist, hat der homöopathische Arzt noch folgendes zu erkundigen:
  • Welche allopathischen Behandlungen wurden an dem langwierig Kranken bisher vorgenommen?

  • Welche eingreifenden Arzneien hauptsächlich und am häufigsten?

  • Welche mineralischen Bäder? Mit welchem Ergebnis gebrauchte er sie?

So kann er die Ausartung seines ursprünglichen Zustands einigermaßen begreifen und womöglich diese künstlichen Schäden zum Teil wieder bessern oder die missbrauchten Arzneien vermeiden.
208
Als nächstes müssen das Alter des Kranken, seine Lebensweise und Diät, seine Beschäftigungen, seine häusliche Lage, seine bürgerlichen Verhältnisse usw. berücksichtigt werden: ob diese Dinge zur Vermehrung seines Übels beigetragen haben oder inwiefern all dies die Behandlung begünstigen oder behindern kann. Auch seine Gemüts- und Denk-Art darf nicht außer Acht gelassen werden: ob sie die Behandlung behindert oder ob sie psychisch zu leiten, zu begünstigen oder abzuändern ist.
209
Erst dann versucht der Arzt in mehreren Unterredungen, das Krankheits-Bild des Leidenden nach obiger Anleitung so vollständig wie möglich zu entwerfen, um die auffallendsten und sonderbarsten (charakteristischen) Symptome auszeichnen zu können. Nach diesen wählt er das erste (anti-psorische usw.) Arzneimittel nach bestmöglicher Zeichen-Ähnlichkeit für den Anfang der Behandlung aus usw.
Geistes- und Gemütskrankheiten ( 210-230)

Die Geistes- und Gemütsverfassung ist bei allen Krankheiten verändert, wird von allen Arzneien beeinflusst und spielt bei der Wahl jedes homöopathischen Mittels eine wichtige Rolle ( 210-214).

Geistes- und Gemütskrankheiten im eigentlichen Sinn liegt meist eine Körperkrankheit zugrunde, deren Gefährlichkeit durch ein von ihr produziertes (einseitiges) psychisches Hauptsymptom beschwichtigt wird [somatogen] ( 215 f.).

Bei der (homöopathischen) Arzneitherapie der Gesamtkrankheit sind psychische und körperliche Symptome zu berücksichtigen ( 217- 220).

Akute psychische Erregungszustände müssen zunächst mit nicht-anti-psorischen Mitteln (Acon., Bell., Hyos., Merc., Stram.) beruhigt und später antipsorisch nachbehandelt werden ( 221-223).

Bei einigen wenigen psychisch ausgelösten Geistes- und Gemütskrankheiten [psychogen] ist eine primäre psychische Behandlung sinnvoll ( 225 f.).

Da auch diesen Psora zugrunde liegt, ist eine antipsorische Arzneitherapie unentbehrlich ( 227), ebenso wie ein humanes psychisches Verhalten dem Patienten gegenüber ( 228 f.).

Psychogene psychische Krankheiten werden durch Anteilnahme und Trost gebessert, somatogene dagegen verschlechtert ( 224).

210
Der Psora gehört fast alles an, was ich oben einseitige Krankheiten nannte. Wegen dieser Einseitigkeit scheinen sie schwieriger heilbar zu sein, weil vor dem einzelnen großen, hervorragenden Symptom alle übrigen Krankheits-Zeichen gleichsam verschwinden. Von dieser Art sind die so genannten Gemüts- und Geistes-Krankheiten. Sie sind keine von den übrigen scharf getrennte Klasse von Krankheiten. Auch bei jeder der übrigen so genannten Körperkrankheiten ist die Gemüts- und Geistes-Verfassung immer verändert1

1

Man trifft z.B. oft bei den schmerzhaftesten, mehrjährigen Krankheiten ein mildes, sanftes Gemüt an, so dass sich der Heilkünstler zu Achtung und Mitleid gegenüber dem Kranken genötigt fühlt. Besiegt er die Krankheit und stellt den Kranken wieder her, wie es nach homöopathischer Art nicht selten möglich ist, erstaunt und erschrickt der Arzt oft über die schauderhafte Veränderung des Gemüts. Oft sieht er Undankbarkeit, Hartherzigkeit, ausgesuchte Bosheit und die Menschheit entehrendste und empörendste Launen hervortreten, die diesem Kranken in seinen ehemaligen gesunden Tagen eigen waren.

Die in gesunden Zeiten Geduldigen findet man in Krankheiten oft störrisch, heftig, hastig, auch unleidlich eigensinnig, ungeduldig oder verzweifelt. Die vorher Züchtigen und Schamhaften findet man nun geil und schamlos. Den hellen Kopf trifft man nicht selten stumpfsinnig, den gewöhnlich Schwachsinnigen dagegen klüger, sinniger und den von langsamer Besinnung manchmal voll Geistesgegenwart und schnellem Entschluss usw.

. Der Gemütszustand des Kranken ist in allen zu heilenden Krankheitsfällen als eines der wichtigsten Symptome mit in den Inbegriff der Symptome aufzunehmen, wenn man ein treues Bild der Krankheit zeichnen will, um sie hiernach mit Erfolg homöopathisch zu heilen.
211
Der Gemütszustand des Kranken gibt bei der homöopathischen Wahl eines Heilmittels oft am meisten den Ausschlag. Als Zeichen von bestimmter Eigenheit kann es dem genau beobachtenden Arzt unter allen am wenigsten verborgen bleiben.
212
Auf dieses Haupt-Ingredienz aller Krankheiten, auf den veränderten Gemüts- und Geisteszustand, hat der Schöpfer der Heilpotenzen besonders Rücksicht genommen. Jeder kräftige Arzneistoff verändert den Gemütsund Geisteszustand des gesunden Menschen, der ihn versucht, sehr merkbar, und zwar jede Arznei auf verschiedene Weise.
213
Naturgemäß, das heißt homöopathisch heilt man nur dann, wenn man bei jedem, selbst akutem Krankheitsfall mit auf das Symptom der Geistes- und Gemüts-Veränderungen sieht. Zur Hilfe wählt man eine Krankheits-Potenz unter den Heilmitteln aus, die neben der Ähnlichkeit ihrer anderen Symptome mit denen der Krankheit auch fähig ist, einen ähnlichen Gemüts- oder Geistes-Zustand für sich zu erzeugen1

1

Bei einem stillen, gleichförmig gelassenen Gemüt wird der Napell-Sturmhut [Aconitum napellus] selten oder nie eine schnelle oder dauerhafte Heilung bewirken. Ebenso wenig wie die Krähenaugen [Nux vomica] bei einem milden, phlegmatischen, die Pulsatille [Pulsatilla] bei einem frohen, heiteren und hartnäckigen, oder die Ignazbohne [Ignatia] bei einem unwandelbaren, weder zu Schreck noch zu Ärger geneigten Gemütszustand.

.
214
Über die Heilung der Geistes- und Gemüts-Krankheiten habe ich wenig zu lehren. Sie sind auf dieselbe Art wie alle übrigen Krankheiten zu heilen. Das heißt durch ein Heilmittel, das in seinen Symptomen, die sie an Leib und Seele des gesunden Menschen an den Tag gelegt hat, eine dem Krankheitsfall möglichst ähnliche Krankheits-Potenz darbietet.
215
Fast alle so genannten Geistes- und Gemüts-Krankheiten sind Körper-Krankheiten, bei denen sich unter Verminderung der Körper-Symptome das Symptom der Geistes- und Gemüts-Verstimmung, das jeder Körper-Krankheit eigentümlich ist, (schneller oder langsamer) erhöht und sich endlich bis zur auffallendsten Einseitigkeit, fast wie ein Lokal-Übel, in die unsichtbar feinen Geistes- oder Gemüts-Organe versetzt.
216
Nicht selten artet eine lebensbedrohliche so genannte Körper-Krankheit -eine Lungenvereiterung, eine Schädigung eines edlen Eingeweides oder eine hitzige (akute) Krankheit, z.B. im Kindbett usw. - durch schnelles Steigen des bisherigen Gemüts-Symptoms in einen Wahnsinn, in eine Art Melancholie oder in eine Raserei aus und lässt dadurch alle Todesgefahr der Körper-Symptome verschwinden. Letztere bessern sich fast bis zur Gesundheit oder verringern sich bis zu dem Grad, dass ihre dunkel fortwährende Gegenwart nur noch vom beharrlich und fein beobachtenden Arzt erkannt werden kann. Auf diese Weise arten sie zur einseitigen Krankheit aus, gleichsam zu einer Lokal-Krankheit, in der sich das vorher nur mäßige Symptom der Gemüts-Verstimmung zum Haupt-Symptom vergrößert. Dieses vertritt dann größtenteils die übrigen (Körper-) Symptome und beschwichtigt ihre Heftigkeit palliativ. So werden die Übel der gröberen Körper-Organe auf die fast geistigen, von keinem Zergliederungs-Messer jemals erreichten oder erreichbaren Geistes- und Gemüts-Organe gleichsam übertragen und auf sie abgeleitet.
217
Die Erforschung des Zeichen-Inbegriffs muss bei ihnen mit Sorgfalt vorgenommen werden, sowohl bezüglich der Körper-Symptome als auch vor allem hinsichtlich der genauen Auffassung der bestimmten Eigenheit (des Charakters) seines Hauptsymptoms, des besonderen, jedes Mal vorwaltenden Geistes- und Gemüts-Zustands. So lässt sich, um die Gesamtkrankheit auszulöschen, eine homöopathische Arzneikrankheits-Potenz unter den Heilmitteln, deren reine Wirkungen man kennt, herausfinden. Ein Heilmittel, das in seinem Symptomen-Inhalt nicht nur die Körperkrankheits-Symptome, die in diesem Krankheitsfall gegenwärtig sind, in möglichster Ähnlichkeit darbietet, sondern auch vor allem diesen Geistes- und Ge-müts-Zustand.
218
Zu dieser Symptomen-Schilderung gehört zuerst die genaue Beschreibung sämtlicher Zufälle der früheren so genannten Körper-Krankheit, bevor sie zur einseitigen Erhöhung des Geistes-Symptoms, zur Geistes- und Gemüts-Krankheit ausartete. Der Bericht der Angehörigen wird das erhellen.
219
Ein Vergleich der ehemaligen Körperkrankheits-Symptome mit den Spuren, die davon jetzt noch übrig sind, dient, auch wenn sie unscheinbarer geworden sind, zur Bestätigung ihrer fortdauernden verdeckten Gegenwart. Auch jetzt noch tun sie sich manchmal hervor, wenn ein lichter Zwischenraum und eine vorübergehende Minderung der Geistes-Krankheit eintritt.
220
Ergänzt man noch den Geistes- und Gemüts-Zustand,1

1

Der nicht selten in Perioden abwechselnd erscheint. Z.B. auf mehrere Tage stürmischen Wahnsinns oder Wut folgen andere Tage tiefsinniger, stiller Traurigkeit usw., auch wohl nur in gewissen Monaten des Jahres wiederkehrend.

der von den Angehörigen und dem Arzt genau beobachtet wurde, so ist das vollständige Krankheitsbild zusammengesetzt. Für dieses wird eine Arznei, die treffend ähnliche Symptome und besonders die ähnliche Geistes-Zerrüttung erregen kann, unter den (antipsorischen usw.) Arznei-Mitteln zur homöopathischen Heilung des Übels aufgesucht, wenn die Geistes-Krankheit schon seit einiger Zeit bestand.
221
Bricht aus dem gewöhnlichen, ruhigen Zustand plötzlich ein Wahnsinn oder eine Raserei (auf Veranlassung von Schreck, Ärger, Alkohol usw.) als eine akute Krankheit aus, so entspringt sie fast ausnahmslos aus innerer Psora (gleichsam als eine von ihr auflodernde Flamme). In diesem akuten Anfang kann sie nicht gleich mit antipsorischen, sondern muss erst mit den hier angedeuteten Arzneien, aus der Klasse der übrigen geprüften Heilmittel1

1

Z.B. Akonit, Belladonna, Stechapfel [Stramonium], Bilsen [Hyoscyamus], Quecksilber [Mercurius] usw.

gewählt, in hoch potenzierten, feinen homöopathischen Gaben behandelt werden. Dadurch wird sie so weit beseitigt, dass die Psora vorerst wieder in ihren vorigen, fast latenten Zustand zurückkehrt, in dem der Kranke genesen erscheint.
222
Ist jemand aus einer akuten Geistes- oder Gemüts-Krankheit durch die genannten apsorischen Arzneien genesen, darf er nie als geheilt angesehen werden. Die Psora ist zwar wieder latent, aber von nun an zu ihrem Wie-der-Ausbruch in Anfällen der vorigen Geistes- und Gemüts-Krankheit sehr geneigt. Im Gegenteil, man darf keine Zeit verlieren, um ihn durch eine fortgesetzte antipsorische, vielleicht auch antisyphilitische Behandlung von dem chronischen Miasma der Psora zu befreien1

1

Sehr selten lässt eine langwierige Geistes- oder Gemütskrankheit von selbst nach (indem das innere Siechtum wieder in die gröberen Körper-Organe übergeht). Dies geschieht dort, wo manchmal ein Insasse eines Irrenhauses als scheinbar genesen entlassen wird. Ansonsten bleiben alle Irrenhäuser bis oben gefüllt, so dass die vielen Irren, die auf die Aufnahme in diese Häuser harren, fast nie Platz darin finden, wenn nicht einige der Wahnsinnigen im Haus durch Tod abgehen. Keiner wird darin durch die alte Schule wirklich und dauerhaft geheilt! Das ist ein sprechender Beweis (unter vielen anderen) von der gänzlichen Nichtigkeit der bisherigen Unheilkunst, die von der allopathischen Prahlerei mit dem Namen rationale Heilkunst lächerlich genug beehrt wurde. Die wahre Heilkunst (echte, reine Homöopathie) konnte solche Unglücklichen dagegen schon oft wieder in den Besitz ihrer Geistesund Körper-Gesundheit versetzen und ihren erfreuten Angehörigen und der Welt wiedergeben.

. Dann ist kein ähnlicher künftiger Anfall mehr zu befürchten, sofern der Kranke der diätetisch geordneten Lebensweise treu bleibt.
223
Unterlässt man die antipsorische (oder auch antisyphilitische) Behandlung, so ist fast sicher bei einem noch geringeren Anlass als beim ersten Erscheinen des Wahnsinns bald ein neuer, anhaltenderer, größerer Anfall zu erwarten. Die Psora entwickelt sich dabei vollständig und geht in eine periodische oder anhaltende Geistes-Zerrüttung über, die dann schwieriger antipsorisch geheilt werden kann.
224
Ist die Geistes-Krankheit noch nicht völlig ausgebildet und noch einiger Zweifel vorhanden, ob sie aus Körper-Leiden entstanden ist oder auf Erziehungsfehlern, schlechter Angewohnheit, verdorbener Moral, Vernachlässigung des Geistes, Aberglauben oder Unwissenheit beruht, so dient folgendes als Merkmal: Durch verständnisvolles, gut gemeintes Zureden, durch Trost oder ernsthafte und vernünftige Vorstellungen lassen die letzteren nach und bessern sich. Wahre, auf Körper-Krankheit beruhende Gemüts- oder Geistes-Krankheit dagegen wird dadurch schnell verschlimmert. Melancholie wird noch niedergeschlagener, klagender, untröstlicher und zurückgezogener, boshafter Wahnsinn noch mehr erbittert und törichtes Gewäsch offenbar noch unsinniger1

1

Anscheinend fühlt hier die Seele des Kranken mit Unwillen und Betrübnis die Wahrheit dieser vernünftigen Vorstellungen und wirkt auf den Körper ein, als wollte sie die verlorene Harmonie wiederherstellen. Dieser aber wirkt mittels seiner Krankheit zu stark auf die Geistes- und Gemüts-Organe zurück und versetzt sie in umso größeren Aufruhr, indem er seine Leiden erneut auf sie überträgt.

.
225
Einige wenige Gemüts-Krankheiten sind nicht bloß aus Körper-Krankheiten dahin ausgeartet. Bei geringer Kränklichkeit nehmen sie auf umgekehrtem Weg vom Gemüt aus ihren Anfang und Fortgang: durch anhaltenden Kummer, Kränkung, Ärger, Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht und Schreck. Diese Art von Gemütskrankheiten verderben mit der Zeit oft auch den körperlichen Gesundheits-Zustand in hohem Grad.
226
Nur diese Gemüts-Krankheiten, die zuerst durch die Seele begonnen und unterhalten werden, lassen sich durch psychische Heilmittel, Zutraulichkeit, gutes Zureden, Vernunftgründe, oft auch durch eine gut verdeckte Täuschung schnell in Wohlbefinden der Seele (und bei angemessener Lebensordnung auch scheinbar in Wohlbefinden des Leibes) verwandeln. Aber nur, solange sie noch neu sind und den Körper-Zustand noch nicht allzu sehr zerrüttet haben.
227
Aber auch diesen liegt ein Psora-Miasma zugrunde, das nur seiner vollständigen Entwicklung noch nicht ganz nahe war. Damit der Genesende nicht wieder, wie nur allzu leicht, in eine ähnliche Geistes-Krankheit verfällt, ist er sicherheitshalber einer gründlichen antipsorischen (oder auch antisyphilitischen) Behandlung zuzuführen.
228
Die durch Körper-Krankheit entstandenen Geistes- und Gemüts-Krankheiten sind - neben sorgfältig angemessener Lebensordnung - nur durch eine homöopathische, gegen das innere Miasma gerichtete Arznei zu heilen. Als mithelfende Seelen-Diät muss allerdings auch ein passendes psychisches Verhalten der Angehörigen und des Arztes gegenüber dem Kranken sorgfältig beachtet werden.
  • Dem wütenden Wahnsinn ist stille Unerschrockenheit und kaltblütiger, fester Wille entgegenzusetzen,

  • dem peinlich klagenden Jammer stummes Bedauern in Mienen und Gesten,

  • dem unsinnigen Geschwätz nicht ganz unaufmerksames Stillschweigen und

  • einem ekelhaften und grauenvollen Benehmen und ähnlichem Gerede völlige Unaufmerksamkeit.

