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B978-3-437-45417-2.00010-6

10.1016/B978-3-437-45417-2.00010-6

978-3-437-45417-2

Abb. 10.1

[V744]

Ein Bild aus Gründerzeiten: Erika Hoffmann mit Lisa

Abb. 10.2

[P502]

a, b, c, d Tragen heute, bunte Muster und ein breites Spektrum an Techniken

Abb. 10.3

[P502]

a, b Eine der ersten Tragehilfen aus dem Jahr 2003 und das weiterentwickelte Modell aus 2016. Standard bei Tragehilfen heute ist die Einstellbarkeit der Trage auf die Größe des Babys.

Abb. 10.4

[P502]

Gehfrei – deutlich ist die Spitz- und pathologische Knickfußhaltung, sowie die Fehlhaltung im Rumpf zu erkennen.

Abb. 10.5

[P502]

Babyhopser – dieses Modell wird als Babyschaukel bezeichnet. Der Hersteller weist darauf hin, dass es erst mit einem Jahr verwendet werden darf. Benutzen Eltern es vorher, ist die Haltung unphysiologisch.

Abb. 10.6

[P502]

Laufstall – ein sicherer Ort oder Einschränkung des Bewegungsraums?

Abb. 10.7

[P502]

Lagerungskopfkissen mit Mulde – deutlich zu sehen die Kopffehlhaltung in starker Beugehaltung.

Abb. 10.8

[P502]

Kind in Wippe und in der Autositzschale

Tragen als Therapieunterstützung

Tab. 10.1
Krankheitsbild 0–3 Monate 4–6 Monate 7–9 Monate 10–14 Monate
Frühchen,Regulationsstörung Bonding, viel Hautkontakt mit Bondingtüchern (Didymos®, Hoppediz®, Babylonia® etc.)fester umhüllenden Halt, angemessener Zug durch Tuch zwischen den Schulterblättern (Atemunterstützung), angebeugte Arme und Beine, Aufmerksamkeit beim Kind, d. h. kein Smartphone!WickelkreuztrageAlle Techniken und Tragehilfen, ausschließlich aus Tragetuchstoff, fester umhüllender Halt: z. B. DidyTai®, MySol®, Storchenwiege Baby Carrier®, Hop-Tye®, etc.Keine Tragehilfen mit Schnallen o. ä. Was Eltern und Kind gefällt und gut tut
Hypotonie,Down Syndrom,CP, Spastik WickelkreuztrageAb 6–8 Wochen Hüftschlinge, Ring Sling, kleines Nackenmolton unterstützt Mundschluss WickelkreuztrageHüfttragen mit Oberkörperrotation bevorzugtAb 5 Monate Tragen im ErgoBaby® 360 o. ä. mit Blickrichtung nach vorn und Dreiklang Flex/ABD/AR als Interaktionsangebot Was Eltern und Kind gefällt und gut tut, Hüfttragen bevorzugtKeine Kraxe
Reflux Tragen als Entlastung, was Eltern und Kind gut tut Ab 5 Monaten ErgoBaby® 360 o. Ä. mit Blickrichtung nach vorn und Dreiklang Flex/ABD/AR als Lösungsangebot
Torticollis, Plagiozephalie,KISS WickelkreuztrageAb 6–8 Wochen Hüftschlinge, Ring Sling, kleines Nackenmolton zur NackenentlastungWechselseitiges Hüfttragen ohne passive Kopfeinstellung Variationsreiches Tragen: Bauch, wechselseitige Hüfte, Rücken. Keine passive Kopfeinstellung
Hüftdysplasie, Anlagestörungen wie Dysmelie, proximaler fokaler Femur Defekt TragenDreiklang mit exakten WinkelwertenFlex 110°/ABD 40°/ARHüfttragen bevorzugtKann auch mit Tübinger Schiene verwendet werden TragenDreiklang, Winkelwerte altersentsprechend angepasstHüfttragen bevorzugt Was Eltern und Kind gefällt und gut tutKeine Kraxe
Plexusparese Bauchtragetechniken, fester umhüllenden Halt, angebeugte Arme, Hände kranial, Zentrierung der Gelenke Ab 5 Monate Tragen als Interaktionsangebot: Tragen im ErgoBaby® 360 o. ä. mit Blickrichtung nach vorn und Dreiklang Flex/ABD/AR als Interaktionsangebot Was Eltern und Kind gefällt und gut tut
Sichelfüße,Kletterfüße, Hackenfüße Bauchtragetechniken, fester umhüllender Halt, nackte Füße; ständige Stimulierung der Füße;Dreiklang mit exakten WinkelwertenFlex 110°/ABD 40°/AR Bauchtragetechniken, fester umhüllender Halt, nackte Füße, ständige Stimulierung der Füße;Dreiklang Winkelwerte altersentsprechend angepasst Was Eltern und Kind gefällt und gut tut
Klumpfuß Was Eltern und Kind gefällt und gut tut; Wichtig: ständige Unterstützung und Entlastung des eingegipsten Beines. Kein freies Nach-unten-Hängen des Beines, kein Einschneiden in der Leiste durch Gips oder Orthese
Schädel-Hirn-Trauma und schwere Stoffwechselerkrankungen Absichtsloses Angebot nach Einzelfall- und SituationsbeurteilungHilfsmittel zur entlastenden Alltagsbewältigung

Hilfsmittel

  • 10.1

    Tragevorrichtungen Ulrike Höwer, Birgit Kienzle-Müller388

    • 10.1.1

      Tragetuch391

    • 10.1.2

      Tragehilfen394

    • 10.1.3

      Tragen in der Therapie – Unterstützungsmöglichkeiten395

  • 10.2

    Babygeräte Birgit Kienzle-Müller396

    • 10.2.1

      Gehfrei396

    • 10.2.2

      Babyhopser398

    • 10.2.3

      Laufstall398

    • 10.2.4

      Lagerungskissen für den Kopf399

    • 10.2.5

      Wippe und Autositzschale400

  • 10.3

    Rehatechnische Hilfsmittel Stefan Steinebach402

    • 10.3.1

      Allgemeine Voraussetzungen403

    • 10.3.2

      Lagerungshilfen (PG 20)404

    • 10.3.3

      Grundlagen Sitzversorgungen405

    • 10.3.4

      Positionierungssysteme (PG 26)406

    • 10.3.5

      Therapiestühle (PG 26)408

    • 10.3.6

      Sitzschalen (PG 26)409

    • 10.3.7

      Rehawagen (PG 18)411

    • 10.3.8

      Rollstühle (PG 18)412

    • 10.3.9

      Stehhilfen (PG 28)415

    • 10.3.10

      Gehhilfen (PG 10)416

    • 10.3.11

      Autositze (PG 26)418

    • 10.3.12

      Therapiefahrräder (PG 22)420

    • 10.3.13

      Lifter (PG 22)421

    • 10.3.14

      Badehilfen (PG 04) und Toilettenhilfen (PG 33)422

  • 10.4

    Orthopädietechnische Hilfsmittel Stefan Steinebach424

    • 10.4.1

      Orthetik424

    • 10.4.2

      Untere Extremität (PG 23/31)425

    • 10.4.3

      Obere Extremität429

    • 10.4.4

      Rumpforthesen430

    • 10.4.5

      Kopforthesen (PG 23/99)431

    • 10.4.6

      Prothetik (PG 24)432

Ute Hammerschmidt, Janine Koch

Dieses Kapitel beschäftigt sich zu Beginn mit dem Tragen von Kindern in Tragevorrichtungen: zum einen als HilfsmittelHilfsmittel für das häusliche Umfeld und zum anderen im Hinblick auf seine therapeutische Relevanz. Außerdem informiert es über Geräte, die zwar häufig gekauft werden, deren Nutzen jedoch fraglich ist.

Der darauf folgende Teil des Kapitels befasst sich mit rehatechnischen und orthopädischen Hilfsmitteln für Kinder.

Insgesamt bietet das Kapitel einen Einblick in die Vielzahl der gebotenen Möglichkeiten und dient Therapeuten dazu, sich zurecht zu finden.

Tragevorrichtungen

Ulrike Höwer, Birgit Kienzle–Müller
Das Tragen in TragetücherTragetuchn und TragehilfenTragehilfen entspricht dem natürlichen Bedürfnis von Säuglingen und Kindern. Sie sind vom biologischen Lebensformtypus her TraglingeTraglinge und in ihrer physiologischen Entwicklung an das Tragen angepasst.
Definition

„Traglinge sind Säugetierjunge. Sie sind zwar noch unfertig, kommen aber in kein Nest, sondern bleiben am Körper der Mutter oder anderer Erwachsener und werden dort herumgetragen … Sie haben offene Augen und Gehörgänge und werden mit voller Behaarung geboren …“

(B. Hassenstein)

Zu den Merkmalen eines Traglings gehören:
  • Reflexe (Greifreflex, Moro-Reflex)

  • Bindungsverhalten (Kontaktweinen, Beruhigung durch Körperkontakt)

  • Körperbau (O-Beine, Unterstützung der Hüftreifung durch Flexions – Abduktionsstellung)

  • Entwicklung durch Bewegung und Bewegungsübertragung

Indikationen
Das Tragen in Tragetüchern und Tragehilfen ist grundsätzlich sinnvoll für alle Kinder und hilfreich bei folgenden Indikationen, immer nach Einzelfall bzw. Situationsbeurteilung (s. u. „Tragen als Unterstützung einer Basistherapie“):
  • Trisomie 21 (9.1)

  • Neurologische Störungsbilder (z. B. CP, ZKS 6)

  • Stoffwechselerkrankungen

  • Orthopädische Störungsbilder (z. B. Hüftdysplasie, Klumpfüße, 5)

  • Asymmetrien (z. B. Tortikollis, Plagiozephalus (5.5.2), Kopfgelenk-induzierte-Symmetrie-Störung – KISS)

  • Frühgeborene, Regulationsstörungen (4.11, 4.12)

  • Reflux (7.4.3)

  • Bindungsstörungen (1.6)

  • Schwerst mehrfach behinderte Kinder

  • Schädel-Hirn-Trauma (6.6) als absichtsloses Angebot und Hilfsmittel zur entlastenden Alltagsbewältigung

Kontraindikationen
Die folgenden Kontraindikationen beziehen sich nicht auf alle Kinder mit diesen Störungsbildern, sondern müssen als Einzelfallentscheidung abgeklärt und begleitet werden.
  • Kardiologisch-respiratorische Instabilität

  • Beatmete Kinder

  • Wirbelsäulenfehlbildungen

  • Knochenaufbaustörung

Das Tragen lernen
Die Eltern werden darin unterstützt, die richtigen Bindetechniken bzw. Tragehilfen auszuwählen und zu erlernen. Die korrekte Anwendung ist die Grundlage, um die positive Wirkung des Tragens auf das Kind zu erreichen und Schäden zu vermeiden.
Korrektes Tragen zeigt das Erreichen der folgenden Punkte:
  • Bequem für Eltern und Kind

  • Haltungsaufbau von den Sitzbeinhöckern, korrekte Beckeneinstellung

  • Dreiklang von Flex/ABD/AR

  • Kind ist zentriert und in seiner Haltung unterstützt

  • BWS aufgerichtet

  • Kopf stabil

  • Selbstregulation ist möglich

  • Angemessene Unterstützung in der Temperaturregulation

Wichtige Hinweise
  • Die Bindung von Tuch/Tragehilfe muss so fest sein, dass das Kind nicht in sich zusammensacken kann.

  • Der Materialsteg zwischen den Beinen geht von Kniekehle zu Kniekehle. Ein zu schmaler Steg führt zu ungenügender Flexion, ein zu breiter Steg zu übermäßiger ABD oft mit IR der Oberschenkel.

  • Atemunterstützung durch Materialfestigkeit zwischen den Schulterblättern

  • Kein CO2-Nest

  • Arme in Flexposition

  • Mixed Solutions, Techniken und Stellung am Körper öfter wechseln

  • Kind nicht zu warm anziehen, im Winter Tragejacke, vor Sonne schützen

  • Aufmerksamkeit der Eltern beim Kind, keine Handynutzung

Tragetechniken und Tragehilfen müssen genau auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes abgestimmt sein. Tragen unterstützt die neurophysiologische Basisbehandlung, sie ersetzt diese aber nicht!

Merke

„Wiegentechnik“: Tragen von Kindern in der Rückenlage

Beim Tragen in der sog. WiegentechnikWiegentechnik besteht Erstickungsgefahr, wenn das Kinn Richtung Brust gedrückt wird. Außerdem können sowohl Zentrierung als auch das Aktivieren der Halte- und Stellreaktionen nicht stattfinden. Eine angemessene Anhock-Spreiz-Stellung für die Hüftentwicklung ist hier nicht möglich.

Grundlagen
Das Tragen unterstützt die natürliche Entwicklung, hat Einfluss auf die ideale Motorik und spricht das motorische Lernen des Kindes an.
Das Kind reagiert auf die Bewegungen des Tragenden und der Tragende reagiert auf die Bewegung des Kindes.
Durch das Aktivieren von Halte- und Stellreaktionen sowie das Übertragen von Bewegungsmustern, vergleichbar mit der Bewegungsübertragung zwischen Pferd und Reiter (z. B. in der Hippotherapie 3.12) wird Bewegung und Haltung angebahnt.
Wir können sagen:
Tragen ist Interaktion von Rhythmus, Bewegung und Kommunikation. Die gegenseitige Nähe fördert den Bindungsaufbau.
Tragen stimuliert die Tiefensensibilität, das Gleichgewicht, Koordination, Ausdauer und die Kraft sowohl beim Kind als auch beim Tragenden.
Tragen aktiviert den Haltungshintergrund und die Aufrichtung des Rumpfes.
Die Gelenke kommen in ihre physiologische Mittelstellung. Die Hüfte wird durch den Dreiklang von Flex/ABD/AR zentriert. Durch die Steigbügelhaltung mit den Händen des Tragenden, wird die funktionelle Fußstellung unterstützt.
Tragen reguliert Körperspannung, Stress und unterstützt die Selbstregulation des Kindes.
Tragen als Unterstützug einer Basistherapie
Ziele
Zu den therapeutischen Zielen des Tragens gehören:
  • Gangtypisches Rumpftraining, Kräftigung der Rumpfmuskulatur und Abstützreaktion der Hände

  • Aktivierung der Nackenmuskulatur und optischen Orientierung

  • Stimulierung aller Sinne

  • Aktivierung des Gleichgewichts, der Koordination, der Halte- und Stellreaktionen, der Aufrichtung

  • Stimulation der Symmetrie

  • Mittelstellung der Gelenke von Schulter und Hüfte, Unterstützung der Hüftentwicklung durch Dreiklang Flex/ABD/AR

  • Förderung der Fußentwicklung

  • Darmregulation

  • Verbesserung des Schluckmechanismus

  • Nonverbale Kommunikation

  • Muskeltonusregulation und Hemmung frühkindlicher Reflexe (Reaktionen)

  • Entspannung

Das physiologisch korrekte Tragen unterstützt die Entwicklung und kann therapeutisch wirken.

