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978-3-437-56621-9

Vorwort

Die alte Schule der Medizin: Allopathie

Kennzeichen: Autoritätsgläubigkeit, Spekulation, materialistischer Krankheitsbegriff, ab- bzw. ausleitende Mittel, Contrarium-Prinzip, Lokal-Behandlungen, Palliation, Arzneigemische, Schwächung des Organismus, Verschlimmerung der Krankheit

Die alte Medizin (Allopathie) setzt im Allgemeinen bei der Behandlung von Krankheiten, um sie zu heilen, nur materielle Ursachen voraus – teils (nie vorhandene) Blut-Übermenge (plethora), teils Krankheits-Stoffe und Schärfen. Sie lässt das Lebens-Blut abzapfen und bemüht sich, die eingebildete Krankheits-Materie teils auszufegen, teils anderswohin zu leiten (durch Brechmittel, Abführen, Speichelfluss, schweiß- und harntreibende Mittel, Ziehpflaster, Vereiterungs-Mittel, Fontanellen usw.), in dem Wahn, die Krankheit dadurch schwächen und materiell austilgen zu können. Sie vermehrt dadurch die Leiden des Kranken und entzieht so, wie auch durch ihre Schmerzmittel, dem Organismus die Kräfte und Nahrungs-Säfte, die zum Heilen unentbehrlich sind. Sie greift den Körper mit großen, oft lange und schnell wiederholten Gaben starker Arznei an, deren langdauernde, nicht selten fürchterliche Wirkungen sie nicht kennt, und die sie anscheinend absichtlich unerkennbar macht durch Zusammenmischung mehrerer solcher ungekannter Substanzen in eine Arzneiformel. Durch deren langwierigen Gebrauch bringt sie dem kranken Körper neue, zum Teil unaustilgbare Arznei-Krankheiten bei. Um sich bei dem Kranken beliebt zu erhalten1

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Zum gleichen Zweck erdichtet der gewandte Allopath vor allem einen bestimmten, am liebsten griechischen Namen für das Übel des Kranken, um ihn glauben zu lassen, er kenne diese Krankheit schon lange, wie einen alten Bekannten, und sei daher am besten im Stande, sie zu heilen.

, verfährt sie auch, wo sie nur kann, mit Mitteln, die die Krankheits-Beschwerden durch Gegensatz (contraria contrariis) [Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem] sogleich auf kurze Zeit unterdrücken und bemänteln (Palliative), die aber den Grund für diese Beschwerden (die Krankheit selbst) verstärkt und verschlimmert hinterlassen. Sie hält die Übel, die sich an den Außenteilen des Körpers befinden, fälschlicherweise für bloß örtlich und nur für sich bestehend und meint, sie geheilt zu haben, wenn sie sie durch äußere Mittel vertrieben hat. So wird das innere Übel aber genötigt, schlimmer an einer edleren und bedenklicheren Stelle auszubrechen. Wenn die alte Arzneischule nicht weiß, was sie mit der nicht weichenden oder sich verschlimmernden Krankheit anfangen soll, unternimmt sie mindestens, diese blindlings durch ein von ihr so genanntes alterans [veränderndes Mittel] zu verändern, z.B. mit dem das Leben unterminierenden Kalomel, Ätzsublimat und mit anderen heftigen Mitteln in großen Gaben.
Es scheint das unselige Hauptgeschäft der alten Medizin zu sein, die Mehrzahl der Krankheiten (das heißt die langwierigen) aus Unwissenheit entweder tödlich oder doch zumindest unheilbar zu machen, indem sie den schwachen Kranken, der ohnehin schon an seiner Krankheitsplage leidet, fortwährend schwächt und quält und neue, zerstörende Arzneikrankheiten hinzufügt. Hat man dieses verderbliche Verfahren einmal im Griff und ist gegen die Mahnungen des Gewissens entsprechend unempfindlich geworden, ist es ein sehr leichtes Geschäft!
Für all diese schädlichen Operationen hat der gewöhnliche Arzt alter Schule seine Gründe vorzubringen. Sie beruhen aber nur auf den Vorurteilen seiner Bücher und Lehrer und auf der Autorität dieses oder jenes gepriesenen Arztes der alten Schule. Die entgegengesetztesten und widersinnigsten Verfahrensweisen finden da ihre Verteidigung und Autorität. Das schlechte Ergebnis mag noch so sehr dagegen sprechen. Die wenigsten Schäden und Todesfälle verzeichnet derjenige alte Arzt, der von der Verderblichkeit seiner so genannten Kunst nach jahrelangen Übeltaten endlich überzeugt ist und selbst die schwersten Krankheiten nur noch mit Erd-beer-Sirup, der zu Wegbreitwasser gemischt ist, (das heißt mit nichts) behandelt.
Diese Unheilkunst sitzt seit vielen Jahrhunderten in dem Vorrecht und der Macht wie eingemauert fest, über Leben und Tod der Kranken nach Willkür und Gutdünken zu verfügen. Sie verkürzte seitdem wohl zehnmal so vielen Menschen das Leben als jemals die verheerendsten Kriege und machte viele Millionen Kranke kränker und elender, als sie ursprünglich waren. Diese Allopathie habe ich in der Einleitung2