Verwüstungen und Beschädigungen der Außendinge beuge man lediglich vor. Man verhüte sie, ohne dem Kranken Vorwürfe darüber zu machen, und richte alles so ein, dass alle körperlichen Züchtigungen und Peinigungen1

1

Man muss über die Hartherzigkeit und Unbesonnenheit der Ärzte in mehreren Krankenanstalten dieser Art staunen. Ohne die wahre Heilart solcher Krankheiten auf dem einzig hilfreichen, homöopathisch arzneilichen (antipsorischen) Weg zu suchen, begnügen sich diese Grausamen, jene bedauernswürdigsten aller Menschen durch die heftigsten Schläge und andere qualvolle Martern zu peinigen. Sie erniedrigen sich durch dieses gewissenlose und empörende Verfahren tief unter den Stand der Zuchtmeister in Strafanstalten. Denn diese führen solche Züchtigungen nur gemäß der Pflicht ihres Amtes und an Verbrechern aus. Jene aber scheinen ihre Bosheit gegen die vorausgesetzte Unheilbarkeit der Geistes- und Gemüts-Krankheiten, im demütigenden Gefühl ihrer ärztlichen Nichtigkeit, durch Härte an den bedauernswürdigen, schuldlosen Leidenden selbst auszulassen. Zu unwissend, um zu helfen, sind sie zu träge, um ein zweckmäßiges Heilverfahren anzunehmen.

wegfallen. Das geht umso leichter, als bei der Arznei-Einnahme - dem einzigen Fall, wo Zwang als Entschuldigung gerechtfertigt werden könnte - in der homöopathischen Heilart die kleinen Gaben hilfreicher Arznei dem Geschmack nie auffallen. Sie können dem Kranken ohne sein Wissen in seinem Getränk gegeben werden, so dass kein Zwang nötig ist.
229
Andererseits sind Widerspruch, eifrige Verständigungen, heftige Zurechtweisungen und Schmähungen sowie schwache, furchtsame Nachgiebigkeit bei ihnen unangebracht. Das sind genauso schädliche Behandlungen ihres Geistes und Gemüts. Am meisten werden sie durch Spott, Betrug und bemerkbare Täuschungen erbittert und in ihrer Krankheit verschlimmert.
Arzt und Pfleger müssen immer den Schein wahren, als würde man ihnen Vernunft zutrauen. Alle Arten von Störungen ihrer Sinne und ihres Gemüts von außen versuche man zu entfernen. Es gibt keine Unterhaltung für ihren umnebelten Geist. Keine wohltätige Zerstreuung, keine Belehrung, keine Besänftigung durch Worte, Bücher oder andere Gegenstände für ihre Seele, die in den Fesseln des kranken Körpers schmachtet oder empört ist. Die einzige Erquickung für sie ist die Heilung. Erst wenn ihr Körper-Befinden zum Besseren umgestimmt ist, strahlt Ruhe und Wohlbehagen auf ihren Geist zurück.1

1

Die Heilung Wahnsinniger, Wütender und Melancholischer lässt sich nur in einer eigens dazu eingerichteten Anstalt bewerkstelligen. Nicht im Kreis der Familie des Kranken.

230
Sind die Heilmittel, die für den besonderen Fall der jeweiligen Geistesoder Gemüts-Krankheit (sie sind unglaublich verschieden) gewählt werden, dem treu entworfenen Bild des Krankheits-Zustands homöopathisch angemessen, so sind oft die kleinstmöglichen Gaben ausreichend, in nicht sehr langer Zeit die auffallendste Besserung hervorzubringen. Durch die größten, häufigen Gaben aller übrigen unpassenden (allopathischen) Arzneien, bis zum Tod gebraucht, wird dies nicht erreicht.
Wenn nur genug Arzneien, die nach ihren reinen Wirkungen gekannt sind, zur Wahl vorhanden sind, ist bei unermüdlicher Aufsuchung des pas-sendst homöopathischen Heilmittels diese Angemessenheit umso leichter zu erreichen. Denn der Gemüts- und Geistes-Zustand eines solchen Kranken legt sich als das Hauptsymptom unverkennbar deutlich an den Tag. Aufgrund vieler Erfahrung behaupte ich, dass sich der Vorzug der homöopathischen Heilkunst vor allen denkbaren Behandlungsmethoden nirgends in einem so triumphalen Licht zeigt wie bei alten Gemüts- und Geis-tes-Krankheiten, die ursprünglich aus Körper-Leiden oder auch nur gleichzeitig mit ihnen entstanden sind.
Wechselkrankheiten ( 231-244)

Wechselkrankheiten bestehen aus verschiedenen nacheinander auftretenden Krankheitszuständen, die regelmäßig oder unregelmäßig sowie fieberhaft oder fieberlos erscheinen können ( 231, 233). Bei den alternierenden Krankheiten wechseln zwei oder drei Zustände (z.B. Fußschmerzen und Augenentzündung) in unregelmäßigen Abständen einander ab. Ebenso wie die regelmäßig verlaufenden fieberlosen gehören sie zu den chronischen Krankheiten und sind antipsorisch zu behandeln ( 232, 234).

Die typischen, regelmäßig verlaufenden Wechselfieber, die sporadisch oder epidemisch auftreten, müssen dagegen mit nicht-antipsorischen Arzneien (Chin.) behandelt werden. Diese sollten alle zwei oder drei Wechselzustände (Kälte, Hitze, Schweiß) selbst erregen können ( 235) und kurz nach einem Anfall verabreicht werden ( 236 f.). Die Auffindung des für eine Epidemie spezifischen Mittels geschieht wie bei anderen Kollektivkrankheiten ( 240 f.).

Erfolgt trotz Entfernung möglicher Erregungsursachen ( 238) keine Heilung, hat man es mit einem psorischen Wechselfieber zu tun, das an-tipsorisch (Sulph., Hep.) zu behandeln ist ( 242 f.).

231
Auch die Wechselkrankheiten verdienen eine eigene Betrachtung. Es gibt solche, die in bestimmten Zeiten zurückkehren (wie die große Zahl der Wechselfieber und die wechselfieberartig zurückkehrenden, fieberlos scheinenden Beschwerden) und solche, bei denen gewisse Krankheitszustände zu unbestimmten Zeiten mit Krankheitszuständen anderer Art abwechseln.
232
Diese letzteren, die alternierenden Krankheiten, sind sehr vielfältig1

1

Es können zwei oder sogar drei Zustände miteinander abwechseln. Bei zweifachen Wechselzuständen können z.B. bestimmte ständige Schmerzen in den Füßen usw. erscheinen, sobald eine Augen-Entzündung sich legt. Diese kommt dann wieder, sobald die Gliederschmerzen vorläufig vergangen sind. Es können Zuckungen und Krämpfe mit einem anderen Leiden des Körpers oder eines seiner Teile unmittelbar abwechseln.

Bei dreifachen Wechsel-Zuständen können bei anhaltender Kränklichkeit schnell Perioden scheinbar erhöhter Gesundheit und gespannter Erhöhung der Geistes- und Körperkräfte (eine übertriebene Lustigkeit, eine allzu regsame Lebhaftigkeit des Körpers, Überfülle von Wohlbehagen, übermäßiger Appetit usw.) eintreten. Daraufhin erscheint ebenso unerwartet düstere, melancholische Laune, unerträgliche, hy-pochondrische Gemüts-Verstimmung mit Störung mehrerer Lebens-Verrichtungen in Verdauung, Schlaf usw. Diese macht dann wiederum ebenso plötzlich dem gemäßigten Übelbefinden der gewöhnlichen Zeiten Platz.

Und so gibt es mehrere andere, mannigfache Wechselzustände. Oft ist keine Spur des vorigen Zustands mehr zu bemerken, wenn der neue eintritt. In anderen Fällen sind dann noch wenige Spuren des vorhergegangenen Wechsel-Zustands vorhanden. Es bleibt wenig von den Symptomen des ersten Zustands bei der Entstehung und Fortdauer des zweiten übrig. Manchmal sind die krankhaften Wechsel-Zustände ihrer Natur nach einander völlig entgegengesetzt, wie z.B. Melancholie, die sich in Perioden mit lustigem Wahnsinn oder Raserei abwechselt.

. Sie gehören zu den chronischen Krankheiten, sind meist bloß ein Produkt entwickelter Psora und nur manchmal, eher selten, mit einem syphilitischen Miasma kompliziert. Deshalb werden sie im ersteren Fall mit antipsori-schen Arzneien geheilt, im letzteren aber mit antisyphilitischen abwechselnd, wie im Buch von den chronischen Krankheiten gelehrt wird.
233
Bei den typischen Wechselkrankheiten kehrt ein sich gleich bleibender krankhafter Zustand in einer ziemlich bestimmten Zeit, bei scheinbarem Wohlbefinden, zurück und vergeht in einer ebenfalls bestimmten Zeit wieder. Man findet dies sowohl bei den anscheinend fieberlosen krankhaften Zuständen, die typisch (zu gewissen Zeiten) kommen und vergehen, als auch bei den fieberhaften - den vielfältigen Wechselfiebern.
234
Die fieberlos scheinenden Krankheits-Zustände, die bei einem einzelnen Kranken zu bestimmten Zeiten typisch wiederkehren (sporadisch oder epidemisch kommen sie nicht vor), gehören zu den chronischen. Sie sind meist rein psorisch, nur selten mit Syphilis kompliziert und erhalten mit Erfolg dieselbe Behandlung. Manchmal ist jedoch der Zwischen-Gebrauch einer sehr kleinen Gabe potenzierter Chinarinden-Auflösung erforderlich, um ihren wechselfieberartigen Typus ganz auszulöschen.
235
Bei den sporadisch oder epidemisch herrschenden (nicht in Sumpf-Gegenden endemisch hausenden) Wechselfiebern1

1

Die bisherige Pathologie, die noch in unverständiger Kindheit liegt, kennt nur ein einziges Wechselfieber, das sie das kalte Fieber nennt. Sie nimmt keine andere Verschiedenheit an als nach der Zeit, in der die Anfälle wiederkehren, das tägliche, dreitägige, viertägige usw. Es gibt aber außer den Rückkehr-Zeiten der Wechselfieber noch viel bedeutendere Verschiedenheiten.

Es gibt unzählige solche Fieber, von denen viele nicht einmal kalte Fieber genannt werden können, da ihre Anfälle in bloßer Hitze bestehen. Wieder andere, die bloß Kälte haben, mit oder ohne darauffolgenden Schweiß. Wieder andere, die übermäßige Kälte zugleich mit Hitzeempfindung, oder bei äußerlich fühlbarer Hitze Frost haben. Wieder andere, wo der eine Paroxysmus aus bloßem Schüttelfrost oder bloßer Kälte, mit darauffolgendem Wohlbefinden, der andere aus bloßer Hitze, mit oder ohne darauffolgenden Schweiß, besteht. Wieder andere, wo die Hitze zuerst kommt und Frost darauf folgt. Wieder andere, wo nach Frost und Hitze Apyrexie eintritt und dann als zweiter Anfall, oft viele Stunden danach, bloß Schweiß erfolgt. Andere, wo gar kein Schweiß erfolgt. Und noch andere, wo der ganze Anfall, ohne Frost oder Hitze, bloß aus Schweiß besteht oder wo der Schweiß bloß während der Hitze vorhanden ist.

Und so zeigen sich noch unglaubliche andere Verschiedenheiten, besonders hinsichtlich der Neben-Symptome, der besonderen Kopfschmerzen, des üblen Geschmacks, der Übelkeit, des Erbrechens, des Durchfalls, des fehlenden oder heftigen Durstes, der Leib- oder der Gliederschmerzen besonderer Art, des Schlafs, der Delirien, der Gemüts-Verstimmungen, der Krämpfe usw. - vor, bei oder nach dem Frost, vor, bei oder nach der Hitze, vor, bei oder nach dem Schweiß, und so noch andere zahllose Abweichungen.

Sie alle sind offensichtlich Wechselfieber sehr verschiedener Art. Jedes verlangt, ganz natürlich, seine eigene (homöopathische) Behandlung. Fast alle können zwar unterdrückt werden (wie es oft geschieht) durch große, ungeheuere Gaben Chinarinde und ihres pharmazeutischen, schwefelsauren Auszugs, Chinin genannt. Das heißt, ihr periodisches Wiederkehren (ihr Typus) wird von ihr ausgelöscht. Aber die Kranken, die an solchen nicht für Chinarinde geeigneten Wechselfiebern leiden (wie alle epidemischen Wechselfieber, die ganze Länder und selbst Gebirge überziehen), werden durch diese Auslöschung des Typus nicht gesund. Sie bleiben nur andersartig krank und kränker, oft weit kränker als vorher, an eigenartigen chronischen Chinarinden-Siechtümern. Diese sind selbst durch echte Heilkunst oft kaum in langer Zeit, vielleicht sogar nie zur völligen Gesundheit wiederherzustellen. Das kann man nicht Heilen nennen!

ist oft jeder Anfall (Paroxys-mus) aus zwei sich entgegengesetzten Wechselzuständen (Kälte, Hitze - Hitze, Kälte) zusammengesetzt, öfter auch aus dreien (Kälte, Hitze, Schweiß). Das Heilmittel, das dafür aus der allgemeinen Klasse geprüfter, gewöhnlich nicht-antipsorischer Arzneien gewählt wird, muss deshalb
  • entweder ebenfalls (was das sicherste ist) beide oder alle drei Wechselzustände in ähnlicher Form in gesunden Körpern erregen können.

  • Oder es muss dem stärksten und sonderlichsten Wechselzustand homöopathisch, an Symptomen-Ähnlichkeit, so weit wie möglich entsprechen.

    • Entweder dem Zustand des Frostes mit seinen Nebensymptomen

    • oder dem der Hitze mit ihren Neben-Symptomen

    • oder auch dem des Schweißes mit seinen Nebenbeschwerden,

    • je nachdem, ob der eine oder andere Wechselzustand der stärkste und sonderlichste ist.

Doch müssen vor allem die Symptome des Befindens des Kranken in der fieberfreien Zeit zur Wahl des treffendsten, homöopathischen Heilmittels leiten2

2

Herr Regierungsrat Freiherr von Bönninghausen hat diesen so viel Umsicht erfordernden Gegenstand zuerst am besten erläutert und die Wahl des für die verschiedenen Fieber-Epidemien hilfreichen Heilmittels erleichtert durch seine Schrift: Versuch einer Homöopathischen Therapie der Wechselfieber. 1833. Münster, bei Regensberg.

.
236
Die Arzneigabe erfolgt hier am zweckmäßigsten und hilfreichsten gleich oder sehr bald nach dem Ende des Anfalls, sobald sich der Kranke wieder einigermaßen davon erholt hat. Da hat sie Zeit, alle ihr möglichen Veränderungen des Organismus zur Gesundheit ohne Sturm und ohne heftigen Angriff zu bewirken. Wird dagegen eine noch so spezifisch angemessene Arznei gleich vor dem Paroxysmus gereicht, trifft ihre Wirkung mit der natürlichen Krankheits-Erneuerung zusammen. Sie veranlasst dann eine solche Gegenwirkung im Organismus, einen so heftigen Widerstreit, dass ein solcher Angriff viel Kraft raubt oder sogar das Leben gefährdet1

1

Dies sieht man an den nicht so seltenen Todesfällen, wo eine mäßige Gabe Mohnsaft, im Fieber-Frost eingegeben, schnell das Leben raubte.