Klinischer Hinweis

Aus der Bindungsforschung ist bekannt, dass Hautkontakt im Hypothalamus die Ausschüttung von Oxytocin bei Mutter und Kind anregt. Von dort wird es direkt in das zentrale Nervensystem bzw. zum dorsalen Hypophysenlappen und in die Blutbahn weitergeleitet.

Das Hormon OxytocinOxytocin:

  • Wirkt stressreduzierend für Mutter und Kind

  • Fördert mütterliches Verhalten

  • Fördert die gegenseitige Bindung

  • Wirkt sich positiv auf Nährstoffspeicherung und Zellwachstum aus und unterstützt somit Wachstums-, als auch Heilungsprozesse

  • Wirkt im neuronalen Belohnungssystem des Gehirns

  • Unterstützt das Lernen: es lernt sich leichter im Kontext von positiven Erfahrungen

12 Hilfen für gutes Tragen in Tuch und Tragehilfe
  • Hüfte im Dreiklang von Flex/ABD/AR

  • Kind tief ins Tuch oder Tragehilfe („tiefer Sesselsitz“), so werden Haltungsimpulse, die Stimulation der Muskulatur und Selbstregulation des Kindes angeregt

  • Ggf. kleines Moltontuch zur Nackenunterstützung (schützt empfindlichen Halsbereich, darf aber nicht einengen)

  • Die Hände der Mutter am Becken des Kindes geben Stabilität und Aufrichtung.

  • Die Hände zum Mund führen (fördert Atmung, Wahrnehmung und Aufrichtung).

  • Nackte Füße stimulieren und aktivieren den Kreislauf.

  • Seitliches Sitzen aktiviert die Drehbewegung in der Wirbelsäule.

  • Aktivierende Aufrichtungsimpulse für die Wirbelsäule des Tragenden (durch das Überkreuzen der Tragegurte oder Bänder auf dem Rücken in Höhe der Schulterblätter)

  • Kopfkusshöhe

  • Die Kopfstellung im Tuch, in der Tragehilfe entspricht der natürlichen Kopfhaltung des Kindes in Bauchlage.

  • Der Beckengurt muss oft deutlich oberhalb des Beckens positioniert werden (für einen guten Sitz und gute Gewichtsverteilung)

  • Variationsreiches Tragen (d. h. häufigeres Wechseln von Techniken und Produkten)

Merke

  • Kein passives Drehen des Kopfes: Die natürliche Kopfhaltung des Neugeborenen beträgt 45°, eine leichte Reklination und Seitneigung unterstützen die Atmung. Bei einer zusätzlichen Drehung besteht die Gefahr einer Irritation der A. vertebralis und Blockade der oberen Kopfgelenke. Bei starker Hypotonie (z. B. beim Down-Syndrom) wird dadurch vermehrt Instabilität provoziert.

  • Molton im Nackenbereich sollte nicht einengen, sondern nur stützen.

  • Hüfte nicht überspreizen, Gelenke sollen in Mittelstellung stehen.

  • Keine Innenrotation der Hüften durch nach vorne gekipptes Becken oder zu breiten Materialsteg zwischen den Beinen.

  • Beine sollten nicht gestreckt durch einen zu kleinen Hüftsteg nach unten hängen, da sonst eine Traktion der Hüftgelenke stattfindet.

Tragetuch

Tragetücher und Bänder wurden schon zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte und in allen Kulturen genutzt. In Mitteleuropa hat im Laufe der Sesshaftigkeit die Wiege den größten Raum der Säuglingsversorgung eingenommen. Tragetücher dienten in erster Linie dem Transport auf Reisen, aber nicht der Integration des Babys in den Alltag wie in weiten Teilen Asiens, Südamerikas oder Afrikas.
Erst in den 1970er Jahren wurde das Tragen als Zeichen der bindungsorientierten Elternschaft neu entdeckt. Die ersten Tragetücher und Bindetechniken wurden in Deutschland von Erika HoffmannHoffmann, Erika gewebt bzw. publiziert (Abb. 10.1, Abb. 10.2).
Von Anfang an hat die Webtechnik eine Rolle gespielt. Gut gewebte Tragetücher erkennt man an ihrer Festigkeit in Kette und Schuss, Querelastizität und doppelt vernähten Kanten. Neben den gewebten Tragetüchern finden sich auch „elastische Tragetücher“. Eine Interlockwebtechnik gibt dem Material seine Dehnbarkeit. Diese Tücher benötigen eigene Bindetechniken, um die Stabilität zu gewährleisten. Dazu braucht es immer mehrere Lagen Tuch. Grundsätzlich gibt es für beide TragetuchartenTragetuchgewebt, elastisch ₍ₓₑsee₎siehe Tragetuch₍ₓₑend₎ eine Fülle von unterschiedlichen Techniken für Bauch, Hüfte und Rückentragen.
Hochwertige elastische Tragetücher bleiben nach dem Positionieren des Kindes stabil. Sie überbrücken meist nur die ersten 3–4 Monate. Eine gute Bindeanleitung sollte inzwischen für jedes Produkt selbstverständlich sein. Für mehr Handlungssicherheit empfehlen wir Eltern eine fachlich fundierte Trageberatung.

Expertenwissen

Die Trageberatung ist eine Fortbildung für Fachpersonal aller Fachrichtungen, die mit Eltern arbeiten. Ziel ist es, Eltern bei der Auswahl und Anwendung von Tragehilfen und -techniken zu unterstützen.

Tragen als Therapieergänzung setzt immer ein interdisziplinäres Arbeiten voraus: Basierend auf den Vorgaben der behandelnden Therapeuten, den Ideen der Trageberatern und den Vorlieben und Bedürfnissen der Eltern und Kinder werden entlastende Lösungen gefunden.

Tragehilfen

TragehilfeTragehilfenn bestehen aus einem Beckengurt, Schulterbändern und einem Rückenpaneel. Pate gestanden hat der in vielen Teilen Asiens verbreitete Mei Tai: Eine Trage mit vier Bindebändern und einem quadratischen Rückenteil.
Die erste auf diesem Prinzip basierende Tragehilfe war eine Kombination aus dem Mei Tai und Elementen des Wanderrucksacks und wurde 2003 von Karen Frost auf Hawaii entwickelt wurde (Abb. 10.3).
Bewerungskriterien von Tragehilfen
Grundsätzlich gelten die Hinweise für gutes Tragen (10.1). Die folgende Checkliste hilft, das Zusammenspiel von Tragehilfe, dem Träger und dem Kind zu beurteilen:
  • Bequem für Eltern und Kind?

  • Wie baut sich die Haltung des Kindes auf?

  • Richtet sich die Brustwirbelsäule auf?

  • Stabilisiert sich der Kopf?

  • Schmiegen sich die Beine dicht an den Körper des Tragenden und sind die Füße in leichter Supinationsstellung?

  • Dreiklang von Flex/ABD/AR gegeben?

  • Anpassungsmöglichkeit an unterschiedliche Entwicklungsgrößen?

  • Längenverstellbare Gurte, im Rücken überkreuzbar?

  • Schnallen stabil, sicher und einfach zu bedienen?

  • Leichte Erlernbarkeit, gute Anleitung?

Tragen in der Therapie – Unterstützungsmöglichkeiten

In allen Therapieformen finden wir die vorgestellten Grundprinzipien und Wirkungsweisen des Tragens wieder. Daher hat das Tragen den Anspruch einer therapeutischen Wirkung. Die folgende Tab. 10.1 gibt verschiedene Anwendungsideen, die immer der Einzelfallprüfung und Begleitung unterliegen. In diesem Rahmen kann nur begrenzt Bildmaterial angeboten werden. Die unten erwähnte Hüftschlinge und Wickelkreuztrage findet sich bei der Abb. 10.2. Für alle, die sich vertieft mit dem Thema auseinandersetzen möchten, empfehlen wir das Buch „Babys im Gleichgewicht“ (Hartz, Höwer, Kienzle-Müller, Elsevier 2018).

Babygeräte

Ulrike Höwer

Birgit Kienzle-Müller

Im Folgenden werden BabygeräteBabygeräte dargestellt, die häufig von Eltern im Alltag verwendet werden.

Gehfrei

Aus Sicht der Autoren ist das GehfreiGehfrei ein entwicklungshemmendes und unphysiologisches Lauflerngerät: Das Baby wird ab dem Alter von fünf Monaten bis zum Laufalter in ein Gestell auf vier Rollen mit Sitz gesetzt. Dabei bewegt es sich mit unphysiologischen, tänzelnden Laufbewegungen in Spitzfußhaltung durch den Raum (Abb. 10.4).
Vorteile
Aus physiologischer Sicht sind den Autoren keine Vorteile bekannt.
Nachteile
Sie erwarten jedoch eine Entwicklungshemmung mit Spätfolgen in der Körperhaltung und in der Fußstellung.
Haltung im Gehfrei
  • LWS starke Hyperlordose

  • BWS starke Hyperkyphose

  • Überstrecken des Kopfes

  • Stabilisiert sich in asymmetrischer Fehlhaltung

  • Beine in starker Hüftbeugestellung und in Adduktion/Innenrotation

  • Knie in Hyperextension oder Beugehaltung

  • Füße in Spitzfußstellung

  • Ferse berührt nicht den Boden

Gefahren aus Sicht der Autoren
Entwicklungshemmend – durch Eingriff in die optimale Motorik:
  • Eigenerfahrungen im Drehen und in der Fortbewegung fehlen

  • Entwicklungsschritte (wie Robben und Krabbeln) werden übersprungen

  • Sitzen und Stehen werden zu einem verfrühten Zeitpunkt forciert

  • Füße werden vorzeitig und fehlbelastet

  • Wirbelsäule und Hüftgelenke werden gestaucht

Unphysiologische Körperhaltung:
  • Hyperlordose HWS und LWS

  • Hyperkyphose BWS

  • Asymmetrische Körperhaltung

  • Hüftstellung Flex/ADD/IR

  • Fehlende Aktivierung des Gleichgewichts

  • Fehlende Aktivierung von koordinierten Bewegungsabläufen

  • Fehlende Abstützreaktionen der Arme

  • Fehlende Tiefenwahrnehmung über die gesamte Fußsohle

  • Unfallgefahr

Merke

Es besteht Unfallgefahr durch Stufen und Treppen. Außerdem ist kein Abstützen der Hände bei Stürzen möglich.

Das Gehfrei hemmt aus Sicht der Autoren die natürliche Bewegungsentwicklung und wird deshalb nicht empfohlen.

Babyhopser

Die Autoren halten den BabyhopserBabyhopser für ein entwicklungshemmendes Spielgerät. (Abb. 10.5). Das Baby wird ab dem Alter von 5 Monaten hineingesetzt und hängt in der Sitzvorrichtung. Der Babyhopser wird im Türrahmen oder im eigenen Gestell befestigt. Der Gummiexpander ermöglicht es dem Kind auf den Zehenspitzen zu hüpfen. Einige Hopser bieten als Zusatzangebot ein Aktivitycenter.
Vorteile
Aus physiologischer Sicht sind den Autoren keine Vorteile bekannt.
Nachteile
Sie erwarten jedoch eine Entwicklungshemmung mit Spätfolgen in der Körperhaltung und in der Fußstellung.
Haltung im Babyhopser
Durch die Hüpfbewegung findet eine hohe Belastung der oberen Kopfgelenke statt.
Gefahren aus Sicht der Autoren

Merke

Vor dem dritten Lebensjahr sollten Kinder in keine Geräte gesetzt oder gestellt werden, die ein starkes Hüpfen ermöglichen. Hierzu gehören auch Hüpfburgen und Trampoline. Das noch nicht vollständig ausgebildete Atlanto-Axialgelenk wird zu stark belastet.

Der Babyhopser hemmt aus Sicht der Autoren die natürliche Bewegungsentwicklung in Aufrichtung und Fortbewegung und wird deshalb nicht empfohlen.

Laufstall

Der LaufstallLaufstall oder das LaufgitterLaufgitter ist ein mit einem Holzgitter umrandete Spielecke, meist mit höhenverstellbarem Boden (Abb. 10.6). Es ist in verschiedenen Ausführungen in Form und Materialien erhältlich und kann ab dem Neugeborenalter und bis ins Laufalter eingesetzt werden. Er dient als Schutz- und Spielraum und erst mit dem Hochziehen in den Stand verdient der Laufstall seinen Namen.
Vorteile
  • Geschützter Raum für das Kind bei der Bewältigung von Alltagsarbeiten der Eltern (z. B. Haushalt bzw. kurzes Verlassen des Raums)

  • Spielzeug kann an den Seitenwänden zur Bewegungsmotivation befestigt werden.

  • Meilensteine „Hoch ziehen in den Stand“ und „Küstenschifffahrt“ können an den Seitenwänden gelingen.

  • Der Säugling ist hier vom älteren Geschwisterkind ungestört.

  • Das ältere Geschwisterkind kann ungestört im Laufstall spielen.

Nachteile
  • Der Bewegungsraum des Kindes ist eingeschränkt.

  • Nur für kurze Zeit einsetzen (kein Daueraufenthaltsort)

  • Kein Schlafplatz (Untergrund zu hart für den Rücken)

  • Zu viel Spielzeug auf wenig Raum

Merke

Der Laufstall muss rechtzeitig tiefer gestellt werden, bevor sich das Kind in den Stand hochzieht, denn sonst besteht Sturzgefahr.

Die Autoren empfehlen den Laufstall als Schutzraum.

Lagerungskissen für den Kopf

Es gibt verschiedene Modelle von LagerungskopfkissenLagerungskopfkissen. In der Mitte der Kissen befindet sich zur Formung des Hinterkopfes eine Mulde. Die Schultern bleiben dabei frei. Manche KissenKissen haben einen festen Nackensteg, allerdings entsteht so möglicherweise unnötig Druck auf das empfindliche Atlanto-Axial-Gelenk (Abb. 10.7).
Vorteile
Einer Kopfverformung (wie Plagiozephalie 5.5.2) kann positiv entgegen gewirkt werden.
Nachteile
  • Nur in Rückenlage nutzbar

  • Verkürzung der Nackenmuskeln durch Fehlstellung der Kopfhaltung in Hyperextension

  • Fehlstellung des Atlanto-Axial-Gelenks bleibt erhalten

  • Vermehrter Körperspannungsaufbau

  • Keine Anwendung bei Helmtherapie

  • Keine Anwendung bei CP-Kindern (vermehrte Hyperextension des Kopfes und Körperspannungsaufbau)

Klinischer Hinweis

Einer Verformung kann von Anfang an durch die Bauchlage entgegengewirkt werden oder, in dem der Kopf häufig umgelagert wird.

