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B978-3-437-45417-2.00001-5

10.1016/B978-3-437-45417-2.00001-5

978-3-437-45417-2

Abb. 1.1

[P236]

Neugeborenes in der Bauchlage

Abb. 1.2

[P236]

a) Mit etwa 8 Wochen folgt der Säugling einem optischen Reiz, indem er kurzfristig auf die Unterarme in der Nähe des Handgeelenks stützt. b) Mit 3 Monaten stützt der Säugling auf die medialen Epikondylen des Humerus, kann eine längere Zeit den Kopf halten und frei bewegen. Nun spricht man vom symmetrischen Ellenbogenstütz.

Abb. 1.3

[P236]

Einzelellenbogenstütz

Abb. 1.4

[P236]

Muster des Schwimmens

Abb. 1.5

[P236]

Handstütz mit 6 Lebensmonaten

Abb. 1.6

[P236]

Neugeborenes in der Rückenlage

Abb. 1.7

[P236]

Fechterstellung

Abb. 1.8

[P236]

Säugling mit ca. 3 Monaten: Dieses dargestellte globale Muster ist die Basis für eine ungesteuerte Hand-Mund-Auge-Koordination des Säuglings.

Abb. 1.9

[P236]

a) Zu Beginn der Greiffunktion mit ca. 4 Monaten seitliches Greifen einer Hand mit altersentsprechender Einstellung von Rumpf und Beinen. b) Im Verlauf der weiteren Entwicklung und als Beginn des Umdrehens ist es dem Kind möglich, über die Mitte zu greifen.

Abb. 1.10

[P236]

Beginn des Drehens von Rückenlage in Bauchlage

Abb. 1.11

[P236]

Der schräge Sitz kann Startposition zum Krabbeln und zur weiteren Vertikalisierung sein.

Abb. 1.12

[P236]

PinzettengriffPinzettengriff

Abb. 1.13

[G705]

Sichere Seitenlage

Abb. 1.14

[P236]

Reifes Krabbeln

Abb. 1.15

[G705]

Zangengriff mit 10 Lebensmonaten

Abb. 1.16

[P236]

Langsitz

Abb. 1.17

[P236]

Aufstehen aus dem Fortbewegungsmuster des Krabbelns

Abb. 1.18

[P236]

Seitliches Gehen

Abb. 1.19

[P236]

Aufdrehen in den Raum

Abb. 1.20

[G705]

Küstenschiffahrt

Abb. 1.21

[P236]

Freie bipedale Fortbewegung (die ersten Schritte)

Abb. 1.22

[L231]

Dreipunktgriff

Abb. 1.23

[L157]

Embryo in SSW 8 mit bereits angelegter orofazialer Muskulatur und Rumpfmuskulatur

Abb. 1.24

[L231]

a) Die Lippen umfassen den Vorhof. b) Die Kieferkämme halten den Vorhof fest, die Brustwarze wird gelängt. c) Die Zunge drückt die Brustwarze an den Gaumen. d) Durch Saug-/Kaubewegungen wird die Milch verfügbar gemacht. e) Die Lippen liegen locker um den Sauger, die Saugbewegung erfolgt vor und zurück.

Entwicklung aufgrund von Bewegungserfahrungen

Tab. 1.1
Entwicklungsbereich Fähigkeiten
Sensorische Entwicklung
  • Orientierung zur Zeit, zum Raum und an Personen

  • Informationsaufnahme und -verarbeitung von sensorischen Reizen (auditiv, visuell, olfaktorisch, gustatorisch, taktil, vestibulär, propriozeptiv, räumlich-visuell)

  • Körperschema

Körperliche Entwicklung
  • Entwicklung von Muskulatur, Kraft, Ausdauer, Koordination, Schnelligkeit und Beweglichkeit

Motorische Entwicklung
  • Körperorganisation

  • Handlungs- und Bewegungsplanung

  • Koordinative Fähigkeiten

Kognitive Entwicklung
  • Aufmerksamkeit fokussieren und lenken

  • Abstraktionsvermögen

  • Kognitive Flexibilität (ändern von Strategien und Denkansätzen, Problemlösestrategien)

  • Sprachliche und mathematische Kompetenzen

  • Einfache und Mehrfachaufgaben übernehmen und bearbeiten

  • Merkfähigkeit

Emotionale Entwicklung
  • Psychische Stabilität (Ausgeglichenheit, Ruhe)

  • Selbstvertrauen

  • Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen

  • Motivation

  • Impulskontrolle

  • Frustrationstoleranz

Soziale Entwicklung
  • Adaptationsfähigkeit – auf neue Erfahrungen/Situationen angemessen agieren bzw. reagieren

  • Eigene Bedürfnisse erkennen, durchsetzen und zurückstellen

  • Verantwortung übernehmen

  • Rücksichtnahme/Toleranz

  • Regelverständnis

Funktionen der Bewegung für die Entwicklung von Kindern

Tab. 1.2
Personale Funktionen Den eigenen Körper und damit sich selbst besser kennenlernen, sich mit den körperlichen Fähigkeiten auseinandersetzen und ein Bild von sich selbst entwickeln
Soziale Funktionen Mit anderen gemeinsam etwas tun, mit und gegeneinander spielen, sich mit anderen absprechen, nachgeben und durchsetzen
Produktive Funktionen Selbst etwas machen, herstellen, mit dem eigenen Körper etwas hervorbringen (z. B. eine sportliche Fertigkeit wie einen Handstand oder einen Tanz)
Expressive Funktionen Gefühle und Empfindungen in Bewegung ausdrücken, körperlich ausleben und ggf. verarbeiten
Impressive Funktionen Gefühle wie Lust, Freude, Erschöpfung sowie Energie empfinden und in Bewegung erfahren
Explorative Funktionen Die dingliche und räumliche Umwelt kennenlernen und sich erschließen, sich mit Objekten und Geräten auseinandersetzen und ihre Eigenschaften erfassen, sich den Umweltanforderungen anpassen bzw. sie sich passend machen
Komparative Funktionen Sich mit anderen vergleichen, sich mit anderen messen, wetteifern und dabei sowohl Siege verarbeiten als auch Niederlagen ertragen lernen
Adaptive Funktionen Belastungen ertragen, die körperlichen Grenzen kennenlernen und die Leistungsfähigkeit steigern, sich selbst gesetzten und von außen gestellten Anforderungen anpassen

Die vier Entwicklungsstufen der kognitiven Entwicklung nach Jean Piaget

Tab. 1.3
Stufe Alter Bezeichnung Zentrale Entwicklungsmerkmale
1 0–2 Jahre Sensomotorische Phase Bildung von Schemata, Bsp.: Objektpermanenz:
Objekt ist auch außerhalb des Sichtfelds noch bewusst
2 2–6 Jahre Präoperationale Phase Egozentrisches, statisches Denken: Kind fällt es schwer Intentionen anderer zu verstehen, Denken ist an Augenblick gebunden
3 7–11 Jahre Konkret-operationale Phase Perspektivübernahme und prozesshaftes, komplexes Denken, geplante und koordinierte Handlungen werden möglich
4 Ab 12 Jahren Formal-operationale Phase Abstraktes und systematisches Denken (Aufgaben können systematisch oder hypothetisch gelöst werden)

Übersichtstabelle der Entwicklungsphysiologie des Kindes

Tab. 1.4
Alter Motorische Entwicklung Orofaziale Entwicklung Feinmotorische Entwicklung Psychomotorische
Entwicklung
Psychosoziale
Entwicklung
Kognitive Entwicklung
0–3 LM RL:
  • Von NG-Haltung asymmetrisch zum Muster der Hand-Mund-Auge-Koordination

  • Prozess der Blickfixierung

    → Fechterstellung als Ausdruck der Blickfixierung

BL:
  • Von NG-Haltung-über UA-Stütz zu sym. Ellenbogengstütz

  • Stunden nach der Geburt ist gleichzeitiges Saugen, Schlucken und Atmen möglich

  • Koordiniertes Einsetzen von Lippen, Zunge, Unterkiefer, Velum, Zungenbein u. Ösophagus

  • Trinken an der Brust, Vorbereitung der Kau- und Sprechmotorik

  • Ende erster Monat Vokallaute „a“, „ä“, „ähä“, „hä“

  • 2–3 LM Lautbildung Kehllaute: „rr“-Ketten, ab und zu ein Vokal

  • Antwortet auf direkte Ansprache

  • Hand-Hand-Kontakt

  • Hand-Mund-Auge-Kontakt

  • Neuromotorik:

Frühkindliche Reaktionen stehen im Vordergrund
  • Übergänge des Bewusstsein- und Erregungssystem oft noch schwierig (Wach-Schlafphasen)

  • Soziales Lächeln

  • Gesichtsausdrücke werden unterschieden

  • Frühe Funktionsfähigkeit der Exterozeption (Neugeborenenreflexe)

  • Höhere Empfindsamkeit bestimmter Körperregionen (Mund, Handflächen, Fußsohlen, Genitalbereich)

  • Abwehr oder Schutzreaktionen (z. B. Niesen /Husten)

  • Mimische Reaktionen auf unterschiedliche Eindrücke (z. B. Lächeln bei Bezugspersonen)

  • Unterscheidungsfähigkeit z. B. akustischer Reize (Stimme der Mutter)

  • Prozess der optischen Orientierung

  • Ausbildung der Tiefenwahrnehmung

  • Äußere Handlungen werden verinnerlicht

  • Objektpermanenz entsteht

4–6 LM RL:
  • Vom lateralen Greifen-Greifen über die Mitte-Drehen von RL in BL

BL:
  • Vom Einzelellenbogenstütz zum sym. Handstütz

  • Mund ist wichtigstes Tastorgan dieses Alters

  • Mahlbewegung des Kiefers (mit 6 LM macht Breinahrung Sinn)

  • Kind entdeckt Lippen zur Lautbildung, Blasreiblaute, stimmhafte Silbenketten, modulierte Kehllaute, Jauchzen

  • Zahnen beginnt

  • Perzeption der Hand beginnt

  • Entwicklung des isolierten Greifens mit der Hand von ulnar, später von radial

  • Sensomotorik:

Verbindung von Wahrnehmung und Bewegung – koordinative Fähigkeiten entwickeln sich 1.1
  • Emotionen der Stimme können dem Gesichtsausdruck zugeordnet werden

  • Entwicklung sozialer Fertigkeiten mit 6 LM: Einordnen von Gesichtern, Zusammenhang von Verhalten und Wirkung

  • Blickverhalten als entscheidende Variable für frühes Denken (Fixierung, Verfolgung von Objekten)

  • Mimische Nachahmung ab dem 3. LM

  • Obligatorische Aufmerksamkeit: Kind bleibt mit dem Blick über eine längere Zeit am Objekt

  • Dishabituation (Entwöhnung) bei unbekanntem Reiz

  • Entwicklung der Habituation (Gewöhnung) bei bekanntem Reiz

7–9 LM
  • Schräger Sitz

  • Drehen von BL zurück in RL

  • Langsitz

  • Sichere seitliche Zungenbewegung bei der Verteilung der Nahrung mit geschlossenem Mund

  • Oberlippe streift Nahrung vom Löffel ab

  • Feine Mahlbewegungen des Unterkiefers (Mastikation)