. Gibt man die Arznei aber gleich nach dem Ende des Anfalls, das heißt zu der Zeit, wo die fieberfreieste Zwischenzeit eingetreten ist, und bevor sich der künftige Paroxysmus auch nur von weitem wieder vorbereitet, so ist die Lebenskraft des Organismus in bestmöglicher Verfassung, sich von dem Heilmittel ruhig verändern und in den Gesundheitszustand versetzen zu lassen.
237
Ist die fieberfreie Zeit sehr kurz, wie bei einigen sehr schlimmen Fiebern, oder von Nachwehen des vorigen Paroxysmus entstellt, so muss die homöopathische Arzneigabe schon zu der Zeit gereicht werden, wenn der Schweiß oder die späteren Zufälle des verfließenden Anfalls anfangen, sich zu mildern.
238
Nicht selten tilgt eine einzige kleine Gabe der angemessenen Arznei mehrere Anfälle und bringt allein die Gesundheit wieder. In den meisten Fällen muss man aber nach jedem Anfall eine neue Gabe reichen. Im besten Fall, das heißt, wenn die Art der Symptome sich nicht geändert hat, gibt man dieselbe Arznei. Nach der neueren Entdeckung der besten Gaben-Wiederholung (s. Anm. zu 270) geschieht dies unbeschwerlich durch Dynamisierung jeder folgenden Gabe (durch 10, 12 Schüttel-Schläge der Flasche, die die Arznei-Auflösung enthält). Manchmal, eher selten, erscheint das Wechselfieber nach mehreren Tagen des Wohlbefindens wieder. Dieses Wiederkehren desselben Fiebers nach einer gesunden Zwischenzeit ist nur möglich, wenn die Schädlichkeit, die das Wechselfieber zuerst erregte, noch immer auf den Genesenden einwirkt. So ist in Sumpf-Gegenden eine dauerhafte Wiederherstellung oft nur durch die Entfernung der Erregungs-Ursache möglich, etwa durch Aufenthalt in einer bergigen Gegend, wenn es ein Sumpfwechselfieber war.
239
Fast jede Arznei erregt in ihrer reinen Wirkung ein eigenes, besonderes Fieber, sogar eine Art Wechselfieber mit seinen Wechselzuständen, das von all den Fiebern abweicht, die von anderen Arzneien hervorgebracht werden. Für die zahlreichen natürlichen Wechselfieber findet man also homöopathische Hilfe in dem großen Reich der Arzneien und für viele solche Fieber schon in der mäßigen Zahl Arzneien, die bis jetzt an gesunden Körpern geprüft wurden.
240
Wenn das homöopathisch spezifische Heilmittel, das für eine gerade herrschende Epidemie von Wechselfieber gefunden wurde, bei dem einen oder anderen Kranken keine vollkommene Heilung bewirkt, so befindet sich das psorische Miasma im Hintergrund, wenn nicht Sumpfgegend die Heilung verhindert. Dann müssen antipsorische Arzneien bis zur völligen Hilfe angewendet werden.
241
Epidemien von Wechselfiebern haben [in Gegenden], wo sonst keine endemisch sind, die Natur chronischer Krankheiten, die aus einzelnen akuten Anfällen zusammengesetzt sind. Jede einzelne Epidemie hat ihren eigenen, sich gleichen Charakter, der den erkrankten Individuen gemeinsam ist. Wenn dieser nach dem Inbegriff der Symptome, die allen gemeinsam sind, aufgefunden ist, weist er auf das Heilmittel hin, das für die Gesamtheit der Fälle homöopathisch (spezifisch) passend ist. Dieses hilft dann bei fast allen Kranken, die vor dieser Epidemie eine erträgliche Gesundheit genossen, das heißt, die nicht an entwickelter Psora chronisch krank waren.
242
Werden bei einer solchen Wechselfieber-Epidemie die ersten Anfälle unge-heilt gelassen oder die Kranken durch allopathische Misshandlung geschwächt, so entwickelt sich die Psora, die in vielen Menschen schlummernd wohnt. Sie nimmt hier den Wechselfieber-Typus an und spielt dem Anschein nach die Rolle des epidemischen Wechselfiebers weiter. Die Arznei, die für die anfänglichen Paroxysmen hilfreich gewesen wäre, passt nun nicht mehr und kann nicht mehr helfen. Man hat es nunmehr bloß mit einem psorischen Wechselfieber zu tun, das gewöhnlich durch die feinsten Gaben Schwefel [Sulphur] und Schwefelleber [Hepar sulphuris] in hoher Potenz besiegt wird.
243
Die oft sehr bösartigen Wechselfieber, die, außer in Sumpfgegenden, eine einzelne Person befallen, ähneln den akuten Krankheiten in Bezug auf ihren psorischen Ursprung. Wie bei diesen muss auch hier zur bestmöglichen Hilfe anfangs ein Heilmittel aus der Klasse der übrigen geprüften (nicht-antipsorischen) Arzneien homöopathisch für den speziellen Fall gewählt und über einige Tage angewendet werden. Zögert die Genesung, so hat man es mit der ihrer Entwicklung nahen Psora zu tun. Hier kann bloß eine antipsorische Arznei gründlich helfen.
244
Die Wechselfieber, die in Sumpf-Gegenden und Überschwemmungs-Gebieten einheimisch sind, machen den bisherigen Ärzten viel zu schaffen. Doch auch an Sumpf-Gegenden kann sich ein gesunder Mensch in jungen Jahren gewöhnen und dort gesund bleiben, wenn er eine fehlerfreie Lebensordnung führt und nicht von Mangel, Strapazen oder zerstörenden Leidenschaften niedergedrückt wird. Die dort endemischen Wechselfieber werden ihn höchstens als Ankömmling ergreifen. Eine oder zwei der kleinsten Gaben hoch potenzierter Chinarinden-Auflösung werden ihn bei einer geordneten Lebensweise bald davon befreien. Bei Personen aber, die bei angemessener Leibes-Bewegung und gesunder Geistes- und Körper-Diät durch eine oder ein paar solche kleinen Gaben Chinarinden-Arznei nicht vom Sumpf-Wechselfieber befreit werden können, liegt eine Psora zugrunde, die zur Entwicklung aufstrebt. Ihr Wechselfieber kann in der Sumpf-Gegend ohne antipsorische Behandlung nicht geheilt werden1

1

Größere, oft wiederholte Gaben Chinarinde oder auch konzentrierte Chinarinden-Mittel wie das Chininum sulphuricum können solche Kranke zwar von dem Typischen des Sumpf-Wechselfiebers befreien. Aber die so Getäuschten bleiben andersartig leidend, an einem zuweilen unheilbaren Chinarinden-Siechtum (s. Anm. zu 276).

. Manchmal scheinen diese Kranken wieder zu genesen, wenn sie die Sumpf-Gegend sofort mit einer trockenen, bergigen vertauschen. Das Fieber verlässt sie, wenn sie noch nicht tief in Krankheit versunken sind, das heißt, wenn die Psora noch nicht völlig entwickelt ist und wieder in ihren latenten Zustand zurückkehrt. Aber gesund werden sie ohne antipsorische Hilfe doch nie.

Arzneitherapie ( 245-285)

Anwendung der Arzneien ( 245-251)

Im Gegensatz zu den langen Zeitintervallen bei früheren Einmalgaben [C-Potenzen] können Arzneimittel nun in kürzeren Abständen verabreicht werden, sofern sie homöopathisch, hoch potenziert, in Wasser aufgelöst, niedrig dosiert und vor jeder Gabe etwas modifiziert sind [Q-Potenzen] ( 246). Sie können bei akuten Krankheiten stündlich, bei chronischen Krankheiten täglich über Monate eingenommen werden, was die Behandlungsdauer erheblich verkürzt.

Man löst einen Globulus in 8 (bis 40) Esslöffel Wasser mit Weingeist, schüttelt die Auflösung vor jeder Einnahme zehnmal, gibt einen Esslöffel davon in 8 Esslöffel Wasser, rührt stark um und nimmt einen Teelöffel davon ein. Die Einnahme wird unter Steigerung der Potenzstufe solange fortgesetzt, bis nach zunehmender Besserung eine homöopathische Verschlimmerung auftritt ( 248).

Erregt eine Arznei dagegen neue (nicht-homöopathische) Symptome, muss sie gewechselt, gegebenenfalls sogar antidotiert werden ( 249 f.). Nur Arzneien mit Wechselwirkungen (Ign., Bry., Rhus-t., Bell.) dürfen dennoch wiederholt werden ( 251).

245
Wir haben gesehen, welche Rücksicht bei der homöopathischen Heilung auf die Hauptverschiedenheiten der Krankheiten und deren besondere Umstände zu nehmen ist. Wir gehen nun zu den Heilmitteln und ihrer Gebrauchsart sowie der dabei zu beachtenden Lebensordnung über.
246
Jede in einer Behandlung merklich fortschreitende und auffallend zunehmende Besserung schließt, solange sie anhält, jede Wiederholung irgendeines Arznei-Gebrauchs durchgängig aus. Alles Gute, das die eingenommene Arznei fortlaufend ausrichtet, eilt hier seiner Vollendung zu. Bei akuten Krankheiten ist dies nicht selten der Fall. Bei chronischen Krankheiten vollendet eine Gabe treffend gewählter homöopathischer Arznei die Hilfe, die dieses Mittel in einem solchen Fall seiner Natur nach ausrichten kann, bei langsam fortschreitender Besserung manchmal in 40, 50, 60 oder 100 Tagen. Aber teils ist dies sehr selten der Fall, teils muss dem Arzt sowie dem Kranken viel daran liegen, dass dieser Zeitraum möglichst bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt und dadurch weit schnellere Heilung erlangt wird.
Nach neuesten, vielfach wiederholten Erfahrungen lässt sich das recht glücklich unter folgenden Bedingungen ausführen:
  • Erstens muss die Arznei mit aller Umsicht treffend homöopathisch gewählt sein.

  • Zweitens muss sie hoch potenziert, in Wasser aufgelöst und in entsprechend kleiner Gabe gereicht werden, in Zeiträumen, die die Erfahrung als die geeignetsten erweist, zur möglichsten Beschleunigung der Behandlung.

  • Vorsichtshalber muss der Potenz-Grad jeder Gabe von dem der vorangegangenen und nachfolgenden Gaben etwas abweichen, damit sich das Lebensprinzip, das zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmen ist, nie zu widrigen Gegenwirkungen aufgeregt und empört fühlen kann. So etwas geschieht bei unmodifiziert erneuerten Gaben, besonders wenn sie schnell nacheinander wiederholt werden.1

    1

    Um diese widrigen Reaktionen der Lebenskraft zu verhüten, habe ich in der fünften Ausgabe des Organons in einer langen Anmerkung zu diesem Paragraphen alles gesagt, was meine damalige Erfahrung mir gestattete. Seit 4, 5 Jahren sind durch mein seitdem abgeändertes, neues, vervollkommnetes Verfahren diese Schwierigkeiten behoben. Dieselbe gut gewählte Arznei kann nun täglich und wenn nötig monatelang eingenommen werden. Bei der im Folgenden gelehrten neuen Dynamisati-ons-Weise fängt der Gebrauch mit den untersten Graden an. Wenn der niedrige Potenz-Grad in ein oder zwei Wochen verbraucht ist, geht man bei der Behandlung chronischer Krankheiten in gleicher Weise zu den höheren Graden über.

247
Ganz dieselbe, unabgeänderte1

1

Selbst von der bestens homöopathisch gewählten Arznei darf man den Kranken z.B. ein Kügelchen von demselben Potenz-Grad, das zum ersten Mal gut bekam, nicht bald darauf zum zweiten, dritten Mal trocken einnehmen lassen. Und wenn man von der in Wasser aufgelösten Arznei, deren erste Gabe so gut tat, eine gleiche, selbst kleinere Gabe zum zweiten, dritten Mal aus der ruhig dastehenden Flasche entnimmt und sie dem Kranken eingibt, selbst nach Zwischenräumen von ein paar Tagen, so bekommt dieselbe Arznei dem Kranken doch nicht wieder gut. Auch wenn man sie bei ihrer ursprünglichen Bereitung mit 10 Schüttelschlägen oder - wie ich später vorschlug, um diesen Nachteil zu vermeiden - mit 2 Schüttelschlägen potenziert, und zwar bloß aus den oben angeführten Gründen. Aber bei Modifizierung jeder Gabe in ihrem Dynamisations-Grad findet kein Anstoß statt, selbst bei häufiger Wiederholung der Gaben. Wäre die Arznei auch noch so hoch mit noch so vielen Schüttelschlägen potenziert. Erst unter mehreren verschiedenen Formen angewandt kann auch die bestgewählte homöopathische Arznei dem Lebensprinzip die krankhafte Verstimmung am besten entziehen und bei chronischen Krankheiten in ihm auslöschen.

Gabe Arznei zu wiederholen, bleibt ein unausführbares Vorhaben - selbst nur einmal, geschweige denn viele Male nacheinander und, wenn die Behandlung nicht verzögert werden soll, in kurzen Zeiträumen. Das Lebensprinzip nimmt ganz gleiche Gaben nur widerstrebend an, das heißt, es lässt dabei auch andere Symptome der Arznei laut werden als die, die der zu heilenden Krankheit ähnlich sind. Die vorige Gabe bewirkte schon die Umstimmung des Lebensprinzips, die von ihr zu erwarten war. Eine zweite, an Dynamisation gleiche, unveränderte Gabe derselben Arznei kann deshalb nicht mehr dasselbe auf das Lebensprinzip ausüben. Durch eine unabgeänderte Gabe kann der Kranke nur noch anders krank, im Grunde nur kränker werden, als er war. Von derselben Arznei bleiben nur diejenigen Symptome zur Wirkung übrig, die für die ursprüngliche Krankheit nicht homöopathisch sind. So kann kein Schritt vorwärts zur Heilung, sondern nur Verschlimmerung des Kranken erfolgen. Sobald man aber die folgende Gabe jedesmal in ihrer Potenz um etwas abändert, das heißt etwas höher dynamisiert ( 269, 270), lässt sich das kranke Lebensprinzip unbeschwert weiter durch dieselbe Arznei umstimmen und der Heilung näher bringen. Sein Gefühl von der natürlichen Krankheit wird dadurch weiter vermindert.
248
Zu diesem Zweck wird die Arznei-Auflösung1

1

In 40, 30, 20, 15 oder 8 Esslöffel Wasser, mit Zusatz von etwas Weingeist oder einem Stück Holzkohle, um die Auflösung unverdorben zu erhalten. Nimmt man Holzkohle, so lässt man sie an einem Faden in der Flasche hängen und zieht sie jedesmal heraus, wenn die Flasche geschüttelt werden soll. Die Auflösung des Arznei-Kügel-chens (denn mehr als ein Kügelchen braucht man von einer ausreichend dynamisierten Arznei selten) in einer sehr großen Menge Wasser kann man dadurch ersetzen, dass man von einer Auflösung z.B. in nur 7, 8 Esslöffel Wasser nach vorausgehendem starken Schütteln der Flasche einen Esslöffel in ein Trinkglas Wasser (von etwa 8, 10 Esslöffel Inhalt) gießt, dieses mehrmals stark umrührt und dem Kranken davon die bestimmte Gabe eingibt. Wenn der Kranke ungewöhnlich erregbar und empfindlich ist, entnimmt man dem stark umgerührten Glas einen Teelöffel, den man in ein zweites Trinkglas Wasser stark einrührt, um davon dem Kranken einen Teelöffel (oder etwas mehr) einzugeben. Es gibt Kranke von so hoher Erregbarkeit, dass man für sie ein drittes oder viertes Trinkglas verwenden muss, das zur entsprechenden Verdünnung der Arznei-Auflösung auf ähnliche Weise bereitet wird. Jeden Tag schüttet man nach dem Einnehmen das so aufbereitete Trinkglas (oder die mehreren) weg, um es jeden Tag von neuem zu bereiten. Das Streukügelchen in hoher Potenz wird am besten in einem Pulver zerquetscht, das ein paar Gran Milch-Zucker enthält. Der Kranke braucht es nur in die zur Auflösung bestimmte Flasche zu schütten, um es in der bestimmten Menge Wasser aufzulösen.

vor jeder Einnahme (mit etwa 8, 10 oder 12 Schüttelschlägen der Flasche) von neuem potenziert. Hiervon lässt man den Kranken einen oder (steigend) mehrere Teelöffel einnehmen. Bei langwierigen Krankheiten täglich oder jeden zweiten Tag, in akuten aber alle 6, 4, 3 oder 2 Stunden, in den dringendsten Fällen jede Stunde und öfter. So kann bei chronischen Krankheiten jede richtig homöopathisch gewählte Arznei, selbst eine von an sich langer Wirkungsdauer, in täglicher Wiederholung monatelang mit steigendem Erfolg eingenommen werden. Ist die Auflösung (in 7, 8 oder in 14, 15 Tagen) verbraucht, so muss für die folgende Auflösung derselben Arznei - wenn ihr Gebrauch noch angezeigt ist - ein oder (selten) mehrere Kügelchen von einem anderen (höheren) Potenz-Grad genommen werden. Damit fährt man so lange fort, wie der Kranke noch zunehmende Besserung davon verspürt, ohne bedeutende Beschwerden, die er noch nie im Leben gehabt hat, davon zu erleiden. Wenn sich das ereignet, wenn der Rest der Krankheit in einer Gruppe abgeänderter Symptome erscheint, muss eine andere, jetzt mehr homöopathisch angemessene Arznei an Stelle der letzteren gewählt, aber in ebenso wiederholten Gaben angewendet werden. Doch nie, ohne die Auflösung bei jeder Gabe durch entsprechend starkes Schütteln um etwas zu modifizieren, in ihrem Potenz-Grad abzuändern und so um etwas zu erhöhen. Zeigen sich bei fast täglicher Wiederholung der völlig homöopathisch passenden Arznei gegen Ende der Behandlung einer chronischen Krankheit so genannte ( 161) homöopathische Verschlimmerungen, so scheint sich der Rest der Krankheits-Symptome wieder etwas zu erhöhen. Die der ursprünglichen Krankheit ähnliche Arznei-Krankheit wird nun fast allein laut. Dann müssen die Gaben entweder noch mehr verkleinert und in längeren Zeiträumen wiederholt oder mehrere Tage ganz abgesetzt werden. So kann man sehen, ob die Genesung noch arzneiliche Hilfe benötigt. Die Schein-Symptome, die bloß vom Überfluss der homöopathischen Arznei herrühren, verschwinden dann bald von selbst und lassen ungetrübte Gesundheit zurück. Benutzt man zur Behandlung ein Fläschchen (das etwa ein Quentchen [60 Gran, 3,6 g] verdünnten Weingeist enthält, in dem sich ein Kügelchen der Arznei, durch Schütteln aufgelöst, befindet), woran täglich oder alle 2, 3 oder 4 Tage gerochen werden soll, so muss auch dieses vor jedem Riechen 8 bis 10 Mal stark geschüttelt werden.
249
Eine für den Krankheits-Fall verordnete Arznei, die im Verlauf ihrer Wirkung neue, beschwerliche Symptome hervorbringt, die der zu heilenden Krankheit nicht eigentümlich sind, kann keine wahre Besserung erzeugen1