Durch Lagerung des Kissens unter dem Spannbetttuch wird verhindert, dass das Kissen verrutscht (kein Kissenüberzug nötig).

Die Autoren empfehlen den Einsatz des Lagerungskissens bei einer Schädelasymmetrie, wenn dies vorher mit dem Arzt bzw. Physiotherapeut abgesprochen wurde.

Wippe und Autositzschale

Die WippeWippe ist eine schräge Liegevorrichtung für den Tag. Sie ermöglicht dem Kind aus einer leicht aufgestellten Liege- bzw. Sitzposition, mit den Augen Alltagsgeschehnisse im Haushalt zu beobachten (Abb. 10.8). Nach Angabe der Hersteller wird sie von Geburt (bei manchen Modellen bis zum zweiten Lebensjahr) als Kindersitz verwendet. Häufig endet der Gebrauch, wenn Kinder aktiv sitzen können oder der Hochstuhl die Wippe ablöst. Der Markt bietet unterschiedliche Modelle an, die mehr oder weniger geeignet sind.
Die AutositzschaleAutositzschale wird im ersten Lebensjahr zum sicheren Transport des Kindes im Auto verwendet. Sie wird vom Kinderautositz abgelöst.
Vorteile
Wippe:
  • Vereinfachung der Handhabung des Kindes beim Füttern mit der Flasche bzw. der Breikost

  • Beobachter aus erhöhter Position für Zeiten der Selbstfürsorge der Eltern (z. B. beim Essen oder im Badezimmer)

  • Bei kalten Fußböden in ungewohnter Umgebung

Autositzschale: Sie dient als sicherer Ort im Auto.
Nachteile
Wippe:
  • Kein Körperkontakt beim Füttern, fehlende Bindung, fehlendes Handling, nur Rückenlage möglich

  • Asymmetrische Körperhaltung wird gefördert.

  • Kein Bewegungsspielraum (schränkt die Motorik ein)

  • Ohne Haltegurte – Sturzgefahr

  • Überreizung durch batteriebetriebene Wippfunktion und Spielmechanismen

  • Nur für kurze Zeit als Aufenthaltsort geeignet

Autositz:
  • Keine Tragehilfe

  • Einengender Sitz

  • Wenig Bewegungsmöglichkeit

  • Kein Aufenthaltsort für zuhause

Haltung des Kindes in Wippe und Autositz
Eltern sollten auf Folgendes achten:
  • Wirbelsäule in physiologischer Haltung

  • Symmetrie

  • Keine Rumpfüberstreckung

  • Freie Kopfbeweglichkeit

  • Beckenstabilität

  • Freie Arm- und Beinbewegung

  • Geöffnete Hände

  • Mögliche Hand-Hand-/Hand-Mund-/Hand-Fuß-Mund-Koordination (1.1)

  • Kein ständiges Abstützen der Fersen

Kriterien einer guten Wippe
  • Stabile Ausführung und gute Standfestigkeit

  • Sicherung durch Gurte gegen Herausfallen

  • Verstellbare Liegeposition

  • Kein integriertes Spielzeug

  • Kein Batteriebetrieb

Kriterien einer guten Autositzschale
  • TÜV bzw. ADAC geprüft

  • Keine Unfall-Autositzschale verwenden

  • Sitzverkleinerer bei Neugeborenen und kleinen Kindern

  • Seitlich gepolsterter Kopfschutz

  • Gepolsterte Sicherheitsgurte

  • Einfache Sicherung im Auto mit dem Klicksystem

  • Anbringung entgegen der Fahrtrichtung

Merke

Wippe:

  • Ein zu langer Aufenthalt in der Wippe hemmt die natürliche Bewegungsentwicklung. Empfehlenswert sind max. 20 Minuten am Tag.

  • Die Wippe bleibt auf dem Boden (Sturzgefahr durch Hochstellen auf den Tisch).

  • Überreizung durch batteriebetriebene Schaukel-, Musik- und Spielanimation möglich.

Die Autoren empfehlen die Verwendung der Wippe bedingt für kurze Zeitabstände, das Tragen im Tuch oder in der Tragehilfe sowie das flache Ablegen auf der Spieldecke und die Bauchlage sind der Wippe vorzuziehen.

Autositzschale:

  • Die Autositzschale bleibt im Auto und wird nicht als Transportmittel (Tragemöglichkeit) verwendet, um die Bewegungseinschränkung beim Kind sowie mögliche Fehlhaltungen (auch beim Tragenden) nach dem Autofahren zu vermeiden.

  • Nicht als Kinderwagenersatz verwenden

  • Kein Spielzeug am Henkel befestigen (Überreizung)

  • Kind muss im Sitz angeschnallt werden.

  • Wechsel zum Kinderautositz: Wenn der Kopf ein Drittel über die Schale hinausragt oder das Kind schwerer ist als 9 kg.

Literatur

Hassenstein, 1973

B. Hassenstein Verhaltensbiologie des Kindes 2. A. 1973 Piper München

Hartz et al., 2018

S. Hartz U. Höwer B. Kienzle-Müller Babys im Gleichgewicht 1. A. 2018 Elsevier München

Uvnäs Moberg, 2016

K. Uvnäs Moberg Oxytocin, das Hormon der Nähe 2016 Springer Berlin, Heidelberg

Rehatechnische Hilfsmittel

Stefan Steinebach
Im deutschsprachigen Raum gibt es eine nicht offizielle, aber allgemein akzeptierte Einteilung in Reha- und OrthopädietechnikOrthopädietechnik. Zu rehatechnischen HilfsmittelHilfsmitteln gehören u. a.:
  • Gehhilfen

  • Krankenfahrzeuge (z. B. Rehawagen, Rollstühle)

  • Mobilitätshilfen (z. B. Therapiedreiräder, Lifter)

  • Krankenpflegeartikel (z. B. Pflegebetten)

  • Steh- und Sitzhilfen

Zur Orthopädietechnik gehören u. a. auch Orthesen- und Prothesenversorgungen.

Allgemeine Voraussetzungen

Hilfsmittel sind ein entscheidender Bestandteil bei der Inklusion und Integration von Menschen mit, in den meisten Fällen körperlichen Behinderungen, für eine möglichst uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (SGB IX).
Rechtliche Grundlagen im SGB V
Nach § 33 Abs. 1 haben gesetzlich Versicherte Anspruch auf Hilfsmittel, wenn sie:
  • im Einzelfall erforderlich sind,

  • den Erfolg der Krankenbehandlung sichern, einer drohenden Behinderung vorbeugen oder eine Behinderung ausgleichen,

  • kein Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens sind.

Die Hilfsmittel sind nach §12 SGB V dann zu genehmigen, wenn diese
  • notwendig,

  • ausreichend,

  • zweckmäßig und

  • wirtschaftlich sind.

Bei den privatversicherten Menschen hängen die Genehmigungskriterien vom gewählten Versicherungstarif ab.
Hilfsmittelverzeichnis
  • Das HilfsmittelverzeichnisHilfsmittelverzeichnis (HMV) wird vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SpitzenverbandGKV-Spitzenverband) erstellt.

  • Auflistung eines Großteils der auf dem deutschen Markt verfügbaren Hilfsmittel

  • Es dürfen auch Hilfsmittel genehmigt werden, die nicht gelistet sind (siehe Hilfsmittelrichtlinien).

Hilfsmittelrichtlinie
  • Die HilfsmittelrichtlinieHilfsmittelrichtlinie (HilfsM-RL) wird vom gemeinsamen Bundesausschuss (GB-A, gemeinsame Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen) erstellt.

  • Arzt als Verantwortlicher soll die Hilfsmittel nach den gesetzlichen Kriterien verordnen (HilfsM-RL §6), auf ihre Richtigkeit überprüfen und abnehmen (HilfsM-RL §9).

  • Es können Hilfsmittel verordnet werden, auch wenn diese nicht im Hilfsmittelverzeichnis stehen (HilfsM-RL §6 Abs. 5).

  • Mehrfachausstattungen (z. B. eine Sitzschale zuhause und im Kindergarten dürfen verordnet werden [HilfsM-RL §6 Abs. 8]).

Definition des Versorgungszieles
  • Nutzung des bio-psycho-sozialen Modells der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) (2.10.2)

  • Zusammenführung aller Vorgaben des Versorgungsteams: vom Patienten selbst, seiner Eltern, betreuenden Ärzten und Therapeuten, der besuchten Einrichtungen (Kindergarten, Schule, Werkstatt, Arbeitgeber), Leistungserbringer (Sanitätshaus) und Krankenkasse

  • Ziele werden schriftlich festgelegt.

Klinischer Hinweis

  • Häufig divergierende Ansprüche an das Hilfsmittel im Versorgungsteam

  • Jedes Hilfsmittel bietet sowohl Vor- als auch Nachteile.

  • Eine optimale Hilfsmittelversorgung ist nicht möglich, sondern lediglich der bestmögliche Kompromiss.

  • Keine hohe wissenschaftliche Evidenz (lediglich Practise Based), deshalb fallen Versorgungkonzepte bei gleichem Krankheitsbild häufig sehr unterschiedlich aus.

Tipps und Fallen

  • Hilfsmittel vor Kostenvoranschlagserstellung mit Patienten ausprobieren (Hersteller stellen über Sanitätshäuser Demoware zur Verfügung)

  • Rechtliche Begrifflichkeiten der Hilfsmittelversorgung helfen dabei, die Entschiedung für ein Hilfsmittel zu begründen.

  • Für Rehatechnische Hilfsmittel gibt es in Deutschland zwei Messen. Im Mai die kleinere REHAB in Karlsruhe und Ende September/Anfang Oktober die größere REHACARE in Düsseldorf. Beide bieten einen umfassenden Überblick über den Markt.

Die im Folgenden aufgeführten einzelnen Hilfsmittelkonzepte sind zur leichteren Übersicht nicht wie im HMV nach ProduktgruppenProduktgruppen (PG) aufgeteilt, sondern einzeln aufgeführt. Dabei wird sich aus Platzgründen auf die nach Ansicht des Autors wichtigsten Hilfsmittel beschränkt. Die zugehörige Produktgruppe des HMV wird in Klammern hinter jedes Hilfsmittel gesetzt.

Lagerungshilfen (PG 20)

LagerungshilfenLagerungshilfen dienen dem Lagern von Körperteilen oder dem ganzen Körper.
Beschreibung
  • Standardisiert oder individuell hergestellte Lagerungen

  • Aus unterschiedlichen Materialien

  • Einsatzbereich sowohl im Liegen als auch im Sitzen

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
Lagerungshilfen halten Körperteile oder den ganzen Körper in funktionell zweckmäßigen oder entlastenden Positionen, die ein Patient nicht selbstständig stabilisieren oder halten kann. Die wichtigsten Körperabschnitte, bei denen Lagerungshilfen eingesetzt werden, sind:
  • Bein

  • Gesäß

  • Schulter

  • Arm

  • Ganzer Körper

Indikation
Lagerungshilfen sind für alle Krankheitsbilder notwendig und zweckmäßig, bei denen:
  • im Liegen die eingenommene Lagerungsposition nicht gehalten werden kann,

  • der Patient zur Lagerung verwendete Decken/Kissen wegdrückt,

  • Körperteile nach Eingriffen oder zur Schmerzreduktion gelagert werden müssen oder

  • ein Dekubitus droht.

Zu häufigen Krankheitsbildern, bei denen Lagerungshilfen eingesetzt werden, gehören:
  • Zerebralparese, Gross Motor Function Classification System (GMFCS) IV-V (6.1)

  • Spinale Muskelatrophie I-II (6.3)

  • Muskeldystrophie (6.3)

  • Schlaganfall

  • Querschnittsyndrom (6.1.8)

Klinischer Hinweis

  • Bei stark spastischen Patienten kann eine Lagerung in Hüftbeugung den Muskeltonus senken (je mehr Beugung umso stärker).

  • Die Lagerung soll die Selbstständigkeit des Patienten möglichst wenig einschränken.

Tipps und Fallen

  • Die angedachte nächtliche Lagerung (wenn möglich) vorher ausprobieren, um zu testen, ob der Patient sie toleriert.

  • Die Lagerungsweise überdenken, wenn der Patient sie nicht akzeptiert. Mögliche Gründe dafür sind eine falsche Positionierung, das falsche Konzept oder die Lagerung an sich. Wird der Schlaf des Patienten dauerhaft und nachhaltig gestört, die Lagerung weglassen.

Grundlagen Sitzversorgungen

SitzversorgungenSitzversorgungen unterstützen Patienten bei den Funktionen, die sie selbstständig im Sitzen nicht oder nur eingeschränkt ausführen können. Sitzversorgungen gibt es für den Außen- und den Innenbereich, zum Spielen oder Duschen, zum passiven Transport oder zur selbstständigen Fortbewegung.
Eine Sitzversorgung sollte:
  • nur dort unterstützen, wo es benötigt wird und

  • so viel Bewegungsmöglichkeit wie möglich erhalten.

Abhängig von der Art und dem technischen Aufbau der Sitzversorgung können verschiedene Parameter eingestellt werden und/oder müssen beachtet werden:
  • Kantelung (Verstellung der Sitzfläche zum Boden)

  • Winkel zwischen Sitzfläche und Rückenfläche (Sitzwinkel) der Sitzeinheit

  • Sitztiefe (Länge der Sitzfläche von Kreuzbein bis Kniekehle)

  • Rückenhöhe (Länge von Sitzfläche bis Oberkante der vertikalen dorsalen Anlage)

  • Unterschenkellänge (Kniekehle bis Fuß-/Schuhsohle)

  • Beckenbreite (im Sitzen messen)

Wichtiges Zubehör für Sitzversorgungen
  • Positionierungssystem (Gurte u. ä. zum Stabilisieren von Körperabschnitten)

  • Kopfstütze (Kopfablage in unterschiedlichen Formen)

  • Fußbank (Fußablage, Aufrichtungshilfe durch Stützaktivität)

  • Abduktionskeil (zum Halten der Oberschenkel in ≥ 0°abduzierter Hüftgelenkposition)

  • Adduktionsführung (verhindern, dass Oberschenkel in Hüftgelenkabduktion fallen)

  • Rumpfpelotten (zum seitlichen Halten des Oberkörpers)

  • Therapietisch (Ablage für Gegenstände und auch Aufrichtungshilfe)

Klinischer Hinweis

  • Keine Überforderung der Patienten durch die Sitzversorgung

  • Langes, aufgerichtetes und starres Sitzen ist nicht physiologisch

  • Öffnung des Sitzwinkels (d. h. < 90°, eher Anregung der ventralen Muskelketten)

  • Kantelung Richtung Rückenlage (Entlastungsposition und Anregung der ventralen Muskelketten)

  • Kombination von Sitzfläche horizontal und Becken in Neutralstellung oder nach vorne gekippt (Anregung der dorsalen Muskelketten)

  • Oft bedeutet mehr Körperanlagefläche der Sitzversorgung weniger Einsatz von Positionierungssystemen (Kap. 10.3.4).

