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B978-3-437-45417-2.00003-9

10.1016/B978-3-437-45417-2.00003-9

978-3-437-45417-2

Abb. 3.1

[H010]

Überblick Bobath-Konzept

Abb. 3.2

[L231]

Gleichgewicht „Hands On“ – „Hands Off“

Abb. 3.3

[O1071]

Fazilitation im Stand am Klavier bei einem 6-jährigen Mädchen „Hands On“

Abb. 3.4

[O1071]

Tonusaufbau und Aktivierung der Rumpfstabilisation auf der schrägen Ebene „Hands Off“

Abb. 3.5

[P497]

a/b/c Fazilitationsmöglichkeiten der Bauchlage im Säuglingsalter

Abb. 3.6

[L286]

RK: die Körperseiten werden nach der Drehung des Kopfes benannt

Abb. 3.7

[L286]

Neun Auslösezonen zur Aktivierung des RK

Abb. 3.8

[L286]

RU: Körperseiten werden nach der Drehung des Kopfes benannt

Abb. 3.9

[L286]

Die Brustzone liegt im sechsten bis achten Interkostalraum

Abb. 3.10

[L286]

RU2 Seitenlage mit den Zonen: Spina iliaca anterior superior und dem medialen Rand der Scapula

Abb. 3.11

[G707]

Repetitive Mobilsation des rechten Iliosakralgelenks

Abb. 3.12

[G707]

Behandlung von Mobilitätsstörungen am Magenkorpus

Abb. 3.13

[O1073]

Global Listening

Abb. 3.14

[O1073]

Untersuchung Sutura cruciata

Abb. 3.15

[P498]

Packegriff aus der BGM

Abb. 3.16

[P498]

Ausstreichung der Interkostalräume

Abb. 3.17

[L143]

Dreibogige Skoliose: frontale Haltungsabweichung

Abb. 3.18

[L143]

Vierbogige Skoliose: frontale Haltungsabweichung

Abb. 3.19

[T857]

Übung an der Sprossenwand in a) ASTE und b) ESTE

Abb. 3.20

[T857]

Muskelzylinder in Seitlage

Abb. 3.21

[R237]

Dehnung der medialen Muskulatur der Fußsohle. Die mediale Hand fixiert die Ferse, laterale Hand umfasst den medialen Fußstrahl und dehnt in Richtung funktioneller Länge. Der Fuß-Hüft-Diagnostik Griff ist mit dem „Therapiegriff“ identisch.

Abb. 3.22

[R237]

Griffvariante bei kleineren Säuglingen in der Bauchlage.

Abb. 3.23

[R237]

Beim älteren Kind sitzt der Therapeut hinter dem Kind, der Fuß wird von der Ferse bis zum Großzehengrundgelenk gedehnt

Beispiele für Techniken – Einsatz der Hände

Tab. 3.1
Technik Ziel
Zug Bewegungsrichtung, Verlagerung von Körpergewichten
Druck Gelenkstabilisation, Bewegungshalt, Sicherheit
Vibrationen Verstärkung der Berührungsempfindung
Halt geben Begrenzung der Bewegung
Führen Bewegungserfahrung, Hilfe bei der Durchführung einer Handlung
Positionieren Veränderung der Unterstützungsfläche, Alignment schaffen

Fähigkeiten und Schwierigkeiten im Bereich Handlung und Bewegung erfassen

Tab. 3.2
Beobachtungsbereiche Beschreibung
Alltagsbewältigung – Aktivität/Handlungsfähigkeit ICF-Ebene: Aktivität/Partizipation 2.10.2
  • Handlungsfähigkeit bei der Auseinandersetzung mit sich, Gegenständen, Personen, im Spiel

  • Selbstständigkeit in der Alltagsbewältigung: Essen und Trinken, An- und Auskleiden, Spiel, Sauberkeitsentwicklung, Pflege

  • Fortbewegung, Transfer

  • Variabilität, Tempo und Ausdauer der Handlungen

Sensomotorik/Bewegungsanalyse ICF-Ebene: Struktur/Funktion 2.10.2
  • Haltungskontrolle, Muskeltonus, Gelenkbeweglichkeit und -stabilisation, Sensorik

  • Bewegungsstrategien im Hinblick auf Unterstützungsfläche, Stützpunkte, Körperschwerpunkt (und -verlagerung), Alignment, Bewegungsplanung

  • Koordination von Bewegungen

  • Fehlstellungen, Deformitäten

Möglichkeiten der Gelenkbehandlung

Tab. 3.3
Repetitive Mobilisation (Abb. 3.11) Mehrfache Wiederholung des Joint play (2.5).
Beim Säugling sollte der Behandler am Ende des Joint play an der Barriere verharren und das Release abwarten, erkennbar am weichen Endgefühl.
PIR (Postisometrische Relaxation), identisch mit ME (Muscle Energy) Bei dieser Art der Mobilisation wird der oft störende Muskeltonus der antagonistischen Muskulatur unmittelbar nach deren Anspannung reduziert.
Ablauf der Behandlung:
    • Phase 1: Anspannung gegen minimalen Behandlerwiderstand in der freien Bewegungsrichtung (ca. 10 Sekunden)

    • Phase 2: Entspannung. Der Behandler führt das Segment in die gestörte Richtung bis an die Barriere heran und verharrt bis zur fühlbaren Entspannung.

    • Mehrfache Wiederholung bis das weiche Endgefühl erreicht ist.

Bei kooperativen Kindern können die Blickwendung und/oder die Ein- und Ausatmung zu Hilfe genommen werden.
Funktionelle Behandlung Indirekte myofasziale Technik: Der Behandler stellt das Gelenk oder Wirbelsegment in die spannungsfreieste Position ein (sog. „Ease“-Stellung) und wartet das sog. „Release“ ab. Hierbei werden alle Bewegungsachsen, Ein- und Ausatmung, sowie Kompressions- und Traktionsrichtung berücksichtigt.
Manipulation Mit geringer Kraft, mit großer Geschwindigkeit, präzise gezielt, wird ein Impuls am gestörten Gelenk durchgeführt mit dem Ziel, die Gelenkfunktion schnell wieder herzustellen. Zum derzeitigen Zeitpunkt (2018) ist für Physiotherapeuten in Deutschland diese Behandlung auf die Extremitätengelenke beschränkt.