1

Nach allen Erfahrungen kann fast keine Gabe einer hoch potenzierten, spezifisch passenden homöopathischen Arznei bereitet werden, die zu klein wäre, um eine deutliche Besserung in der angemessenen Krankheit hervorzubringen ( 161, 279). Man handelt zweckwidrig und schädlich, wenn man - wie es bei der bisherigen Behandlungsmethode geschieht - bei Nicht-Besserung oder einer kleinen Verschlimmerung dieselbe Arznei wiederholt oder sogar noch verstärkt, in dem Wahn, dass sie wegen ihrer geringen Menge (ihrer allzu kleinen Gabe) nicht dienlich sein konnte. Eine Verschlimmerung durch neue Symptome - wenn in der Geistes- und Körper-Diät nichts Nachteiliges vorgefallen ist - beweist nur die Unangemessenheit der vorigen Arznei in diesem Krankheitsfall. Sie deutet nie auf eine zu schwache Gabe hin.

und ist nicht für homöopathisch gewählt zu halten. Wenn die Verschlimmerung bedeutend ist, muss sie sobald wie möglich durch ein Antidot zum Teil ausgelöscht werden2

2

Der wohlunterrichtete und gewissenhaft behutsame Arzt hat es nie nötig, ein An-tidot in seiner Praxis zu geben, wenn er, wie er soll, seine gut gewählte Arznei in der kleinstmöglichen Gabe zu gebrauchen anfängt. Eine ebenso kleine Gabe der besser ausgewählten Arznei bringt alles wieder in Ordnung.

, bevor man das nächste Mittel gibt, das genauer nach Wirkungs-Ähnlichkeit gewählt ist. Bei nicht allzu heftigen widrigen Symptomen muss dieses gleich gereicht werden, um die Stelle des unrichtig gewählten zu ersetzen.
250
Manchmal zeigt sich dem scharfsichtigen, genau nach dem Krankheitszustand forschenden Heilkünstler in dringenden Fällen schon nach 6, 8 oder 12 Stunden, dass er die zuletzt gegebene Arznei schlecht gewählt hat, indem sich der Zustand des Kranken unter Entstehung neuer Symptome und Beschwerden deutlich von Stunde zu Stunde immer mehr verschlimmert. Dann ist es ihm nicht nur erlaubt, sondern die Pflicht gebietet es ihm, den begangenen Fehlgriff durch die Wahl und Verabreichung eines homöopathischen Heilmittels wiedergutzumachen, das nicht bloß erträglich passt, sondern dem gegenwärtigen Krankheits-Zustand möglichst angemessen ist ( 167).
251
Einige Arzneien (z.B. Ignazsamen [Ignatia], oder auch Zaunrebe [Bryonia] und Wurzelsumach [Rhus toxicodendron], zum Teil auch Belladonna) äußern ihre Veränderungskraft auf das Befinden der Menschen größtenteils in Wechsel-Wirkungen, einer Art einander zum Teil entgegengesetzter Erstwirkungs-Symptome. Findet der Heilkünstler bei der Verordnung einer dieser Arzneien nach strenger homöopathischer Wahl dennoch keine Besserung, so erreicht er durch eine neue, ebenso feine Gabe desselben Mittels (in akuten Krankheiten schon nach einigen Stunden) in den meisten Fällen bald seinen Zweck1

1

Wie ich im Vorwort zu Ignazsamen [Ignatia] im 2. Teil der Reinen Arzneimittellehre ausführlicher angegeben habe.

.
Besserung und Verschlechterung ( 252-258)

Das sicherste Zeichen zur Beurteilung des Heilungsverlaufs ist eine Besserung oder Verschlechterung des Geistes- und Gemütszustands ( 253). Auch hinsichtlich der übrigen Symptom-Entwicklung hat sich der Arzt weniger auf die Angaben des Patienten als auf seine eigene Wahrnehmung zu verlassen ( 254-256).

Kommt es trotz homöopathisch passender Arznei zu keiner Besserung, war möglicherweise die Gabe zu groß ( 253). Oder es liegt ein Heilungshindernis vor ( 252, 255).

Statt aufgrund früherer Erfahrungen bestimmte Arzneien besonders oft oder selten zu verordnen (Lieblingsmittel), sollte für jeden Krankheitsfall stets das ähnlichste (homöopathische) Mittel gewählt werden ( 257 f.).

252
Wenn beim Gebrauch der übrigen Arzneien bei einer chronischen Krankheit die bestens homöopathisch gewählte Arznei in der angemessenen (kleinsten) Gabe die Besserung nicht fördert, so ist dies ein gewisses Zeichen dafür, dass die Ursache, die die Krankheit unterhält, noch weiterbesteht. In der Lebensordnung des Kranken oder in seiner Umgebung befindet sich dann ein Umstand, der abgeschafft werden muss, wenn die Heilung dauerhaft zu Stande kommen soll.
253
Unter den Zeichen, die bei allen, besonders bei den schnell entstandenen (akuten) Krankheiten einen kleinen, nicht jedermann sichtbaren Anfang von Besserung oder Verschlimmerung zeigen, ist der Zustand des Gemüts und des ganzen Benehmens des Kranken das sicherste und einleuchtendste.
  • Bei einem auch noch so kleinen Anfang von Besserung zeigt sich eine größere Behaglichkeit, eine zunehmende Gelassenheit, Freiheit des Geistes, erhöhter Mut und eine Art wiederkehrender Natürlichkeit.

  • Bei einem auch noch so kleinen Anfang von Verschlimmerung zeigt sich das Gegenteil, nämlich ein befangener, unbeholfener, mehr Mitleid erregender Zustand des Gemüts, des Geistes, des ganzen Benehmens und aller Stellungen, Lagen und Verrichtungen.

Dies lässt sich bei genauer Aufmerksamkeit leicht sehen oder zeigen, nicht aber in Worten beschreiben1

1

Die Besserungszeichen am Gemüt und Geist sind nur dann bald nach der Einnahme der Arznei zu erwarten, wenn die Gabe entsprechend (das heißt möglichst) klein war. Eine unnötig größere Gabe selbst der homöopathisch passendsten Arznei wirkt zu heftig und stört Geist und Gemüt anfänglich zu sehr und zu anhaltend, um an dem Kranken die Besserung bald bemerken zu lassen. Ganz zu schweigen von anderen Nachteilen ( 276) allzu großer Gaben. Gegen diese so nötige Regel wird am meisten von dünkelhaften Anfängern in der Homöopathie und von den Ärzten verstoßen, die aus der alten Schule zur homöopathischen Heilkunst übertreten. Sie scheuen in solchen Fällen aus alten Vorurteilen die kleinsten Gaben der höheren Dy-namisationen der Arzneien. So müssen sie die großen Vorzüge und Segnungen jenes Verfahrens entbehren, das in tausend Erfahrungen als das heilsamste befunden wurde. Sie können nicht leisten, was die echte Homöopathie vermag, und geben sich mit Unrecht für ihre Schüler aus.

.
254
Die übrigen neuen Zufälle, die der zu heilenden Krankheit fremd sind, oder aber die Verminderung der ursprünglichen Symptome ohne Zusatz von neuen werden dem scharf beobachtenden und forschenden Heilkünstler über die Verschlimmerung oder Besserung bald keinen Zweifel mehr übrig lassen. Es gibt unter den Kranken allerdings einige, die eine Besserung oder Verschlimmerung zwar angeben können, aber nicht gestehen wollen.
255
Auch bei diesen erlangt man Gewissheit hierüber, wenn man mit ihnen jedes im Krankheitsbild aufgezeichnete Symptom einzeln durchgeht. Wenn sie über keine neuen, vorher ungewöhnlichen Beschwerden klagen können und sich auch keiner der alten Zufälle verschlimmert hat, dann muss - wenn eine Besserung des Gemüts und Geistes beobachtet wurde - die Arznei eine wesentliche Minderung der Krankheit bewirkt haben oder, wenn die Zeit dazu noch zu kurz war, bald hervorbringen. Zögert die sichtbare Besserung bei Angemessenheit des Heilmittels zu lange, so liegt das entweder am unrechten Verhalten des Kranken oder an anderen Umständen, die die Besserung behindern.
256
Erzählt der Kranke andererseits diese oder jene neu entstandenen Zufälle und Symptome von Erheblichkeit (Merkmale der nicht homöopathisch passend gewählten Arznei), so mag er noch so gutmütig versichern, er befinde sich auf dem Weg der Besserung1

1

Dies ist nicht selten der Fall bei Schwindsüchtigen mit Lungen-Eiterung.

. Man hat ihm diese Versicherung nicht zu glauben, sondern seinen Zustand als verschlimmert anzusehen, wie es der Augenschein dann auch bald lehrt.
257
Der echte Heilkünstler vermeidet es, sich Arzneien zu Lieblingsmitteln zu machen, deren Gebrauch er zufälligerweise öfters angemessen fand und die er mit gutem Erfolg einsetzte. Dabei werden seltener gebrauchte Arzneien oft weniger beachtet, obwohl sie homöopathisch passender, folglich hilfreicher wären.
258
Ebenso wenig meidet der echte Heilkünstler die Arzneien beim weiteren Heilgeschäft, die er wegen unrichtiger Wahl (also aus eigener Schuld) hie und da zum Nachteil angewendet hat, aus misstrauischer Schwäche oder aus anderen (unechten) Gründen als dem, dass sie für den Krankheitsfall unhomöopathisch sind. Bloß die arzneiliche Krankheitspotenz verdient Achtung und Vorzug, die im jeweiligen Krankheitsfall der Gesamtheit der charakteristischen Symptome am treffendsten in Ähnlichkeit entspricht. In diese ernste Wahl dürfen sich keine kleinlichen Leidenschaften mischen.
Diät und Lebensordnung ( 259-263)

Bei der Behandlung chronischer Krankheiten sollte das Arzneimittel durch keine anderen arzneilich wirkenden Reize gestört werden ( 259). Heilungshindernisse (Kaffee, Tee usw.) sind zu vermeiden, das Gegenteil (Aufheiterung, Bewegung usw.) ist zu empfehlen ( 260 f.).

In akuten Krankheiten darf der Patient seinem Instinkt folgen. Dieser strebt zwar hauptsächlich nach palliativer Erleichterung (kalte Getränke bei Fieber), doch ist deren Einfluss gegenüber der Kraft der homöopathischen Arznei nicht relevant ( 262 f.).

259
Bei der Kleinheit der Gaben, die im homöopathischen Verfahren nötig und zweckmäßig ist, muss während der Behandlung alles übrige aus der Diät und Lebensordnung entfernt werden, was nur irgendwie arzneilich wirken kann. Die feine Gabe soll nicht durch einen fremdartig arzneilichen Reiz überstimmt, ausgelöscht oder gestört werden1

1

Die sanftesten Flötentöne, die aus der Ferne, in stiller Mitternacht, ein weiches Herz zu überirdischen Gefühlen erheben und in religiöse Begeisterung hinschmelzen, werden unter fremdartigem Geschrei und Tages-Getöse unhörbar und vergeblich.

.
260
Für chronisch Kranke ist das sorgfältige Aufsuchen solcher Heilungs-Hindernisse umso nötiger, weil ihre Krankheit durch solche Schädlichkeiten und andere krankhaft wirkende, oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung gewöhnlich verschlimmert wird1

1

Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräutertee, Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, so genannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liköre, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerien mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus, Riechkissen, hochgewürzte Speisen und Soßen, gewürztes Backwerk und Gefrorenes, mit arzneilichen Stoffen wie z.B. Kaffee, Vanille usw. bereitet, rohe arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüse von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen, Hopfenkeime und alle Vegetabilien), die Arzneikraft besitzen, Sellerie, Petersilie, Sauerampfer, Estragon, alle Zwiebel-Arten usw.

Alter Käse und Tierspeisen, die faulig sind oder (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen, Salate aller Art) die arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind ebenso sehr von Kranken dieser Art zu entfernen wie jedes Übermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, sowie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke.

Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensweise in eingeschlossener Stuben-Luft oder häufige bloß passive Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Stillen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in waagrechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wollust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanie oder unvollkommener bzw. ganz unterdrückter Beischlaf, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Zeugung in der Ehe zu verhüten, Gegenstände des Zorns, des Grams, des Ärgers, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, besonders gleich nach der Mahlzeit, sumpfige Wohngegend und dumpfe Zimmer, karges Darben usw. All diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht behindert oder sogar unmöglich gemacht werden soll. Einige meiner Nachahmer scheinen die Diät des Kranken unnötig zu erschweren, indem sie noch viel mehr und ziemlich gleichgültige Dinge verbieten, was nicht zu billigen ist.

.
261
Während des Arzneigebrauchs bei chronischen Krankheiten beruht die zweckmäßigste Lebensordnung auf der Entfernung solcher Genesungs-Hindernisse und dem Zusatz des hie und da nötigen Gegenteils: unschuldige Aufheiterung des Geistes und Gemüts, aktive Bewegung an frischer Luft bei fast jeder Art von Witterung (tägliches Spazierengehen, kleine Arbeiten mit den Armen), angemessene, nahrhafte, unarzneiliche Speisen und Getränke usw.
262
Bei hitzigen Krankheiten - außer bei Geistesverwirrung - entscheidet der feine, untrügliche innere Sinn des hier sehr regen, instinktartigen Lebens-Erhaltungs-Triebs deutlich und bestimmt. Der Arzt braucht die Angehörigen und Krankenpfleger nur anzuweisen, dieser Stimme der Natur kein Hindernis in den Weg zu legen, sei es durch Untersagen dessen, was der Kranke dringend an Genüssen fordert, oder durch schädliche Angebote und Überredungen.
263
Das Verlangen des akut Kranken nach Genüssen und Getränken geht größtenteils auf palliative Erleichterungsdinge. Diese sind unarzneilicher Art und einem bloß momentanen Bedürfnis angemessen. Seine in mäßigen Schranken gehaltene Befriedigung kann der gründlichen Entfernung der Krankheit nur geringe Hindernisse in den Weg legen1

1

Dies ist selten. So ist z.B. in reinen Entzündungskrankheiten Akonit unentbehrlich. Dessen Wirkung würde zwar durch Gewächssäure-Genuss im Organismus aufgehoben werden, doch hat der Kranke hier fast immer nur Verlangen nach reinem, kalten Wasser.

. Sie werden von der Kraft der homöopathisch passenden Arznei und des durch sie entfesselten Lebensprinzips sowie von der Erquickung, die durch das sehnlich Verlangte erfolgt, reichlich wiedergutgemacht, ja überwogen. So muss bei akuten Krankheiten die Temperatur des Zimmers und die Wärme oder Kühle der Bedeckungen ganz nach dem Wunsch des Kranken eingerichtet werden. Alle geistigen Anstrengungen und Gemüts-Erschütterungen sind von ihm fernzuhalten.
Herstellung der Arzneien, Potenzierung ( 264-271)

Der Arzt sollte die Arzneien, die er verordnet, genau kennen, selbst zubereiten und seinen Patienten eigenhändig verabreichen (Selbstdispensieren) ( 264 f.).

Substanzen aus dem Tier- und Pflanzenreich sollten roh verarbeitet ( 266), von Pflanzen der frisch ausgepresste Saft mit Weingeist gemischt [Urtinkturen] ( 267) und ausländische Gewächse noch im un-gepulverten Zustand auf ihre Echtheit überprüft werden ( 268). Von der frischen Pflanze kann auch ein Gran direkt mit Milchzucker verrieben und weiterverarbeitet werden ( 271).