Tipps und Fallen

  • Bei erheblicher Streckspastik einen Sitzwinkel von > 90° testen.

  • Muss der Patient mit schlechter Kopfkontrolle permanent nach hinten gekantelt oder mit geöffneten Hüftwinkel sitzen: Kopfstütze weiter nach vorne stellen, damit der Patient eine gute Ausgangstellung zur Kommunikation hat und nicht genötigt wird, ständig zur Decke zu gucken.

  • Schwitzt der Patient viel kann als Bezug für die Sitzversorgung das sog. „Abstandsgewirk“ genutzt werden. Der Aufbau des Stoffmaterials bewirkt eine bessere Belüftung während des Sitzens.

Positionierungssysteme (PG 26)

PositionierungssystemePositionierungssysteme gehören zum meistgenutzten Zubehör. Sie können bei allen rehatechnischen Hilfsmitteln eingesetzt werden, bei denen eine zusätzliche Unterstützung in der Sagitalebene notwendig ist.
Beschreibung
  • Standardisiert oder individuell hergestellte Gurte oder Pelotten

  • Aus unterschiedlichen Materialien

  • Mögliche Einsatzbereiche:

    • Liegeversorgungen

    • Sitzhilfen

    • Stehhilfen

    • Therapieradversorgungen

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
Positionierungssysteme halten Körperteile in funktionell zweckmäßigen Positionen, die ein Patient nicht selbstständig stabilisieren oder kontrollieren kann. Durch die Zugrichtung der Gurtverläufe wirken Positionierungssysteme überwiegend in der Sagittalebene.
Die wichtigsten Körperabschnitte bei denen Positionierungssysteme eingesetzt werden, sind:
  • Becken

  • Rumpf

  • Füße

  • Kopf

Indikation
Positionierungssysteme werden bei allen Krankheitsbildern eingesetzt, bei denen es zu unerwünschten Bewegungen von unterschiedlichen Körperabschnitten kommt. Dabei können diese unerwünschten Bewegungen durch den Patienten selbst aktiv hervorgerufen werden oder passiv durch die Schwerkraft bedingt sein:
  • Das Becken rutscht (aktiv oder passiv) im Sitzen nach vorne.

  • Der Oberkörper bewegt sich (aktiv oder passiv) nach vorne.

  • Der Kopf bewegt sich (aktiv oder passiv) nach vorne.

  • Der Kopf drückt nach hinten in die Kopfstütze und schiebt damit den Oberkörper nach vorne.

  • Die Füße bewegen sich (aktiv oder passiv) aus/von der Fußauflage.

Klinischer Hinweis

  • Positionierungssysteme sollen Patienten in ihrer Funktionalität unterstützen und sie nicht behindern oder stören.

  • Die Zugrichtung der Gurte hat maßgeblichen Einfluss auf die Funktionsweise.

  • Wenn das Positionierungssystem nicht richtig anliegt, verliert es seine Funktion.

  • Hautrötungen an Körperkontaktstellen sind unbedenklich, wenn diese wieder innerhalb einer Stunde zurückgehen.

  • Die Hauptwirkung von Positionierungssystemen liegt in der Sagittalebene, für Bewegungen in der Frontalebene sind Rumpfführungspelotten maßgeblich.

Tipps und Fallen

  • Es gibt sehr viele unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Wirkprinzipien. Das vorherige Ausprobieren mittels Demoware ist eine wichtige Hilfe bei der Entscheidung.

  • Wichtig ist die richtige Größen-Proportionalität zwischen dem Positionierungssystem und der Körperregion, an der es am Patienten anliegt.

  • Das Positionierungssystem muss fest angelegt werden, wenn es seine Funktion erfüllen soll.

Therapiestühle (PG 26)

TherapiestühleTherapiestühle sind mitwachsende, standardisierte Sitzgelegenheiten für den Innenbereich.
Beschreibung
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Rahmen aus Metall und/oder Holz

  • Sitz und Untergestell bilden eine untrennbare Einheit

  • Sitz- und Rückenflächen sind gepolstert

  • Untergestell mit Transportrollen

  • Umfangreiches Zubehör anbringbar (z. B. Kopfstütze, Abduktionskeil, Oberschenkelführung, sämtliche Positionierungssysteme, Rumpfführungspelotten, Therapietisch)

  • Einsatzbereich in Räumen

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
Therapiestühle sind notwendig, um eine funktionell sinnvolle Sitzposition zu ermöglichen und zu unterstützen, wenn:
  • diese in handelsüblichen Sitzgelegenheiten nicht erreicht werden kann,

  • eine Sitzschale eine Überversorgung darstellt.

Abhängig vom Model sind folgende Parameter einstellbar:
  • Kantelung

  • Winkel zwischen Sitz- und Rückenfläche

  • Sitzhöhe am Untergestell

  • Sitztiefe/-breite

  • Rückenhöhe

  • Oberkörperbreite

  • Unterschenkellänge

Indikation
Therapiestühle sind für alle Krankheitsbilder ausreichend und zweckmäßig, bei denen:
  • eine deutliche Schwäche der Rumpfmuskulatur vorliegt,

  • eine selbstständige aufrechte und funktionell sinnvolle Sitzposition dauerhaft nicht eingenommen werden kann,

  • der Rumpf mit einem Korsett oder einer operativen Wirbelsäulenversteifung stabilisiert wird,

  • Patienten bei z. B. mentaler Retardierung eine erhebliche motorische Unruhe entwickeln und eine sichere Sitzposition benötigen.

Zu häufigen Krankheitsbildern, bei denen Therapiestühle eingesetzt werden, gehören:
  • Zerebralparese GMFCS II-III (6.1)

  • Spinale Muskelatrophie II/III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Trisomie 21 (9.1)

  • RETT-Syndrom

  • Schwere Verhaltensauffälligkeiten

Klinischer Hinweis

  • Therapiestühle werden sowohl zuhause als auch in Einrichtungen eingesetzt.

  • Ausstattungsmerkmale werden durch die körperlichen Voraussetzungen des Patienten und die räumlichen Begebenheiten des Einsatzortes bestimmt.

  • Über eine Gasdruckfeder höhenverstellbare Untergestelle sind sinnvoll, wenn sehr niedrige Positionen (zuhause mit Geschwisterkindern, im Kindergarten), aber auch hohe Sitzpositionen (zum Füttern, Spielen mit Eltern) gefordert sind. Zudem können sie den Transfer erleichtern.

Tipps und Fallen

Es gilt abzuwägen, ob ein Therapiestuhl ausreichend ist oder eher eine Sitzschale in Frage kommt.

Sitzschalen (PG 26)

SitzschalenSitzschalen bieten durch eine großflächige Körperanlage eine umfassende Unterstützung in der Sitzposition. Als sog. Sitzorthese gehören sie auch in den Bereich der Orthopädietechnik.
Beschreibung
  • Standardisiert oder individuell hergestellte Sitzhilfe

  • Korpus aus Metall (Aluminium) oder Polypropylen, früher auch GFK

  • Sitz und Untergestell sind voneinander trennbar

  • Umfangreiche Polsterung für Sitz, Rücken und Körperseitflächen

  • Für den Innen- und Außenbereich einsetzbar

  • Umfangreiches Zubehör anbringbar (Kopfstütze, Abduktionskeil, Oberschenkelführung, sämtliche Positionierungssysteme, Rumpfführungspelotten, Therapietisch, etc.)

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Sitzschalenkonzepte
Sitzschalen unterscheiden sich hinsichtlich der Herstellungsweise:
  • Nach Maß (Sitzschale wird nach den Maßen des Patienten angefertigt)

  • Nach Formabdruck (Sitzschale wird auf Basis eines Körperabdrucks des Patienten gebaut, z. B. Vakuum- oder Weichschaumabdruck)

Sitzschalen unterscheiden sich hinsichtlich der technischen Funktionen:
  • Starr (Sitzwinkel und Fußbank sind fest arretiert)

  • Beweglich (von außen einstellbar und/oder vom Patienten zu bewegen)

    • Bewegungsachsen einbaubar für z. B. Hüft- und Kniegelenksbeugung/-streckung

Funktion
Sitzschalen sind notwendig, um eine funktionell sinnvolle Sitzposition zu ermöglichen und zu unterstützen, wenn:
  • diese in handelsüblichen Sitzgelegenheiten nicht erreicht werden kann und/oder

  • ein Therapiestuhl zu wenig Unterstützung bietet.

Abhängig von der Sitzschale und ihres Untergestells sind folgende Parameter verstellbar:
  • Kantelung

  • Sitzwinkel

  • Höhen- und breitenverstellbare seitliche Rumpfführung

  • Fußbankstellung (auch einzeln) in verschiedenen Ebenen

  • Sitzhöhe am Untergestell

Indikation
Sitzschalen sind für alle Krankheitsbilder notwendig, bei denen:
  • eine erhebliche Schwäche der Rumpfmuskulatur vorliegt,

  • eine selbstständige aufrechte und funktionell sinnvolle Sitzposition dauerhaft nicht eingenommen werden kann,

  • eine (erhebliche) Körperasymmetrie besteht (z. B. bei Hüftluxation, Skoliose) und

  • unwillkürliche Bewegungen im Sitzen geführt ermöglicht werden sollen (z. B. mit einer beweglichen Sitzschale).

Zu häufigen, mit Sitzschalen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS III-V (6.1)

  • Spinale Muskelatrophie I-II (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Spina bifida (MMC) (6.1.12)

  • RETT-Syndrom

  • Mitochondriopathie

  • Hohes Querschnittsyndrom (6.1.8)

Klinischer Hinweis

  • Eine Sitzschale kann sich (insbesondere nach Formabdruck) Tonus senkend auswirken.

  • Eine Sitzschale verhindert oder korrigiert keine Skoliose.

  • Nutzung sowohl zuhause als auch in Einrichtungen oder im Außenbereich

  • Wahl des Untergestells ist abhängig vom Einsatzort

  • Spezielle Bekleidung für die Nutzung außerhalb des Hauses sinnvoll

  • Rehawagenfahrgestell als leichtes Straßenuntergestell für kleinere Schalen möglich

Tipps und Fallen

  • Ist die Sitzschale notwendig oder ein Therapiestuhl ausreichend?

  • Wenn eine Sitzschale notwendig ist, wird analysiert, ob eine starre Sitzschale den physiologischen Bedingungen und Bedürfnissen des Patienten gerecht wird.

  • Je asymmetrischer ein Patient ist, desto eher eine Sitzschale nach Formabdruck

  • Je mehr sich ein Patient unwillkürlich bewegt (Spastik, Dyskinesie), umso eher bewegliche Sitzschale konzeptionieren:

    • Drückt der Patient den Kopf nach hinten, dann eine bewegliche Kopfstütze testen.

    • Drückt der Patient den Oberkörper nach hinten, einen federgeführten Schalenrücken mit Achse durch die Hüftgelenksbeuge-/streckachse konzeptionieren.

    • Streckt der Patient beide Beine im Kniegelenk immer wieder nach vorne, eine bewegliche Fußbank mit Achse durch die Kniegelenksbeuge-/streckachse konzeptionieren (auch als Einzelaufhängung möglich, wenn sich ein Bein mehr als das andere bewegt).

    • Das alles ist auch in Kombination möglich.

Rehawagen (PG 18)

Das Hilfsmittelverzeichnis unterscheidet bei den RehawagenRehawagen zwischen RehakarrenRehakarren ₍ₓₑsee₎siehe Rehawagen₍ₓₑend₎ und Reha-BuggysReha-Buggys ₍ₓₑsee₎siehe Rehawagen₍ₓₑend₎. Der Unterschied liegt im technischen Aufbau und in der Indikationsstellung.
Beschreibung Rehakarre
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Sitz und Untergestell sind in der Regel voneinander trennbar

  • Fahrgestell ist faltbar

  • Gepolsterte Sitzeinheit (ähnlich wie konfektionierte Sitzschale), Größe anpassbar

  • Sitzeinheit auch gegen die Fahrtrichtung positionierbar

  • Umfangreiches Zubehör anbringbar (z. B. seitliche Kopfstützenpolster, Abduktionskeil, Oberschenkelführung, sämtliche Positionierungssysteme, Rumpfführungspelotten, Therapietisch, Haltebügel, Sonnen-/Regendach)

Beschreibung Reha-Buggy
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Sitz und Untergestell sind nicht voneinander trennbar.

  • Im Ganzen faltbar

  • Sitz und Rückenfläche können aus Stoff oder Metall sein.

  • Sitzeinheit nur in Fahrtrichtung positionierbar

  • Keine Kantelung einstellbar

  • Häufig keine waagerechte Sitzflächeneinstellung möglich

  • Sitzwinkel eingeschränkt verstellbar

  • Im Verhältnis zur Karre eingeschränkt Zubehör anbringbar

Funktion
Rehawagen sind zum Transport von nur eingeschränkt oder nicht gehfähigen Kindern notwendig, wenn:
  • der Transport in handelsüblichen Kinderbuggys wegen Größe oder Gewicht des Patienten nicht möglich ist

  • eine notwendige Sitzpositionierung in handelsüblichen Kinderbuggys nicht erreicht werden kann

  • die Kinder noch zu jung oder die Eltern noch nicht bereit für einen Rollstuhl sind.

Abhängig vom Model sind folgende Parameter einstellbar:
  • Kantelung

  • Winkel zwischen Sitz- und Rückenfläche

  • Sitzeinheit mit und gegen Fahrtrichtung

  • Sitztiefe

  • Rückenhöhe

  • Unterschenkellänge

Indikation
Rehakarren sind für alle Krankheitsbilder notwendig und zweckmäßig, wenn die Kinder:
  • eine schwache Rumpfmuskulatur haben

  • nicht oder nur eingeschränkt gehfähig sind

  • eine Unterstützung im Sitzen beim Transport außerhalb des Hauses benötigen.