Muskelbehandlung nach Befund (2.5)

Tab. 3.4
Befund Behandlung
Hypertoner Muskel (Muskel nicht genügend verlängerbar)
  • PIR Technik mit allen 3 Phasen

  • Erfordert eine Kooperation des Kindes (ab 4. Lebensjahr möglich)

  • Vor diesem Lebensalter ist eine Positionierungstechnik in Annäherung von Ursprung und Ansatz des Muskels erfolgreich.

Reversibel verkürzter Muskel
  • Kräftige Dehnung des Muskels in Verlängerungsstellung unmittelbar nach maximaler Anspannung (bei Kindern Ausnahmefall, da schmerzhaft)

Irreversibel verkürzter Muskel
  • Ärztliche Maßnahmen, z. B. operative Korrekturen

Triggerpunkt PIR-Behandlung, sie erfordert in diesem Fall eine so geringe Kraft, dass eine Blickwendungs-Fazilitation ausreicht. Diese Blickwendungshilfe ist nur anwendbar:
  • Bei kooperativen Kindern, frühestens ab 5. Lebensjahr

  • Bei Behandlung in Höhe der Hals- und Brustwirbelsäule

Das Ergebnis ist eine tastbare Entspannung der Muskelfasern.
Sehr kleine Kinder ohne Möglichkeit der Kooperation sind mit Positionierungtechnik zu behandeln (Annäherung von Ursprung und Ansatz des Muskels).
Abgeschwächter Muskel Isometrische Einzelbeübung zur Kräftigung

Häufige Indikationen zur Atemtherapie

Tab. 3.5
Prophylaktisch Bei bestehender Sekretproblematik
Immobilisation, z. B. post-OP Mukoviszidose (7.3.1)
Zwangsweise/verordnete Bettruhe Zilien-Dysfunktion
Immunschwache Kinder (z. B. HIV, hämatologisch-onkologische Kinder, u. a.) Asthma Bronchiale (7.3.2)
Zu flache Atmung oder intubierte Kinder Frühgeborene (4.1)
Intubierte Kinder
Bronchitis, Pneumonie (7.3.3)

Die Entwicklung der sensorischen Integration erfolgt auf vier Ebenen (n. Kesper 2002)

Tab. 3.6
Neurale Ebene
  • Aufnahme und Einordnung von Empfindungen und Reizen im zentralen Nervensystem

  • Ausstattung mit frühkindlichen Reflexen und Entwicklung kortikal gesteuerter Strukturen (Stütz- und Haltereaktionen)

Sensorische Ebene
  • Registrieren, Sortieren, Koordinieren, Hemmen, Verstärken und Vernetzen der Sinneseindrücke

Kognitive Ebene
  • Bewerten, Verstehen, Planen von adäquaten und intentionalen Handlungen (Problemlösen)

Motorische Ebene
  • Die Gesamtheit der Bewegungen, Haltung, Mimik und Gestik, Sprache und Schrift

Störungsbilder und deren Auffälligkeiten

Tab. 3.7
Psychomotorische Unruhe Psychomotorische Hemmung Psychomotorische Ungeschicklichkeit
Ständiger Bewegungsdrang
Hyperaktivität
Fehlender Bewegungsdrang Unkoordinierte, ungezielte Bewegungen
Mangelnde Kraftdosierung Verzögerte und verkrampfte Bewegungen Assoziierte Reaktionen (Mitbewegungen)
Nicht angepasste Mimik und Gestik Ängstliches Verhalten und übertriebene Vorsicht Mangelnde Kraftdosierung
Emotionale Ausbrüche, z. T. mit stark körperbetontem/aggressivem Verhalten Vermeidungsverhalten Unbeholfenes Umgehen mit Materialien und Werkzeugen
Eingeschränkte Ausdauer- und Konzentrationsfähigkeit Mangelnde Aufrichtung (in sich gesunken)
Geringes Anpassungsvermögen in Gruppen
Gefahren werden nicht richtig eingeschätzt

Psychomotorische Erfahrungsbereiche und Techniken

Tab. 3.8
Körpererfahrung Materialerfahrung Sozialerfahrung
→ Ich-Kompetenz → Sach-Kompetenz → Sozialkompetenz
Wahrnehmung und Erleben des eigenen Körpers (Differenziertes Körperschema) Auseinandersetzen mit der Umwelt (Raum, Zeit, verschiedene Materialen)
Sammeln materieller Erfahrungen (mit Materialien bauen und konstruieren)
Raumorientierung und Raumwahrnehmung
Mit anderen kommunizieren (verbal, über Gestik, Mimik und Bewegung)
Sinneserfahrungen (Basale Stimulation, Basissinne, Fernsinne) Regeln aufstellen, einhalten und variieren
Erfahren der körperlichen und emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten Anpassen an verschiedene Materialien und deren Eigenschaften Erfahren von Nähe und Distanz
Aufbau von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein Erkunden, Erlernen und Experimentieren über Ausprobieren, Fehler machen, Wiederholen und Variieren Kooperation und Konkurrenz mit anderen Personen/in der Gruppe
Miteinander arbeiten, gegenseitige Hilfe
Entwicklung der eigenen Persönlichkeit Erfahren physikalischer Gesetzmäßigkeiten (Schwerkraft, Rollen, Gleiten, Widerstand) Möglichkeiten des menschlichen Umgangs erfahren (Zuhören, Blickkontakt)

Auszüge der FußentwicklungFußentwicklung im Rahmen der posturalen Ontogenese 1.1

Tab. 3.9
Globales Muster Einstellung der Füße
Primitives Strampeln Ferse noch vermehrt in Eversion
Assoziiertes Greifen der Füße Mittelstellung von Vorfuß und Ferse Entwicklung zur Supination
Hand-Fuß-Mund-Kontakt Rotationsmaximum der Hüften
Füße in max. Supination
Seitlage mit vor dem Körper aufgestelltem Fuß
Einbeinkniestand
Gewölbestruktur wird ohne Belastung für den Stand vorbereitet.
Vertikalisierung Vermehrte Haltearbeit
Aktivierung der Pronatoren
Freies Laufen Abwechselnde Be-und Entlastung beider Fußstrahlen
Verwringung durch Pronation Vorfuß und Supination Rückfuß als Voraussetzung für altersentsprechende Gewölbeaufrichtung bei funktioneller Länge, Höhe und Breite des Fußes
Zehenstand Die Gewölbestruktur wird gekräftigt, sehr gutes „Fußtraining“