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Davor wird man Beispiele angeführt finden zum Beweis, dass wenn man in älteren Zeiten hie und da auffallende Heilungen verrichtete, es immer durch Mittel geschah, die der damals eingeführten Therapie zuwider, dem Arzte zufällig in die Hände geraten, im Grunde aber homöopathisch waren.

zu den vorigen Ausgaben dieses Buchs näher beleuchtet. Jetzt werde ich bloß ihr Gegenteil, die von mir entdeckte (nun etwas mehr vervollkommnete) wahre Heilkunst vortragen.
Die neue Schule der Medizin: Homöopathie

Kennzeichen: dynamischer Krankheitsbegriff, Simile-Prinzip, Gabe einzelner, geprüfter Arzneien, schnelle und sichere Heilung

Mit der Homöopathie ist es ganz anders. Sie kann jeden Nachdenkenden leicht überzeugen, dass die Krankheiten der Menschen auf keinem Stoff, keiner Schärfe, das heißt auf keiner Krankheits-Materie beruhen, sondern nur geistartige (dynamische) Verstimmungen der geistartigen Kraft sind, die den Körper des Menschen belebt (Lebensprinzip, Lebenskraft). Die Homöopathie weiß, dass Heilung nur durch Gegenwirkung der Lebenskraft gegen die eingenommene, richtige Arznei erfolgen kann. Die Heilung ist umso gewisser und schneller, je kräftiger beim Kranken seine Lebenskraft noch vorwaltet. Die Homöopathie vermeidet selbst die mindeste Schwächung1

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Die Homöopathie vergießt nie einen Tropfen Blut, gibt nichts zum Erbrechen, Purgieren, Laxieren oder Schwitzen, vertreibt kein äußeres Übel durch äußere Mittel, verordnet keine heißen oder ungekannten Mineral-Bäder oder Arznei enthaltenden Klistiere, setzt keine spanischen Fliegen oder Senfpflaster, keine Haarseile, keine Fontanellen, erregt keinen Speichelfluss, brennt nicht mit Moxa oder Glüheisen bis auf die Knochen und dergleichen. Sondern sie gibt mit eigener Hand nur selbst bereitete, einfache Arznei, die sie genau kennt, und keine Gemische, stillt nie Schmerz mit Opium usw.

, auch möglichst jede Schmerz-Erregung, weil Schmerz die Kräfte raubt. Zum Heilen verwendet sie bloß solche Arzneien, deren Vermögen, das Befinden (dynamisch) zu verändern und umzustimmen, sie genau kennt. Sie sucht eine heraus, deren Befinden verändernde Kräfte (Arzneikrankheit) die vorliegende natürliche Krankheit durch Ähnlichkeit (similia similibus) [Ähnliches mit Ähnlichem] aufheben können. Diese Arznei gibt sie einfach, in feinen Gaben (so klein, dass sie, ohne Schmerz oder Schwächung zu verursachen, eben ausreichen, das natürliche Übel aufzuheben) dem Kranken ein. Die Folge davon ist, dass die natürliche Krankheit ausgelöscht wird, ohne ihn im Mindesten zu schwächen, zu peinigen oder zu quälen. Der Kranke erstarkt schon bald während der Besserung und ist geheilt. Dieses zwar leicht scheinende, doch sehr nachdenkliche, mühsame und schwere Geschäft, das die Kranken in kurzer Zeit, ohne Beschwerden und völlig zur Gesundheit wiederherstellt, wird so ein heilbringendes und beseligendes Geschäft.
Die Homöopathie ist eine einfache, sich in ihren Grundsätzen und ihrem Verfahren gleich bleibende Heilkunst. Wie die Lehre, auf der sie beruht, ist sie – richtig begriffen – in dieser Gestalt in sich abgeschlossen (und nur so hilfreich). Wie die Reinheit der Lehre, so versteht sich auch die Reinheit ihrer Ausübung von selbst. Sie schließt jede Zurück-Verirrung in den verderblichen Schlendrian der alten Schule (deren Gegensatz sie ist, wie Tag und Nacht) ganz aus. Oder sie hört auf, den ehrwürdigen Namen Homöopathie zu verdienen.
Paris, im Februar 1842
Samuel H ahnemann

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