Zu häufigen Krankheitsbildern, die mit Rehawagen versorgt werden, gehören:
  • Zerebralparese GMFCS II-V (6.1)

  • Spinale Muskelatrophie I-II (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Trisomie 21 (9.1)

  • Schwere Verhaltensauffälligkeiten

Klinischer Hinweis

  • Das Rehawagenkonzept und die Ausstattungsmerkmale werden durch die körperlichen Voraussetzungen des Patienten und durch Begebenheiten des Einsatzortes (städtisch oder ländlich) bestimmt.

  • Ein Transport gegen die Fahrtrichtung ist ggf. bei Epilepsie, Aspirationsgefahr oder autoagressivem Verhalten notwendig.

  • Je mehr Funktionen, desto mehr Möglichkeiten der Positionierung, aber auch umso schwerer im Handling im Alltag für die Betreuer.

Tipps und Fallen

  • Ist eine Rehakarre notwendig oder reicht ein Rehabuggy aus?

  • Je schwerer ein Patient betroffen ist, desto eher wird eine Karre gewählt.

  • Ist der Patient in der Lage, selbstständig einen Rollstuhl zu fahren, ggf. einen Rollstuhl testen und vom Rehawagen absehen.

Rollstühle (PG 18)

Das Hilfsmittelverzeichnis unterscheidet zwischen manuellen (handbetriebenen) und elektrischen RollstühleRollstühlen.
Bei den manuellen Rollstühlen unterscheidet man zwischen:
  • Standardrollstuhl (sehr schwer, kaum individuell einstellbar, eher zum passiven Transport)

  • Leichtgewichtsrollstuhl (etwas leichter, wenig individuell einstellbar, schwer selbstständig fahrbar)

  • Multifunktions/-Pflegerollstuhl (für schwer betroffene Patienten, hohes Rückenteil, nicht selbstständig fahrbar)

  • Adaptiv/-Aktivrollstuhl (leicht, gut individuell einstellbar)

  • Sportrollstuhl (zum Sport wie beim Rennen, Basketball, Rugby, nicht für den Alltag geeignet)

  • Strandrollstühle (zum passiven Transport, sehr breite Räder)

  • Rollstühle mit Stehvorrichtung (ermöglichen das Stehen, im Innenbereich)

  • Dusch- und Toilettenrollstühle (für den Badbereich)

Elektrische Rollstühle unterscheiden sich durch die Funktionen, die damit ausgeführt werden können:
  • Lediglich fahren

  • Höhenverstellbare Sitzeinheit

  • Verstellung des Sitzwinkels, der Kantelung, der Fußbank

  • Liege- und Stehfunktion

Beschreibung manuelle Rollstühle
  • Überwiegend standardisiertes, aber auch individuell hergestelltes Hilfsmittel

  • Rahmen aus Metall

  • Rahmen starr oder faltbar

  • Sitz und Untergestell bilden eine untrennbare Einheit

  • Sitz- und Rückenflächen mit Bespannung anpassbar oder aus Metall mit Polster

  • Unterschiedliche Größen von Antriebs- und Lenkrädern

  • Antriebsräder schräg positionierbar (sog. Sturz)

  • Umfangreiches Zubehör anbringbar (z. B. Schiebegriffe, Kopfstütze, Abduktionskeil, Oberschenkelführung, sämtliche Positionierungssysteme, Rumpfführungspelotten, Therapietisch)

  • Einsatzbereich in Räumen und draußen

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

  • Verschiedene Einhandantriebe möglich

Beschreibung elektrische Rollstühle
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Mit Front- oder Heckantrieb

  • Unterschiedliche elektrisch steuerbare Funktionen möglich:

    • Sitzhöhenverstellung

    • Kantelung

    • Rückenwinkel

    • Fußauflage

    • Liegen

    • Stehen

  • Einsatzbereich hauptsächlich draußen, aber auch drinnen einsetzbar

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

  • Verschiedene Sondersteuerungen möglich (z. B. Joystick, Blas-Saug, Bottons, Touchpad)

Funktion
Rollstühle ermöglichen Patienten eine eigenständige Fortbewegung oder den passiven Transport durch eine betreuende Person. Die Art des Antriebs ist abhängig von den funktionellen und kognitiven Fähigkeiten des Patienten.
Antrieb bei manuellen Rollstühlen:
  • Mit beiden Händen symmetrisch an den Greifreifen der Antriebsräder

  • Mit einer Hand ohne oder unter Mithilfe der zweiten, eingeschränkten Hand beim Lenken (mehrere Einhand-Antriebssysteme erhältlich)

  • Mit beiden Händen an Greifreifen mit Restkraftverstärker, Motor in Nabe

  • Mit Joystick elektrisch, Motor in Nabe

Antrieb bei elektrischen Rollstühlen:
  • Meistens mit einer Hand an einem Joystick, links, rechts, mittig eingebaut

  • Auch mit dem am besten, durch den Patienten kontrollierbaren Körperteil (z. B. mit Kopf-, Kinn-, Lippe-, Fuß-, Blas-, Saugsteuerung)

Indikation
Rollstühle sind für alle Krankheitsbilder ausreichend und zweckmäßig bei denen:
  • eine selbstständige Fortbewegung für nicht gehfähige Menschen erreicht werden soll,

  • die Gehstrecke eingeschränkt ist und die selbstständige Fortbewegung erhalten bleiben soll,

  • wegen Gehermüdung ein passiver Transport notwendig ist.

Zu häufigen Krankheitsbildern, bei denen Rollstühle genutzt werden, gehören:
  • Zerebralparese GMFCS II-III (6.1)

  • SMA II/III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Spina bifida (MMC) (6.1.12)

  • Schlaganfall

  • Querschnittsyndrom (6.1.8)

Sitzpositionierung im Aktivrollstuhl (Selbstfahrer)
Rollstuhlbreite:
  • Kinder und Jugendliche: Beckenbreite plus eine vertikal stehende Hand je Seite

  • Ausgewachsene: Rollstuhlbreite gleich Beckenbreite

Rückenhöhe: Schulterblätter frei
Patientenposition:
  • Schulterachse über der Antriebsachse (ca. 80 % des Gesamtgewichts auf den Antriebsrädern, 20 % auf den Lenkrädern)

  • Abstand von angewinkeltem Ellbogen zum höchsten Punkt vom Antriebsrad 1–2 Finger

  • Beide Parameter ermöglichen dem Patienten max. langen Kontakt der Hände an den Greifreifen und damit die energetisch sinnvolle Antriebsbewegung der Arme von möglichst weit hinten nach möglichst weit vorne.

Sitzpositionierung im Elektrorollstuhl
Alle Hersteller bieten standardisierte Sitze an. Sind diese nicht ausreichend, kann auch eine individuell angepaßte Sitzschale eingebaut werden.

Klinischer Hinweis

für manuelle und elektrische Rollstühle

  • Der Rollstuhl ist das Symbol der Behinderung (Piktogramm auf WC, Parkplatz etc.). Der Wechsel von Rehawagen auf Rollstuhl kann eine erhebliche emotionale Belastung für Eltern darstellen.

  • Manuelle Einhandantriebe sind außerhalb von Gebäuden nicht alltagstauglich.

  • Wichtig bei Restkraftverstärker ist die Fähigkeit zu bremsen, nicht das Anfahren.

  • Auch wenn ein Patient im Innenbereich gut fährt, kann für draußen ein zusätzlicher Elektrorollstuhl zur selbstständigen Teilhabe notwendig sein.

  • Auch 3-Jährige können einen Elektrorollstuhl bereits selbstständig unter Aufsicht fahren.

Tipps und Fallen

  • Kraftknotensystem zum sicheren Transport in Fahrzeugen entwickeln

  • Ein Elektrorollstuhl kommt nur in Betracht, wenn der Patient diesen ohne Fremd- und Eigengefährdung nutzen kann.

Stehhilfen (PG 28)

StehhilfenStehhilfen dienen dem Stehtraining von nicht oder sehr eingeschränkt steh- und gehfähigen Menschen.
Stehhilfen werden funktionsbedingt unterschieden zwischen:
  • Fahrbare Stehhilfe (selbstständig fahrbar durch seitlich angebrachte große Antriebsräder wie beim Rollstuhl)

  • Vertikale Stehhilfe (vertikale Positionierung des Patienten, optional mit Verstellung aus der Vertikalen nach vorne oder hinten; oder dynamisch)

  • Stehhilfen aus der Rückenlage (Positionierung des Patienten in Rückenlage, stufenlose Aufrichtung bis zur Vertikalen)

  • Stehhilfen aus der Bauchlage (Positionierung des Patienten in Bauchlage, stufenlose Aufrichtung bis zur Vertikalen)

  • Stehhilfen aus dem Sitz (Positionierung des Patienten aus dem Sitz, stufenlose Vertikalisierung bis zur Vertikalen)

Beschreibung
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Rahmen aus Metall mit Transportrollen

  • Bei schrägverstellbaren Stehhilfen zweiter Rahmen zur Lagerung

  • Bei Stehhilfen aus dem Sitz zusätzliche auffaltbare Sitzeinheit

  • Umfangreiches Zubehör anbringbar (z. B. Kopfstütze, Oberkörperstützen, Positionierungssysteme, Rumpfführungs-Beckenpelotten, Therapietisch)

  • Einsatzbereich in Räumen

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
Stehhilfen ermöglichen Patienten eine sichere und geführte Stehposition. Mit den vertikalen Stehhilfen wird das Stehen des Patienten durch das Abstützen an Becken, Knie und Ferse erreicht. In den anderen Stehhilfenkonzepten unterstützen zusätzlich die weiteren Auflageflächen.
Abhängig vom Modell sind folgende Parameter einstellbar:
  • Hüftgelenksstreckung

  • Hüftgelenksabduktion

  • Kniestreckung

  • Dreidimensionale Fußstellung

  • Tischhöhe

Indikation
Stehhilfen sind für alle Krankheitsbilder ausreichend und zweckmäßig, bei denen:
  • keine selbstständige Steh- und Gehfähigkeit gegeben ist

  • eine Knie- oder Hüftbeugekontraktur vorliegt,

  • die Spannung der Beinmuskulatur herabgesetzt werden soll,

  • verkürzte Muskulatur gedehnt werden soll,

  • durch die Entspannung der rückwärtigen und innen liegenden Oberschenkelmuskulatur deren dezentrierende Wirkung auf die Hüftgelenke vermindert werden soll,

  • einer Inaktivitätsosteoporose vorgebeugt werden soll,

  • das Herz-Kreislaufsystem angeregt werden soll,

  • der Verdauungsapparat unterstützt werden soll (Verstopfung 7.4.2),

  • die Interaktion auf Augenhöhe mit anderen Menschen ermöglicht werden soll.

Zu häufigen, mit Stehhilfen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS III-V (6.1)

  • Spinale Muskelatrophie II-III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Schlaganfall

  • Querschnittsyndrom (6.1.8)

Klinischer Hinweis

  • Die Stehdauer vom Wohlbefinden des Patienten abhängig machen (zwischen wenigen Minuten und 1–2 Stunden)

  • Je aktiver Patienten in der Stehhilfe agieren können (z. B. fahrbare Stehhilfe), umso aktiver kann die Muskelpumpe in den Beinen arbeiten (so ist längeres Stehen möglich).

Tipps und Fallen

  • Zu Beginn wird die Fußstellung unter Belastung kontrolliert. Ist eine Fußversorgung notwendig?

  • Patienten in der Stehhilfe immer beaufsichtigen.

  • Bei Stehhilfen aus dem Sitz muss kontrolliert werden, ob die Sitzeinheit ausreichend und zweckmäßig ist. Patienten sitzen hierin oft länger, als dass sie stehen (ggf. muss Sitzeinheit im Sonderbau angepasst werden).

  • Wird mehr Kniestreckung in der Einstellung gewünscht, wird erst die Spannung der Ischiocruralen Muskelgruppe getestet. Ist diese Spannung permanent, d. h. über länger als 2 Minuten andauernd, wird die Muskulatur gedehnt. Die Kniepelotten dann nicht noch mehr in die Kniestreckung schieben. Wird die Anspannung dieser Muskeln zwischendurch immer wieder weniger, bevor sie wieder fest wird, spannt der Patient aktiv an und lässt temporär locker. In diesem Fall kann noch mehr Kniestreckung eingestellt werden.

Gehhilfen (PG 10)

GehhilfenGehhilfen dienen der Unterstützung einer selbstständigen Fortbewegung von nicht oder sehr eingeschränkt steh- und gehfähigen Menschen.
Gehhilfen werden hinsichtlich ihrer Funktion unterschieden in:
  • Stöcke/Unterarmgehstützen (ein- oder beidseitig gehaltene Stütze mit bis zu 5 Auflagepunkten)

  • Anterior Walker (ist vor dem Patienten positioniert und wird von ihm geschoben)

  • Posterior Walker (ist hinter dem Patienten positioniert und wird von ihm gezogen)

  • Gehlernhilfe (umschließt Patient und ist oft mit abnehmbarem Sitz ausgestattet)

  • Schienengeführte Gehhilfe (Patient wird in SchienenapparatSchienenapparat positioniert, der dann auf rollbarem Unterbau befestigt wird)

Beschreibung
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Rahmen aus Metall

  • Mind. 4 Räder, 2 davon lenkbar

  • Unterschiedliche Abstützmöglichkeiten (Hand/Unterarm)

  • Lenkräder können festgestellt werden

  • Rücklaufsperren verhindern das Rückwärtsrollen

  • Umfangreiche Zurüstungen möglich

  • Einsatzbereich in Räumen und draußen

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
Gehhilfen bieten Patienten eine vergrößerte Unterstützungsfläche und ermöglichen dadurch die eigenständige Fortbewegung unter Voll- oder Teilbelastung des Körpergewichts. Bei StöckeStöcken sowie bei Anterior und Posterior WalkerWalkern ist eine Stützfunktion erforderlich und eine komplette Gewichtsübernahme die Regel. Bei GehlernhilfenGehlernhilfe ₍ₓₑsee₎siehe Gehhilfe₍ₓₑend₎ und schienengeführten Gehhilfen ist je nach Ausstattung und Einstellung nur eine Teilbelastung notwendig oder die komplette Entlastung möglich.
Anhängig vom Model sind u. a. folgende Parameter einstellbar:
  • Art und Höhe der Stützgriffe

  • Neigung des Rumpfes

  • Aufrichtung des Rumpfes durch Beckenpelotten

  • Vermeidung von Beinüberkreuzung durch Beinführungspelotten

Indikation
Gehhilfen sind für alle Krankheitsbilder ausreichend und zweckmäßig bei denen:
  • keine selbstständige Fortbewegung in der Vertikalen gegeben ist,

  • die Teilhabe ermöglicht und/oder erleichtert werden soll,

  • die Interaktion auf Augenhöhe mit anderen Menschen ermöglicht werden soll,

  • die Beinmuskulatur gekräftigt werden soll,

  • verkürzte Muskulatur gedehnt werden soll,

  • das Herz-Kreislaufsystem angeregt werden soll.