Zwei Gruppen von Fußdeformitäten nach Zukunft-Huber

Tab. 3.10
Bezeichnung Abweichung musk. Verkürzung Folgen
Gruppe 1
Sichelfuß
Klumpfuß
Zur Knie-Unterschenkel-Fuß-Achse in
Adduktion,
Innenrotation
Varusstellung der Ferse
M. flexor digitorum longus, M. flexor hallucis longus, M. tibialis post., M. triceps surae, M. tibialis ant., M. flexor hallucis brevis, M. abductor und adductor hallucis M. flexor digitorum brevis, M. quadratus plantae mit Plantaraponeurose Überdehnung des lat. Fußstrahles
Verkürzung des med. Strahles mit einer tiefen Hautfalte,
Varusstellung der Ferse,
Spitzfuß
Gruppe 2
Kongenitaler Plattfuß (Talus vertikalis)
Pes abductus
Pes valgus (leichte Form)
Hacken-Knick-Fuß
spastischer Knick-Senk-Fuß
Zur Knie-Unterschenkel-Fuß-Achse
Abduktion
Valgusstellung,
z. T. auch Steilstellung der Ferse
M. peroneus longus und brevis,
M. tibialis ant., M. extensor hallucis longus, M. tricepssurae
Überdehnung des med. Fußrandes
Verkürzung des lat. Fußrandes
Valgusstellung und Hochstand der Ferse

Therapiegriffe in Rückenlage

Tab. 3.11
Ziel Durchführung
Dehnung der medialen Muskulatur der Fußsohle Mediale Hand fixiert die Ferse und hält den Fußrücken senkrecht zum Os pubis
Laterale Hand umfasst den med. Fußstrahl seitlich und dehnt diagonal bis zum Großzehengelenk in Richtung funktioneller Länge
Korrektur des medialen Fußstrahls in Abduktion und Plantarflexion Laterale Hand fixiert Ferse und korrigiert Varusstellung
Mediale Hand umfasst den medialen Fußrand, das Naviculare und Cuneiforme mit den drei Phalangen und dehnt in Richtung Großzehengelenk, in Richtung plantare Abduktion
Korrektur der funktionellen Fußlänge Laterale Hand bleibt, Daumen der med. Hand dehnt die med. verkürzten Strukturen Richtung M. flexor hallucis brevis. Fuß wird entfaltet, es kommt zu einer Parallelstellung des medialem und lateralen Strahls.

Therapiegriffe in Bauchlage

Tab. 3.12
Ziel Durchführung
Dehnung der kontrakten Vorfußmuskulatur Das Bein wird außenrotiert und abduziert, Ober-und Unterschenkel liegen aneinander, der lat. Fußrand bildet eine Linie mit der Analfalte.
Die mediale Hand hält die Ferse in Mittelstellung unterhalb des Malleolus internus, die laterale Hand umfasst von kaudal den medialen Fußstrahl und dehnt die Fußmuskulatur in Richtung Großzehenstrahl und Plantarflexion. Medialer und lateraler Fußstrahl müssen bei der Traktion parallel zueinander stehen.
Korrektur des Vorfußes mit angewinkeltem Unterschenkel Der Oberschenkel liegt auf der Unterlage, das Knie wird 90° gebeugt. Die kraniale Hand fixiert den Rückfuß zwischen Daumen und Zeige-/Ringfinger, die kaudale Hand umfasst den med. Fußstrahl (die ersten 3 Zehen bis zum Os naviculare). Die mediale Fußsohlenmuskulatur wird medial von der Ferse diagonal in Richtung Großzehe gedehnt.
Korrektur der Tibiainnenrotation mit Dehnung der Zehen ASTE wie beim vorherigen Griff.
Fuß wird jetzt aber in Abduktion, rechtwinklig zur Tibia eingestellt.
Die kaudale Hand fixiert den Unterschenkel und hält den Fuß von der Ferse in Abduktion, die kraniale Hand umfasst mit dem Daumen die Zehen und dehnt in diese Richtung senkrecht zu den Phalangen.

Physiotherapeutische Konzepte in der Pädiatrie

  • 3.1

    Bobath-Therapie Stephanie Burgenger86

  • 3.2

    Vojta-Therapie Heidi Orth94

  • 3.3

    Manuelle Therapie Irmgard Seifert103

  • 3.4

    Osteopathische Befunderhebung und Therapie Antje Lange107

  • 3.5

    Atemtherapie Michael Jung112

  • 3.6

    Sensorische Integration Danielle Thieme117

  • 3.7

    Psychomotorik Stephanie Burgenger120

  • 3.8

    Castillo Morales Konzept Heidi Orth122

  • 3.9

    Dreidimensionale Skoliosebehandlung nach Schroth Petra Auner-Gröbl125

  • 3.10

    Fußbehandlung nach Zukunft-Huber Frauke Mecher130

  • 3.11

    Tiergestützte Therapie Maike Heidtmann136

  • 3.12

    Hippotherapie Maike Heidtmann137

  • 3.13

    Vibrationsplattentraining Iris von der Lippe139

  • 3.14

    Elastisches Taping Birgit Kumbrink141

Ute Hammerschmidt, Janine Koch

Kinder sind keine kleinen Erwachsene. Deshalb ist es für die Behandlung von Kindern von großer Bedeutung, sich durch gezielte pädiatrische Weiterbildungen dafür zu qualifizieren.

Dieses Kapitel zeigt einige der Möglichkeiten auf, sich im deutschsprachigen Raum fort zu bilden. Dabei besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Bobath-Therapie

Stephanie Burgenger

Die Bobath-TherapieBobath ist ein ganzheitliches Konzept auf neurophysiologischer Grundlage, welches 1940 von Dr. Karel und Bertha Bobath entwickelt wurde. Es ist ein sich stetig weiter entwickelndes Konzept. Heute wird es als problemlösender bewegungstherapeutischer Ansatz zur Behandlung von Erwachsenen und Kindern mit motorischen und sensorischen Beeinträchtigungen angewendet.