  • Silben der mittleren Artikulationszone (Zungenrücken mit weichem Gaumen u. Kontakt mit den Alveolarwällen)

  • Silben wie gen“ u. Aneinanderreihen „gengengen“

  • Nasallaute „ng“, „geng“

  • Plosivlaute „k“, „p“

  • Lippenlaute mit Vokalen gemischt u. aneinandergereiht, „mama“, „dada“, „papa“ (Syllalbenecholalie)

  • Pinzettengriff (7 LM)

  • Zangenriff (9 LM)

  • Spezifisches Bindungsverhalten

  • Regulationsfähigkeit von Nähe und Distanz

  • Soziale Scheu gegenüber Fremden

  • Einfache Objektpermanenz (Objekt existiert auch außerhalb der Wahrnehmung noch)

  • Beschäftigungsdauer wächst

9–14 LM
  • Hochziehen in den Stand

  • Seitliches Gehen

  • „Küstenschifffahrt“

  • Freies Gehen

  • Isst Brot

  • Trinkt aus einer Tasse

  • Kind möchte alleine essen

  • Gemeinsames Essen mit der Familie

  • Kind möchte alles probieren (Geschmacksdifferenzierung)

  • Entwickelt Vorlieben für Nahrungsmittel

  • Oberlippe wird länger, Lippenrot schmaler, Unterlippe entrollt sich

  • Sprachliche Zuordnung von Begriffen, Silben werden auf Objekt oder Personen bezogen, z. B. „ba“ für Ball, „mama“ für Mutter, „wauwau“ für Tiere

  • Gegenstände werden solange in den Mund gesteckt, bis Begrifflichkeit vorhanden ist

  • Wortverständnis ist vorhanden

  • Reiht sinngebende Worte aneinander (Wortproduktion)

Ab ca. 12 LM:
  • Essen mit dem Löffel im Faustgriff

  • Legt das Essen mit den Fingern auf den Löffel

  • Zwei Klötzchen können nach Aufforderung und Zeigen aufeinander gesetzt werden

  • Gegenstand wird in ein Gefäß gelegt oder herausgeholt

  • „Bitte-Danke“-Spiel

  • Auspacken eines Bonbons gelingt

  • Das Kind beginnt sich für Mal- und Schreibutensilien zu interessieren, wenn andere Personen diese zum Malen und Schreiben benutzen (Nachahmungsverhalten)

  • Es wird in verschiedenen Körperpositionen versucht zu malen

14–24 LM
  • Kind benutzt viele Wörter (Wortexplosion)

  • Wortkombinationen beginnen

  • Eine Hand wird beim Spielen bevorzugt, die andere Hand zum Halten genutzt

  • Große Perlen können aufgefädelt werden

  • Buchseiten können umgeblättert werden

  • Aufschrauben von Gefäßen beginnt

  • Trinkt alleine beidhändig aus einem Becher

  • Stift wird zwischen den Händen gewechselt

  • Bleibende Linie wird entdeckt

  • Striche werden immer wieder neu begonnen

  • Kreisende Linien mit Stift möglich

  • Entwicklung des Selbstbildes in Beziehung zur sozialen Umwelt (Interaktion)

2 LJ
  • Erste Sätze werden gebildet (Grammatik)

  • Entwicklung Arbeitshand, Haltehand

  • Hand und Augen arbeiten für kurze Sequenzen koordiniert zusammen

  • Ersten Bauten aus Duplo Steinen

  • Deckel einer Flasche oder Wasserhahn auf-und zudrehen

  • Blattfüllende Spiralen entstehen

  • Aus Spiralen versuch das Kind, einen Kreis zu malen

  • Mit der zweiten Hand wird begonnen, die Stiftkappe zu entfernen

  • Psychomotorik:

    • Verbindung von Bewegung und Psyche – Gefühle werden stark motorisch ausgedrückt

    • Entwicklung der Ich-Kompetenz steht im Vordergrund, Abgrenzung von anderen Personen

    • Intensiv mit 2 bis 3 LJ

  • Wutausbrüche können sich häufen und werden seltener mit 3 LJ

  • Zeigt Präferenz für Vertrautes

  • Lernen durch Verhalten + Reaktionen

  • Zunahme der aktiven Interaktion als Grundlage für soziale Fertigkeiten (z. B. Blickzuwendung und Lächeln)

2–6 LJ
  • Entdeckung des „Ichs“ (Spiegelbild)

  • „Trotzphase“ (Erprobung des eigenen Willens) bzw. Autonomiephase

  • Egozentrisches, statisches, meist eindimensionales Denken – an konkretes, eigenes Handeln gebunden

  • Entwicklung der Geschlechtsidentität im 3. LJ („Wer bin ich“; geschlechtsspezifische Unterschiede erkennen)

  • Entwicklung von Selbständigkeit und Sozialkompetenz

  • Sauberkeitsentwicklung

3 LJ
  • Einbeinstand auf einer Seite

  • Öffnen und schließen von Knöpfen und Reißverschlüsse

  • Malen im Dreipunktgriff

  • Schneiden mit der Schere großzügige Formen

  • Mit Papier und Kleber basteln

  • Kind beginnt, Kreise zu schließen

  • Vertikale und horizontale Linien werden verbunden, es entstehen Kreuze

  • Es entstehen Gesichter manchmal Kopf- und Gliederfüßler

  • Soziomotorik:

    • Motorisch angepasstes Verhalten in Verbindung mit anderen Personen/in Gruppen, entwickelt sich zur Sozialkompetenz

    • Entwicklung bis zum Schulbeginn

  • Stolz, Scham, Schuld; Gefühle (Ursachen und Folgen) können zunehmend benannt werden

  • Identitätsentwicklung

  • Zunehmend schnellere Informationsverarbeitung mit höherer Kapazität

  • Entwicklung von Gedächtnisstrategien, räumlichem, kausalem (Ursache-Wirkung) Denken sowie deduktivem (vom Ganzen auf das Besondere) und induktivem (vom Einzelnen aufs Ganze) Schlussfolgern

  • Fähigkeit zur Verknüpfung von Objekten

  • Perseverationsfähigkeit (verharren)

  • Fähigkeit der Bildung von Reihen, Gruppen, Kategorien, Klassen

  • Zunehmende verbale und nonverbale Kommunikationsfähigkeit

  • Entwicklung der Fähigkeit zur Perspektivübernahme (die Sicht des Anderen Verstehen)

4–5 LJ
  • Einbeinstand auf beiden Seiten

  • Frei Treppe gehen nun möglich

  • Ball mit den Händen fangen

  • Perlen können aufgefädelt werden

  • Wäscheklammern können aufgesteckt werden

  • Stift wird bevorzugt mit einer Hand gehalten

  • Es wird versucht, Flächen innerhalb von Begrenzungen auszumalen

  • Der Raum (oben, unten, innen, außen) kann zugeordnet werden

  • „Röntgenbilder“ entstehen, z. B wird die Einrichtung eines Hauses versucht zu malen

  • Kleine Werkstücke mit Säge und Hammer

  • Es wird begonnen, die Schleife zu binden

  • Entwicklung pro-sozialen Verhaltens (Empathie, Hilfsbereitschaft) in Abhängigkeit von internalen (Temperament) und externalen Bedingungen (Familiengröße, Schichtzugehörigkeit etc.)

6–9 LJ
  • Spracherwerb abgeschlossen

  • Kraftdosierung ist adäquat

  • Schreiben und Malen in Begrenzungen

  • Auf der Linie ausschneiden

  • Flüssigere Schriftbewegungen

  • Individuelles Schriftbild prägt sich aus

  • Emotionen werden differenzierter, können besser reguliert werden

  • Es entstehen Kooperationen und Wettbewerb mit Gleichaltrigen

  • Moralische Prinzipien (Gerechtigkeit, Gleichheit, Verpflichtung zu gemeinsamen Regeln) werden wichtiger

  • Zunehmende Selbstständigkeit

  • Kontrollüberzeugung in Bezug auf die eigenen Leistungen nimmt zu (je mehr das Kind von der eigenen Leistung überzeugt ist, desto engagierter)

  • Ablösung der Denkprozesse von beobachteter Handlung

  • Beginnende Perspektivübernahme und prozesshaftes, komplexes Denken, geplante und koordinierte Handlungen

  • Wachsendes Selbstkonzept und Selbstrepräsentationsfähigkeit über individuelle Eigenschaften, Vorstellungen, Persönlichkeitsmerkmale

  • Zunehmende Orientierung an Gleichaltrigen (Freundschaften stabilisieren sich)

  • Nutzen externer Gedächtnishilfen (Erinnerungsstützen)

  • Klassifikationsfähigkeit ist ausgebildet

  • Unterscheidung von Wahrnehmung und Wirklichkeit

  • Entwicklung von Wiederholungsstrategien beim Lernen

  • Zunehmende Flexibilität beim Bewältigen komplexer Aufgaben

  • Prüfung von Hypothesen für ein systematisches Denken

10–14 LJ
  • Eintreten der Geschlechtsreife (Pubertät); mit Veränderungen des eigenen Körpers, gesellschaftlichem Rollenverständnis, emotionalem Erleben auseinandersetzen

  • Entwicklung eigener Werte und Weltanschauung

  • Abstraktes und systemisches Denken

Entwicklungsphysiologie des Kindes

  • 1.1

    Ideale motorische Entwicklung Ute Hammerschmidt, Janine Koch2

    • 1.1.1

      Von der Geburt bis zum 7. Lebensmonat3

    • 1.1.2

      7. bis vollendeter 9. Lebensmonat11

    • 1.1.3

      10. bis 18. Lebensmonat12

    • 1.1.4

      Älter als 18 Lebensmonate15

  • 1.2

    Psychomotorische Entwicklung Stephanie Burgenger16

  • 1.3

    Feinmotorische Entwicklung Maike Heidtmann18

  • 1.4

    Orofaziale Entwicklung Heidi Orth21

  • 1.5

    Kognitive Entwicklung Danielle Thieme26

    • 1.5.1

      Theorien der kognitiven Entwicklung27

    • 1.5.2

      Entwicklung der kognitiven Kompetenzen28

  • 1.6

    Psychosoziale Entwicklung Danielle Thieme30

    • 1.6.1

      Theorien der Entwicklungspsychologie30

    • 1.6.2

      Bindung30

    • 1.6.3

      Psychosoziale Entwicklung31

  • 1.7

    Übersichtstabelle Entwicklungsphysiologie Ute Hammerschmidt, Janine Koch33

Ute Hammerschmidt, Janine Koch

Das Kapitel der EntwicklungsphysiologieEntwicklungsphysiologie stellt die OntogeneseOntogenese des Kindes von Geburt bis zum Kleinkindalter in all ihren Teilbereichen dar.

Die Teilbereiche greifen ineinander und beeinflussen sich gegenseitig. Wichtig ist es, das Kind in seiner Gesamtheit wahrzunehmen.

Ideale motorische Entwicklung

Ute Hammerschmidt

Janine Koch

In diesem Kapitel wird die ideale motorische Entwicklung exemplarisch anhand wichtiger Meilensteine und Merkmale beschrieben.

Wie man im Befund die Stadien der motorischen Entwicklung zur Orientierung nutzen kann, wird im Kapitel zur Befunderhebung erläutert (2).