Zu häufigen, mit Stehhilfen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS III-IV (6.1)

  • SMA II/III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Schlaganfall

  • Multiple Sklerose

Klinischer Hinweis

  • Jede Gehhilfe hat gegenüber anderen Gehhilfen-Konzepten Vor- und Nachteile

  • Wenn sich Patienten auf den Sitz einer Gehlernhilfe setzen und sich so mit beiden Füßen abstoßen und fortbewegen, kann das zwar nicht als Gehen im eigentlichen Sinn bezeichnet werden. Es stellt jedoch eine Art der Fortbewegung dar und ist somit ggf. eine Indikation zur Verordnung.

  • Schienengeführte Gehhilfen geben guten Halt im Rumpf und eine für manche Patienten sinnvolle Beinführung über Gummizüge, die an den Schienen im Bereich der Beine befestigt sind.

  • Anterior Walker können schneller rollen als der Patient gehen kann.

  • Anterior Walker bieten keinen Schutz davor, nach hinten zu kippen.

  • Anterior Walker verlangen von allen Gehhilfenkonzepten mit Rädern die meiste Rumpfarbeit und haben deshalb möglicherweise einen höheren Trainingseffekt.

  • Posterior Walker können nur so schnell rollen wie der Patient geht.

  • Posterior Walker bieten nach hinten gute Sicherheit und nach vorne großen Handlungsfreiraum.

  • Posterior Walker haben einen geringeren Anspruch an Rumpfarbeit als der Anterior Walker.

Tipps und Fallen

  • Zu Beginn wird die Fußstellung unter Belastung kontrolliert, um zu prüfen, ob eine Fußversorgung notwendig ist.

  • Kann der Patient selbstständig Gewicht übernehmen, ist mit einem Anterior oder Posterior Walker jedoch überfordert, kann eine Gehlernhilfe mit ausgebautem Sitz in Frage kommen. Dadurch ist das Gehen mit Beinbelastung und bei sicherem Halt des Oberkörpers möglich.

  • Ist eine Hüftstreckung beim Gehen das wichtigste Versorgungsziel, kann diese am besten mit einem Posterior Walker mit Gesäßpelotte erreicht werden.

  • Sollen die Beine des Patienten mehr belastet werden, müssen die Haltegriffe höher gestellt werden. Je stärker die Ellenbogen gebeugt sind, umso größer ist der effektive Hebel auf die rückwärtige Oberarmmuskulatur, die schnell ermüdet und dann nicht mehr beinentlastend stützen kann.

Autositze (PG 26)

Behindertengerechte AutositzeAutositze gehören zu den Sitzhilfen und dienen dem sicheren Transport und der Sitzkorrektur von Patienten in Autos.
Beschreibung
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Häufig behindertengerecht modifiziertes Model von Herstellern handelsüblicher Kinderautositze

  • Positionierung mit und gegen Fahrtrichtung nur bei kleineren Kindern

  • Schalenform mit eingelegten Polstern und Stoffüberzug

  • Wenn keine Schalenform, dann mit einstellbarer Seitenführung

  • Größenverstellbar

  • Überwiegend 5-Punkt-Gurt als Körperkorrektursystem

  • 3-Punkt-Gurt des Fahrzeuges muss zusätzlich genutzt werden

  • Unterbau zum Drehen des Autositzes zur Autotür

  • Mit oder ohne ISOFIX-Arretierung

  • Sinnvoll einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Schulalter (Belastungsgrenzen 0–9, 9–18, 18–36 kg)

Funktion
Behindertengerechte Autositze gleichen ähnlich wie Sitzschalen eine deutlich eingeschränkte Rumpf- und Kopfinstabilität aus und ermöglichen so eine stabile Sitz- und Transportsituation.
Abhängig vom Model verfügen Autositze über:
  • Kantelung

  • Stufenlose Verstellung des Winkels zwischen Sitz- und Rückenfläche

  • Sitztiefenverlängerung

  • Rückenhöhe über Rückenteil oder Kopfstütze einstellbar

  • Breiten- und höhenverstellbare Rumpfführungen

  • Abduktionskeil

  • Fußbank

  • Drehadapter

Indikation
Behindertengerechte Autositze sind für alle Krankheitsbilder notwendig und zweckmäßig bei denen:
  • eine deutliche Rumpfinstabilität vorliegt,

  • keine ausreichende Kopfkontrolle vorliegt,

  • eine erhebliche Rumpfasymmetrie vorliegt,

  • ein handelsüblicher Autositz die Rumpfinstabilität nicht ausreichend kompensiert,

  • der Patient Unterstützung benötigt, aber zu schwer für handelsübliche Autositze ist.

Zu häufigen, mit Autositzen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS III-V (6.1)

  • SMA I/II/III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Trisomie 21 (9.1)

Klinischer Hinweis

  • Manche Krankenkassen übernehmen die behindertengerechte Zurüstung privat vorhandener Autositze durch ein Sanitätshaus (eingelegte Polster zur Größenanpassung).

  • Ein drehbarer Unterbau (Autositz dreht sich zur Türöffnung) kann zur erheblichen Erleichterung der täglichen Handhabung beitragen.

  • Aktuell müssen die Familien einen Eigenanteil von ca. 150€ übernehmen (Stand: 2/2018).

Tipps und Fallen

  • Können aus dem Familien- oder Freundeskreis noch Autositze nach der gültigen EU-Norm genutzt werden?

  • Der Autositz wird vorab in dem Auto getestet, in dem der Sitz später einmal vornehmlich genutzt werden soll.

  • Ist der Patient schwer betroffen, können Fußbank und Tisch als Unterstützung in Erwägung gezogen werden.

  • Wird es auf absehbare Zeit zu schwer, den Patienten im Autositz zu positionieren, wird anstelle des Autositzes ein Autoumbau oder Kauf eines behindertengerechten Autos empfohlen. Auf den Messen in Karlsruhe (REHAB) und Düsseldorf (REHACARE) oder bei Firmen, die solche Umbauten durchführen, können die unterschiedlichen Systeme begutachtet werden.

Therapiefahrräder (PG 22)

TherapieräderTherapieräder dienen der Mobilisierung der unteren Extremität und, wenn möglich, der selbstständigen Fortbewegung
Therapieräder werden nach ihrem Aufbau in Therapiedreiräder und Therapiezweiräder mit Stützrädern unterschieden.
Beschreibung
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Rahmen aus Metall

  • Größe der Rahmen abhängig von Schrittlänge des Patienten (Start bei ca. 30 cm)

  • Je nach Modell 3 oder 4 Räder

  • Bestandteile eines handelsüblichen Fahrrades (Rahmen, Lenker, Sattel, Pedale)

  • Verschiedene Antriebsnaben verfügbar

  • Umfangreiches Zubehör adaptierbar

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
Therapieräder bieten Patienten gegenüber handelsüblichen Fahrrädern eine vergrößerte Unterstützungsfläche. Im Stand ist es damit praktisch unmöglich umzukippen.
Folgende Ausstattungs- und Funktionsmerkmale können genutzt werden:
  • Ein starrer Zahnkranz setzt jede Bewegung des Patienten in die Fortbewegung des Fahrrads um. Der starre Zahnkranz ermöglicht passive alternierende Beinbewegungen.

  • Ein einstellbarer Freilauf ist hilfreich, wenn Patienten ermüden und Voraussetzung für die Nutzung eines Mitläufers.

  • Ein niedriger Einstieg vereinfacht das selbstständige Besteigen.

  • Touringlenker geben spastischen Patienten alternative Haltemöglichkeiten.

  • Eine Unterschenkelführung hält das OSG in einem 90°-Winkel.

  • Eine Fußfixierung verhindert das Abrutschen der Füße von den Pedalen.

  • Eine Sitzhose verhindert das Abrutschen vom Sattel.

  • Eine Rückenlehne mit Brustgurt stabilisiert den Oberkörper und erleichtert die Kopfkontrolle.

  • Eine Schiebestange verhilft zum passiven Schieben oder Notstopp in potenziell gefährlichen Situationen.

  • Kurbelverkürzer verringern die Amplitude zwischen Beinstreckung und Beugung. Sie verkürzen die notwendige Schrittlänge, aber auch den effektiven Hebel zur Kraftübertragung. Grundsätzlich gilt, ein größeres Fahrrad mit niedrigem Sattel ist dem kleineren Fahrrad mit hohem Sattel vorzuziehen.

Indikation
Therapieräder sind für alle Krankheitsbilder ausreichend und zweckmäßig bei denen:
  • spastische Muskulatur entspannt werden soll,

  • schwache Beinmuskulatur gekräftigt werden soll,

  • alternierende Beinbewegungen angebahnt werden sollen,

  • die Rumpfmuskulatur gekräftigt werden soll,

  • die Teilhabe ermöglicht und/oder erleichtert werden soll.

Zu häufigen, mit Therapierädern versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS III-V (6.1)

  • SMA III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Trisomie 21 (9.1)

Klinischer Hinweis

  • Aktuell werden die Kosten für Therapiefahrräder oft nur bis zum 15. Lebensjahr von der Krankenkasse übernommen, obwohl es eine Sozialrechtssprechung gibt, die älteren Patienten die Erstattung zugesprochen hat (Stand: 2/2018).

  • Aktuell müssen Familien mindestens bei einer Neuversorgung einen Eigenanteil von ca. 250 € übernehmen (Stand: 2/2018).

  • Der Eigenanteil ist keine gesetzliche Vorschrift, sondern eine Empfehlung des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung.

  • Die Schiebstange ist nicht nur starr erhältlich, sondern auch als gleichzeitige Lenksteuerung.

  • Ein Therapierad ist kein Ersatz für Physiotherapie, sondern eine Ergänzung.

Tipps und Fallen

  • Die ersten Fahrversuche mit einem starren Zahnkranz unternehmen (Pedale bewegen sich vor und zurück; Rückwärtsfahren ist möglich).

  • Ist die Amplitude zwischen Beinstreckung und -beugung für spastische Patienten zu groß, sind Kurbelverkürzer eine zweckmäßige Lösung zu ihrer Verringerung.

  • Soll ein Patient mit mangelnder Kopfkontrolle versorgt werden, dann ist eine Zurüstung mit Kopfstütze und Positionierungssystemen wie bei einer Sitzversorgung möglich.

  • !

    Kurbelverkürzer verkleinern den effektiven Hebel der Pedale, deshalb steht weniger Kraft zur Fortbewegung zur Verfügung.

Lifter (PG 22)

LifterLifter dienen dem Transfer von nicht steh- und gehfähigen Patienten.
Lifter werden hinsichtlich ihrer Funktion unterschieden in:
  • Mobile Personenlifter

  • Fest installierte Wandlifter

  • Deckenlifter

Beschreibung Mobile Lifter
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Fahrgestell aus Metall mit Transportrollen

  • Fahrgestell zu V-Form spreizbar

  • Schwenkbarer Hubarm

  • Höhenverstellung manuell über Kurbel oder elektrisch

  • Unterschiedliche Tücher nutzbar (z. B. Rücken-Sitzteil getrennt oder durchgehend)

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Beschreibung Deckenlifter
  • Standardisiertes Hilfsmittel

  • Schienensystem (an Decke oder auf Stützen befestigt)

  • Elektrisches Hebemodul (auf Schienensystem fahrbar)

  • Unterschiedliche Tücher nutzbar (z. B. Rücken-Sitzteil getrennt oder durchgehend)

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
Lifter unterstützen und entlasten Betreuungspersonen beim Transfer von nicht steh- und gehfähigen Patienten. Dabei können die Patienten für den Moment des Umpositionierens über Gurte oder Tücher in einem Lifter aufgerichtet werden oder mit dem ganzen Körper im Liftertuch liegend zum gewünschten Transferort getragen werden.
Indikation
Lifter sind für alle Krankheitsbilder notwendig und zweckmäßig bei denen:
  • die unteren Extremitäten nicht bewegt werden können,

  • eine erhebliche Kraftminderung der unteren Extremitäten gegeben ist

  • ein manueller Transfer für die Betreuungsperson nicht leistbar ist.

Zu häufigen, mit Stehhilfen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS IV-V (6.1)

  • SMA II/III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Schlaganfall

  • Querschnittsyndrom (6.1.8)

  • Multiple Sklerose

Klinischer Hinweis

  • Die Kombination von Lifter und Liftertüchern muss von den Herstellern zugelassen sein.

  • Ist ein mobiler Personenlifter zu groß für die wohnlichen Begebenheiten, sind Deckenlifter eine nutzbare Alternative. Bei Deckenliftern können bauliche Maßnahmen notwendig werden (hier immer vorher den Wohnungs-/Hauseigentümer fragen).

Tipps und Fallen

  • Mobile Personenlifter immer vorher vor Ort testen lassen

  • Betreuende Personen frühzeitig auf die Möglichkeit der Lifternutzung aufmerksam machen. Patienten werden erfahrungsgemäß zu lange und häufig getragen (ohne Rücksicht auf die körperliche Belastung der Betreuenden).

Badehilfen (PG 04) und Toilettenhilfen (PG 33)

BadehilfenBadehilfen und ToilettenhilfenToilettenhilfen dienen der Unterstützung und Sicherung aller zur Hygiene und Verdauung notwendigen Funktionen und Tätigkeiten.
Bade- und Toilettenhilfen werden nach ihrer Funktion unterschieden in:
  • Badesitze

  • Badeliegen

  • Duschhocker/Duschsitze

  • Dusch- und Toilettenstühle

  • Fahrbare Duschliegen

  • Toilettensitze

  • Toilettenstützen-und Aufstehhilfen

Beschreibung Bade- und Toilettenhilfen
  • Standardisierte Hilfsmittel

  • Einsatzbereich im häuslichen Bereich sowie in Einrichtungen

  • Umfangreiches Zubehör zurüstbar

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
Bade- und Toilettenhilfen geben dem Patienten beim Duschen und Baden oder bei den Ausscheidungsprozessen den notwendigen Halt und entlasten die betreuenden Personen.
Indikation
Bade- und Toilettenhilfen sind für alle Krankheitsbilder notwendig und zweckmäßig, bei denen:
  • eine sichere Positionierung in Dusche, Badewanne oder auf der Toilette nicht gegeben ist,

  • der Transfer in oder aus Dusche, Badewanne oder Toilette unterstützt, erleichtert oder gesichert werden muss.