Das BobathBobath Konzept stellt einen Ansatz zur Befunderhebung, Therapie und Hilfe für die Bewältigung des Alltags dar.

Ziele
Das vorrangigste Ziel der Bobath-Therapie ist es, die größtmögliche Selbstständigkeit des Kindes im Alltag zu erreichen. Dabei soll die Bobath-Therapie das Kind unterstützen, sich gemäß seiner Fähigkeiten und Ressourcen optimal zu entwickeln und diese zu nutzen.
Auf dem Weg zur größtmöglichen Unabhängigkeit sind folgende Nahziele von Bedeutung:
  • Erweiterung von Bewegungs- und Handlungsspielraum

  • Anregung motorischer Lernprozesse

  • Normalisierung der Eigenwahrnehmung und der Wahrnehmung seiner Umwelt

  • Harmonisierung von Bewegungsabläufen durch Tonusregulation

  • Umsetzung von erlernten Bewegungsmustern in den Alltag, um eine soziale Integration und Partizipation zu erreichen

  • Vermeidung von Kontrakturen des Muskel-Bindegewebssystems

  • Vermeidung von Fehlhaltungen (z. B. Asymmetrien, Skoliose)

  • Vermeidung von Kompensationen

  • Verringerung von assoziierten Reaktionen und Bewegungen

  • Hilfe beim Einsatz technischer/orthopädischer Hilfsmittel zur Förderung der Selbstständigkeit (Heranführen, Anpassung und Anleitung)

Indikationen
Bei Kindern mit angeborenen und erworbenen zentralen Bewegungsstörungen stellt die Bobath-Therapie einen zentralen Bestandteil der Behandlung dar. Läsionen des ZNS führen zu abnormen Bewegungs- und Haltungsmustern, die in der Bobath-Therapie über den neurophysiologischen Behandlungsansatz beeinflusst werden können. Da es eine Vielzahl von zentralen Bewegungsstörungen in der Pädiatrie gibt, wird im Folgenden exemplarisch auf einzelne Störungsbilder eingegangen, die für die Bobath-Therapie indiziert sind.
  • Angeborene Schädigungen und Funktionsstörungen

    • Infantile Zerebralparese (6.1)

    • Fehlbildungen des ZNS (u. a. Spina bifida, 6.1.12)

    • Genetische Syndrome, die zu motorischen und/oder sensorischen Funktionsstörungen führen (9)

  • Erworbene Schädigungen und Funktionsstörungen

    • Schädel-Hirn-Trauma (6.6)

    • Entzündliche Vorgänge (wie Enzephalopathie und hypoxische Schädigungen)

    • Raumfordernde Prozesse (wie bei Tumoren [8.3] und Apoplexien)

  • Frühgeborene (4)

  • Entwicklungsverzögerungen unklarer Genese

  • Zentrale Koordinationsstörungen 6.1.1

  • Tonusstörungen

  • Lageasymmetrien/Schiefhaltungen 5.5.2

  • Skoliosen 5.5.4

Kontraindikationen
Kontraindikationen sind lediglich schwere akute, vor allem infektiöse Erkrankungen. Hier könnte eine Überforderung des Kindes stattfinden und die Grunderkrankung negativ beeinflusst werden.
Grundlagen
In der Bobath-TherapieBobath existieren grundlegende Prinzipien, nach denen die Therapie aufgebaut ist (Abb. 3.1).
Die Prinzipien in der Kindertherapie richten sich auf ein sich noch entwickelndes Gehirn:
  • Prinzip der Komplexität der Bewegungsgestaltung:

    Die Auswahl der Therapiegestaltung richtet sich nach den individuellen Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten und den Interessen des Kindes.

  • Prinzip der Selbstorganisation des Menschen in der Bewegungs(mit)gestaltung:

    Das Kind gestaltet die Therapie aktiv mit, Bewegungen werden vom Kind initiiert.

  • Prinzip der Anpassungsentwicklung an Umweltanforderungen:

    Die Bewegungsentwicklung steht in enger Wechselwirkung mit anderen Entwicklungsbereichen, die sich gegenseitig beeinflussen und eine stetige Anpassung an die Umwelt erfordern.

  • Prinzip des Bewegungslernens:

    Die Anwendung von Bewegungsaufgaben, die das Kind in seinem Alltag nutzt und lernt, gilt es zu variieren.

  • Prinzip der Individualisierung in der Bewegungstherapie:

    Nach diesem Prinzip wird individuell auf die Fähigkeiten, Schwierigkeiten und Bedürfnisse des Kindes eingegangen und die Therapiemethoden darauf ausgerichtet.

  • Prinzip der Lebensweltorientierung:

    Die Therapie muss für den Alltag des Kindes von Bedeutung sein. Sie wird sowohl vom Kind als auch von den Bezugspersonen mitbestimmt. Es kann außerdem sinnvoll sein, die Therapie in der häuslichen Umgebung, Schule, im Kindergarten oder in der Freizeit stattfinden zu lassen.

  • Prinzip der konzeptuellen Beziehung zwischen Befundung und Therapiepraxis:

    Die stetige Wechselwirkung zwischen Befund und Behandlung beinhaltet einen regelmäßigen Rebefund, der sich wieder auf den Therapieplan auswirkt.

  • Prinzip des Integrieren von Bewegungs- und Handlungsziel:

    Jede Bewegung dient dazu, eine Handlung auszuführen. Vor diesem Hintergrund muss jedem Bewegungsziel auf Funktionsebene ein Handlungsziel auf Aktivitäts- und Partizipationsebene übergeordnet sein (2.10.2).

  • Prinzip der kooperativen Bewegungsgestaltung:

    Eine kooperative Beziehung zwischen Therapeut und Kind ermöglicht erst die optimale Entfaltung des Kindes. Dabei ist nicht nur ein Miteinander wichtig, bei dem auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen wird, sondern auch die Fachkenntnis des Therapeuten.

  • Prinzip der interdisziplinären Zusammenarbeit:

    Nach diesem Prinzip arbeiten alle beteiligten fachlichen Kompetenzen interdisziplinär an einem Ziel zusammen.