Durch mechanische Einwirkung auf die kleinsten Teile der Substanzen, durch Reiben und Schütteln, werden die in ihnen verborgenen dynamischen Arzneikräfte, die einen direkten Einfluss auf das Lebensprinzip haben, entwickelt (Dynamisieren, Potenzieren) ( 269). Zunächst wird ein Gran der Substanz durch dreistündiges Reiben mit dreimal 100 Gran Milchzucker zur C3-Trituration verrieben. Dann wird pro Potenzierungsschritt ein Tropfen im Verhältnis 1:100 verdünnt, 100-mal geschüttelt und ein Tropfen davon auf 500 Globuli verteilt, so dass sich ein Gesamt-Verdünnungsverhältnis von 1:50.000 ergibt [Q-Potenzen, Quinquagintamillesimal-Potenzen] ( 270).

264
Der wahre Heilkünstler muss die vollkräftigsten, echtesten Arzneien in seiner Hand haben, um sich auf ihre Heilkraft verlassen zu können. Er muss selbst ihre Echtheit beurteilen können.
265
Es ist Gewissenssache für ihn, in jedem Fall überzeugt zu sein, dass der Kranke jederzeit die richtige Arznei einnimmt. Deshalb muss er die richtig gewählte Arznei selbst zubereiten und dem Kranken aus seinen eigenen Händen geben1

1

Um dieses wichtige Grundprinzip meiner Lehre aufrecht zu erhalten, habe ich seit dem Beginn ihrer Entdeckung viele Verfolgungen erduldet.

.
266
Die Substanzen des Tier- und Pflanzen-Reichs sind in ihrem rohen Zustand am arzneilichsten1

1

Alle rohen Tier- und Pflanzen-Substanzen haben mehr oder weniger Arzneikräfte und können das Befinden der Menschen auf je eigene Art ändern. Die Pflanzen und Tiere, deren sich die aufgeklärtesten Völker zur Speise bedienen, haben den Vorzug eines größeren Gehalts an Nahrungsstoffen. Sie unterscheiden sich auch dadurch von den übrigen, dass die Arzneikräfte ihres rohen Zustands teils an sich nicht sehr heftig sind, teils durch die Zubereitung in der Küche und Haushaltung vermindert werden. Etwa durch Auspressen des schädlichen Saftes (wie die Kassave-Wurzel in Südamerika), durch Gären des Getreide-Mehls im Teig zur Brotbereitung, des ohne Essig bereiteten Sauerkrauts und der Salz-Gurken, durch Räuchern und durch die Gewalt der Hitze (beim Kochen, Schmoren, Rösten, Braten, Backen, der Kartoffeln, durch Gar-Sieden mit Wasser-Dampf), wodurch die Arzneiteile mancher solcher Substanzen zum Teil zerstört und verflüchtigt werden. Durch Zusatz von Kochsalz (Einpökeln) und Essig (Soßen, Salate) verlieren die Tier- und Gewächs-Substanzen wohl viel von ihrer arzneilichen Schädlichkeit, erhalten dafür aber andere Nachteile von diesen Zusätzen.

Auch die arzneikräftigsten Pflanzen verlieren ihre Arzneikraft teilweise oder ganz durch solche Behandlungen. Durch völliges Trocknen verlieren die Wurzeln der Iris-Arten, des Meerrettichs, der Aron-Arten und der Päonien fast ihre ganze Arzneikraft. Der Saft der heftigst arzneilich wirkenden Pflanzen wird durch die Hitze der gewöhnlichen Extrakt-Bereitung oft zur ganz unkräftigen, pechartigen Masse. Schon durch langes Stehen an der Luft wird der ausgepresste Saft der an sich tödlichsten Pflanzen ganz kraftlos. Bei milder Luftwärme geht er von selbst schnell in Weingärung über, wodurch er schon viel Arzneikraft verliert, und geht gleich darauf in Essig- und Faul-Gärung über. So wird er aller eigentümlichen Arzneikräfte beraubt. Das sich am Boden gesammelte und ausgewaschene Satzmehl ist dann völlig unschädlich, wie jedes andere Stärkemehl. Selbst beim Schwitzen einer Menge übereinander liegender grüner Kräuter geht der größte Teil ihrer Arzneikräfte verloren.

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267
Die Kräfte der einheimischen Pflanzen, die frisch zu bekommen sind, erhält man am vollständigsten und sichersten, wenn ihr frisch ausgepresster Saft unverzüglich mit gleichen Teilen schwammzündenden Weingeists gut gemischt wird. Von dem Faser- und Eiweißstoff, der sich nach Tag und Nacht in verschlossenen Gläsern abgesetzt hat, wird dann das Helle abgegossen und für den arzneilichen Gebrauch verwahrt1

1

Buchholz (Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker, aus dem Jahr 1815. Weimar. Abt. I. VI.) versichert seinen Lesern (und sein Rezensent in der Leipziger Literaturzeitung. 1816. N. 82. widerspricht nicht): diese vorzügliche Arzneibereitung habe man dem Feldzug in Russland (1812) zu danken, von wo sie (1813) nach Deutschland gekommen sei. Diese Entdeckung und diese Vorschrift, die er mit meinen eigenen Worten aus der ersten Ausgabe des Organons der rationellen Heilkunde ( 230 und Anm.) anführt, stammt aber von mir. Ich habe sie in diesem Buch schon zwei Jahre vor dem russischen Feldzug (1810 erschien das Organon) zuerst der Welt mitgeteilt. Das verschweigt er, nach der Sitte vieler Deutscher, gegen das Verdienst ihrer Landsleute ungerecht zu sein. Aus Asiens Wildnissen her erdichtet man lieber den Ursprung einer Erfindung, deren Ehre einem Deutschen gebührt. Welche Zeiten! Welche Sitten!

Man hat wohl auch früher manchmal Weingeist zu Pflanzensäften gemischt, z.B. um sie zur Extraktbereitung einige Zeit aufheben zu können, aber nie in der Absicht, sie in dieser Gestalt einzugeben.

. Der beigemischte Weingeist hemmt augenblicklich alle Gärung des Pflanzensaftes und macht sie auch in der Folge unmöglich. In gut verschlossenen Gläsern, die an der Mündung mit geschmolzenem Wachs gegen Verdunstung des Inhalts gut abgedichtet und vor Sonnenlicht geschützt sind, erhält sich so (vollständig und unverdorben) die ganze Arzneikraft des Pflanzensaftes für immer.2

2

Gleiche Teile Weingeist und frisch ausgepresster Saft bilden gewöhnlich das angemessenste Verhältnis, um die Absetzung des Faser- und Eiweiß-Stoffs zu bewirken. Für Pflanzen, die viel zähen Schleim (z.B. Beinwellwurzel, Freisam-Veilchen usw.) oder ein Übermaß an Eiweißstoff enthalten (z.B. Hundsdill-Gleiß, Schwarz-Nachtschatten usw.), ist zu dieser Absicht meist ein doppeltes Verhältnis an Weingeist nötig. Die sehr saftlosen wie Oleander, Buchs und Eibenbaum, Porst, Sade-baum usw. müssen zu einer feuchten, feinen Masse gestoßen und mit einer doppelten Menge Weingeist zusammengerührt werden, damit sich der Saft mit ihm vereinigt und, auf diese Weise ausgezogen, durchgepresst werden kann. Man kann die saftlosen Pflanzen aber auch getrocknet (wenn man genügend Kraft beim Reiben in der Reibeschale anwendet) zur millionenfachen Pulver-Verreibung mit Milchzucker bringen und dann, nach Auflösung eines Grans [60 mg] davon, die weiteren flüssigen Dynamisationen herstellen (s. 271).

268
Die übrigen ausländischen Gewächse, Rinden, Samen und Wurzeln, die nicht frisch zu bekommen sind, nimmt der vernünftige Heilkünstler nie in Pulverform auf Treu und Glauben an. Vielmehr überzeugt er sich in ihrem rohen, ungepulverten Zustand von ihrer Echtheit, bevor er die mindeste arzneiliche Anwendung davon macht1

1

Um sie als Pulver aufzubewahren, bedarf es einer Vorsicht, die man bisher in Apotheken fast nicht kannte. Deshalb konnte man Pulver selbst gut getrockneter Tier-und Gewächs-Substanzen in gut verschlossenen Gläsern nicht unverdorben aufheben. Die völlig trockenen, ganzen, rohen Gewächs-Substanzen enthalten immer noch einen gewissen Anteil Feuchtigkeit, als unentbehrliche Bedingung des Zusammenhangs ihres Gewebes. Der verhindert zwar nicht, dass die ganze, ungepulverte Droge in einem so trockenen Zustand verharrt, wie es zu ihrer Unverderblichkeit nötig ist. Für den Zustand des feinen Pulvers ist er aber viel zu groß. Die im ganzen Zustand völlig trockene Tier- und Gewächs-Substanz ergibt also, fein gepulvert, ein einigermaßen feuchtes Pulver. Es kann nicht in verschlossenen Gläsern aufgehoben werden, ohne in baldige Verderbnis und Verschimmelung überzugehen, wenn es nicht vorher von dieser überflüssigen Feuchtigkeit befreit wird. Am besten wird das Pulver auf einer flachen Blechschale mit hohem Rand, die in einem Kessel mit kochendem Wasser schwimmt (das heißt im Wasserbad), ausgebreitet und soweit mittels Umrühren getrocknet, dass alle seine kleinen Teile nicht mehr klumpig zusammenhängen, sondern wie trockener, feiner Sand sich leicht voneinander entfernen und leicht verstieben. In diesem trockenen Zustand werden die feinen, für immer unverderblichen Pulver in gut verschlossenen und versiegelten Gläsern in ihrer ursprünglichen, vollständigen Arzneikraft aufbewahrt. Sie werden nie mietig oder schimmlig, besonders wenn die Gläser vor Tageslicht (in abgedeckten Büchsen, Kästen, Schachteln) geschützt sind. Wenn sie nicht in luftdichte Gefäße abgeschlossen und nicht vom Zugang des Sonnen- und Tageslichts entfernt werden, verlieren alle Tier- und Gewächs-Substanzen mit der Zeit immer mehr von ihrer Arzneikraft. Sogar im ganzen Zustand, weit mehr noch im Pulverzustand.

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269
Die homöopathische Heilkunst entwickelt zu ihrem besonderen Zweck -durch eine ihr eigentümliche, bis zu meiner Zeit unversuchte Behandlung - die inneren, geistartigen Arzneikräfte der rohen Substanzen bis zu einem früher unerhörten Grad. Erst dadurch werden sie sehr, ja unermesslich durchdringend wirksam und hilfreich1

1

Lange vor dieser meiner Erfindung waren aus der Erfahrung schon mehrere Veränderungen bekannt, die in verschiedenen Natur-Substanzen durch Reiben hervorgebracht werden: z.B. Wärme, Hitze, Feuer, Geruchs-Entwicklung in an und für sich geruchlosen Körpern, Magnetisierung des Stahls usw. All diese durch Reiben erzeugten Eigenschaften hatten nur auf das Physische und Leblose Bezug. Nach einem Natur-Gesetz werden aber durch Reiben und Schütteln auch physiologische und pathoge-netische Kräfte in der rohen Materie der Arzneimittel - ja selbst in den Natur-Substanzen, die sich noch nie als arzneilich erwiesen haben - erzeugt, die den lebenden Organismus in seinem Befinden umändern. Doch unter der Bedingung, dass dies durch Dazwischentreten eines unarzneilichen (indifferenten) Mediums in gewissen Verhältnissen geschieht. Dieses wunderbare physische, vor allem aber physiolo-gisch-pathogenetische Natur-Gesetz war vor meiner Zeit noch nicht entdeckt worden.

Kein Wunder also, dass die jetzigen Naturkundigen und Ärzte, die hiermit noch unbekannt sind, an die zauberische Heilkraft der Arzneimittel, die nach homöopathischer Lehre bereitet (dynamisiert) und in so kleiner Gabe angewendet werden, bisher nicht glauben.

. Selbst diejenigen unter ihnen, die im rohen Zustand nicht die geringste Arzneikraft im menschlichen Körper äußern. Diese merkwürdige Veränderung der Eigenschaften der Naturkörper geschieht durch mechanische Einwirkung auf ihre kleinsten Teile - durch Reiben und Schütteln -, während sie durch Dazwischentreten einer indifferenten Substanz trockener oder flüssiger Art voneinander getrennt sind. Sie entwickelt die latenten dynamischen ( 11) Kräfte, die vorher unmerklich, wie schlafend2

2

Auch in der Eisen-Stange und im Stahl-Stab ist eine Spur von latenter Magnet-Kraft zu erkennen, die in ihrem oder seinem Inneren schlummert. Wenn sie nach ihrer Herstellung durch Schmieden aufrecht standen, stoßen beide mit dem unteren Ende den Nordpol einer Magnet-Nadel ab und ziehen den Südpol an. Ihr oberes Ende erweist sich an der Magnet-Nadel als Südpol. Aber das ist nur eine latente Kraft. Nicht einmal die feinsten Eisen-Späne können von einem der beiden Enden eines solchen Stabs magnetisch angezogen oder festgehalten werden. Erst wenn wir diesen Stahl-Stab dynamisieren, ihn mit einer stumpfen Feile stark in eine Richtung reiben, wird er zum wahren, tätigen, kräftigen Magnet. Er kann dann Eisen und Stahl an sich ziehen und selbst einem anderen Stahl-Stab durch bloße Berührung, ja sogar in einiger Entfernung gehalten, magnetische Kraft mitteilen. In umso höherem Grad, je mehr man ihn so gerieben hat. Ebenso entwickelt das Reiben einer Arznei-Substanz und Schütteln ihrer Auflösung (Dynamisation, Potenzierung) die in ihr verborgen liegenden medizinischen Kräfte und enthüllt sie mehr und mehr. Die Materie wird dadurch vergeistigt, wenn man so sagen darf.

in den Naturkörpern verborgen waren. Diese haben hauptsächlich auf das Lebensprinzip, auf das Befinden des tierischen Lebens Einfluss3

3

Diese [Veränderung der Eigenschaften der Naturkörper] bezieht sich deshalb nur auf die Erhöhung und stärkere Entwicklung ihrer Macht, Veränderungen im Befinden der Tiere und Menschen hervorzubringen, wenn jene Naturkörper in diesem verbesserten Zustand der lebenden, empfindenden Faser ganz nahe gebracht werden oder sie berühren (beim Einnehmen oder Riechen). Auch ein Magnet-Stab, besonders wenn seine magnetische Kraft verstärkt (dynamisiert) wurde, erzeugt in einer Stahlnadel, die seinem Pol nahe liegt oder ihn berührt, nur magnetische Kraft. Er verändert den Stahl nicht in seinen übrigen chemischen und physischen Eigenschaften und bringt auch keine Veränderung in anderen Metallen (z.B. im Messing) hervor. Ebenso wenig üben die dynamisierten Arzneien irgendeine Wirkung auf leblose Dinge aus.

. Man nennt daher diese Bearbeitung Dynamisieren, Potenzieren (Arzneikraft-Entwicklung) und die Produkte davon Dynamisationen4

4

Homöopathische Arznei-Potenzen werden immer noch täglich bloß Verdünnungen genannt, obwohl sie doch ihr Gegenteil sind. Sie sind die Aufschließung der Natur-Stoffe sowie die Zutage-Förderung und Offenbarung der spezifischen Arzneikräfte, die in ihrem inneren Wesen verborgen gelegen sind. Dies wird durch Reiben und Schütteln bewirkt. Ein zu Hilfe genommenes unarzneiliches Verdünnungs-Medium tritt nur als Neben-Bedingung hinzu. Verdünnung allein, z.B. die der Auflösung eines Grans [60 mg] Kochsalz, wird zu bloßem Wasser. Das Gran Kochsalz verschwindet in der Verdünnung mit vielem Wasser und wird dadurch nie zur Kochsalz-Arznei. Durch unsere wohlbereiteten Dynamisationen erhöht sie sich jedoch zur bewundernswürdigsten Stärke.

oder Potenzen in verschiedenen Graden.
270
Um diese Kraft-Entwicklung am besten zu bewirken, wird ein kleiner Teil der zu dynamisierenden Substanz - etwa ein Gran [60 mg] - zunächst durch dreistündiges Reiben mit dreimal 100 Gran Milchzucker auf die unten1

1

Man füllt ein Drittel von 100 Gran [6 g / 3 = 2 g] Milchzucker-Pulver in eine glasierte Reibeschale aus Porzellan, die am Boden mit feinem, feuchten Sand mattgerieben ist und gibt dann oben auf dieses Pulver ein Gran [60 mg] der zu bearbeitenden, gepulverten Arznei-Substanz (einen Tropfen Quecksilber, Steinöl usw.). Der Milchzucker, der zur Dynamisation anzuwenden ist, muss von der besonders reinen Gattung sein, die an Fäden kristallisiert in Form rundlicher Stangen zu uns kommt. Einen Augenblick lang mischt man Arznei und Pulver mit einem Spatel aus Porzellan zusammen und reibt etwa 6-7 Minuten lang die Mischung ziemlich stark mit dem unten matt geriebenen, porzellanenen Pistill. Hierauf scharrt man vom Boden der Reibeschale und von dem ebenfalls unten matt geriebenen Pistill in etwa 3-4 Minuten die Masse gut auf, um sie gleichmäßig zu machen. 6-7 Minuten lang fährt man dann wieder ohne Zusatz mit dem Reiben in gleicher Stärke fort und scharrt in 3-4 Minuten vom Boden des Mörsers und unten vom Pistill das Geriebene auf. Nun gibt man das zweite Drittel des Milchzuckers dazu, rührt einen Augenblick lang das Ganze mit dem Spatel um und reibt mit gleicher Stärke 6- 7 Minuten lang. Dann scharrt man etwa 3 -4 Minuten lang wieder auf, wiederholt das Reiben 6 -7 Minuten lang ohne Zusatz und scharrt 3- 4 Minuten lang auf. Anschließend nimmt man das letzte Drittel Milchzucker, rührt mit dem Spatel um, reibt wieder 6 - 7 Minuten lang stark, scharrt etwa 3 - 4 Minuten lang zusammen und schließt endlich mit der letzten 6 - 7-minütigen Reibung und sorgfältigsten Einscharrung. Das so bereitete Pulver wird in einem gut verschlossenen, vor Sonne und Tageslicht geschützten Fläschchen aufbewahrt, das man mit dem Namen der Substanz und mit der Aufschrift des ersten Produkts / 100 beschriftet.