Zu häufigen, mit Bade- und Toilettenhilfen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS III-V (6.1)

  • SMA II/III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Schlaganfall

  • Querschnittsyndrom (6.1.8)

  • Multiple Sklerose

Klinischer Hinweis

  • Bei kleinen Kindern sind flache Badeliegen sinnvoll, da diese den Wasserverbrauch niedrig halten.

  • Badeliegen und -sitze sollten über eine Unterschenkelauflage zum angenehmeren Positionieren verfügen.

  • Dusch- und Toilettenstühle können wie Sitzschalen über individuell einstellbare Kopfstützen, Rumpfführungen, Beinauflagen sowie verstellbare Kantel- und Hüftwinkel verfügen.

Tipps und Fallen

  • Jede Bad- und Toilettenhilfe sollte vor der Kostenvoranschlagserstellung bei der Familie oder Einrichtung getestet werden.

  • Bei den Toilettenstühlen auf die Größe des Spritzschutzes achten – je größer, umso besser.

Orthopädietechnische Hilfsmittel

Stefan Steinebach

Die OrthopädietechnikOrthopädietechnik wird in OrthetikOrthetik und ProthetikProthesen unterschieden. Bei den orthopädie-technischen Hilfsmitteln geht es entweder um die Stabilisierung und Entlastung von Gelenken (Orthetik) oder um den Ersatz fehlender Körperteile (Prothetik).

In der Orthopädietechnik gelten dieselben rechtlichen Grundlagen und Richtlinien wie in der Rehatechnik (10.3.1).

Orthetik

In den Bereich der Orthetik gehören insbesondere BandagenBandagen (PG 05), EinlagenEinlagen (PG 08), OrthesenOrthesen (PG 23 für untere/obere Extremität, Rumpf und Kopf) TherapieschuheTherapieschuhe, OrthesenschuheOrthesenschuhe und orthopädische MaßschuheMaßschuheorthopädische (PG 31).
Diese Hilfsmittel dienen der:
  • Stabilisierung

  • Entlastung

  • Stützung

  • Redression

  • Korrektur

  • Immobilisierung

  • Lagerung von jeweils betroffenen Körperteilen

Beschreibung Orthesen
  • Standardisiertes oder individuell hergestelltes Hilfsmittel

  • Individuell hergestellt nach Maß und Gipsabdruck und daraus erstelltem Formstück aus Holz oder Kunststoff (=Leisten)

  • Individuell hergestellt durch einscannen des Körperteils und anschließendem 3D-Druck eines Leistens oder des konkreten Orthesenmodels

  • Hergestellt aus unterschiedlichen Materialien wie Kunststoff (Polyethylen oder Polypropylen), Ledergießharz, Metall, Lycra und Drell

Bauweise im Bereich der Gelenkachsen
  • Starr

  • Mit Gelenk (je nach Funktion/Gewicht des Patienten ein- oder beidseitiger Einbau)

    • Passiv einstellbar

    • Aktiv vom Patienten zu bewegen

  • Gelenke sind mit und ohne mechanische Feder erhältlich.

Klassifikation Orthesen
Orthesen werden je nach Applikationsort nach der international gültigen Norm ISO 8549–3 klassifiziert, z. B.:
FO= foot orthosis= Fußorthese
AFO= ankle foot orthosis= Sprunggelenk-Fuß-Orthese
KAFO= knee ankle foot orthosis= Knie-Knöchel-Fuß-Orthese
HKAFO= hip knee ankle foot orthosis= Hüfte-Knie-Knöchel-Fuß-Orthese
FO= finger orthosis= Fingerorthese
HO= hand orthosis= Handorthese
WHFO= wrist hand finger orthesis= Handgelenk-Hand-Finger-Orthese
CO= cervical orthosis= Zervikal-Orthese
CTLSO= cervical thoraco-lumbo-sacral-orthosis= Zervikal-thorako-lumbo-sakral-Orthese
Funktion Orthesen
Orthesen werden hinsichtlich ihrer Funktion in Lagerungsorthesen (zur Schonung, Schmerzfreiheit, Kontrakturprophylaxe) und Funktionsorthesen (zum Unterstützen, Erhalten oder Erreichen von Funktion) unterschieden.
Indikation Orthesen
Orthesen können bei Bewegungsunsicherheit des Patienten oder bei postoperativem Bedarf eingesetzt werden sowie bei Gelenken, die sich kennzeichnen durch:
  • eine Instabilität,

  • eine zu hohe oder niedrige muskuläre Spannung,

  • eine Kontraktur(-neigung),

  • Schmerzen.

Zu häufigen, mit Orthesen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS II-V (6.1)

  • Spinale Muskelatrophie I-III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Idiopathische Skoliose (5.5.4)

Klinischer Hinweis

  • Hautrötungen, die innerhalb von einer Stunde nach dem Ausziehen der Orthese wieder zurückgehen, sind unbedenklich.

  • Orthesen sollten nicht funktionell einschränken (Teilhabe-Orientierung 2.10.2).

  • Eine möglichst einfache Handhabung ist für die Alltagstauglichkeit und Akzeptanz von großer Bedeutung.

  • !

    Entsteht beim Drücken auf eine Rötung keine Hautverfärbung, darf die Orthese nicht mehr angezogen werden. In diesem Fall Arzt, Therapeut oder Techniker informieren und Änderung oder Neubau der Orthese veranlassen.

Tipps und Fallen

  • Es ist hilfreich, unterschiedliche Orthesenkonzepte, die nicht mehr von Patienten getragen werden können, zu sammeln. Sie können dazu genutzt werden, sie anderen Patienten zu demonstrieren oder an ihnen auszuprobieren.

  • Stört eine Nachtlagerungsorthese nachhaltig den Schlaf, dann die Orthese oder das Konzept ändern. Möglicherweise muss sie sogar weggelassen werden.

  • Der jährliche Kongress „OT World“ in Leipzig vermittelt einen umfassenden Überblick über den Markt orthopädietechnischer Hilfsmittel.

Untere Extremität (PG 23/31)

Im Bereich der unteren Extremität werden EinlagenEinlagen (PG 08), OrthesenOrthesen (PG 23) sowie TherapieschuheTherapieschuhe und Orthopädische MaßschuheMaßschuheorthopädische (PG 31) eingesetzt. Sie dienen der Versorgung der Zehengelenke, der unteren und oberen Sprunggelenke sowie Knie- und Hüftgelenke.

Beschreibung Einlagen (PG 08)

  • Standardisiertes oder individuell hergestelltes Hilfsmittel

  • Herstellung nach Trittschaum-Abdruck, Blauabdruck, Scannen, Schuhgrößenmessung

  • Einlagen können in Konfektions- oder Therapieschuhen genutzt werden

  • Wichtige Parameter: Material, Ausformung und Position der medialen Abstützung, bei Bedarf kontralaterale Abstützung zur Stabilisierung des Fersenbeins, Vorfußpronation oder-supination, Rückfußabduktion- oder -adduktion , Streckstufe bei Hohlfuß(-komponente), Absenkung des Zehenstrahls, Zehenbank

Funktion
Einlagen dienen der Korrektur einer unphysiologischen Zehen-oder Fußfehlstellung. Den größten Einfluss üben Einlagen auf das untere Sprunggelenk aus.
Indikation
Einlagen können bei folgenden Indikationen eingesetzt werden:
  • Zehenfehlstellung

  • Knick-Senkfuß (5.4.4)

  • Spitzfuß (idiopathisch/neurologisch leichte Form) (5.4.3)

  • Leichter Hohlfuß mit ausreichender Stabilität im unteren Sprunggelenk (5.4.6)

Klinischer Hinweis

  • EinlagenEinlagen gehören nach ISO 8549–3 als FO (Fußorthese) zu den Orthesen.

  • Der Schweißabdruck und Staub auf der Einlagenoberfläche geben Aufschluss über die Belastungszonen der Einlage beim Gehen.

  • Zum Ausmaß der Ausformung der einzelnen Bauparametern (u. a. Vor- und Rückfußstellung, Position und Höhe der Unterstützung des medialen Längsgewölbes, Notwendigkeit einer Zehenbank) sollten der verordnende Arzt und die betreuenden Physiotherapeuten eine dezidierte Meinung haben und diese mit dem Orthopädietechniker diskutieren.

Tipps und Fallen

  • Einlagen sind dann sinnvoll, wenn keine schwerwiegende Fußfehlstellung vorliegt und der Fuß manuell redressiert werden kann.

  • Zu den Fußfehlstellungen, bei denen Einlagen als Hilfsmittel ausreichen können, gehören z. B. der idiopathische Spitzfuß, spastische Spitzfüße im Anfangsstadium und leichte Formen des Knick-Senkfußes.

  • Eine Schaumstoffeinlage kann ihre Wirkung am ehesten bei Schuhen mit verstärkten Fersenkappen und Schuhinnenseiten entfalten.

  • Bieten Konfektionsschuhe zu wenig Stabilität, Therapieschuhe versuchen

Beschreibung Orthesen untere Extremität (PG 23)

  • Standardisiertes oder individuell hergestelltes Hilfsmittel

  • Individuell hergestellt (überwiegend nach Gipsabdruck als Basis für Leistenbau, auch durch einscannen des Körperabschnitts und anschließendem 3D-Druck eines Leistens oder des konkreten Orthesenmodells)

  • Hergestellt aus unterschiedlichen Materialien wie Kunststoff (Polyethylen oder Polypropolen) mit zusätzlichem Innenpolster oder Faserverbundwerkstoffe

  • Wichtige Parameter: Höhe der Versorgung (AFO/KAFO/HKAFO), Bedarf für Gelenkeinbau, Ausformung der Fußauftrittsfläche (siehe Parameter bei Einlagen)

Funktion
  • Korrektur einer unphysiologischen/pathologischen Bein- und/oder Fußfehlstellung, die mit einer Einlage nur unzureichend versorgt wäre

  • Erhalten eines OP-Ergebnisses

  • Fixierung zur Post-OP Ruhigstellung

  • Schonhaltung bei Schmerzen

  • Bettung einer nicht mehr zu korrigierenden Fußstellung

Indikation Funktions-Orthese
Funktions-OrthesenOrthesen können bei folgenden Indikationen eingesetzt werden:
  • Zehenfehlstellung

  • Klumpfuß (5.4.1)

  • Spitzfuß (idiopathisch/neurologisch) (5.4.3)

  • Knick-Senk/Plattfuß (5.4.4)

  • Hackenfuß (5.4.5)

  • Hohlfuß mit Instabilität im unteren Sprunggelenk (5.4.6)

  • Genu Recurvatum (5.3.3)

  • Kauergang (Gang mit Hüft- und Kniebeugung und Hüftgelenkinnenrotation)

Indikation Lagerungs-Orthese
Lagerungs-Orthesen können bei folgenden Indikationen eingesetzt werden:
  • Erhebliche Zehenfehlstellung

  • Erheblicher Spitzfuß (idiopathisch/neurologisch)

  • Kontraktur oder erhebliche Muskeltonuserhöhung der ischiocruralen Muskelgruppe, Hüftgelenks-Adduktoren oder Hüftgelenk-Beugern

  • Schmerzen bei Bewegung

  • Notwendigkeit der Gelenkschonung

Klinischer Hinweis

  • Wadenhohe Orthesen sollten im Kniegelenk eine Beugung über 90° ermöglichen, ohne in der Kniekehle zu drücken.

  • Je schwerer die Orthese, umso eher könnte es passieren, dass Patienten im Gang in die Hüftinnenrotation kompensieren.

  • Bei einer Tendenz beim Gehen, die Beine zu überkreuzen, ist eine einseitige Gelenk-Versorgung im Bereich der Außenknöchel in Erwägung zu ziehen, um Gelenkberührungen bei den Innenknöcheln zu vermeiden.

  • !

    Bei der Versorgung von Gelenken mit mehrgelenkiger Muskulatur können sich ungewollte, kompensatorische Bewegungen ergeben.

Tipps und Fallen

  • Bei der Entscheidungsfindung für eine Orthese Patienten barfuß und mit freien Knien (ggf. in einem Stehtrainer) hinstellen.

  • Das Maß der beobachteten Fußfehlstellung bestimmt die Auswahl des Orthesenkonzepts. Einige Beispiele:

    • Gerade noch manuell zu korrigierender Klumpfuß: mindestens knöchelhohe Unterschenkelorthese

    • Noch gut zu korrigierender idiopathischer Spitzfuß: Einlage (z. B. Pyramideneinlage)

    • Bereits kontrakter, mühsam zu korrigierender spastischer Spitzfuß: Wadenhohe Unterschenkelorthese

    • Weicher, gut zu korrigierender Knick-Senkfuß bei Trisomie 21: Einlage (z. B. sensomotorisch)

    • Erheblicher Knick-Senkfuß bei guter Mobilität: knöchelhohe Unterschenkelorthese mit monolateralem Gelenk an der Orthesenaußenseite

    • Hypertoner Knick-Senkfuß bei Spastik: wadenhohe Unterschenkelorthese

    • Hackenfuß: wadenhohe Unterschenkelorthese

    • Genu recurvatum: Fersenkeile werden in unterschiedlichen Höhen getestet oder/und vorgefertigte Karbonorthese mit ventraler Anlage.

    • Kauergang: wadenhohe Unterschenkelorthese ohne oder mit Gelenk (jedoch eingeschränkte Beweglichkeit in die Dorsalextension) zur Unterstützung/Entlastung der kniestreckenden Muskulatur

Beschreibung Therapieschuh und Orthesenschuh

  • Standardisierte Schuhe

  • Als geschlossener Schuh, offene Sandale oder als gefütterter Winterschuh erhältlich

  • Unterschiedliches Außenmaterial und Zurichtungen möglich (z. B. Sohlenverbreiterung/Schleppenabsatz)

Funktion
Therapieschuhe dienen der Aufnahme einer Einlage oder wirken in den Fußlängsachsen korrigierend (Antivarus). Orthesenschuhe hingegen dienen der Aufnahme einer Orthese.
  • !

    Beide Schuharten gibt es als gefütterten Winterschuh und in Sandalenform.

Tipps und Fallen

Sinnvoll sind leichtgewichtige Modelle, die einen einfachen Einstieg ermöglichen, der bei Orthesenschuhen auch von hinten möglich ist.

Beschreibung orthopädischer Maßschuh

  • Individuell hergestellt nach Gipsabdruck und Leisten

  • Überwiegend geschlossener Schuh

  • Außenmaterial überwiegend Leder

  • Verschluss über Schnürung oder Klett

  • !