Merke

Ein wesentlicher Bestandteil der Bobath-Therapie ist die Zusammenarbeit mit den Eltern und Bezugspersonen sowie ihre Anleitung, die erlernten Bewegungsabläufe in den Alltag zu integrieren.

Techniken
Die FazilitationFazilitation ist ein Schlüsselbegriff im Bobath-Konzept. Sie bezeichnet zum einen das therapeutische Vorgehen und zum anderen eine Technik, welche die Handlungen des Kindes unterstützen soll. Hier wird die vom Kind initiierte Bewegung unterstützt und damit sowohl der Bewegungs- als auch der Handlungsspielraum vergrößert. Assoziierte Bewegungen oder Kompensationen werden dabei verringert.
Die Fazilitation ist eine Interaktion zwischen Kind und Therapeut: Je mehr sich das Kind aus eigener Kraft bewegen kann, desto weniger unterstützt er es in seiner Bewegung. Außerdem reagiert das Kind auf die vom Therapeuten ausgelösten Bewegungen. So entstehen über geführte und unterstützende Bewegungen schließlich selbstständige Bewegungen, bei denen das Kind seinen Bewegungsentwurf eigenständig verwirklicht.
Die Anwendung findet sowohl über Personen als auch über die Umfeldgestaltung, Gegenstände und Hilfsmittel statt.
Jeder Behandlungsansatz orientiert sich an Aufgaben, die eine Rolle im Alltag des Kindes spielen. Diese Aufgaben können vom Kind selbst oder von seiner Umwelt gestellt werden (Eltern, Angehörige, Kindergarten, Schule, etc.).
Techniken, die von Personen durchgeführt werden
Fazilitation
Bei der Fazilitation werden sowohl der Körper als auch die Hände des Therapeuten eingesetzt, um die Bewegungen des Kindes zu begleiten und die Haltungskontrolle zu unterstützen (in verschiedenen Positionen, bei Positionswechseln und in der Fortbewegung).
Einsatz der Hände des Therapeuten
Die Hände des Therapeuten begleiten die Bewegungen des Kindes und unterstützen die Haltungskontrolle in verschiedenen Positionen, bei Positionswechseln und in der Fortbewegung (Abb. 3.2).

„Die Kunst ist nicht die Hand am Patienten zu haben, sondern sie im richtigen Moment wegzunehmen!“

(B. Bobath)

  • Über die Fazilitation können Bewegungen eingeleitet, geführt und unterstützt werden (Tab. 3.1, Abb. 3.3).

  • Dosierung, Tempo, Ausmaß der Hilfe und Wahl der zu unterstützenden Körperteile sind dabei abhängig von den Fähigkeiten/Schwierigkeiten des Kindes. Sie müssen individuell und stetig angepasst werden.

Körpereinsatz des Therapeuten
  • Er ist abhängig vom Alter und der Konstitution des Kindes und des Therapeuten.

  • Die Positionierung des Therapeuten ist auf die erwartete Handlung ausgerichtet.

  • Der Körpereinsatz des Therapeuten unterstützt die Handlung/Bewegung, um das Ziel zu erreichen.

Einsatz von Stimme und Kommunikation
  • Verbale und nonverbale Kommunikation (z. B. wenig verbale Kommunikation, um die Konzentration beim Spiel zu halten und nicht abzulenken)

  • Stimmlautstärke und -farbe beeinflussen die Handlung (z. B. wirkt eine laute deutliche Stimme aktivierend)

Techniken durch Umfeldgestaltung, mit Gegenständen oder Hilfsmitteln
  • Einsatz von Spielzeug, Alltagsgegenständen und Werkzeugen

  • Gegenstände wie Polster, Stühle, Tische, Kisten oder Schubladen schaffen Stütz- und Haltemöglichkeiten, die dem Kind die Bewegung erleichtern.

  • Die Beschaffenheit und Eigenschaft der Gegenstände (leicht, schwer, glatt, rau, etc.) wirken auf das Kind auf unterschiedliche Weise. Sie können die Aktivität erschweren, herausfordern, erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen (Abb. 3.4).

Handling
HandlingHandling ist die therapeutische Handhabung in alltäglichen Situationen des Kindes. Mit Hilfe von Fazilitation und Umfeldgestaltung soll die Selbstständigkeit des Kindes im Alltag unterstützt werden. Hierbei ist es entscheidend, dass das Handling auch von Eltern und Bezugspersonen erlernt wird, sodass es nicht nur im therapeutischen Kontext stattfindet (Abb. 3.5). Das Handling kann u. a. in folgenden Situationen Anwendung finden:
  • Lagerung des Kindes in verschiedenen Ausgangspositionen

  • Hochnehmen und Ablegen

  • Tragevariationen (10.1)

  • Wickeln, An- und Auskleiden, Baden

  • Essenssituationen

  • Selbstversorgung

  • Spiel

Durchführung
Nach dem Bobath-KonzeptBobath erfolgt die Behandlung nach folgenden Punkten organisiert:
  • Befunderhebung

  • Behandlungsplanung

  • Behandlung

  • Re-Befund und Reflexion

  • Anpassung der Behandlung

Befunderhebung
Neben der allgemeinen physiotherapeutischen Befunderhebung 2 gibt es einige wichtige Aspekte bei der Befunderhebung in der Bobath-Therapie:
  • Erfassen der Fähigkeiten und Schwierigkeiten (Tab. 3.2, 2.10.2)

    • Kind und Bezugspersonen definieren Schwierigkeiten und Interessen im Alltag

    • Bedürfnisse des Kindes werden durch Beobachtung und Stellungnahme des Kindes oder seiner Bezugspersonen interpretiert

    • Handlungs- und Bewegungsanalyse

  • Familienanamnese

  • Umwelt- und personenbezogene Faktoren – Umfeldanalyse

Zusätzlich sollte neben den oben genannten Diagnosen auf Auffälligkeiten und Symptome in den entwicklungsneurologischen Untersuchungen geachtet werden 2.8. Sie geben Hinweise auf eine Indikation für eine physiotherapeutische Behandlung nach Bobath:
  • Auffälligkeiten des Muskeltonus, der Muskelkraft, Muskeleigenreflexe, Körperhaltung, Funktion der Hirnnerven