Wichtig für ein qualitativ hochwertiges Arbeiten mit Säuglingen und Kindern ist es, die genauen kinesiologischen Inhalte der idealen motorischen Entwicklung zu kennen, um sie dann von der Abnormalität und Pathologie unterscheiden zu können. Der Inhalt dieses Kapitels ersetzt keine neurophysiologische Ausbildung im Bereich der Pädiatrie.

Die ideale motorische Entwicklung im 1. Lebensjahr (LJ) ist Voraussetzung für die Entwicklung späterer motorischer, sensorischer, kognitiver und emotionaler Fähigkeiten. Sie

  • erfolgt durch eine genetische Determinierung und ist ein artspezifisches, also ein für den Menschen spezifisches Programm,

  • geschieht automatisch und unbewusst, also ohne Training,

  • erfolgt von kranial nach kaudal,

  • beginnt in der horizontalen und endet in der vertikalen Ebene.

Grundlagen für eine ungestörte Entwicklung
  • Ein artspezifisches Milieu, d. h. Kontakt mit anderen Menschen, stabile Bezugspersonen, Körperkontakt, Rituale, adäquate Reize

  • Motivation, Antrieb und Neugier

  • Sensorische Orientierung

  • Automatische Steuerung der Körperlage

  • Die uneingeschränkte Fähigkeit zur sensorischen Orientierung

  • Die uneingeschränkte Fähigkeit zur automatischen Steuerung des Kopfes

Merke

Kinder mit Einschränkungen verschiedener Sinnesorgane, z. B. Augen oder Ohren, werden Verzögerungen innerhalb der motorischen Entwicklung zeigen.

Die Entwicklung eines Säuglings zum Kleinkind ist ein fließender Prozess. Zeitangaben wie sie in diesem Kapitel benutzt werden, helfen dabei, die quantitativen Fähigkeiten eines Kindes einzuschätzen, d. h. sein Entwicklungsalter einzuordnen.
Im Vordergrund der Beurteilung steht aber vor allem die Qualität der globalen Haltungs- und Bewegungsmuster. Es gilt zu analysieren, ob die globalen Haltungs- und Bewegungsmuster der Norm entsprechen oder davon abweichen und ob eine altersentsprechende Muskelfunktionsdifferenzierung vorliegt, um daraus Hinweise auf eine Funktionsstörung abzulesen.
Die ideale motorische Entwicklung ist Ausdruck der Reifung des zentralen Nervensystems. Sie äußert sich in der SpontanmotorikSpontanmotorik.

Klinischer Hinweis

Als globales Haltungs- und Bewegungsmuster bezeichnet man die Haltung und Bewegung des Kindes bezogen auf den gesamten Körper.

In der therapeutischen Arbeit mit Säuglingen und Kindern betrachtet man das Kind in seiner Gesamtheit bezüglich Haltung und Bewegung, beurteilt aber auch Teilmuster, d. h. Abweichungen bezogen auf einzelne (Extremitäten) Köperabschnitte.

Von der Geburt bis zum 7. Lebensmonat

Die Neugierde des Kindes ist der Motor der motorischen Entwicklung und die globalen Haltungs- und Bewegungsmuster sind Ausdruck dieser Motivation. Sie stehen im Dienste der Orientierung und Kontaktaufnahme.
Zur übersichtlicheren Darstellung der Dynamik wird die motorische Entwicklung in dem Zeitraum von der Geburt bis zum 7. Lebensmonat in Bauch- und Rückenlage unterteilt.

Merke

Auflagefläche: keine definierten Stützpunkte

Stützfläche: Fläche zwischen definierten Stützpunkten

  • !

    Die Eltern sollten ermuntert werden, von der Geburt an den Säugling im wachen Zustand auf den Bauch zu legen. So wird die Entwicklung der Stützaktivität und Aufrichtung des Kindes gegen die Gravitation gefördert (Abb. 1.1, Abb. 1.2, Abb. 1.3).

Bauchlage

Ein Neugeborenes in der Bauchlage kann noch keine längerfristige StützaktivitätStützaktivität übernehmen, sondern lediglich aufliegen und seine Position in Form von Massenbewegungen verändern, d. h. der ganze Körper reagiert dabei. Seine Haltung ist wechselnd asymmetrisch zu beiden Seiten mit einer vermehrten Auflagefläche auf der gesichtsabgewandten Seite. Außerdem sind für Neugeborene folgende Merkmale typisch:
  • Henkelstellung der Arme

  • Hände locker gefaustet

  • Daumen dürfen noch in Inklination sein

  • Hüftgelenk und Kniegelenk sind flektiert und abduziert

  • Wirbelsäule ist noch nicht in der Körperlängsachse gestreckt

  • Rotation des Kopfes wird durch optische, akustische und taktile Reize an der Wange sowie durch interozeptive Reize (wie Hunger und Blähungen) provoziert (dabei wird der Kopf rollend über das Kinn bewegt)

  • Rotation und Seitneigung der HWS findet im Neugeborenenalter vor allem in den Kopfgelenken statt und wird mit einer gegensinnigen Seitneigung der HWS kombiniert

  • !

    Findet bei der Rotation des Kopfes kein Wechsel der Konvexität in den WS-Abschnitten statt, muss dies als abnorm gewertet und weiter untersucht werden.

In den folgenden 4 Lebenswochen wird die Beugung der Extremitäten nachlassen:
  • Die Beine kommen in eine lockere Streckung.

  • Die Arme bleiben vorerst in einer Henkelstellung.

  • Der Kopf kann kurzfristig angehoben werden.

Optische Orientierung
In der Praxis zeigt sich, dass sich um die 4. Woche herum 50 % der Säuglinge optisch orientieren, in der 6. Lebenswoche bereits 90 %. Die Säuglinge fixieren und verfolgen Gegenstände und Gesichter. Mit der optischen Orientierung ist der Daumen nicht mehr in Inklination.

Expertenwissen

Der junge Säugling orientiert sich an Umrissen und Konturen, z. B. einer Brille, oder an Kontrasten seiner Bezugsperson, z. B. durch Lippenstift. Die Mimik der Bezugsperson sollte deutlich ausgeprägt sein, mit z. B. großen Augen, offenem Mund, Ammengruß.

Dies kann den längerfristigen Blickkontakt und damit die Kommunikation positiv beeinflussen.

Ein Idealer Abstand zur Animation wird oft instinktiv gewählt und liegt ca. bei 30–60 cm.

Symmetrischer Ellenbogenstütz mit vollendeten 3 Lebensmonaten
Die globalen Haltungsmuster in der Bauchlage vom Neugeborenen bis zum Säugling mit vollendetem 3. Lebensmonat (LM) im symmetrischen EllenbogenstützEllenbogenstütz demonstrieren die Motivation des Säuglings und Neugierde an seiner Umwelt. Sie sind Ausdruck der optischen Orientierung. Die Dynamik der globalen Haltungsmuster zeigt die Reifung des zentralen Nervensystems des Kindes.
Am Ende des 3. Lebensmonats ist es dem Säugling möglich, in BL das globale Haltungsmuster des symmetrischen Ellenbogenstützes zu nutzen (Abb. 1.2).
Zu den Merkmalen des Ellenbogenstützes gehören:
  • Trianguläre Stützfläche (medialer Epicondylus humeri beidseits und Unterbauch/Symphyse)

  • Kopf wird außerhalb der Stützfläche getragen, Wirbelsäule in der Körperlängsachse physiologisch gestreckt

  • Endgradige segmentale Rotation der HWS möglich

  • Kopfrotation wird nun von der gesamten HWS vollzogen ohne Mitbewegungen der Schultern

  • Hände offen zum Spielen

  • Beine sind locker gebeugt

  • Isolierte Augenbewegungen von 30°

Expertenwissen

Der Synergismus zwischen konzentrisch aktivierter Bauchmuskulatur und ventraler Halsmuskulatur ist wichtig für die Funktion des physiologischen Saugens beim Trinken des Säuglings.

Bei Schluck- und Fütterstörungen muss dies genauer untersucht werden und ggf. interdisziplinär behandelt werden (4.9).

Im Verlauf des 4. LM kann der Säugling nun mit offenen Händen Spielzeug betasten. Am Ende des 4. LM kann er sein Gewicht auf eine Seite verlagern und mit einem Arm gezielt ein Spielzeug ergreifen.
Einzelellenbogenstütz – ab 4,5 Lebensmonaten
Antrieb für die Entwicklung des EinzelellenbogenstützEinzelellenbogenstützes ist die Neugier auch Gegenstände außerhalb der beiden im Stütz befindenden Ellenbogen zu erreichen. Es ist ein flüchtig gehaltenes Muster und dient dem Ergreifen von Gegenständen.
Zu den Merkmalen des Einzelellenbogenstützes mit 4,5 LM (Abb. 1.3) gehören:
  • Trianguläre Stützfläche:

    • Medialer Epicondylus humeri des stützenden Armes

    • Medialer Epicondylus femoris der Seite des greifenden Armes

    • Becken der Seite des stützenden Armes

  • Arm der Gesichtsseite kann zum Greifen nach vorne und seitlich angehoben werden

  • Wirbelsäule ist in der Körperlängsachse physiologisch gestreckt

  • Segmentale Rotation der BWS möglich

  • !

    Erstmalig steht dem Säugling ein kreuzkoordiniertes Muster zur Verfügung.

Muster des Schwimmens – mit 5 Lebensmonaten
Das sogenannte Schwimmen des Säuglings in BL (Abb. 1.4) gehört zu den Meilensteinen der motorischen Entwicklung und dient dem Kind als Ausdruck der Freude an der Bewegung und der Neugierde am Umfeld. Die Arme sind frei beweglich und werden wie die Hüftgelenke in Abduktion und Außenrotation angehoben und kurzfristig gehalten. Dieses motorische Muster stellt entwicklungsgeschichtlich eine motorische Sackgasse dar, da sich dadurch keine Fortbewegung entwickelt.

Klinischer Hinweis

Vom Schwimmen ist das abnorme opistothone Muster abzugrenzen. Hierbei zeigen sich u. a. Bewegungsmuster die mit einer Innenrotation und Adduktion der Hüftgelenke, extendierten Extremitäten, innenrotierten Schultergelenken, gefausteten Händen und inklinierten Daumen einhergehen können.

Symmetrischer Handstütz – mit 6 Lebensmonaten
Befinden sich Reize, die seine Neugierde wecken, außerhalb seiner Reichweite, kommt der Säugling in dieser Zeit in den symmetrischen HandstützHandstütz.
Zu den Merkmalen des symmetrischen Handstützes (Abb. 1.5) gehören:
  • Stützpunkte: entfaltete, radialabduzierte Hände und beide proximale Oberschenkel

  • Schlüsselgelenke (Hüft- und Schultergelenke) werden leicht abduziert gehalten

  • Ellenbogen sind locker extendiert, sie zeigen keine überstreckte Haltung

  • Wirbelsäule kann um die Körperlängsachse gestreckt gehalten werden

  • Lockere Extension und leichte Außenrotation der Beine

  • Rumpf kann immer wieder bei Bedarf komplett von der Unterlage hochgehoben werden

Rocking
Das Kind schiebt sich aus dem symmetrischen Handstütz nach kaudal und entdeckt die Freude an der Gewichtsverlagerung nach vorne und hinten. Die vertikal eingestellten Arme und Oberschenkel tragen zum ersten Mal den horizontal eingestellten Rumpf. Die Stützbasis befindet sich zwischen beiden Händen und Knien.