Um nun dieses Produkt bis zu 10.000 zu erheben, nimmt man ein Gran des Pulvers / 100, trägt es mit dem Drittel von 100 Gran gepulvertem Milchzucker in die Reibeschale, mischt das Ganze mit dem Spatel zusammen und verfährt dann wie oben angezeigt, indem man jedoch sorgfältig jedes Drittel zweimal stark verreibt, jedesmal etwa 6-7 Minuten lang, zwischendurch etwa 3-4 Minuten lang aufscharrt, bevor man das zweite und letzte Drittel des Milchzuckers dazugibt. Nach Hinzufügen jedes Drittels verfährt man auf dieselbe Weise wie zuvor. Wenn alles beendet ist, gibt man das Pulver in ein gut verschlossenes, mit der Aufschrift /10.000 versehenes Fläschchen.

Verfährt man mit einem Gran dieses letzten Pulvers auf dieselbe Art, so erhebt man dasselbe zur I., das heißt zur millionsten Potenz. Jedes Gran dieses Pulvers enthält den millionsten Teil eines Grans der ursprünglichen Substanz. Eine solche Pulverbereitung für drei Grade erfordert also sechsmal 6-7 Minuten zur Verreibung und sechsmal 3-4 Minuten zum Aufscharren, folglich eine Stunde für jeden Grad. Nach der ersten einstündigen Reibung enthält das Präparat in jedem Gran 1/100, nach der zweiten jedes Gran 1/10.000 und nach der dritten und letzten in jedem Gran 1/ 1.000.000 der angewendeten Arzneisubstanz.

Mörser, Pistill und Spatel müssen gut gereinigt sein, bevor man eine andere Arznei damit bereitet. Mit warmem Wasser gut gewaschen und rein abgetrocknet, werden Mörser, Pistill und Spatel nochmals eine halbe Stunde lang in einem mit Wasser gefüllten Kessel ausgekocht. Will man die Vorsicht noch weiter treiben, setzt man diese Werkzeuge auf Kohlen einer Hitze aus, die bis zum Anfang des Glühens gesteigert wird.

Dies sind die drei Grade der trockenen Pulver-Verreibung, die, gut ausgeführt, schon einen guten Anfang zur Kraft-Entwicklung (Dynamisation) der Arzneisubstanz bewirken.

angegebene Weise zur millionenfachen Pulver-Verdünnung gebracht. Aus Gründen, die weiter unten (Anm. 6) angegeben sind, wird zunächst ein Gran dieses Pulvers in 500 Tropfen eines Gemischs aus einem Teil Branntwein und 4 Teilen destilliertem Wasser aufgelöst.
  • Hiervon wird ein einziger Tropfen in ein Fläschchen gegeben und 100 Tropfen guter Weingeist2

    2

    Womit das Potenzierungs-Fläschchen zu zwei Drittel gefüllt wird.

    hinzugefügt.

  • Dem mit seinem Stöpsel zugestopften Fläschchen gibt man mit der Hand 100 starke Schüttel-Schläge gegen einen harten, elastischen Ge-genstand.3

    3

    Etwa auf ein ledergebundenes Buch.

    Dies ist die Arznei im ersten Dynamisations-Grad.

  • Damit werden feine Zucker-Streukügelchen4

    4

    Man lässt sie vor den eigenen Augen vom Zucker-Bäcker aus Stärke-Mehl und Rohr-Zucker anfertigen und die so verkleinerten Streukügelchen zunächst mit den nötigen Sieben von den allzu feinen, staubartigen Teilen befreien. Dann lässt man sie durch einen Durchschlag gehen, dessen Löcher nur solche Kügelchen durchlassen, von denen 100 ein Gran [60 mg / 100 = 0,6 mg] wiegen. Das ist die brauchbarste Kleinheit für den Bedarf eines homöopathischen Arztes.

    erst befeuchtet5

    5

    Die Streukügelchen, die man arzneilich machen will, gibt man in ein kleines zylindrisches Gefäß von der Form eines Fingerhuts aus Glas, Porzellan oder Silber, mit einer feinen Öffnung am Boden. Hierin befeuchtet man sie mit etwas von dem dynamisierten, arzneilichen Weingeist und rührt sie um. Dann klopft man das kleine (umgekehrte) Gefäß auf das Fließpapier aus, um sie schnell zu trocknen.

    , dann schnell auf Fließpapier ausgebreitet, getrocknet und in einem zugestopften Gläschen aufbewahrt, beschriftet mit dem Zeichen des ersten (I) Potenz-Grades.

  • Hiervon wird ein einziges6

    6

    Nach der anfänglichen Vorschrift wurde ein voller Tropfen der Flüssigkeit eines niedrigeren Potenz-Grades auf 100 Tropfen Weingeist zum höher Potenzieren genommen. Da war das Verhältnis des Verdünnungs-Mediums zu der Arznei-Menge, die darin zu dynamisieren war, (100:1) viel zu eng beschränkt, als dass eine Menge solcher Schüttel-Schläge, ohne große Gewalt anzuwenden, die Kräfte der angewendeten Arznei-Substanz ausreichend und in hohem Grad entwickeln können. Mühsame Versuche haben mich davon überzeugt.

    Nimmt man aber ein einziges solches Streukügelchen, von denen 100 ein Gran wiegen, um es mit hundert Tropfen (Weingeist) zu dynamisieren, so wird das Verhältnis wie 1:50.000, sogar noch größer, indem 500 solcher Streukügelchen nicht ganz einen Tropfen zu ihrer Befeuchtung annehmen können. Bei diesem deutlich höheren Verhältnis zwischen Arzneistoff und Verdünnungs-Medium können viele Schüttel-Schläge des mit Weingeist bis zu 2/3 gefüllten Fläschchens eine bei weitem größere Kraft-Entwicklung hervorbringen.

    Werden aber bei einem so geringen Verdünnungs-Medium wie 100:1 der Arznei sehr viele Stöße durch eine kräftige Maschine gleichsam eingezwungen, so entstehen Arzneien, die vor allem auf den schwächlichen Kranken fast augenblicklich mit stürmischer, ja gefährlicher Heftigkeit einwirken, besonders in den höheren Dynamisations-Graden, ohne eine andauernde, milde Gegenwirkung des Lebens-Prinzips zur Folge zu haben.

    Die von mir angegebene Weise erzeugt hingegen Arznei von höchster Kraft-Entwicklung und mildester Wirkung. Richtig gewählt, berührt sie alle kranken Punkte heilkräftig. Bei akuten Fiebern kann man die kleinen Gaben der niedrigsten Dynamisations-Grade dieser weit vollkommener dynamisierten Arzneibereitungen auch in kurzen Zwischenräumen wiederholen, selbst bei Arzneien von langdauernder Wirkung (z.B. Belladonna). Bei der Behandlung chronischer Krankheiten beginnt man am besten mit den niedrigsten Dynamisations-Graden und geht, wo nötig, zu den höheren Graden über. Diese werden immer kräftiger, obwohl sie stets nur mild wirken.

    In sehr seltenen Fällen dauert bei schon fast völlig hergestellter Gesundheit und bei guter Lebenskraft ein altes beschwerliches Lokalübel dennoch unverrückt fort. Hier ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar unumgänglich nötig, die Arznei, die sich dafür als homöopathisch hilfreich erwiesen hat, in steigenden Dosen einzugeben, jedoch mittels vieler Hand-Schüttelschläge bis zu einem sehr hohen Grad potenziert. Ein solches Lokalübel verschwindet darauf oft auf wunderbare Weise sehr bald.

    Kügelchen zur weiteren Dynamisierung genommen.

  • Es wird in ein zweites, neues Fläschchen gegeben (mit einem Tropfen Wasser, um es aufzulösen) und dann mit 100 Tropfen gutem Weingeist auf gleiche Weise durch 100 starke Schüttelschläge dynamisiert.

  • Mit dieser geistigen Arznei-Flüssigkeit werden wiederum Streukügel-chen benetzt, schnell auf Fließpapier ausgebreitet, getrocknet, in einem verschlossenen Glas vor Hitze und Tageslicht geschützt und mit dem Zeichen des zweiten Potenz-Grades (II) versehen.

  • Und so fährt man fort, bis durch gleiche Behandlung ein aufgelöstes Kügelchen XXIX mit 100 Tropfen Weingeist durch 100 Schüttelschläge eine geistige Arznei-Flüssigkeit gebildet hat. Die damit befeuchteten und getrockneten Streukügelchen erhalten den Dynamisations-Grad XXX.

Erst durch diese Bearbeitung der rohen Arznei-Substanzen entstehen Bereitungen, die die volle Fähigkeit besitzen, die leidenden Teile im kranken Organismus treffend zu berühren und so dem Lebens-Prinzip, das in ihnen gegenwärtig ist, durch ähnliche, künstliche Krankheits-Affektion das Gefühl der natürlichen Krankheit zu entziehen. Wenn diese mechanische Bearbeitung nach obiger Lehre genau ausgeführt wird, bewirkt sie, dass sich die Arznei-Substanz, die im rohen Zustand für uns nur Materie, manchmal sogar unarzneiliche Materie darstellt, durch solche immer höheren Dynamisationen schließlich ganz7

7

Bei dieser Dynamisations-Weise (deren Präparate ich nach vielen mühsamen Versuchen und Gegen-Versuchen als die kräftigsten und zugleich am mildesten wirkenden, das heißt als die vollkommensten befunden habe) verringert sich das Materielle der Arznei bei jedem Dynamisationsgrad um 50.000-mal und nimmt dennoch unglaublich an Kräftigkeit zu. In 125.000.000.000.000.000.000 ist die Kardinale (50.000) erst zur 3. Potenz, zum Kubikinhalt erhoben. Wenn man letztere mit sich selbst multipliziert und so in stetiger Progression bis zum 30. Grad der Dynamisation fortschreitet, ergibt die weitere Dynamisation einen Bruchteil, der sich kaum noch in Zahlen ausdrücken lässt. Wahrscheinlich löst sich die Materie durch solche Dynamisationen (Entwicklung ihres inneren arzneilichen Wesens) zuletzt ganz in ihr individuelles geistartiges Wesen auf. In ihrem rohen Zustand kann sie nur als aus einem unentwickelten geistartigen Wesen bestehend betrachtet werden.

zu geistartiger Arznei-Kraft subtilisiert und umwandelt. Diese fällt an sich nicht mehr in unsere Sinne. Für sie wird das arzneilich gewordene Streukügelchen der Träger, schon trocken, weit mehr jedoch in Wasser aufgelöst. In dieser Verfassung beurkundet es die Heilsamkeit jener unsichtbaren Kraft im kranken Körper.
271
Wenn der Arzt seine homöopathischen Arzneien selbst bereitet, wie er es zur Menschen-Rettung aus Krankheiten immer tun sollte,1

1

Bis der Staat einst, nachdem er die Unentbehrlichkeit vollkommen bereiteter homöopathischer Arzneien eingesehen hat, diese durch eine fähige, unparteiische Person verfertigen und sie den homöopathischen Ärzten des Landes, die in homöopathischen Spitälern im Heilen geübt und praktisch wie theoretisch geprüft und so legitimiert sind, unentgeltlich verabfolgen lässt. Damit der Arzt nicht nur von der Güte dieser göttlichen Werkzeuge zum Heilen überzeugt ist, sondern sie auch seinen Kranken (Reichen und Armen) ohne Bezahlung geben kann.

so kann er, wenn er nicht den ausgepressten Saft zum Zweck der Heilung benötigt, die frische Pflanze selbst anwenden. Dazu ist wenig roher Stoff nötig. Er gibt etwa ein paar Gran [60 mg] davon in eine Reibeschale und bringt sie mit dreimal 100 Gran Milchzucker zur millionenfachen Verreibung ( 270). Ein aufgelöster kleiner Teil davon wird dann durch Schütteln weiter potenziert. Dieses Verfahren hat man auch bei den übrigen rohen Arzneistoffen trockener und öliger Natur zu beachten.
Applikation der Arzneien ( 272-285)

Ein Globulus, trocken auf die Zunge gelegt, ist die kleinstmögliche homöopathische Gabe. In Wasser aufgelöst, vor jeder Einnahme geschüttelt und über mehrere Tage eingenommen, ergibt derselbe Globulus eine wesentlich stärkere Arznei ( 272).

Es darf immer nur ein einzelnes, einfaches Arzneimittel auf einmal gegeben werden (keine Doppelmittel) ( 273 f.).

Je homöopathischer und je höher potenziert eine Arznei ist, desto mehr schadet sie, wenn sie in zu großer Gabe angewendet oder zu häufig wiederholt wird ( 275 f.). Umgekehrt ist sie umso heilsamer, je kleiner die Gabe gewählt wird ( 277).

Die jeweils angemessenste Gabengröße läßt sich nur aus konkreter Beobachtung und Erfahrung bestimmen ( 278). Erfahrungsgemäß lässt sie sich aber nie so klein bereiten, dass sie - außer bei Organschäden - nicht doch eine Heilung bewirkt ( 279).

Die kleinstmögliche Gabe einer hilfreichen Arznei wird so lange allmählich erhöht und fortgesetzt, bis eine homöopathische Verschlimmerung auftritt [Q-Potenzen] ( 280 f.).

Lediglich frische Krätze, Schanker und Feigwarzen müssen gleich von Anfang an mit großen Gaben ihrer spezifischen Heilmittel behandelt werden ( 282).

Bei falscher Wahl des Mittels haben kleine Gaben den Vorteil nur geringer Nebenwirkungen ( 283).

Homöopathische Arzneien lassen sich oral (Zunge, Mund, Magen), durch Riechen (Nase, Atmungsorgane) und Einreiben in die Haut (Rücken, Extremitäten) aufnehmen ( 284 f.).

Säuglinge erhalten ihr Mittel über die Milch der entsprechend behandelten Mutter. Diese sollte sich bereits in ihrer ersten Schwangerschaft prophylaktisch antipsorisch therapieren lassen ( 284).

272
Ein solches Kügelchen1

1

Diese Streukügelchen (s. 270) behalten ihre Arzneikraft viele Jahre lang, wenn sie gegen Sonnenlicht und Hitze geschützt bleiben.

, trocken auf die Zunge gelegt, ist eine der kleinsten Gaben für einen mäßigen, gerade entstandenen Krankheits-Fall. Hier werden nur wenige Nerven von der Arznei berührt. Ein gleiches Kügelchen unter etwas Milchzucker zerquetscht, in viel Wasser ( 247) aufgelöst und vor jedem Einnehmen gut geschüttelt, ergibt eine weit stärkere Arznei für den Gebrauch über viele Tage. Jede noch so kleine Menge hiervon berührt, als Gabe gereicht, sogleich viele Nerven.
273
In keinem Fall von Heilung ist es nötig und zulässig, mehr als eine einzige, einfache Arzneisubstanz auf einmal beim Kranken anzuwenden. Es steht außer Zweifel, ob es naturgemäßer und vernünftiger ist, nur einen einzelnen, einfachen,1

1

Die Neutral- und Mittelsalze, die durch chemische Verwandtschaft in unabänderlichen Verhältnissen zweier einander entgegengesetzter Substanzen zusammengesetzt sind, die geschwefelten Metalle, die im Schoß der Erde entstanden sind, die Verbindungen des Schwefels mit Laugensalzen und Erden, die durch Kunst in sich stets gleichbleibenden Verhältnissen zusammengesetzt sind (z.B. geschwefeltes Natron, geschwefelte Kalkerde), sowie die Äther-Arten, die aus Weingeist und Säuren durch Destillation verbunden sind, können samt dem Phosphor als einfache Arznei-Substanzen vom homöopathischen Arzt angenommen und bei Kranken gebraucht werden.