  • Bewegungsarmut

  • Teilnahmslosigkeit

  • Übererregbarkeit

  • Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus

  • Ess- und Trinkstörungen

  • Auffälligkeiten der automatischen und primären Reaktionen/Reflexe (2.8.1)

  • Mangelnde Variationen bzw. stereotype Bewegungsabläufe

  • Asymmetrien, Fehlhaltungen und Überstreckung des Rumpfes/Kopfes

  • Auffälligkeiten in der verbalen und nonverbalen Kommunikation, in der Interaktion mit anderen Personen 2.11

Behandlungsplan
Nach der Befundaufnahme folgt das Festlegen des Behandlungsplanes. Dieser beinhaltet:
Therapieziel
  • Handlungsziel auf Ebene der Aktivität und Partizipation in Absprache mit dem Kind/den Bezugspersonen

  • Fachspezifische Ziele auf Ebene der Körperfunktionen und -strukturen (Erreichung des Handlungszieles)

  • Vereinbarung realistischer Ziele mit festgelegtem Zeitrahmen

Therapeutisches Vorgehen
  • Festlegen, welche Techniken für welche Situation in Frage kommen

  • Abstimmen von Therapiedauer und -frequenz

Behandlung
Dem Behandlungsplan entsprechend werden nun zielführende Techniken ausgewählt, die dem Kind die größtmögliche Selbstständigkeit ermöglichen. Therapieinhalte müssen in den Alltag des Kindes integriert werden, sodass das Bobath-Konzept nicht nur in der Therapieeinheit wirksam wird, sondern im gesamten Alltag des Kindes.
Um den Handlungsspielraum und die Selbstständigkeit des Kindes zu erweitern, müssen gezielte Bewegungen erlernt werden. Hier stehen bewegungsanalytische Aspekte im Vordergrund, damit Bewegungen und damit auch Handlungen ermöglicht werden können:
Ausgangsstellung
  • Welche Unterstützungsfläche ist sinnvoll? (je höher die Ausgangsposition, desto geringer die Unterstützungsfläche und desto größer die Anforderung an die posturale Kontrolle)

  • Welche Beschaffenheit dient als Unterlage? (weiche, labile Unterlagen erschweren die Bewegung, harte, stabile Unterlagen machen eine Bewegung deutlicher spürbar)

Bewegung initiieren
  • Von wem kommt die Bewegungsinitiative? (Gibt das Kind bereits die Bewegungsrichtung an, begleitet und unterstützt der Therapeut die Bewegung. Kann das Kind die Bewegung nicht initiieren, tut dies der Therapeut und eine Reaktion des Kindes darauf ab.)

  • Einsatz von Gegenständen/Spielzeug, die das Kind motivieren und die Bewegung unterstützen (z. B. eine Schublade mit Spielzeug, wobei die Schublade als Stützpunkt genutzt werden kann und das Spielzeug das Interesse des Kindes weckt)

Bewegung begleiten
  • Verlagerung von Körperschwerpunkten damit Körperteile frei für die Bewegung werden

  • Anbieten von Stützpunkten und Hilfen bei der Anordnung, sodass eine stabile Gewichtsverlagerung möglich ist

  • Einstellen eines sinnvollen Alignments, um Bewegungen ökonomisch durchzuführen

  • Konzentrische/exzentrische Muskelarbeit unterstützen

  • Kraftdosierung und Tempo anpassen

  • Reaktionen des Kindes abwarten

Fortlaufend werden Informationen, individuelle Fähigkeiten und Anliegen des Kindes und der Bezugspersonen aufgegriffen und in die Therapie integriert (2.10.2). Die Überprüfung der Ziele und notwendiger Anpassungen erfolgt regelmäßig.
Beratung und Anleitung der Eltern, Bezugspersonen und des Kindes
  • Aufzeigen von möglichen Zielen und Grenzen der Therapie

  • Weitere Therapiemöglichkeiten in Betracht ziehen (wie ärztliche Untersuchungen, Ergotherapie, Logopädie, Frühförderung)

  • Hilfsmittelversorgung und Begleitung bei der Auswahl und Anpassung von orthopädischen Hilfsmittel, um die Mobilität und Selbstständigkeit im Alltag zu verbessern

  • Anleitung von Fazilitation im Alltag (Abb. 3.5): Wie unter Handling beschrieben, spielt die Anleitung von Bezugspersonen eine wesentliche Rolle, um Unterstützung und Hilfestellungen nicht nur in der Therapieeinheit, sondern im Alltag des Kindes zu integrieren.

Die Auswahl der Techniken zur Anleitung richtet sich nach:
  • den Fähigkeiten und Schwierigkeiten des Kindes,

  • dem Interesse zum Behandlungszeitpunkt,

  • der allgemeinen Fähigkeit aufmerksam zu sein,

  • der Motivation des Kindes/mentale Situation des Kindes,

  • dem Alter des Kindes,

  • der Bewegungsfreude des Kindes,

  • der Fähigkeit Abläufe zu widerholen und

  • der Umsetzungsfähigkeit in einer veränderten Situation.

Literatur

Karch et al., 2004

D. Karch E. Boltshauser G. Göhlich-Ratmann G. Gross-Selbeck J. Pietz H.G. Schlack Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage nach Bobath und Vojta bei Kindern mit zerebralen Bewegungsstörungen 2004 Novaris Pharma Verlag Nürnberg

Ritter et al., 2014

G. Ritter A. Welling G. Eckhardt Die 10 Prinzipien des Bobath-Konzepts in der Entwicklungsneurologie und Neurorehabilitation 2. Auflage 2014 Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands e. V. Castrop-Rauxel

Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands e. V. Bewegung und Entwicklung. Seßlach-Autenhausen, 2010

Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands e. V. Bewegung und Entwicklung. Seßlach-Autenhausen, 2010.