Expertenwissen

Tipp für die Eltern:

Auf einer rutschigen Unterlage, z. B. Laminat-Fußboden, ist es für ein Kind mit 7 LM schwieriger in das Rocking zu kommen als auf einer griffigen Unterlage.

Rückenlage

In der Rückenlage entwickelt sich die Greiffunktion im globalen Haltungs- und Bewegungsmuster besonders im 1. und 2. Trimenon.
Ergreifen Neugeborene ihre Umwelt noch in Form von Massenbewegungen, entwickelt sich danach das gezielte radiale Greifen mit den Händen, was dann mit 6 LM im gezielten Drehen von Rückenlage (RL) in Bauchlage (BL) mündet.
Die Rückenlage des Neugeborenen ist eine asymmetrische, sich häufig verändernde Lage. Auch in Rückenlage sprechen wir in der Neugeborenenzeit von einer Auflagefläche, da noch keine Stützaktivität übernommen werden kann. Zu den Merkmalen eines Neugeborenen in RL (Abb. 1.6) gehören:
  • Asymmetrische Auflagefläche, vermehrt auf der gesichtszugewandten Seite

  • Massenbewegungen

  • Wirbelsäule ist in der Körperlängsachse noch nicht physiologisch gestreckt

  • Rotation findet im Neugeborenenalter vor allem in den Kopfgelenken und mit einer gegensinnigen Seitneigung des HWS kombiniert statt.

  • Daumen dürfen noch in Inklination sein

  • Maximale Flexion im Knie- und Hüftgelenk

  • Atmung überwiegend abdominal

Merke

In der Neugeborenen-Zeit sind als funktionell auffällig zu bewerten:

  • RektusdiastaseRektusdiastase

  • Paradoxe Atmung: Bei der Einatmung werden Zwischenrippen-Raum, Skalenuslücke und epigastrische Winkel nach innen gezogen, Harrison-Furche kann sichtbar sein

  • Rotation des Kopfes ohne Wechsel der Konvexität in den WS-Abschnitten

Dies sollte durch eine weitere Diagnostik und Befundung weiter abgeklärt werden 2

Klinischer Hinweis

SIDS (Sudden infant death syndrome):

Die Ursache des plötzlichen KindstodKindstodplötzlicheres ist trotz intensiver Forschung weiterhin unbekannt. Epidemiologische Studien zeigen jedoch, dass sich unter Beachtung folgender Faktoren die SIDS – Rate senken lässt:

  • Rückenlage beim Schlafen

  • Verzicht auf Nikotin während der Schwangerschaft und postnatal rauchfreie Umgebung für den Säugling

  • Schlafsack, angemessene Kleidung und keine Bettdecke, um nächtlicher Überhitzung vorzubeugen

  • Angemessene Raumtemperatur 16–18°

  • Schlafen im eigenen Bett im elterlichen Schlafzimmer

  • Säuglinge, wenn möglich, 6 Monate voll stillen

Optische Orientierung – mit 4–6 Lebenswochen
Die „unstete“ Rückenlage des Neugeborenen verändert sich mit der optischen Orientierung.
Die Fechterstellung im Alter zwischen der 6. und 8. Lebenswoche, ist ein Zeichen anhaltender Blickkonzentration und optischer Orientierung. Sie dient der Kontaktaufnahme.

„Das Kind nimmt Stellung mit dem ganzen Körper zu einer konkreten Situation.“

(Prof. Dr. V. Vojta)

Zu diesem Zeitpunkt ist der Säugling nicht in der Lage, einem Gegenstand oder einer Person nur mit den Augen zu folgen – es bedarf einer Bewegung des gesamten Körpers (Abb. 1.7).
Zu den Merkmalen der FechterstellungFechterstellung gehören:
  • Schlüsselgelenke (Hüft- und Schultergelenke) in Außenrotation

  • Dem Reiz zugewandte Seite: die Mittelgelenke (Knie und Ellenbogen) in Extension

  • Dem Reiz abgewandte Seite: Mittelgelenke (Knie und Ellenbogen) in Flexion

  • Assoziiertes Greifen mit den Füssen/bzw. mit den Zehen, Händen, Augen, Mund

Klinischer Hinweis

Die FechterstellungFechterstellung ist nicht zu verwechseln mit dem asymmetrisch-tonischen Nackenreflex (ATNR) (Schule Magnus de Kleijn), der durch eine passive Rotation des Kopfes ausgelöst wird:

Der dem Reiz zugewandte Arm zeigt eine Armstreckung und Adduktion an den Körper, Innenrotation im Schultergelenk und Fausten. Auf der kontralateralen Seite zeigt sich eine Beugung von Arm und Bein (2.8).

Expertenwissen

Die Beobachtung des Eltern-Kind-Kontaktes ist ein Teil unserer therapeutischen Arbeit. Die Eltern sollten ermuntert werden, das Lächeln, die Aufmerksamkeit und den Blickkontakt zu erwidern bzw. einzufordern!

Der Blickkontakt des Säuglings ist ein Ausdruck der mentalen Reifung des ZNS. Bei Auffälligkeiten muss der Therapeut Rücksprache mit dem Arzt halten und es bedarf ggf. weiterer interdisziplinärer Untersuchungen.

Hand-Hand-Koordination – mit 8 Lebenswochen
Ausdruck des Reifezustands des ZNS bei einem gesunden, wachen Kind, das sich unbeobachtet oder in Ruhe beschäftigt, ist die Hand-Hand-Koordination. Die Hände können nun ohne Blickkontakt wahrgenommen werden und der Säugling erfährt zum ersten Mal seine Mitte.
Zu den Merkmalen der Hand-Hand-KoordinationHand-Hand-Koordination gehören:
  • Finger oder Fingerspitzen berühren sich

  • Finger meist vor dem Brustkorb, sie können ohne Blickkontakt gehalten werden

Hand-Mund-Auge-Koordination – mit vollendeten 3 Lebensmonaten
Wird dem Säugling in diesem Alter ein Gegenstand gezeigt, kommen die Hände vor dem Oberkörper zusammen, betasten sich und können zum Mund geführt werden. Der Gegenstand wird noch nicht ergriffen (Phantomgreifen). Außerdem werden die Beine von der Unterlage abgehoben und gehalten. Dabei ist ein assoziiertes Greifen z. B. mit den Füssen und Augen zu beobachten. Der ganze Körper versucht den Gegenstand zu „begreifen“ (Abb. 1.8). Ein gezieltes Greifen des Gegenstandes ist zu diesem Lebensmonat noch nicht möglich.
Zu den Merkmalen der Hand-Mund-Auge-KoordinationHand-Mund-Auge-Koordination gehören:
  • Stützfläche ist der Bereich der Skapulae und der gesamte Bereich des M. trapezius beider Seiten

  • Wirbelsäule kann um die Körperlängsachse physiologisch gestreckt werden

  • Segmentale Rotation in der HWS ist nun möglich

  • Verfolgen mit den Augen von Gegenständen und Personen von der Mitte 30° nach lateral ohne Beteiligung der HWS

  • Hände sind offen, betasten sich und werden zum Mund geführt

  • Beine werden gegen die Schwerkraft getragen (90° Flexion in Knie- und Hüftgelenk)

Entwicklung des Greifens – ab 4 Lebensmonaten
In der Rückenlage zeigt sich die Entwicklung der Greiffunktion der Hand im globalen Haltungsmuster, d. h.:
Mit 4 LM beginnt das Kind gezielt Gegenstände zu greifen. Am Anfang steht das laterale Greifen, bei dem ein Gegenstand, der eindeutig von einer Seite angereicht wird, gegriffen werden kann. Die Beine sind dabei in Hüft- und Kniegelenk 90° gebeugt und leicht außenrotiert, die Füße haben einen Großzehenkontakt. Das Becken wird kranial gestellt. Dies kann sowohl auf der greifenden als auch auf der nicht-greifenden Seite erfolgen.
Gibt man dem Kind in diesem Entwicklungsstadium einen Gegenstand in die Körpermitte, werden beide Großhirnhemisphären angesprochen und es entsteht eine sogenannte „Pattsituation“: Der Gegenstand kann nicht ergriffen werden. Dies nennt man physiologisches Split-Brain-Stadium.
Mit zunehmender Reifung des zentralen Nervensystems ist das Kind in der Lage, einen Gegenstand mit den Händen Richtung Köpermitte zu verfolgen und zu greifen. Die Beine werden dabei in den Kniegelenken stärker extendiert und die Füße haben einen Fußinnenrandkontakt.
In der weiteren Entwicklung ist es dem Kind möglich, Gegenstände über die Körpermitte zu verfolgen und dann zu greifen oder sich den Gegenstand von einer Hand in die andere zu übergeben bis es dann gezielt über die Mitte greifen kann (Abb. 1.9). Das Kind zeigt beim Greifen mit der Hand einen Fußsohlenkontakt.
Zu den typischen Merkmalen gehören:
  • Zu Beginn der Entwicklung des gezielten Greifens gehen Handöffnung und Zugreifen von der ulnaren Seite aus, später von der radialen Seite

  • Die Handentfaltung und radiales Greifen ist am Ende des 6. Monats ausgereift

  • Greifreflex der Hände erlischt mit Erreichen des radialen Greifens

In der Praxis hat sich gezeigt, dass das Kind mit zunehmendem Alter in der Lage ist, weiter distal gelegene Köperteile zu betasten:
  • 4,5 LM: Hand-Genital

  • 5 LM: Hand-Knie-Kontakt

  • 6 LM: Hand-Fuß-Kontakt

  • 7 LM: Hand-Fuß-Mund-Kontakt

Klinischer Hinweis

Wird im Alter von ca. 5 LM ein Gegenstand auf die Hand des Kindes gelegt, wird es ihn bei gebeugtem Ellenbogen und ohne den Gegenstand zu sehen mit einer isolierten Supination greifen → Beginn der Perzeption der Hand.

Daraus ergibt sich die Fähigkeit, einen Gegenstand durch bloßes Ertasten erkennen zu können (StereognosieStereognosie).

Drehen von Rückenlage in Bauchlage – mit 6 Lebensmonaten
Die Neugier und das Greifen über die Mitte mit der nötigen Haltungssteuerung führen zum Initiieren des Drehvorganges (Abb. 1.10).
Typische Merkmale des Drehvorgangs sind:
  • Das Kind beginnt aus der RL.

  • Der beim Drehen obenliegende Arm greift in der RL über die Körpermitte (Abb. 1.9).

  • Das Becken der greifenden Seite wird kranial gestellt.

  • Der Kopf wird in der Längsachse gehalten.