Die durch Säuren bewirkten Auszüge der so genannten Alkaloide aus den Pflanzen sind dagegen in ihrer Bereitung großer Verschiedenheit unterworfen (z.B. Chinin, Strychnin, Morphin). Sie können vom homöopathischen Arzt nicht als einfache, sich gleichbleibende Arzneien angenommen werden. An den Pflanzen selbst, in ihrer natürlichen Beschaffenheit (Chinarinde, Krähenaugen [Nux vomica], Opium) besitzt er schon alles, was er zum Heilen von ihnen braucht. Die Alkaloide sind außerdem nicht die einzigen Arznei-Bestandteile der Pflanzen.

wohl gekannten Arzneistoff auf einmal bei einer Krankheit zu verordnen oder ein Gemisch von mehreren verschiedenen. In der Homöopathie, der einzig wahren, einfachen und naturgemäßen Heilkunst, ist es nicht erlaubt, dem Kranken zwei verschiedene Arzneisubstanzen auf einmal zu geben.
274
Der wahre Heilkünstler findet bei einfachen Arzneien, die einzeln und un-vermischt angewendet werden, alles, was er nur wünschen kann, nämlich künstliche Krankheitspotenzen, die die natürlichen Krankheiten durch homöopathische Kraft vollständig überstimmen, sie für das Gefühl des Lebensprinzips auslöschen und dauerhaft heilen können. So wird es ihm nach dem Weisheitsspruch dass es unrecht ist, durch Vielfaches bewirken zu wollen, was durch Einfaches möglich is. nie einfallen, mehr als einen einfachen Arzneistoff auf einmal als Heilmittel einzugeben. Selbst wenn die einfachen Arzneien auf ihre reinen, eigentümlichen Wirkungen im ungetrübten, gesunden Zustand des Menschen völlig ausgeprüft wären, ist es doch unmöglich vorauszusehen, wie zwei und mehrere Arznei-Stoffe in der Zusammensetzung einander in ihren Wirkungen auf den menschlichen Körper behindern und abändern. Dagegen hilft ein einfacher Arzneistoff bei seinem Gebrauch bei Krankheiten, deren Symptomen-Inbegriff genau bekannt ist, schon vollständig und allein, wenn er homöopathisch gewählt ist. Selbst im schlimmsten Fall, wo der einfache Arzneistoff der Symptomen-Ähnlichkeit nicht ganz angemessen gewählt werden konnte und also nicht hilft, nützt er doch dadurch, dass er die Heilmittel-Kenntnis befördert. Denn durch die neuen Beschwerden, die in einem solchen Fall von ihm erregt werden, werden die Symptome bestätigt, die dieser Arzneistoff sonst schon in Versuchen am gesunden menschlichen Körper gezeigt hat. Ein Vorteil, der beim Gebrauch zusammengesetzter Mittel wegfällt1

1

Wurde eine Arznei treffend homöopathisch für den gut überdachten Krankheitsfall gewählt und innerlich gegeben, wird der vernünftige Arzt es dem unvernünftigen allopathischen Schlendrian überlassen, noch einen aus anderen Arzneistoffen gewählten Tee trinken, ein Kräutersäckchen oder eine Bähung aus mancherlei anderen Kräutern auflegen oder ein andersartiges Klistier einspritzen und diese oder jene Salbe einreiben zu lassen.

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275
Die Angemessenheit einer Arznei für einen gegebenen Krankheitsfall beruht nicht nur auf ihrer treffenden homöopathischen Wahl, sondern auch auf der erforderlichen, richtigen Größe oder vielmehr Kleinheit ihrer Gabe. Eine allzu starke Gabe einer Arznei, die für den gegenwärtigen Krankheitszustand völlig homöopathisch gewählt wurde, muss, ungeachtet der Wohltätigkeit ihrer Natur an sich, dennoch durch ihre Größe schaden. Wegen ihrer homöopathischen Ähnlichkeits-Wirkung macht sie hier einen unnötigen, überstarken Eindruck auf die Lebenskraft und durch diese auf die empfindlichsten und von der natürlichen Krankheit schon am meisten angegriffenen Teile im Organismus.
276
Eine Arznei, die dem Krankheitsfall auch homöopathisch angemessen ist, schadet in allzu großer Gabe und in starken Dosen umso mehr, je homöopathischer und in je höherer Potenz1

1

Das Lob, das einige Homöopathen in letzter Zeit den größeren Gaben erteilten, beruht zum einen darauf, dass sie niedrige Potenzierungen der zu reichenden Arznei verwendeten, die sie nach bisheriger Art dynamisierten (wie ich selbst vor 25 Jahren, in Ermangelung besseren Wissens), zum anderen darauf, dass ihre Arzneien vom Verfertiger sehr unvollkommen zubereitet und auch nicht homöopathisch gewählt waren.

sie gewählt wird. Und zwar weit mehr als eine ebenso große Gabe einer unhomöopathischen (allopathischen) Arznei, die in keiner Beziehung zu dem Krankheitszustand passt. Zu große Gaben einer treffend homöopathisch gewählten Arznei und besonders ihre häufige Wiederholung richten in der Regel großes Unglück an. Nicht selten bringen sie den Kranken in Lebensgefahr oder machen seine Krankheit fast unheilbar. Zwar löschen sie die natürliche Krankheit für das Gefühl des Lebensprinzips aus. Von dem Augenblick an, an dem die allzu starke Gabe der homöopathischen Arznei auf ihn wirkt, leidet der Kranke nicht mehr an der ursprünglichen Krankheit. Er ist jetzt aber stärker krank von der ganz ähnlichen Arznei-Krankheit, die viel heftiger und sehr schwer zu tilgen ist.2

2

So entstehen durch anhaltend gebrauchte angreifende Quecksilbermittel, die allopathisch in großen Gaben gegen die Syphilis verordnet werden, fast unheilbare Quecksilber-Siechtümer. Demgegenüber heilen eine oder etliche Gaben eines milden, aber wirksamen Quecksilber-Mittels die ganze venerische Krankheit samt dem Schanker in wenigen Tagen gewiss und gründlich, wenn der Schanker nicht durch äußere Mittel vertrieben wird (wie es durch die Allopathie immer geschieht). Der Allopath gibt die Chinarinde und das Chinin bei Wechselfiebern, wo diese richtig homöopathisch angezeigt sind und wo eine sehr kleine Gabe hochpotenzierter Chinarinde unfehlbar helfen muss (bei Sumpf-Wechselfiebern und selbst bei Personen, die an keiner offenbaren Psora-Krankheit leiden), Tag für Tag in sehr großen Gaben. Dadurch erzeugt er (während zugleich die Psora entwickelt wird) ein chronisches Chinarinden-Siechtum, das den Kranken wo nicht allmählich tötet, doch wenigstens jahrelang an einem traurigen Gesundheits-Zustand leiden lässt, durch Schädigung innerer, für das Leben wichtiger Organe, besonders der Milz und der Leber. Ein homöopathisches Gegenmittel gegen diese Art von Übel, die durch Übermaß des Gebrauchs großer Gaben homöopathischer Arzneien erzeugt wurde, ist kaum denkbar.

277
Eine gut dynamisierte Arznei ist - bei entsprechender Kleinheit ihrer Gabe - umso heilsamer und fast bis zum Wunder hilfreich, je homöopathischer sie ausgesucht ist. Eine Arznei, deren Wahl passend homöopathisch getroffen wird, ist umso heilsamer, je mehr ihre Gabe zu dem Grad von Kleinheit herabsteigt, der für sanfte Hilfe der angemessenste ist.
278
Welcher Grad von Kleinheit ist für gewisse und sanfte Hilfe der angemessenste? Wie klein muss zum Zweck der besten Heilung die Gabe jeder einzelnen Arznei sein, die für einen Krankheitsfall homöopathisch gewählt wird? Diese Aufgabe zu lösen, für jede Arznei im Besonderen zu bestimmen, welche Gabe zum homöopathischen Heilzweck genügt und dabei doch so klein ist, dass die sanfteste und schnellste Heilung erreicht wird, ist nicht das Werk theoretischer Mutmaßung. Grübelnder Verstand und klügelnde Vernünftelei geben darüber keine Auskunft. Es ist nicht möglich, alle denkbaren Fälle im Voraus in einer Tabelle zu verzeichnen. Nur reine Versuche, sorgfältige Beobachtung der Erregbarkeit jedes Kranken und richtige Erfahrung können dies in jedem besonderen Fall bestimmen. Es wäre töricht, die großen Gaben unpassender (allopathischer) Arznei der alten Praxis, die die kranke Seite des Organismus nicht homöopathisch berühren, sondern nur die von der Krankheit unangegriffenen Teile angreifen, gegen das anzuführen, was reine Erfahrung über die nötige Kleinheit der Gaben zum Zweck homöopathischer Heilungen lehrt.
279
Die reine Erfahrung zeigt durchgängig, dass die Gabe des homöopathisch gewählten, hoch potenzierten Heilmittels für den Anfang der Behandlung einer wichtigen (vor allem chronischen) Krankheit in der Regel nie so klein bereitet werden kann, dass sie nicht noch stärker als die natürliche Krankheit ist. Sie kann diese immer, wenigstens teilweise, überstimmen, einen Teil von ihr im Gefühl des Lebensprinzips auslöschen und einen Anfang der Heilung bewirken. Dies gilt, sofern der Krankheit offenbar keine beträchtliche Schädigung eines wichtigen Eingeweides zugrunde liegt (auch wenn sie zu den chronischen und komplizierten gehört) und sofern bei der Behandlung alle anderen fremdartig arzneilichen Einwirkungen auf den Kranken entfernt wurden.
280
Die Gabe der Arznei, die anhaltend dienlich ist und keine neuen, beschwerlichen Symptome erzeugt, wird allmählich erhöht solange fortgesetzt, bis der Kranke bei allgemeinem Besserbefinden anfängt, eine oder mehrere seiner alten, ursprünglichen Beschwerden aufs Neue in mäßigem Grad zu spüren. Dies deutet bei einer allmählichen Erhöhung der sehr gemäßigten Gaben, die jedesmal durch Schütteln modifiziert werden ( 247), auf nahe Heilung hin. Das Lebens-Prinzip muss nun fast nicht mehr durch die ähnliche Arznei-Krankheit affiziert werden, um das Gefühl für die natürliche Krankheit zu verlieren ( 148). Das von der natürlichen Krankheit freiere Lebens-Prinzip fängt an, bloß noch etwas an der homöopathischen Arznei-Krankheit zu leiden, die homöopathische Verschlimmerung genannt wird.
281
Um sich hiervon zu überzeugen, lässt man den Kranken 8, 10 oder 15 Tage lang ohne Arznei und gibt ihm nur etwas Milchzucker-Pulver. Waren die wenigen letzten Beschwerden nur von der Arznei, die die ehemaligen, ursprünglichen Krankheits-Symptome nachahmte, dann vergehen sie in wenigen Stunden oder Tagen. Zeigt sich dann in diesen arzneifreien Tagen, bei fortgesetzter guter Lebensordnung des Kranken, nichts mehr von der ursprünglichen Krankheit, so ist er sehr wahrscheinlich geheilt. Zeigen sich aber in den letzten Tagen noch Spuren der ehemaligen Krankheits-Symptome, so sind das Reste der noch nicht ganz erloschenen, ursprünglichen Krankheit. Diese werden aufs Neue mit höheren Dynamisations-Graden der Arznei auf die angegebene Weise behandelt. Die ersten kleinsten Gaben müssen dann auch wieder allmählich erhöht werden, wenn Heilung erfolgen soll. Jedoch weit weniger und langsamer bei Kranken, an denen man eine beträchtliche Erregbarkeit wahrnimmt, als bei Unempfänglicheren, bei denen man schneller mit den Gaben steigen kann. Es gibt Kranke, deren ungewöhnliche Erregbarkeit sich zur Erregbarkeit der Unempfänglichsten wie 1.000:1 verhält.
282
Bringen bei der Behandlung vor allem chronischer Krankheiten schon die ersten Gaben eine so genannte homöopathische Verschlimmerung hervor, das heißt eine merkliche Erhöhung der zuerst erforschten, ursprünglichen Krankheits-Symptome, obwohl jede wiederholte Gabe (nach 247) vor dem Einnehmen durch Schütteln etwas modifiziert (höher dynamisiert) wurde, so ist das ein sicheres Zeichen, dass die Gaben zu groß sind.1

1

Die Regel, bei der homöopathischen Behandlung chronischer Krankheiten mit den kleinstmöglichen Gaben zu beginnen und sie allmählich zu verstärken, gilt nicht bei der Heilung der drei großen Miasmen, solange sie noch auf der Haut blühen. Das sind die unlängst ausgebrochene Krätze, der unberührt (an den Geschlechtsteilen, den Scham- oder Mund-Lippen usw.) gebliebene Schanker und die Feigwarzen. Diese vertragen nicht nur, sondern erfordern von Anfang an große Gaben ihrer spezifischen Heilmittel von immer höherem Dynamisations-Grad, täglich oder mehrmals täglich eingenommen. Bei ihnen ist, wenn man so verfährt, - anders als bei der Behandlung sonstiger im Inneren verborgener Krankheiten - nicht zu befürchten, dass die allzu große Gabe, während sie die Krankheit auslöscht, schon durch ihre Übergröße einen Anfang zur Arznei-Krankheit und beim Fortgebrauch eine chronische Arznei-Krankheit erzeugt. Bei den offen daliegenden Blüten dieser drei Miasmen ist dies nicht der Fall. Da kann man am täglichen Fortschritt ihrer Heilung sichtlich wahrnehmen, wieviel Gefühl von diesen Krankheiten dem Lebensprinzip durch die große Gabe täglich entzogen wird. Keine von den dreien kann in Heilung übergehen, ohne dass der Arzt durch ihr Verschwinden die Überzeugung erhält, dass nun keine dieser Arzneien mehr nötig ist. Die Krankheiten sind im Allgemeinen nur dynamische Eingriffe auf das Lebens-Prinzip. Es liegt ihnen nichts Materielles, keine Materia peccans [ein sündigender Stoff] zugrunde (wie die alte Schule seit Jahrtausenden in ihrem Irrwahn fabelt und hiernach immer zum Ruin der Kranken behandelt). Auch in diesen Fällen ist nichts Materielles wegzunehmen, wegzuschmieren, wegzubeizen, nichts abzubinden oder abzuschneiden, ohne den Kranken lebenslang unendlich kränker und unheilbarer zu machen (s. Chronische Krankheiten. I. Teil), als er es mit der unangetasteten Blüte dieser drei großen Miasmen war. Das dynamisch-feindlich auf das Lebens-Prinzip Ausgeübte ist das Wesentliche dieser äußeren Zeichen des inneren, bösartigen Miasmas. Es kann bloß durch Einwirkung einer homöopathischen Arznei auf das Lebens-Prinzip ausgelöscht werden. Sie affiziert es auf ähnliche Weise, aber stärker, und entzieht ihm so das Gefühl des inneren und äußeren geistartigen Krankheits-Feindes. Dergestalt, dass dieser für das Lebens-Prinzip (für den Organismus) nicht mehr existiert und so den Kranken frei vom Übel und geheilt entlässt.

Die Erfahrung lehrt, dass die Krätze samt ihrem Ausschlag sowie der Schanker mit dem inneren, venerischen Miasma nur durch die innerlich eingenommenen spezifischen Arzneien geheilt werden können und müssen. Wenn die Feigwarzen aber schon eine Zeit lang unbehandelt dastehen, benötigen sie zur vollkommenen Heilung auch die äußere Auflegung ihrer spezifischen, zugleich innerlich angewendeten Arzneien.