Viebrock and Forst, 2008

H. Viebrock B. Forst Therapiekonzepte in der Physiotherapie Bobath 2008 Georg Thieme Verlag Stuttgart

Vojta-Therapie

Heidi Orth

Die VojtaVojta-Therapie ist ein zentraler Bestandteil des Vojta-Prinzips, sie kann grundsätzlich in jedem Alter eingesetzt werden, hat jedoch als Frühtherapie in den ersten sechs Lebensmonaten (große Plastizität des ZNS) besondere Bedeutung. Der Vojta-Therapie liegen differenzierte Beobachtungen physiologischer Gesetzmäßigkeiten zugrunde. Sie sind standardisiert und dienen als Maßstab zur Beurteilung der Qualität der Motorik und des Behandlungsfortschritts.

Dem Vojta-Prinzip werden neben der Therapie die Beschreibung der idealen motorischen Entwicklung und die Diagnostik zugeordnet. In der Diagnostik hat die Frühdiagnostik einen besonderen Stellenwert.

Entwicklung
Vojta erkannte folgende Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten:
  • Zielorientierte Bewegungen sind abhängig von Muskelaktivitäten, welche die Haltung und Aufrichtung sichern, damit Fortbewegung zu einem Ziel möglich wird.

  • Dieses Aufrichtungs- und Fortbewegungsprinzip ist als artspezifische Option angeboren und etabliert sich in der individuellen Entwicklung (Ontogenese).

  • Das Aufrichtungs- und Fortbewegungsprinzip ermöglicht im Regelfall freies Gehen in den ersten 18 Lebensmonaten.

  • Der Muskeltonus steht in direktem Zusammenhang mit den Haltungs- und Bewegungsabläufen des gesamten Körpers.

  • Die aktive Bewegung zeigt immer das gesamtkörperliche Zusammenwirken (globales Muster), sie läuft niemals nur als einzelnes Element (Teilmuster) ab.

  • Die Fähigkeit des Aufstehens und Gehens erfolgt in der ontogenentischen Differenzierung über das Stützen der Arme und das Greifen der Hände.

Merke

Globales Muster Globales Muster

Bedeutet grundsätzlich, dass bei jeder Bewegung das gesamte Innervationsgebiet des Organismus angesprochen wird (System der Willkürmotorik, autonomes Nervensystem, Sensorik).

In der Therapie zeigt sich das globale Muster in seiner sensomotorischen Ausprägung als Antwort auf die afferenten Reize über die Ausgangsstellung (ASTE) und die Auslösezonen. Das globale Muster besteht aus vielen Teilmustern, die immer in ihrer wechselseitigen Funktion gesehen werden müssen (z. B. Teilmuster Arm/Hand in Bezug zu Haltung Wirbelsäule/Rumpf).

Klinischer Hinweis

Bei hirnorganischen Störungen ist die spontane Ausführung der Bewegung eingeschränkt. Sie folgt dennoch dem phylogenetisch angelegten Prinzip der Aufrichtung. Aus Einschränkung resultiert die krankhaft gestörte Motorik.

Lokomotionskomplexe
Vojta entdeckte zwei Grundmuster, die einem sich wiederholenden Ablauf (Zyklus) folgen und zur LokomotionLokomotion (Fortbewegung) führen:
  • ReflexkriechenReflexkriechen (RK)

  • ReflexumdrehenReflexumdrehen (RU)

RK und RU bilden jeweils einen sogenannten „Lokomotionskomplex“ (=Reflexlokomotion).
Beide Lokomotionskomplexe werden aus definierten ASTE über empirisch gefundene Auslösezonen aktiviert (InputInput). Die ASTE trägt zur differenzierten Aktivierung des ZNS bei und ermöglicht dadurch die spezifischen Effekte bei der Stimulierung der Auslösezonen.
An der jeweiligen Mustergestaltung sind beteiligt:
  • das gesamte neuronale Netzwerk,

  • der gesamte Bewegungsapparat und

  • das viszerale System, insbesondere die bindegewebigen Strukturen (Faszien).

Merke

Die Muster des RK und RU werden für den Patienten unwillkürlich, quasi reflektorisch verfügbar gemacht und sind reproduzierbar.

Durch die Therapie werden Bewegungsantworten aktiviert, die alle Bewegungselemente sichtbar machen, die dem Individuum für seine Bewegung zur Verfügung stehen. RK und RU nutzen damit die Plastizität des neuronalen Netzes.
Die Antworten (OutputOutput) im RK und RU sind die globalen Muster der Reflexlokomotion. Diese führen in der spontanen Motorik eines Kindes, z. B.:
  • zum Aufstehen, Krabbeln, Gehen

  • zum Greifen, Kauen, Schlucken, zu zielgerichteter Augenbewegung

  • zu vertiefter Atmung und Anregung der Verdauung

Ziele
Das Ziel der Vojta-Therapie ist es, angeborene Bewegungsprogramme für die Fortbewegung zu aktivieren, einen Zugang zu nicht verfügbaren Bewegungsmustern zu schaffen und diese zu erhalten. Im Einzelnen bedeutet das:
  • Aufrichtung, Fortbewegung und zielorientierte Bewegungen ermöglichen

  • Gestaltungsmöglichkeiten in der Spontanmotorik vergrößern

  • Eine differenzierte Wahrnehmung des Körpers ermöglichen

  • Bewegungserfahrungen vermitteln, die zur Prägung des Körperschemas beitragen

  • Eine größtmögliche Selbstständigkeit und somit eine bessere Lebensqualität erreichen

  • Aktivieren und Stabilisieren der Haltefunktion der Muskulatur der Wirbelsäule und des Rumpfes

  • Die Fixierung einer pathologischen Motorik minimieren

Für Eltern und Kinder ist es wichtig, dass abhängig vom Befund realistische Nah- und Fernziele formuliert werden. Nahziele sollten in Wochen oder Monaten erreicht werden. Hierauf aufbauend wird über einen längeren Zeitraum das Fernziel angestrebt.

Merke

Diagnostik und Therapie orientieren sich bei der Einschätzung der Entwicklung eines Kindes an Mustern, die in der Aufrichtungsentwicklung maßgeblich sind. Sie sind zeitlich den Entwicklungsstadien zugeordnet. Die Muster sind als ideale Haltungs-und Bewegungsmuster beschrieben. In der Therapie nähert man sich dem idealen Muster an.