7. bis vollendeter 9. Lebensmonat

Ab diesem Alter treffen die Entwicklung der Bauchlage und der Rückenlage aufeinander.
Robben – mit 6–7 Lebensmonaten
Das RobbenRobben ist ein Fortbewegungsmuster, bei dem sich das Kind über die Arme nach vorne bewegt. Es wird häufig nur wenige Wochen genutzt bis das Muster des Krabbelns zur Verfügung steht.
Zu den Merkmalen des Robbens gehören:
  • Alternierende Sützpunkte am Ellenbogen rechts/links mit Pronation der Unterarme

  • Beine werden zur Fortbewegung nicht oder inkonstant genutzt

Schräger Sitz – mit 7 Lebensmonaten
Die Neugierde des Kindes einen Gegenstand zu erreichen, der außerhalb seiner Reichweite ist, motiviert das Kind, den Raum nach oben zu entdecken – Gegenstände im Raum werden nun bezüglich der Reichweite eingeschätzt und entsprechend der Lebenserfahrung des Kindes als eventuell erreichbar bewertet.
Zu den Merkmalen des schrägen SitzSitzschrägeres gehören (Abb. 1.11):
  • Trianguläre Stützfläche: entfaltete Hand lateral des Rumpfes, Gesäßhälfte der untenliegenden Seite, laterale Seite des Oberschenkels der untenliegenden Seite

  • Der untenliegende Fuß zeigt eine Zehenbeugung und Inversion.

  • Locker extendierter Ellenbogen, 90°ABD im Schultergelenk des stützenden Armes

  • 135° Flexion des freien Armes

  • Wirbelsäule kann um die Körperlängsachse gestreckt gehalten werden

Pinzettengriff – mit 7 Lebensmonaten
Der Daumen kommt beim Greifen nun in Abduktion. Die Fingerbeere des Zeigefingers und Daumens einer Hand berühren sich bei einer Radialabduktion des Handgelenks (Abb. 1.12).
Drehen von Bauchlage in Rückenlage – mit 8 Lebensmonaten
Mit 8 LM kann der Säugling von der Bauchlage in die Rückenlage zurückdrehen. Nun kann sich das Kind in der Seitenlage sicher halten (Abb. 1.13).

10. bis 18. Lebensmonat

Bei einer idealen motorischen Entwicklung sieht man die verschiedenen hier beschriebenen Haltungs- und Bewegungsmuster binnen weniger Wochen. Die Reihenfolge kann dabei variieren.
Reifes Krabbeln – mit 10 Lebensmonaten
Zu Beginn des KrabbelnKrabbelns mit ca. 8 Lebensmonaten kann es sein, dass das Kind noch ein unreifes Krabbeln zeigt. Das Becken ist noch nach ventral gekippt, die Wirbelsäule in ihren Abschnitten nicht physiologisch extendiert und es ist eine assoziierte Dorsalextension der oberen Sprunggelenke bei der Flexionsbewegung der Beine zu beobachten.
Merkmale des reifen Krabbelns (Abb. 1.14):
  • Kreuzkoordinierte Fortbewegung

  • Leichte Außenrotation in den Schlüsselgelenken der Extremitäten

  • Wirbelsäule um die Körperlängsachse gestreckt gehalten

  • Füße in Plantarflexion

Zangengriff
Im 9. Lebensmonat steht dem Säugling der ZangengriffZangengriff zur Verfügung. Das Kind greift nun mit den Fingerspitzen von Zeigefinger und Daumen nach sehr kleinen Gegenständen. Die Endphalangen sind dabei gebeugt. Der Daumen ist in Opposition (Abb. 1.15).
Langsitz – mit 9–10 Lebensmonaten
Aus dem Bestreben heraus, sich nach oben zu orientieren, kommt das Kind in den Langsitz.
Zu den Merkmalen des Langsitz gehören (Abb. 1.16):
  • Stützpunkte sind die Tubera ossis Ischii

  • Die Hände sind frei zum Spielen und Untersuchen von Gegenständen

  • Wirbelsäule wird um die Körperlängsachse gestreckt gehalten

Die kleine Stützfläche in dieser Ausgangsstellung verlangt dem Kind eine andere Haltungssteuerung gegen die Schwerkraft ab. Den sicheren Langsitz kann das Kind durch fließende Bewegungen über den Seitsitz einnehmen und auch wieder auflösen.

Merke

Ein frühzeitiges Hinsetzen des Kindes, ohne dass das Kind diese Position eigenständig einnehmen kann, führt zu einer Überbelastung der Wirbelsäule und kann zu Haltungsmängeln führen.

Entwicklung in die Vertikale – mit 10 Lebensmonaten
Zu Beginn zieht sich das Kind über die Arme hoch, die nun mehr als 135° Flexion angehoben werden können, und kommt dann über einen kurzfristigen Kniestand in den Stand. Später erst geschieht das Aufstehen über die Füße (Abb. 1.17).
Zu Beginn dieser Entwicklung zeigen sich folgende Merkmale:
  • Das Kind orientiert sich zu einer Seite (Gesichtsseite)

  • Der Arm dieser Seite greift nach vorne/oben

  • Gleichzeitig wird der kontralaterale Fuß auf Höhe des gesichtsseitigen Knies aufgestellt

  • Kreuzkoordiniertes Muster, was in den Raum nach oben transportiert wird

Merke

Bei vorangegangenen Asymmetrien ist das Aufstehen häufig nur über eine Seite zu beobachten. Dies ist dann als abnorm zu bewerten und sollte weiter untersucht werden.

Seitliches Gehen – mit 10–11 Lebensmonaten
Das seitliche Gehen ist ein kreuzkoordiniertes Fortbewegungsmuster.
Wir sehen immer wieder eine trianguläre Stützfläche zwischen den Extremitäten. Die Fortbewegung ist zu beiden Seiten möglich und wird über die Arme eingeleitet. (Abb. 1.18)

Merke

Die Füße sollten beim Seitlichen Gehen nach vorne schauen. Dreht der Körper bei der Fortbewegung konstant zu einer Seite auf, ist dies als abnorm zu bewerten und sollte genauer untersucht werden.

Aufdrehen in den Raum mit 11 Lebensmonaten
Das Kind braucht nun nur eine Hand zum Halten, sodass es sich mit dem Körper in den Raum aufdrehen kann (Abb. 1.19). Dies sollte über beide Seiten gleichermaßen möglich sein.
„Küstenschifffahrt“ mit 10–12 Lebensmonaten
Das Kind kann nun bei dem seitlichen Gehen von einem Gegenstand zum anderen übergreifen (Abb. 1.20).
Freies Gehen mit 12–18 Lebensmonaten
Bei den ersten freien Gehschritten wird sich das Kind in die Arme der Eltern retten. Häufig ist zu Beginn ein Anhalten und auch Richtungswechsel nicht möglich.
Erst nach einiger Zeit ist es möglich zu stoppen oder die Richtung zu wechseln. Nun spricht man vom freien Gehen (Abb. 1.21).
Tipps zum ersten Schuhkauf 5.4.

Klinischer Hinweis

  • Eine Ventralkippung des Beckens ist bis zum 3. Lebensjahr ein physiologischer Ausdruck des freien Gehens.

  • Ein Knick-Senkfuß kann bei einem gesunden Kind bis zum 3. Lebensjahr als physiologisch bewertet werden.

  • Das Armpendel entsteht erst Monate nach Beginn des freien Gehens.

Älter als 18 Lebensmonate

Der Grundstein der motorischen Entwicklung ist gelegt. Das Kind nutzt und festigt seine motorischen Fähigkeiten, um seine Neugier an der Umgebung zu stillen.
3. Lebensjahr
Bei der bipedalen FortbewegungFortbewegungbipedal ist bei dem Kind nun ein Quer- und Längsgewölbe des Fußes zu erkennen. Das Becken steht beim freien Gehen in einer Mittelstellung. Mit 3 Jahren kann das Kind auf einer Seite länger als 3 Sekunden auf einem Bein stehen und kleine Sprünge machen.
Am Ende des dritten Lebensjahres ist eine erste Fangbereitschaft eines Balles mit beiden Händen zu erkennen.
4. Lebensjahr
Mit 4 Jahren kann das Kind auf beiden Seiten länger als 3 Sekunden auf einem Bein stehen und mit geschlossenen Beinen springen. Das Kind kann nun die Treppe frei reziprok rauf- und runtergehen.

Literatur

Ebelt-Paprotny and Preis, 2012

G. Ebelt-Paprotny R. Preis Leitfaden Physiotherapie 6. A. 2012 Elsevier/Urban u. Fischer München

Illing and Claßen, 2013

S. Illing M. Claßen Klinik Leitfaden Pädiatrie 9. A. 2013 Elsevier/Urban u. Fischer München

Kienzle-Müller and Wilke-Kaltenbach, 2008

B. Kienzle-Müller G. Wilke-Kaltenbach Babys in Bewegung 1. A. 2008 Elsevier/Urban u. Fischer München

Orth, 2017

H. Orth Das Kind in der Vojta-Therapie 3. A. 2017 Elsevier/Urban u. Fischer München

Vojta, 2017

V. Vojta Die zerebralen Bewegungsstörungen im Säuglingsalter 9. A. 2017 Internationale Vojta Gesellschaft e. V.

Vojta and Schweitzer, 2009

V. Vojta E. Schweitzer Die Entdeckung der idealen Motorik 1. A. 2009 Pflaum München

Zukunft-Huber, 2011

B. Zukunft-Huber Der kleine Fuß ganz groß 2. A. 2011 Elsevier/Urban u. Fischer München

Psychomotorische Entwicklung

Stephanie Burgenger

Die PsychomotorikPsychomotorik befasst sich mit der Verbindung von körperlich-motorischen und psychisch-geistigen Prozessen. Das Zusammenspiel von Bewegung und Wahrnehmung beeinflusst sowohl die motorische als auch die sozial-emotionale Entwicklung.

Entwicklungsverlauf von psychomotorischen Fähigkeiten

  • Neuromotorik (bis 3. LM): Frühkindliche Reaktionen stehen im Vordergrund (1.1.1)

  • Sensomotorik (ab dem 3. LM): Verbindung von Wahrnehmung und Bewegung, koordinative Fähigkeiten entwickeln sich (erste koordinative Fähigkeiten sind: Hand-Hand-Koordination, Hand-Mund Koordination, Hand-Knie-Koordination, Hand-Fuß-Koordination 1.1.1)

  • Psychomotorik (intensiv im 2. und 3. LJ):

    • Verbindung von Bewegung und Psyche – Gefühle werden stark motorisch ausgedrückt (z. B. Wutausbrüche mit auf den Boden werfen)

    • Entwicklung der Ich-Kompetenz steht im Vordergrund → Abgrenzung von anderen Personen

  • Soziomotorik (ab dem 3. LJ – bis zum Schulalter): Ein angepasstes und angemessenes Verhalten gegenüber anderen Personen/in Gruppen entwickelt sich zur Sozialkompetenz.

Bewegung ist die Voraussetzung für eine ganzheitliche Entwicklung. Durch die Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt kann diese erst begriffen und weitere Kompetenzen erworben werden (Tab. 1.1).
Das Durchführen von Tätigkeiten beinhaltet verschiedene Funktionen, durch die das Kind sich in unterschiedlichen Bereichen weiterentwickeln kann (Tab. 1.2).
Dabei können sich in ein und derselben Handlung mehrere Funktionen überlappen bzw. ergänzen.