283
Um naturgemäß zu verfahren, verordnet der wahre Heilkünstler seine homöopathische Arznei, die in jeder Hinsicht bestens gewählt ist, nur in kleiner Gabe. Verleitet ihn einmal menschliche Schwäche dazu, eine unpassendere Arznei anzuwenden, so ist der Nachteil von ihrer der Krankheit unangemessenen Beschaffenheit nur gering. Er wird durch die eigene Kraft des Lebens und durch baldige Entgegensetzung ( 249) des Heilmittels (ebenfalls in kleinster Gabe), das nun nach Wirkungs-Ähnlichkeit passender gewählt wird, schnell wieder ausgelöscht und gutgemacht.
284
Außer der Zunge, dem Mund1

1

Bewundernswert hilfreich ist die Kraft der Arzneien auf den Säugling durch die Milch, die seine Mutter oder Amme ihm gibt. Jede Krankheit des Kindes weicht der homöopathischen Arznei, die für das Kind richtig gewählt und von der Amme in mäßigen Gaben eingenommenen wird. Die Krankheit wird bei diesen neuen Erdenbürgern auf diese Art viel leichter und sicherer ausgetilgt, als später jemals geschehen kann. Den meisten Säuglingen wird die Psora durch die Milch der Ammen mitgeteilt, falls sie sie nicht schon durch Erbschaft von der Mutter besitzen. So werden sie auf die angegebene Art durch die arzneiliche Milch der Ammen zugleich antipsorisch dagegen geschützt. Doch ist die Versorgung der Mütter in ihrer ersten Schwangerschaft durch eine milde antipsorische Behandlung, am besten mit den in dieser Ausgabe ( 270) beschriebenen neuen Dynamisationen des Schwefels, unentbehrlich. Dadurch wird Psora, die Erzeugerin der meisten chronischen Krankheiten, die fast immer bei ihnen vorhanden ist, ja ihnen schon durch Erbschaft mitgeteilt wurde, in ihnen und in ihrer Leibesfrucht vertilgt und ihre Nachkommenschaft im Voraus dagegen geschützt. Die Kinder von so behandelten Schwangeren kommen im Allgemeinen viel gesünder und kräftiger auf die Welt, so dass jeder darüber erstaunt ist. Eine neue Bestätigung der von mir aufgefundenen Psora-Theorie.

und dem Magen, die üblicherweise beim Einnehmen von der Arznei affiziert werden, sind vor allem die Nase und die Atmungs-Organe für die Einwirkung der Arzneien in flüssiger Gestalt empfänglich, durch Riechen und Einatmen durch den Mund. Doch ist auch die ganze übrige, mit ihrem Oberhäutchen umkleidete Haut unseres Körpers für die Einwirkung der Arznei-Auflösungen geeignet. Vor allem dann, wenn die Einreibung mit der gleichzeitigen Einnahme verbunden wird.
285
Die Heilung sehr alter Krankheiten kann dadurch unterstützt werden, dass der Arzt die Arznei-Auflösung, die sich innerlich eingenommen für den Kranken heilsam zeigt, auch äußerlich täglich einreiben lässt: am Rücken, an den Armen, an Ober- und Unterschenkeln. Vermeiden sollte man aber die Teile, die an Schmerzen, Krämpfen oder Haut-Ausschlägen leiden.1

1

So erklären sich die (seltenen) Wunderheilungen von langwierig verkrüppelten Kranken mit heiler, reiner Haut in einem mineralischen Bad. Sind dessen arzneiliche Bestandteile (zufällig) dem alten Übel homöopathisch angemessen, so genesen die Kranken schnell und auf immer nach wenigen Bädern. Mineral-Bäder richten aber bei Kranken, denen sie die Hautausschläge vertreiben, sehr oft umso größeren Schaden an. Nach kurzem Wohlsein lässt das Lebensprinzip das innere, ungeheilte Übel an einer anderen Stelle des Körpers zum Ausbruch kommen, die weit wichtiger für Leben und Wohlsein ist. Dafür wird z.B. manchmal der Seh-Nerv gelähmt und es entsteht Amaurose, manchmal verdunkelt sich die Kristall-Linse, verschwindet das Gehör, erfolgt Wahnsinn oder erstickendes Asthma, oder eine Apoplexie macht den Leiden des getäuschten Kranken ein Ende. Ein Haupt-Grundsatz für den homöopathischen Heilkünstler (wodurch er sich vor jedem so genannten Arzt aller älteren Schulen auszeichnet) ist, dass er bei keinem seiner Kranken ein Arzneimittel anwendet, dessen krankhafte Einwirkung auf den gesunden Menschen nicht vorher sorgfältig ausgeprüft und ihm bekannt ist ( 20, 21). Nach bloßer Vermutung einer möglichen Heilsamkeit bei einer Krankheit, die der vorliegenden ähnlich ist, oder auf Hörensagen, dass ein Mittel in einer so oder so benannten Krankheit geholfen ha., dem Kranken ein Mittel zu verordnen, deren positive Wirkungen auf Menschen-Befinden unbekannt sind, dieses gewissenlose Wagnis überlässt der menschenliebende Homöopath dem gefühllosen Allopathen. Ein echter Arzt und Ausüber unserer Kunst wird nie seinen Kranken in eines der unzähligen mineralischen Bäder schicken, weil sie fast alle nach ihrer genauen positiven Wirkung auf gesundes Menschen-Befinden völlig ungekannt und bei ihrem Missbrauch unter die heftigsten, gefährlichsten Arzneimittel zu zählen sind. Auf diese Weise kommen aus den berühmtesten solcher Bäder unter tausend Kranken, die vom unwissenden Arzt allopathisch ungeheilt bleiben und so blindlings dorthin geschickt werden, einer oder zwei zufällig geheilt, ja oft nur scheinbar geheilt zurück und posaunen das Wunder aus. Währenddessen schleichen sich mehrere Hunderte, mehr oder weniger verschlimmert, in aller Stille davon. Ein Rest von ihnen bleibt zurück, um sich dort zur ewigen Ruhestätte zu betten. Diese Tatsache wird von den vielen angefüllten Toten-Äckern bezeugt, die die berühmtesten Bäder umgeben.

Ein wahrer, homöopathischer Heilkünstler handelt nie ohne richtige Grundsätze, setzt nie das ihm anvertraute Leben seiner Kranken gewissenlos aufs Spiel, auf ein Glücksspiel, dessen Treffer sich zu den Nieten wie 1:500 oder 1:1.000 verhält (Nieten, die Verschlimmerungen oder Tod bedeuten). Nie setzt er einen seiner Kranken einer solchen Gefahr aus und schickt ihn auf gut Glück zur Behandlung in ein mineralisches Bad. Beim Allopathen geschieht das häufig, um den Kranken, der von ihm oder anderen geschädigt wurde, auf eine gute Art endlich loszuwerden.

Nicht-arzneiliche Behandlungsformen ( 286-291)

Auch durch Anwendung des Magnets, der Elektrizität und des Galva-nismus können homöopathische Heilungen erzielt werden, besonders bei neurologischen Krankheiten.

Während die Kräfte des Magnets bereits am Gesunden geprüft sind, wird Elektrizität und Galvanismus in Ermangelung solcher Prüfungen allerdings nur palliativ angewendet ( 286 f.).

Durch Mesmerismus wird Lebenskraft, die an bestimmten Stellen des Organismus vermindert oder angehäuft ist, mit positiven Strichen zugeführt oder mit negativen Strichen abgeleitet ( 288 f.). Massieren wirkt in der Rekonvaleszenz anregend auf das Lebensprinzip ( 290).

Wasserbäder können als lauwarme palliativ (Reanimation, Krämpfe), als kalte dagegen homöopathisch (Mangel an Lebenswärme) wirken ( 291).

286
Die dynamische Kraft des mineralischen Magnets, der Elektrizität und des Galvanismus wirkt genauso homöopathisch und mächtig auf unser Lebensprinzip wie die so genannten Arzneien, die durch Einnehmen in den Mund, Einreiben in die Haut oder durch Riechen Krankheiten aufheben. Besonders Krankheiten der Sensibilität und Irritabilität sowie Krankheiten abnormen Gefühls und der unwillkürlichen Muskelbewegungen können durch sie geheilt werden. Doch liegt die sichere Anwendungsart der beiden letzteren sowie der so genannten elektro-magnetischen Maschine noch viel zu sehr im Dunkeln, um sie homöopathisch anzuwenden. Elektrizität und Galvanismus hat man bisher jedenfalls nur palliativ angewendet, zum großen Schaden der Kranken. Ihre positiven, reinen Wirkungen auf den gesunden menschlichen Körper sind bisher noch wenig geprüft.
287
Der Kräfte des Magnets kann man sich schon sicherer zum Heilen bedienen - nach den positiven Wirkungen des Nord- und Süd-Pols eines kräftigen Magnetstabs, die in der Reinen Arzneimittellehre dargelegt sind. Obwohl beide Pole gleich kräftig sind, stehen sie sich in ihrer Wirkungsweise gegenüber. Die Gaben lassen sich durch eine kürzere oder längere Zeit des Anlegens des einen oder anderen Pols mäßigen, je nachdem ob mehr die Symptome des Süd- oder Nord-Pols angezeigt sind. Als Antidot einer allzu heftigen Wirkung dient die Auflegung einer Platte blanken Zinks.
288
Hier ist der so genannte tierische Magnetismus zu erwähnen. Er weicht von der Natur aller übrigen Arzneien ab und sollte nach Mesmer, seinem ersten Begründer, dankbarer Mesmerismus genannt werden. Diese Heilkraft wurde törichterweise während eines ganzen Jahrhunderts oft geleugnet oder geschmäht. Sie ist aber ein wundersames, unschätzbares, dem Menschen verliehenes Geschenk Gottes. Durch den kräftigen Willen eines wohlwollenden Menschen strömt durch Berührung, aber auch ohne sie, ja selbst in einiger Entfernung, die Lebenskraft des gesunden, mit dieser Kraft begabten Mesmerierers in einen anderen Menschen dynamisch ein - wie einer der Pole eines kräftigen Magnet-Stabs in einen Stab rohen Stahls.
  • Sie ersetzt im Kranken die Lebenskraft, die hie und da in seinem Organismus fehlt.

  • Sie leitet sie ab, wenn sie in anderen Stellen zu sehr angehäuft ist und unnennbare Nervenleiden erregt und unterhält, mindert sie und verteilt sie gleicher.

  • Sie löscht die krankhafte Verstimmung des Lebensprinzips des Kranken aus und ersetzt sie mit der normalen des Mesmerierers, der auf ihn kräftig einwirkt, z.B. bei alten Geschwüren, bei Amaurose, bei Lähmungen einzelner Glieder usw.

Schnelle Schein-Heilungen durch Zoo-Magnetiker, die über große Natur-Kraft verfügen, gab es zu allen Zeiten. Am glänzendsten zeigt sich die Wirkung von mitgeteilter Menschenkraft auf den Organismus bei der Wiederbelebung von Personen, die sich längere Zeit im Scheintod befanden, durch den kräftigsten, gutmütigsten Willen eines in voller Lebenskraft blühenden Mannes1

1

Besonders eines solchen, von denen es wenige unter den Menschen gibt. Bei großer Gutmütigkeit und vollständiger Körperkraft besitzt er einen sehr geringen oder gar keinen Geschlechts-Trieb. Die feinen Lebens-Geister, die bei allen Menschen auf die Bereitung des Samens verwendet werden, sind bei ihm in Menge vorhanden und bereit, sich durch willenskräftige Berührung anderen Personen mitzuteilen. Einige solche heilkräftige Mesmerierer, die ich kennen lernte, besaßen alle diese besonderen Eigenschaften.

. Es ist eine Art Toten-Erweckung, wovon die Geschichte mehrere Beispiele aufweist. Manchmal ist die mesmerierende Person des einen oder anderen Geschlechts zugleich zu einem gutmütigen Enthusiasmus fähig, auch sogar zu seiner Ausartung, der Bigotterie, des Fanatismus, des Mystizismus oder menschenliebender Schwärmerei. Sie ist dann umso mehr imstande, bei dieser philanthropischen, sich selbst aufopfernden Verrichtung die Kraft ihrer vorherrschenden Gutmütigkeit nicht nur ausschließlich auf den Gegenstand zu richten, der ihre Hilfe braucht, sondern auch dort zu konzentrieren und so manchmal anscheinend Wunder zu vollbringen.
289
Diese Arten der Ausübung des Mesmerismus beruhen darauf, dass mehr oder weniger Lebenskraft dynamisch in den Leidenden einströmt. Sie werden daher positiver Mesmerismus genannt1

1

Im Gegensatz zu der hier besprochenen entschiedenen und sicheren Heilkraft des positiven Mesmerismus ist seine Übertreibung in höchster Weise zu missbilligen. Durch Striche dieser Art, die während halber, ja oft ganzer Stunden auf einmal wiederholt und selbst täglich fortgesetzt werden, wird bei nervenschwachen Kranken jene ungeheure Umstimmung des ganzen Menschenwesens herbeigeführt, die man Somnambulismus oder Hellsichtigkeit (clairvoyance) nennt. Darin scheint der Mensch der Sinnenwelt entrückt zu sein und mehr der Geisterwelt anzugehören. Ein höchst unnatürlicher und gefährlicher Zustand, durch den man oft vergeblich versucht hat, chronische Krankheiten zu heilen.

. Eine Ausübung des Mesmerismus, die dem entgegengesetzt ist, bewirkt das Gegenteil. Sie sollte daher negativer Mesmerismus genannt werden. Hierher gehören die Striche, die zur Erweckung aus dem Nachtwandlerschlaf gebraucht werden, sowie die Handverrichtungen, die mit den Namen Kalmieren und Ventilieren belegt worden sind. Diese Entladung der Lebenskraft, die bei ungeschwächten Personen in einem einzelnen Teil übermäßig angehäuft ist, geschieht durch negativen Mesmerismus. Am sichersten und einfachsten wird sie durch eine sehr schnelle Bewegung der flachen, ausgestreckten rechten Hand bewirkt, die etwa parallel, einen Zoll entfernt vom Körper, vom Scheitel herab bis über die Fußspitzen geführt wird2

2

Die Person, die positiv oder negativ zu mesmerieren ist, darf an keinem Teil mit Seide bekleidet sein. Das ist eine bekannte Regel. Weniger bekannt ist, dass der Mesmerierer dem Kranken seine Lebenskraft in vollerem Maß mitteilen kann, wenn er selbst auf Seide statt auf dem bloßen Fußboden steht.

. Je schneller dieser Strich ausgeführt wird, desto stärker ist die bewirkte Entladung. So wird z.B. beim Scheintod einer vorher gesunden3

3

Einer chronisch schwächlichen, lebensarmen Person ist vor allem ein sehr schneller Negativstrich auf jeden Fall äußerst schädlich.

Frau, deren dem Ausbruch nahe Menstruation durch eine heftige Gemütserschütterung plötzlich gehemmt wurde, die Lebenskraft, die wahrscheinlich in den Präkordien angehäuft ist, durch einen solchen negativen Schnellstrich entladen und wieder im ganzen Organismus ins Gleichgewicht gesetzt. Dadurch erfolgt meist sofort die Wiederbelebung4

4

Ein zehnjähriger kräftiger Knabe auf dem Land wurde wegen einer kleinen Un-pässlichkeit früh von einer so genannten Streicherin mit beiden Daumenspitzen, von der Herzgrube aus, unter den Rippen hin, mehrmals sehr kräftig gestrichen. Er verfiel sofort mit Totenblässe in eine solche Besinnungs- und Bewegungslosigkeit, dass man ihn trotz aller Mühe nicht erwecken konnte und ihn fast für tot hielt. Da ließ ich ihm von seinem ältesten Bruder einen möglichst schnellen negativen Strich vom Scheitel bis über die Füße hin geben. Sofort war er wieder bei Besinnung, munter und gesund.

. Bei sehr reizbaren Personen wird die teilweise übermäßige Unruhe und ängstliche Schlaflosigkeit, die von einem allzu kräftig gegebenen positiven Strich herrührt, manchmal von einem milden, weniger schnellen Negativstrich gemildert usw.
290
Das so genannte Massieren gehört zum Teil auch hierher. Einem von chronischer Krankheit Geheilten, der noch langsamer Erholung bedarf und noch an Abmagerung, Verdauungs-Schwäche und Schlafmangel leidet, ergreift eine kräftige, gutmütige Person einzeln die Muskeln der Gliedmaßen, der Brust und des Rückens, drückt sie mäßig und knetet sie gleichsam. Dadurch wird das Lebensprinzip angeregt, in seiner Gegenwirkung den Tonus der Muskeln und ihrer Blut- und Lymph-Gefäße wiederherzustellen. Bei dieser Verrichtung ist die mesmerische Einwirkung die Hauptsache. Bei denen, die noch an einem reizbaren Gemüt leiden, darf man sie nicht übertreiben.
291
Die Bäder mit reinem Wasser erweisen sich bei der Herstellung der Gesundheit in akuten Übeln sowie in der Rekonvaleszenz soeben geheilter chronisch Kranker teils als palliative, teils als homöopathisch dienliche Hilfsmittel. Dabei ist der Zustand des Genesenden sowie die Temperatur des Bades, die Dauer und seine Wiederholung entsprechend zu berücksichtigen. Selbst richtig angewendet, bringen sie nur physisch wohltätige Veränderungen im kranken Körper hervor, sind also an sich keine eigentliche Arznei.
  • Lauwarme Wasserbäder von 25o-27o Raumur [31o-34o Celsius] dienen bei Scheintoten (Erfrorenen, Ertrunkenen, Erstickten) zur Erweckung der schlummernden Irritabilität der Faser, durch die das Gefühl der Nerven betäubt war. Obgleich nur palliativ, erweisen sie sich hier in Verbindung mit Kaffee-Trank und Reiben mit der Hand oft als ausreichend wirksam.

  • In Fällen, wo die Irritabilität sehr ungleich verteilt und in einigen Organen zu sehr angehäuft ist (wie bei einigen hysterischen Krämpfen oder Konvulsionen von Kindern), können sie homöopathische Beihilfe leisten.

  • Kalte Wasserbäder von 6-10 Raumur [7-13 Celsius] erweisen sich bei der Rekonvaleszenz von Personen, die arzneilich von chronischen Krankheiten wiederhergestellt wurden, bei Mangel an Lebens-Wärme durch augenblickliches Eintauchen als homöopathische Beihilfe.

Später, nach öfter wiederholtem Eintauchen, bewirken sie die palliative Wiederherstellung des Tonus der erschlafften Faser. Zu diesem Zweck sind die Bäder länger als nur einen Augenblick, für die Dauer von Minuten und mit immer niedrigerer Temperatur anzuwenden. Dieses Palliativ wirkt nur physisch. Es ist deshalb nicht mit dem Nachteil eines hinterher zu befürchtenden Gegenteils verbunden, wie bei dynamisch arzneilichen Palliativen.

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