    Eine bis zu den Zehen reichende Öffnung erleichtert das Anziehen.

Funktion
  • Korrektur einer unphysiologischen/pathologischen Fußfehlstellung

  • Erhalten eines OP-Ergebnisses

  • Schonhaltung bei Schmerzen

  • Bettung einer nicht mehr zu korrigierenden Fußstellung

Indikation
Orthopädische MaßschuheMaßschuheorthopädische können eingesetzt werden bei:
  • Knick-Senk/Plattfuß (5.4.4)

  • Spitzfuß (5.4.3)

  • Teilamputationen im Bereich des Fußes

Klinischer Hinweis

Orthopädische Maßschuhe können äußerlich sehr individuell gestaltet werden. Ist eine freie Bewegung im oberen Sprunggelenk erwünscht, ist die Versorgung ungeeignet, da in orthopädische Maßschuhen keine Gelenke eingesetzt werden können.

Obere Extremität

Orthesen der oberen Extremität versorgen die Finger-, Hand-, Ellbogen- und Schultergelenke.
Beschreibung Orthesen
  • Standardisiert oder individuell hergestelltes Hilfsmittel

  • Individuell hergestellt überwiegend nach Gipsabdruck als Basis für Leistenbau, auch durch einscannen des Körperabschnitts und anschließendem 3D-Druck eines Leistens oder des konkreten Orthesenmodells

  • Hergestellt aus unterschiedlichen Materialien (Kunststoff: Polyethylen oder Polypropolen, Karbon oder Leichtmetallstreben mit Stoff oder Schaumstoff-Innenpolstern oder Silikon)

  • Wichtige Parameter: Länge der Versorgung (FO/WO/WHO/EO/EWHO/SO/SEWHO, 10.4.1), Notwendigkeit von Gelenkeinbau (wenn ja, dann: ein oder zwei Gelenke pro Orthesenseite, mit oder ohne begrenztem Bewegungsumfang, mit oder ohne Federführung/-widerstand), Ausformung und Position von Daumen und Fingern

Funktion Orthese
  • Korrektur einer pathologischen Finger-, Hand-, Ellbogen- oder Schulterstellung

  • Erhalten eines OP-Ergebnisses

  • Schonhaltung bei Schmerzen

Indikation Funktions-Orthese
Funktions-Orthesen können eingesetzt werden zur Verbesserung der Greiffunktion und/oder zur passiven Stabilisierung einer nicht aktiv zu erreichenden Handgelenkstellung.
Indikation Lagerungs-Orthese
Lagerungs-Orthesen können bei folgenden Indikationen eingesetzt werden:
  • Fingerbeuge- oder Streckkontrakturen

  • Handgelenkbeuge- oder Streckkontrakturen, Ellbogengelenkbeuge- oder Streckkontrakturen

  • Schmerzen bei Gelenkbewegung

  • Notwendigkeit der Gelenkschonung

Klinischer Hinweis

  • Das Tragen der Orthese darf für den Patienten keine Qual sein. Deshalb wird die für den Patienten akzeptable Korrektur gewählt.

  • Im Finger-Hand-Bereich kann Silikon als weiches und leicht zu reinigendes Material für Funktionsorthesen in Erwägung gezogen werden.

  • Besteht eine Finger-/Handfehlstellung, die sich ohne muskulären Widerstand (ohne Kontraktur) redressieren lässt, ist in der Regel keine Orthesenversorgung notwendig.

Tipps und Fallen

  • Eine große Auflagefläche mit einem langen Hebel kann unnötigen Druck vermeiden.

  • Endgradige Korrekturen sind für Patienten zu unangenehm.

  • Bei der Versorgung über mehrere Gelenke hinweg, wird der noch akzeptable Kompromiss zwischen den bestmöglichen und aktuell erreichbaren Gelenkstellungen angestrebt.

Rumpforthesen

RumpforthesenOrthesenRumpf werden als Hilfsmittel an den Rumpf des Patienten angepasst. Dazu gehören u. a. KorsettKorsette, MiederMieder, Softorthesen.
Beschreibung
  • Standardisiertes oder individuell hergestelltes Hilfsmittel

  • Herstellungsweise über Gipsabdruck oder Scannen des Kopfes

  • Nach den Maßen/Werten Leistenbau oder Fräsen eines Rumpfmodells

  • Aus unterschiedlichen Materialien: z. B. Korsett außen aus Kunststoff (Polyethylen oder Polypropolen) mit Innenpolsterung oder Schaumstoff (Softbrace), Mieder aus Stoff (z. B. Drell – mit/ohne Verstärkungen aus Kornitstäben), Softorthesen aus Lycra

  • Überwiegend den Rumpf umschließend mit Verschluss an Rumpfvorderseite durch Schnürung oder Klett

  • Unterschiedliche Höhe der Rumpfumfassung (SIO/LSO/TLSO/CO/CTO/CTLSO 10.4.1)

Funktion
Rumpforthesen können über die körpernahe Anlage je nach Aufbau:
  • den Tonus der Rumpfmuskulatur beeinflussen (erhöhen oder erniedrigen),

  • Gelenke, Muskeln und Bänder entlasten,

  • Fehlstellungen korrigieren.

Indikation
Rumpforthesen sind bei allen Krankheitsbildern einsetzbar, die sich kennzeichnen durch:
  • sehr schwache Rumpfmuskulatur,

  • eingeschränkte Kopfkontrolle,

  • skoliotische Fehhaltung,

  • Skoliose >20° n. Cobb und schnelle Progredienz (5.5.4),

  • Lordose (5.5.3),

  • Kyphose (5.5.3),

  • Wirbelsäulentumore und die Gefahr der Knochensinterung,

  • Wirbelsäulenfrakturen,

  • Schmerzen, verursacht durch Wirbelsäulenstellung (z. B. Bandscheibenprolaps oder -protrusion, Spinalkanalkompression, Spondylolisthese),

  • dystone Bewegungsmuster (6.1).

Zu häufigen mit Rumpforthesen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Zerebralparese GMFCS IV–V (6.1)

  • Spinale Muskelatrophie I–III (6.3.1)

  • Muskeldystrophie (6.3.2)

  • Idiopathische Skoliose (5.5.4)

  • M. Scheuermann (5.5.5)

Klinischer Hinweis

  • Rumpfwickel mit elastischer Binde können dazu dienen, die Wirksamkeit der Rumpfkompression zu testen (z. B. bei Überlegungen zu Softorthesen).

  • Ein Korsett kann keine neurogene Skoliose aufhalten (unbalancierte, d. h. durch seitenungleiche zu schwache oder zu hohe Muskelkräfte bedingte Skoliose)

  • Korsette sollten für die bestmögliche Wirksamkeit 23 Stunden am Tag getragen werden.

  • !

    Bei der Beurteilung von Wirbelsäulenfragen bei CP-Patienten kann die Wirbelsäulenampel hilfreich sein (eine von Kinderorthopäden veröffentlichte Orientierungshilfe zur Behandlungsstrategie).

Tipps und Fallen

  • Mieder oder Korsett sollten ca. 2 Finger Abstand zur Achsel haben und ohne Druck auf den Oberschenkel auszuüben, eine 90° Hüftgelenksbeugung zulassen.

  • Bei Patienten mit Spinaler Muskelatrophie kann bei noch geringer skoliotischer Fehlhaltung ein Boston Softbrace in Erwägung gezogen werden (rohrartig geformtes Korsett aus weicherem Material).

  • Bei starker Progredienz frühzeitig eine Wirbelsäulen-Spezialklinik aufsuchen.

Kopforthesen (PG 23/99)

KopforthesenOrthesenKopf (PG 23) oder Kopfschutzhelme (PG 99.17.01.0.) sind den Schädel umschließende Hilfsmittel.

Beschreibung

  • Standardisiertes oder individuell hergestelltes Hilfsmittel

  • Umfasst den gesamten Kopf mit Aussparungen an den Ohren

  • Herstellungsweise über Gipsabdruck oder Scannen des Schädels

  • Nach den Maßen/Werten Leistenbau oder Fräsen eines Schädelmodells

  • Aus unterschiedlichen Materialien (Außenmaterial aus Kunststoff, Stoff oder Leder)

  • Jeweils mit Schaumstoffpolsterung

  • Verschluss unterhalb des Kinns

  • Einsetzbar vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter

Funktion

Kopforthesen und KopfschutzhelmeSchutzhelme werden überwiegend zum Schutz des Schädels eingesetzt. Im Säuglingsalter können Kopforthesen zur Wachstumslenkung bei Schädelasymmetrien (Brachio- und/oder Plagiozephalus 5.5.2) genutzt werden.

Indikation

Kopforthesen und Kopfschutzhelme sind bei allen Krankheitsbildern einsetzbar, die sich durch folgende Aspekte kennzeichnen:
  • Fehlende Stützreaktionen

  • Häufiges, unvorhergesehenes Fallen

  • Schädelasymmetrie (nur bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum 13.–14. Monat) (5.5.2)

Zu häufigen, mit Kopforthesen und Kopfschutzhelmen versorgten Krankheitsbildern gehören:
  • Epilepsie (6.1.10)

  • Z. n. Schädel-OP (Kraniotomie/Kranioektomie/Kraniosynosthesen)

  • Erheblicher Brachio- und/oder Plagiozephalus (bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum 13.–14. Monat) (5.5.2)

Klinischer Hinweis

  • Außenmaterial und Polsterstärke hängen bei Kopfschutzhelmen von der Größe der möglichen Gefährdung ab.

  • Die Kosten eines Helmes zur Wachstumslenkung werden unabhängig vom Lebensalter bei der Versorgung nur selten von der Krankenkasse übernommen.

Tipps und Fallen

Nach dem 13.–14. Monat macht eine Kopforthese zur Wachstumslenkung bei Schädelasymmetrien wegen des langsameren Wachstums kaum noch Sinn.

Prothetik (PG 24)

Bei ProthesenProthesen handelt es sich um einen künstlichen Ersatz von Körperteilen, die genetisch bedingt nicht angelegt oder durch Erkrankung oder Trauma entfernt, zerstört oder verloren wurden. Da sich Prothesen im Bereich der Hilfsmittelversorgung außerhalb des Körpers befinden, spricht man von ExoprothesenExoprothesen ₍ₓₑsee₎siehe Prothesen₍ₓₑend₎. Prothesen wie künstliche Knie- oder Hüftgelenke werden als EndoprothesenEndoprothesen ₍ₓₑsee₎siehe Prothesen₍ₓₑend₎ bezeichnet, weil sie sich im Körper befinden. Prothesen können zudem auch über eingebaute Computer-Chips oder über muskuläre Impulse gesteuert werden (Myoprothetik).
Beschreibung
  • Individuell hergestelltes Hilfsmittel

  • Aus unterschiedlichen Materialien

  • Einsetzbar vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter

Funktion
(Exo-)Prothesen dienen z. B. dem funktionellen Ersatz eines oder mehrerer Körperteile. Sie können auch als optische Angleichung an das noch vorhandene kontralaterale Körperteil oder an ein gewünschtes Äußeres dienen.
Die wichtigsten Körperteile bei denen (Exo-)Prothesen eingesetzt werden, sind die unteren Extremitäten (Vor- und Mittelfuß, Fuß, Knie, Hüfte, Bein), Augen, Brust, Kopf oder die oberen Extremitäten Arm und Hand.
Indikation
(Exo-)Prothesen können bei einem oder mehreren fehlenden Körperteilen eingesetzt werden, wenn diese einen funktionellen oder optischen Gewinn für den Patienten darstellen und die Teilhabe dadurch erleichtern.

Klinischer Hinweis

Ein fehlendes Körperteil erfordert nicht notwendigerweise den Einsatz einer Prothese. Der funktionelle oder optische Gewinn für die Teilhabe steht bei der Versorgung im Vordergrund.

Tipps und Fallen

Bei Kindern mit beidseitiger Oberschenkelamputation werden nicht nur lange Oberschenkelprothesen mit Unterschenkel- und Fußteil eingesetzt, sondern zusätzlich auch kurze Prothesen in Erwägung gezogen (Fußprothese direkt an Oberschenkelstümpfe). Es entsteht durch die Absenkung des Körperschwerpunktes eine größere Standsicherheit. Diese Ausgangsposition erleichtert häufig das Erlernen des Gehens.

Literatur

Holtz, 1997

R. Holtz Therapie- und Alltagshilfen 1997 Pflaum München

Bröxkes and Herzog, 2004

S. Bröxkes U. Herzog Rollstuhlversorgung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen 2004 Eigenverlag des DRS.e.V Köln/Hennef

Herz et al., 2016/2017

D. Herz U. von Deimling B. Vehse Die Wirbelsäulen-Ampel – Ein Instrument der Früherkennung von Wirbelsäulen-Deformiäten bei Cerebralparesen (CP) Kinder- und Jugendarzt 2016/2017 853 858 12/16 + 17/17

Steinebach, 2007

S. Steinebach Teamarbeit als Bedingung für Hilfsmittelversorgung. Praxis in der Kinder-Reha Sonderausgabe Spezial Themenheft 2007 23 28

Steinebach, 2007

S. Steinebach Hilfsmittelversorgung von cerebralparetischen Patienten im Erwachsenenalter Medizin für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung 4 2007 60 63

Steinebach, 2007

S. Steinebach Hilfsmittel bei Bewegungsstörungen 71 2007 praxis Pädiatr 409 422

Steinebach, 2009

S. Steinebach Sitzen und Positionieren in der Kinderrehabilitation Orthopädietechnik 60 2009 92 98

Steinebach, 2007

S. Steinebach Steh- und Gehversorgung in der Kinderreha. Praxis in der Kinder-Reha Spezial Themenheft: 2009 4 2007 73 78

Internetadressen

Gesetze

Gesetze http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/

Hilfsmittelrichtlinie

Hilfsmittelrichtlinie https://www.g-ba.de/downloads/62-492-1352/HilfsM-RL_2016-11-24_iK-2017-02-17.pdf

Hilfsmittelverzeichnis

Hilfsmittelverzeichnis https://hilfsmittel.gkv-spitzenverband.de/hmvAnzeigen_input.action

Helmtherapie

Helmtherapie http://www.dgspj.de/wp-content/uploads/service-stellungnahme-helmtherapie-2012.pdf

Rehadat Literatur

Rehadat Literatur https://www.rehadat-literatur.de/de/hilfsmittel/index.html?suchbegriffe=hilfsmittel&connectdb=veroeffentlichungen_result&infobox=%2Finfobox1.html&serviceCounter=1&wsdb=LIT&from=1

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