Literatur

Ayres, 2002

A.J. Ayres Bausteine der kindlichen Entwicklung 4. A. 2002 Springer Berlin

Zimmer, 2014

R. Zimmer Handbuch der Bewegungserziehung. Grundlagen für Ausbildung und pädagogische Praxis 2014 Herder Freiburg

Feinmotorische Entwicklung

Maike Heidtmann

Die Entwicklung der feinmotorischen Fähigkeiten beginnt mit dem Tag der Geburt und wird in Kapitel 1.1 zur motorischen Entwicklung gesondert dargestellt.

In diesem Kapitel geht es um die fein- und grafomotorische Entwicklung ab dem 12. Lebensmonat:

  • FeinmotorikFeinmotorik: motorischen Fähigkeiten eines Kindes bezogen auf seine Finger, Zehen und Gesicht (sehr präzise, kleine Bewegungen, bei denen Kraftdosierung eine große Rolle spielt)

  • GrafomotorikGrafomotorik: Stifthaltung und Strichführung (Schreiben und Malen sind komplexe, feinmotorische Tätigkeiten, welche eine differenzierte, manuelle Koordination voraussetzt)

12. Monat bis 18. Monat

Das Kind versucht, Gegenstände mit den Händen zu untersuchen. In dieser Zeit bilden sich zwei wichtige Vorläuferfertigkeiten zum Schreiben heraus. Das adäquate Festhalten und Loslassen.
Feinmotorische Entwicklung
  • Das Kind isst mit dem Löffel im Faustgriff und

  • Legt das Essen mit den Fingern auf den Löffel.

  • Zwei Klötzchen können nach Aufforderung und Zeigen aufeinandergesetzt werden.

  • Gegenstand wird in ein Gefäß gelegt oder herausgeholt.

  • Kind gibt Gegenstand auf Verlangen aus der Hand („Bitte-Danke“-Spiel).

  • Komplexere feinmotorische Verrichtungen gelingen (z. B. Auspacken eines Bonbons).

Grafomotorische Entwicklung
  • Kritzeleien entstehen unwillkürlich.

  • Das Kind beginnt sich für Mal- und Schreibutensilien zu interessieren, wenn andere Personen diese zum Malen und Schreiben benutzen (Nachahmungsverhalten).

  • Es wird versucht, in verschiedensten Körperpositionen zu malen.

  • Beim Kritzeln wird das obere Ende des Schreibgeräts umfasst, der Unterarm ist hierbei nicht auf dem Tisch bzw. auf der Unterlage abgelegt.

1,5 bis 2 Jahre

In dieser Zeit wird beim Spielen eine Hand bevorzugt und die andere Hand zum Halten genutzt.
Feinmotorische Entwicklung
  • Große Perlen können aufgefädelt werden.

  • Buchseiten können umgeblättert werden.

  • Aufschrauben von Gefäßen beginnt.

  • Kind trinkt alleine beidhändig aus einem Becher.

Grafomotorische Entwicklung
  • Stift wird noch zwischen beiden Händen gewechselt, wobei keine Hand unbedingt als Haltehand dient.

  • Die bleibende Linie wird entdeckt.

  • Striche werden immer wieder neu begonnen, es kommt jedoch noch zu keiner gezielten Verbindung.

  • Kreisende Linien zeigen eine sich weiter entwickelte Motorik.

  • Schreibbewegungen werden aus Schulter- und Ellenbogengelenk geführt.

2 Jahre

In dieser Zeit zeigt sich deutlicher, welche Hand die Kinder als Arbeitshand und welche als Haltehand verwenden. Hand und Augen arbeiten für kurze Sequenzen koordiniert zusammen.
Feinmotorische Entwicklung
  • Die ersten Bauten aus Duplo Steinen gelingen nun sicher.

  • Das Kind kann den Deckel einer Flasche oder einen Wasserhahn auf-und zudrehen.

Grafomotorische Entwicklung
  • Blattfüllende Spiralen entstehen.

  • Das Kind versucht, aus Spiralen einen Kreis zu malen.

3 Jahre

In dieser Zeit beginnt vermehrt der Gebrauch von Papier, Stiften und Kleber.
Feinmotorische Entwicklung
  • Das Kind öffnet und schließt große Knöpfe und Reißverschlüsse,

  • malt verstärkt im Dreipunktgriff,

  • schneidet mit der Schere großzügige Formen und

  • kann mit Papier und Kleber basteln.

Grafomotorische Entwicklung
  • Bilder können mit weniger Kraftaufwand gemalt werden.

  • Das Kind beginnt den Kreis zu schließen.

  • Vertikale und horizontale Linien werden verbunden, es entstehen Kreuze.

  • Es entstehen Gesichter, manchmal Kopf- und Gliederfüßler.

Expertenwissen

Dreipunktgriff:

Dabei liegt der Stift in der Mulde zwischen Daumen und Zeigefinger und auf dem vorderen Glied des Mittelfingers. Er wird mit Daumen und Zeigefinger gehalten und geführt (Abb. 1.22).

4 Jahre

In dieser Zeit werden die feinmotorischen Bewegungen immer präziser und die Hand-Hand-Auge-KoordinationHand-Hand-Auge-Koordination wird genauer.
Feinmotorische Entwicklung
  • Das Kind kann einen Ball mit den Händen fangen.

  • Kleine Perlen können aufgefädelt werden.

  • Wäscheklammern können aufgesteckt werden.

Grafomotorische Entwicklung
  • Kinder beginnen bevorzugt mit einer Hand den Stift zu halten.

  • Innerhalb vorgegebener Grenzen sind zügige Bewegungsrichtungswechsel möglich, die Handgelenksbeweglichkeit ist angepasst.

  • Es wird versucht, Flächen innerhalb von Begrenzungen auszumalen.

  • Der Raum (oben, unten, innen, außen) kann zugeordnet werden (z. B. Wiese unten, Himmel oben).

  • „Röntgenbilder“ entstehen (z. B. wird versucht, die Einrichtung eines Hauses zu malen).

5 Jahre

In dieser Zeit wird deutlich, dass die Hände immer mehr für die Bewältigung des Alltags benutzt werden.
Feinmotorische Entwicklung
  • Kind setzt vermehrt Werkzeuge ein.

  • Kleine Werkstücke können mit Säge und Hammer hergestellt werden.

  • Das Kind spielt mit Steckspielen,

  • beginnt die Schleife zu binden.

6 Jahre

In diesem Alter ist die feinmotorische Entwicklung weitestgehend abgeschlossen.
Die Kraftdosierung ist adäquat, das Schreiben und Malen in Begrenzungen ist nun gut möglich. In dieser Zeit kann eine Figur auf der Linie ausgeschnitten werden.
Mit ungefähr 7 Jahren kommt es zu immer flüssigeren Schriftbewegungen. Das individuelle Schriftbild prägt sich immer weiter aus.

Literatur

Pauli and Kisch, 2016

S. Pauli A. Kisch Geschickte Hände: Handgeschicklichkeit bei Kindern – Spielerische Förderung von 4–10 Jahren 2016 Modernes Lernen

Orofaziale Entwicklung

Heidi Orth

Der orofaziale Bereich hält mit Mund und Augen wesentliche Sinnesorgane bereit, die die Lebenserhaltung, Orientierung und soziale Teilhabe ermöglichen. Ein Kind entdeckt und erfährt damit seinen Körper (z. B. Hand-Hand-Auge-Mund- oder Hand-Fuß-Auge-Mund-Koordination) und später seine Umwelt.

Die Augen fixieren und verfolgen Gegenstände. Dies ermöglichen Haltungsmuster des gesamten Körpers (globale Muster). Das Prinzip „Sehen und Habenwollen“ (Neugier) ist der Motor dafür, dass ein Kind greift, sich aufrichtet und fortbewegt (1.1).

Der Mundraum ist ein komplexer Bereich mit vielfältigen Funktionen. Er dient:

  • der Nahrungsaufnahme, der Vorverdauung und er verbindet Atmung, Schlucken und Sprechen,

  • der Artikulation und Wahrnehmung mit Lippen und Zunge; Er vermittelt erste gustatorische Eindrücke von Material und Form,

  • der sozialen Kommunikation und drückt emotionale Stimmungen aus.

Pränatale Phase

Als Pränatale PhasePränatale Phase wird die Zeit von der Befruchtung bis zur Geburt bezeichnet. Sie dauert ca. 280 Tage oder 40 Schwangerschaftswochen (SSW). Wesentliche Phasen werden im Folgenden aufgezeigt.
  • EmbryonalphaseEmbryonalphase (SSW 1–8)

    • Alle wesentlichen Strukturen für die Vitalfunktionen sind vorhanden

    • Gesicht, Mund, Nasenhöhle, Larynx und Pharynx bilden sich aus

    • Gesichtsentwicklung ist etwa mit der 8. SSW abgeschlossen (Abb. 1.23)

  • FetalphaseFetalphase (SSW 9-Geburt): Harter und weicher Gaumen verbinden sich und die Zunge bildet Geschmacksknospen.

Klinischer Hinweis

Störungen in SSW 9–12 können schwerwiegende angeborene Fehlbildungen zur Folge haben (z. B. Kiefer-, Lippen-, Gaumenspalten).

SSW 13–25
Das Pharyngeale SchluckenSchlucken beginnt (der Fetus schluckt ca. 450–850 ml Fruchtwasser täglich).

Klinischer Hinweis

Ab der 21–25. SSW entstehen die oberen und unteren Atemwege sowie die Alveolen der Lunge. Der Surfactant (Gemisch aus Fetten und Eiweiß für die Elastizität der Alveolen) wird in der 27.–30. SSW gebildet (4.5).

SSW 26–29
  • Die Überlebenschance steigt, wenn das Kind intensivmedizinisch versorgt wird.

  • Die Augen werden geöffnet.

  • Der Mund ist für lebenserhaltende Funktionen vorbereitet.

SSW 30–38
  • Ca. 500–1.000 ml Fruchtwasser werden täglich geschluckt und ausgeschieden.

  • Frühgeborene können jetzt das Saugen, Schlucken und Atmen koordinieren. Die Koordination muss jedoch noch nicht vollständig ausgebildet sein.

Hintergrund

Das Schlucken in der Fetalphase ist wichtig für die Ausbildung des gastrointestinalen Trakts. Ab der 34. SSW können Frühgeborene so gut saugen und schlucken, dass orale Ernährung möglich ist.

Postnatale Phase: Augen, Nahrungsaufnahme und Sprechentwicklung

Nach der Geburt differenzieren sich die angelegten Funktionsbereiche des orofazialen Systems in Abhängigkeit vom Alter.
0–4 Wochen (Neugeborenes)
Reifezeichen des Orofazialen Systems sind Neonatale ReflexeReflexeneonatal (2.8.1).
Nahrungsaufnahme:
  • Stunden nach der Geburt ist gleichzeitiges Saugen, Schlucken und Atmen möglich (kranial stehender Kehlkopf).

  • Saugpolster in den Wangen unterstützen das Saugen.

  • Koordiniertes Einsetzen von Lippen, Zunge, Unterkiefer, Velum, Zungenbein und Ösophagus (unterschiedliche Innervierung!), stabiler Kontakt zwischen Unterlippe, Zunge, hartem und weichem Gaumen

  • Trinken an der Brust, Vorbereitung der Kau- und Sprechmotorik (Abb. 1.24)

Expertenwissen

  • Das StillenStillen erfordert ein aktives Umfassen der Brustwarze mit den Lippen, die den Vorhof mit den Kieferkämmen festhalten, die Brustwarze längen und mit Kau-/Saugbewegungen die Milch aufnehmen („melken“). Dabei wird der gesamte Körper eingesetzt. Dieser Ablauf dient der Vorbereitung auf die Kau-und Sprechmotorik (Abb. 1.24).

  • Bei der Flaschenernährung liegen die Lippen locker am Sauger, es erfolgt eine Vor-und Rückbewegung der Zunge. Flaschenernährung kann bei einem jungen Säugling zu einer Saugverwirrung oder bei einem schlecht saugenden Kind zu einer Saugschwäche führen.

4.–6. Woche
Augen:
Optische Perzeption: Etwa 50 % der Kinder fixieren kurzfristig mit vier Lebenswochen und 90 % fixieren und verfolgen Gegenstände und Gesichter mit etwa sechs/sieben Wochen. Das Kind zeigt bei der optischen Kontaktaufnahme das globale Muster der Fechterstellung (d. h. der gesamte Körper unterstützt den Blickkontakt). (1.1)
Sprechentwicklung:
  • Undifferenzierte Schreilaute

  • Ende erster Monat Vokallaute (a, ä, ähä, hä) möglich

2.–3. Monat
Nahrungsaufnahme:
Stillen ist für die Mundmotorik und das Gedeihen des Kindes am besten geeignet (Abb. 1.24).
Augen:
Am Ende 3. Monat erfolgt eine seitliche Blickwendung von ca. 30 Grad, ohne Mitbewegen des Kopfes als globales Muster (1.1).
Sprechentwicklung:
  • Verfeinerte Beweglichkeit des Gaumensegels und des hinteren Zungendrittels

  • Lautbildung: Es werden Kehllaute (rr-Ketten, ab und zu ein Vokal) gebildet, das Kind antwortet auf direkte Ansprache.

4.–6. Monat
Nahrungsaufnahme:
  • Zunge legt sich an die Papilla incisiva an, laterale Zungenbewegungen sind möglich

  • Mahlende Bewegungen des Unterkiefers bei geschlossenen Lippen

  • Feste Nahrung wird akzeptiert (Brei)

  • Zahnen beginnt (5.6.1)

Merke

Karies ist eine Infektion und wird von Erwachsenen auf das Kind übertragen!

Schnuller und Löffel sollten von Erwachsenen nicht in den Mund genommen werden (z. B. beim Prüfen der Temperatur).

Augen:
Mit den Augen und dem Mund entdeckt das Kind seinen Körper (Hand-Hand-Auge-Mund; Hand-Fuß-Mund-Koordination) (1.1).
Sprechentwicklung Sprechentwicklung :
  • Mund ist wichtigstes Tastorgan

  • Mit Händen und Mund begreift das Kind seine Umgebung

  • Kind entdeckt Lippen zur Lautbildung, Blasreiblaute, stimmhafte Silbenketten, modulierte Kehllaute, Jauchzen

6.–9. Monat
Nahrungsaufnahme:
  • Sichere seitliche Zungenbewegung bei der Verteilung der Nahrung mit geschlossenem Mund, die Oberlippe streift Nahrung vom Löffel ab

  • Feine Mahlbewegungen des Unterkiefers (Mastikation) (5.6)

Klinischer Hinweis

Ab dem sechsten Monat kann ein Kind mit den Kieferkämme kauen und beginnt aus einem Becher zu trinken.

Mit dem Mund ertastet und begreift ein Kind die Form und Beschaffenheit von Gegenständen mit gleichzeitigem Lautieren.

Sprechentwicklung:
  • Silben der mittleren Artikulationszone (Zungenrücken mit weichem Gaumen und Kontakt mit den Alveolarwällen)

  • Silben und Aneinanderreihen von Silben (z. B. gen, gengengen)

  • Nasallaute (ng, geng)

  • Plosivlaute (k, p)

  • Syllalbenecholalie: Lippenlaute mit Vokalen gemischt und aneinandergereiht (mama, dada, papa)

Augen:
Entdeckt den Raum nach oben (Schräger Sitz) (1.1.2).
9.–11. Monat
Nahrungsaufnahme:
  • Isst Brot, trinkt problemlos aus einer Tasse

  • Das Kind möchte alleine essen

  • Gemeinsames Essen mit der Familie, das Kind möchte alles probieren (Geschmacksdifferenzierung), entwickelt Vorlieben für Nahrungsmittel

Sprechentwicklung:
  • Oberlippe wird länger, Lippenrot schmaler, Unterlippe entrollt sich

  • Sprachliche Zuordnung von Begriffen, Silben werden auf Objekte oder Personen bezogen (z. B. ba für Ball, mama für Mutter, wauwau für Tiere, Hund ist stellvertretend)

  • Gegenstände werden solange in den Mund gesteckt bis Begrifflichkeit vorhanden ist

  • Wortverständnis ist vorhanden

12.–15. Monat
Das Kind reiht sinngebende Worte aneinander (Wortproduktion).
18.–20. Monat
Das Kind benutzt viele Wörter (Wortexplosion).
20.–24. Monat
Die Wortkombinationen beginnen.
Ab 28. Monat
Erste Sätze werden gebildet (Grammatik).
6 Jahre und älter
Der Spracherwerb ist abgeschlossen.
Augen:
  • Bis zum Alter von 7 Jahren dominiert die eigene Perspektive („sehe ich das Auto, so sieht es auch mich“).

  • Bis ca. 8 Jahren dominiert die visuelle vor der auditiven und haptischen Wahrnehmung, besonders, wenn sich die Informationen der Sinne in Konfliktsituationen widersprechen.

  • Mit ca. 9–10 Jahren liegt ein volles Verständnis der Perspektive vor.

Gebiss und Muskulatur: Die Zahnanlage, der Zahndurchbruch und die verschiedenen Zahnwechsel werden in 5.6.1 behandelt. Die Funktion der Kaumuskulatur wird in 5.6.2 aufgezeigt.

Literatur

Frey, 2011

S. Frey Pädiatrisches Dysphagiemanagement 1. A. 2011 Elsevier Urban u. Fischer München

England, 1985

M.A. England Farbatlas der Embryologie 1985 Schattauer Stuttgart

Orth, 2017

H. Orth Das Kind in der Vojta-Therapie 3. A. 2017 Elsevier Urban u. Fischer München

Kognitive Entwicklung

Danielle Thieme

„Entwicklung bezieht sich auf relativ überdauernde intraindividuelle Veränderungen des Erlebens und Verhaltens über die Zeit hinweg“

H. M. Trautner

Entwicklung ist durch eine große Variabilität gekennzeichnet. Kognitive Prozesse sind immer im Zusammenhang mit Bewegung und Sensorik zu verstehen („begreifen“). Therapeuten sollten sich daher auch einen Überblick über die kognitive Entwicklung eines Kindes verschaffen. Sie umfasst:

  • Die Entwicklung der Intelligenz, der Wahrnehmung, der Problemlösefähigkeit, des Gedächtnisses und der Sprache sowie

  • quantitative und qualitative Veränderungen.

Die kognitive Entwicklung reift unterschiedlich, deshalb bemisst man sie mit Toleranzgrenzen.

Merke

Die kognitive EntwicklungEntwicklungkognitiv wird durch genetische Komponenten, kulturspezifische Umweltfaktoren und Reifungsprozesse beeinflusst. Die Geschwindigkeit, in der das Kind einzelne Entwicklungsstufen durchläuft, variiert.

Einschränkungen in einem der Entwicklungsbereiche können Einfluss auf die kognitive Entwicklung nehmen und umgekehrt.

Theorien der kognitiven Entwicklung

Entwicklungstheorie nach Jean Piaget
Jean Piaget (1896–1980) ist einer der bekanntesten Vertreter der EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologie. Er geht davon aus, dass die kognitive Entwicklung auf vier diskontinuierlich verlaufenden Entwicklungsstufen basiert und die Umwelt kaum Einfluss nimmt (Tab. 1.3). Er prägte die Begriffe:
  • Schema (kognitive Denkeinheit zur Verarbeitung von Informationen)

  • Assimilation (Einordung neuer Informationen)

  • Akkommodation (Anpassung der Information)

Andere theoretische Modelle:
Soziokulturelle Theorie
  • Umwelt und soziale Interaktion haben wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung (z. B. Bildungsstand der Familie, Umgang miteinander).

  • Kompetenzen und Wissen sind abhängig vom Kulturkreis.

Domänenspezifische Wissenstheorie
Das Individuum besitzt angeborene allgemeine Lernfähigkeiten und sog. intuitives Kernwissen, welches ausgebaut oder verändert werden kann (erlernte Kompetenzen).
Informationsverarbeitungstheorie
  • Kontinuierliche Entwicklung mit zunehmendem Alter: Kompetenzen und Strategien unterliegen quantitativen Entwicklungsprozessen (z. B. nimmt Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit Alter zu).

  • Der Umwelteinfluss ist nachrangig.

Entwicklung der kognitiven Kompetenzen

Im Folgenden wird die Entwicklung zentraler kognitiver Kompetenzen einzelner Altersbereiche dargestellt. Eine detaillierte Orientierung kann der Übersichtstabelle Tab. 1.4 in Kap. 1.7 entnommen werden.
Säugling (0–12 Monate)
Die kognitive Entwicklung ist stark sensomotorisch bedingt bzw. wahrnehmungs-handlungsgebunden.
Wahrnehmung/Sensorik:
  • Frühe Funktionsfähigkeit der Exterozeption (Neugeborenenreflexe)

  • Höhere Empfindsamkeit bestimmter Körperregionen (Mund, Handflächen, Fußsohlen, Genitalbereich)

  • Abwehr oder Schutzreaktionen (z. B. Niesen/Husten)

  • Mimische Reaktionen auf unterschiedliche Eindrücke (z. B. Lächeln bei Bezugspersonen)

  • Unterscheidungsfähigkeit z. B. akustischer Reize (Stimme der Mutter)

  • Prozess der optischen Orientierung: Entwicklung der Integrationsfähigkeit von Mustern in ein Gesamtbild (zu Beginn sind die Augenbewegungen noch unsystematisch)

  • Ausbildung der Tiefenwahrnehmung

Gedächtnis/Intelligenz:
  • Blickverhalten als entscheidende Variable für frühes Denken (Fixierung, Verfolgung von Objekten)

  • Mimische Nachahmung ab dem 3 Monat möglich

  • Obligatorische Aufmerksamkeit: Kind bleibt mit dem Blick über eine längere Zeit am Objekt

  • Dishabituation (Auslösung einer zuvor durch Habituation [Gewöhnung] ausbleibenden Verhaltensreaktion durch neuen Reiz)

  • Entwicklung der Habituation (Gewöhnung) bei bekanntem Reiz

  • Ab dem 8.–12. Monat einfache Objektpermanenz (Objekt existiert auch außerhalb der Wahrnehmung noch)

  • Beschäftigungsdauer nimmt im ersten Lebensjahr zu

Merke

Im Säuglingsalter können Aussagen zur Wahrnehmung (Sensorik), Gedächtnis- und Intelligenzleistung lediglich über Verhaltensbeobachtungen getroffen werden.

Hilfreich erweist sich hierbei die videogestützte Diagnostik.

Kleinkind (2.–6. Lebensjahr)
Das Kleinkindalter ist kennzeichnet sich durch viele kognitive Meilensteine. Die Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind wird aufgebrochen, neue soziale und kulturelle Erfahrungen werden gesammelt.
Wahrnehmung, Selbstwert, Selbstständigkeit:
  • Entwicklung des Selbstbildes in Beziehung zur sozialen Umwelt (Interaktion) (2.11)

  • Entdeckung des „Ichs“ (Spiegelbild) gegen Ende des 2. Lebensjahres

  • „Trotzphase“ (Erprobung des eigenen Willens) bzw. Autonomiephase beginnend im 2. Lebensjahr

  • Entwicklung der Geschlechtsidentität im 3. Lebensjahr („Wer bin ich?“; geschlechtsspezifische Unterschiede erkennen)

  • Entwicklung von Selbstständigkeit und Sozialkompetenz

  • Sauberkeitsentwicklung

Gedächtnis, Intelligenz, Problemlösefähigkeit:
  • Zunehmend schnellere Informationsverarbeitung mit höherer Kapazität

  • Entwicklung von Gedächtnisstrategien räumlichen, kausalem (Ursache-Wirkung) Denken sowie deduktivem (vom Ganzen auf das Besondere) und induktivem (vom Einzelnen aufs Ganze) Schlussfolgern

  • Fähigkeit zur Verknüpfung von Objekten

  • Perseverationsfähigkeit (verharren)

  • Fähigkeit der Bildung von Reihen, Gruppen, Kategorien, Klassen

  • Zunehmende verbale und nonverbale Kommunikationsfähigkeit

  • Entwicklung der Fähigkeit zur Perspektivübernahme (die Sicht des Anderen Verstehen)

Spielentwicklung:
  • Entwicklung des Spielverhalten

  • Symbol oder Funktionsspiele

  • Konstruktionsspiel

  • Rollenspiele

  • Regelspiele

Schulkind (ab 7. Lebensjahr)
Wenn auch das familiäre System weiterhin fundamental bleibt, bekommen Schule und Gleichaltrige einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Kindes.
Wahrnehmung, Selbstkonzept
  • Wachsendes Selbstkonzept und Selbstrepräsentationsfähigkeit über individuelle Eigenschaften, Vorstellungen, Persönlichkeitsmerkmale

  • Zunehmende Orientierung an Gleichaltrigen (Freundschaften stabilisieren sich)

Gedächtnis/Intelligenz/Problemlösefähigkeit
  • Nutzen externer Gedächtnishilfen (Erinnerungsstützen)

  • Klassifikationsfähigkeit ist ausgebildet

  • Unterscheidung von Wahrnehmung und Wirklichkeit

  • Entwicklung von Wiederholungsstrategien beim Lernen

  • Zunehmende Flexibilität beim Bewältigen komplexer Aufgaben

  • Prüfung von Hypothesen für ein systematisches Denken

Expertenwissen

Pädagogik/Psychologie

Für eine Entwicklungseinschätzung werden die tatsächlichen Kompetenzen des Kindes der zu erwartenden Entwicklung innerhalb der Altersnorm gegenübergestellt. Ein „typischer, altersangemessener Entwicklungsverlauf“ ermöglicht Orientierung. Abweichungen bedürfen in der Regel einer diagnostischen Abklärung.

Literatur

Flavell, 1979

J. Flavell Kognitive Entwicklung 1979 Klett-Cotta Stuttgart

Schneider and Lindenberger, 2012

W. Schneider U. Lindenberger Entwicklungspsychologie 7. A. 2012 Beltz Weinheim, Basel, Berlin

Trautner, 1992

H.M. Trautner Lehrbuch Entwicklungspsychologie Grundlagen und Methoden Band 1 1992 Hogrefe Göttingen

Psychosoziale Entwicklung

Danielle Thieme

Die EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologie befasst sich neben der Entwicklung der Spezies, vorrangig mit der Entwicklung des Individuums von der Empfängnis bis zum Tod (Ontogenese).

Aufgabe der Entwicklungspsychologie:

  • Beschreibung und Erklärung von Entwicklungsveränderungen

  • Diagnostik des aktuellen Entwicklungsstandes

  • Prognose über weitere Entwicklung

  • Empfehlungen zu Interventionsmaßnahmen bei Förderbedarf

Theorien der Entwicklungspsychologie

Die psychologische Entwicklung lässt sich je nach theoretischem Bezug unterschiedlich darstellen. Zu den Vertretern des psychoanalytischen Erklärungsmodels gehören Sigmund Freud, der aufeinanderfolgende Entwicklungsphasen in Bezug zur Triebbefriedigung beschreibt, sowie Erik Erikson, der Entwicklung in der Auseinandersetzung mit immer wiederkehrenden Krisen sieht. Nach der psychobiologischen Theorie sind Entwicklungsprozesse auf eine biologische Prägung zurückzuführen.
Lerntheoretische Modelle
  • 1.

    Klassische Konditionierung (Pawlow, 1918), (Reiz-Reaktion): Assoziation von Reizen, durch Lernen wird eine bestimmte Reaktion ausgelöst.

  • 2.

    Operante Konditionierung (Skinner, 1931), (Verhalten-Reaktion): Die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens wird durch dessen Reaktion verstärkt (Belohnung) oder verringert (Bestrafung). Eine fehlende Reaktion führt zur Löschung eines Verhaltens.

  • 3.

    Modelllernen (Bandura, 1986): Lernen über Beobachtung (wichtige Vorrausetzungen: Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit, Motivation des Lernenden).

  • 4.

    Anforderungs-Bewältigungstheorie (Havighurst, 1972): Erfahrungen aus Entwicklungsaufgaben prägen nachfolgendes Bewältigungsverhalten.

Expertenwissen

Unerwünschtes Verhalten (z. B. Therapieverweigerung) kann durch klassische oder operante Konditionierung beeinflusst werden. Als therapeutisches Medium greift z. B. das Belohnungs-Prinzip als Verstärker für erwünschtes Verhalten.

Bindung

Die Qualität der Bindung nimmt Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung des Kindes.
Sozio-emotionale Bindung (Bowlby, 1984):
  • Das Kind hat noch keine spezifische Bindung an Personen/Umwelt

  • Ab 3 Monaten spezifische Zuwendung zu einzelnen Personen

  • Ab 7–8 Monaten spezifisches Bindungsverhalten, Regulationsfähigkeit von Nähe und Distanz

  • Ab 3 Jahren Beeinflussung der Partnerschaften je nach situativem Hintergrund

Bindungsstile (Ainsworth, 1978):
  • Unsicher-vermeidend (emotional verdrängend, wenig empathische Bezugsperson)

  • Sicher (emotional stabil, einfühlsame Bezugsperson)

  • Ambivalent-unsicher (emotional instabil, ambivalente Reaktionen durch Bezugsperson)

Psychosoziale Entwicklung

Kinder durchlaufen verschiedene Entwicklungsphasen und eignen sich Wissen und Erfahrungen an. Hierbei stehen eigene Bedürfnisse häufig zu bewältigenden Konflikten gegenüber.
Säugling (0–12 Monate)
  • Angeborene Emotionen (z. B. Ekel und Interesse)

  • Übergänge zwischen Bewusstsein- und Erregungssystem sind oft noch fließend (Wach-Schlafphasen).

  • Soziales Lächeln ab der 6. Lebenswoche möglich

  • Interaktive und soziale Prozesse noch unreif, setzen Fertigkeiten des Bewusstseinszustands voraus (z. B. aufmerksamer Wachzustand)

  • Ab ca. 6 Wochen bis 4 Monate: diverse Gesichtsausdrücke werden unterschieden (noch kein Verständnis des Emotionsausdrucks)

  • Ab ca. 6 Monaten: Entwicklung sozialer Fertigkeiten (Einordnen von Gesichtern, Zusammenhang von Verhalten und Wirkung)

  • 4–9 Monate: Emotionen in der Stimme können entsprechendem Gesichtsausdruck zugeordnet werden.

  • 8–12 Monate: Mimik wird ausdrucksvoller.

Merke

Schreikinder: Wenn das SchreienSchreien über das normale Maß hinausgeht (mehr als 3 Stunden an mindestens 3 Tagen der Woche, mehr als 3 Wochen), sollte Eltern professionelle Unterstützung vermittelt werden (z. B. Elternberatung).

Klinischer Hinweis

Das Fremdeln bezeichnet die soziale Scheu gegenüber Fremden im Alter von 8–12 Monaten. Sollte das FremdelnFremdeln deutlich über das normale Maß hinaus erhalten bleiben, ist an soziale Ängstlichkeit als Diagnose zu denken.

Kleinkind (2.–6. Lebensjahr)
  • Zeigt Präferenz für Vertrautes

  • Lernen durch Verhalten und Reaktionen

  • Zunahme der aktiven Interaktion als Grundlage für soziale Fertigkeiten (z. B. Blickzuwendung und Lächeln)

  • Zunahme unilateraler Kommunikation (ein Interaktionspartner agiert, der andere beobachtet)

  • Temperamentsunterschiede bedingen Persönlichkeitsvariablen (z. B. Introversion vs. Extraversion)

  • Identitätsentwicklung (1.5)

  • Entwicklung pro-sozialen Verhaltens (Empathie, Hilfsbereitschaft) in Abhängigkeit von internalen (Temperament) und externalen Bedingungen (Familiengröße, Schichtzugehörigkeit etc.).

  • Ausdruck von Wut (Trotz) steigt mit 2 und sinkt wieder mit 3 Jahren.

  • Ab ca. 3 Jahren: Stolz, Scham, Schuld; Gefühle (Ursachen und Folgen) können zunehmend benannt werden.

Schulkind (ab 7. Lebensjahr)
  • Emotionen werden differenzierter, können besser reguliert werden.

  • Es entstehen Kooperationen und Wettbewerb mit Gleichaltrigen.

  • Moralische Prinzipien (Gerechtigkeit, Gleichheit, Verpflichtung gemeinsamer Regeln) werden wichtiger.

  • Zunehmende Selbstständigkeit

  • Kontrollüberzeugung in Bezug auf die eigenen Leistungen nimmt zu (je mehr das Kind von der eigenen Leistung überzeugt ist, desto engagierter ist es)

  • Ab 11 Jahren: Eintreten der Geschlechtsreife (Pubertät); mit Veränderungen des eigenen Körpers, dem gesellschaftlichen Rollenverständnis und emotionalen Erleben auseinandersetzen

  • Entwicklung eigener Werte und Weltanschauung

Literatur

Rauh, 2002

H. Rauh Vorgeburtliche Zeit und frühkindliche Entwicklung R. Oerter L. Montada Entwicklungspsychologie 5. A. 2002 Beltz Weinheim, Basel, Berlin 131 208

Lohaus et al., 2010

A. Lohaus M. Vierhaus A. Maass Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor 2010 Springer Berlin-Heidelberg 5

Übersichtstabelle Entwicklungsphysiologie

Ute Hammerschmidt, Janine Koch

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