Indikationen
Die Indikationen zur Anwendung der Vojta-Therapie werden in absolute Indikation, relative Indikation und Indikationen bei älteren Kindern und Erwachsenen eingeteilt.
Indikationen im Säuglingsalter
Absolute Indikationen:
  • Mittelschwere und schwere zentrale Koordinationsstörungen (ZKS) (6.1.1)

  • Leichte asymmetrische ZKS, aus denen sich evtl. eine Zerebralparese entwickeln kann, insbesondere bei Abweichungen von der regulären Dynamik der Neugeborenenreflexe

  • Periphere Paresen (z. B. die geburtstraumatische Armplexusparese [Erb/Klumpke] [6.2.1])

  • Muskulärer und neurogener Schiefhals (5.5.2)

  • Spina bifida (6.1.12)

  • Querschnittslähmungen sowie alle spinal bedingten Lähmungsformen (6.1.8)

  • Schädel-Hirn-Traumata (6.6)

  • Kongenitale Fehlbildungen (z. B. Arthrogryposis [5.7.1], Wirbelsäulenskoliosen unterschiedlicher Genese [5.5.4], Muskelaplasien).

  • Kongenitale Myopathien (6.3)

Relative Indikationen:
  • Hypotonie-Syndrome unterschiedlicher Ätiologie, z. B. Trisomie 21 (9.1)

  • Motorische Retardierung

  • Haltungsstörungen und Aufrichtungsmängel

  • Symmetriestörungen

  • Hüftdysplasien (5.2.1)

  • Fußfehlstellungen (5.4)

Indikationen bei älteren Kindern und Erwachsenen
  • Infantile Zerebralparese (6.1),

  • Erworbene zerebrale Syndrome

  • Querschnittssyndrome (6.1.8)

  • Kongenitale und erworbene periphere Paresen,

  • Schädel-Hirn Traumata (früher Einsatz der Therapie ist besonders effektiv in der Phase der körpereigenen Reparaturversuche, stabiler Zustand vorausgesetzt) (6.6),

  • Myopathien (6.3),

  • Skoliosen und Kyphosen (5.5.3–5.5.4)5.5.35.5.4

  • Gelenkkontrakturen

  • Funktionelle Einschränkungen des Bewegungsapparates

Kontraindikationen
Kontraindikationen sind körperliche Verfassungen oder Bedingungen im Umfeld, die für das Kind eine sinnvolle Therapie nicht ermöglichen oder eine phasenweise Unterbrechung der Therapie erfordern:
  • Temperatur > 38,5 °C

  • Nach Impfungen mit Lebendimpfstoffen sollte eine Therapiepause von zehn Tagen in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen

  • Bei metastasierenden Tumoren und bei diagnostisch noch nicht vollständig abgeklärten Tumoren

  • In der Akutphase nach Operationen, bis der Kreislauf stabil, die Narbe belastungsfähig ist und keine Blutungsgefahr mehr besteht

  • Akute entzündliche Prozesse

  • Zerebrale, epileptische Anfälle in der Phase der medikamentösen Einstellung (insbesondere bei West-Syndrom [BNS-Anfälle = Blitz-Nick-Salaam Anfälle], in der initialen Phase der Anwendung von Antikonvulsiva oder Steroiden bzw. Adenocorticotropem Hormon [ACTH])

  • Die Vojta-Therapie kann nicht empfohlen werden, wenn Anzeichen auf eine gravierende Störung des Kindes zu seinen Bezugspersonen besteht.

Grundlagen
Bei der ReflexlokomotionReflexlokomotion handelt es sich um einen Fortbewegungskomplex, den man zwischen Reflexreaktion und rhythmischen Bewegungen einordnen kann und der letztendlich zu einer Lokomotion führt. Die Voraussetzungen zur Fortbewegung sind angeboren.
Mit dem RK und dem RU aktiviert die Vojta-Therapie die entsprechenden Muster ohne die willentliche Ausführung des Patienten.
Das RK und das RU zeigen Lokomotionsmuster mit den Schrittphasen einer Lokomotion. Merkmale:
  • Ein vom Alter (lebenslange Anwendung) und vom Krankheitsbild unabhängiger Einsatz

  • Gezielter Einsatz in der Frühtherapie, ab Geburt (Plastizität des ZNS zu Beginn der spontanen Entwicklung eines Kindes)

  • Definierte ASTE und definierte Auslösezonen (sensible Körperregionen zur Aktivierung der Reflexlokomotion)

  • Zeitliche und räumliche Stimulierung der Auslösezonen (Dauer der Stimulierung und Kombination mehrerer Zonen; Die Summe aller Antworten ergibt das globale Muster)

  • Widerstände gegen die angebahnten Bewegungsabläufe:

    • Der Kopfdrehung wird über bestimmte Regionen am Kopf ein Widerstand entgegengesetzt. Auf diese Weise wird das globale Muster in seinen differenzierten Antworten verstärkt.

    • Die Stimulierung bestimmter Punkte am Zungengrund unterstützt die angebahnte Mundmotorik.

    • Der Widerstand über die Auslösezonen gegen die Schrittphasen der Extremitäten verstärkt die differenzierte Bewegungsantwort (z. B. im Rumpf).

  • Die Lokomotionsmuster können zuverlässig reproduziert werden.

Tipps und Fallen

Kopfeinstellung und Führung des Kopfes müssen beim Säugling während der gesamten Therapie besonders sorgfältig kontrolliert werden.

Techniken
Reflexkriechen
Das ReflexkriechenReflexkriechen (RK) ist ein reziprokes Muster in der Bauchlage. Als ASTE wird eine Position aus dem gesamten Schrittzyklus (Ablauf der Schrittphasen) vorgegeben.
Das RK kommt als gesamtes Muster in der spontanen Entwicklung eines Kindes als sukzessiver Bewegungsablauf nicht vor. Es zeigt vergleichbare Teilmuster aus verschiedenen Entwicklungsstadien aus dem 1. Trimenon bis zum ausgereiften Gehen mit ca. 6 Jahren auf. Das RK zeigt ein Lokomotionsmuster im Kreuzgang auf vier Extremitäten mit den typischen Schrittphasen der Lokomotion (Schrittzyklus):
  • Beugephase: Mit ihr beginnt ein Schritt (in der Ganganalyse).

  • Relaxationsphase: Die Muskulatur schaltet in die nächste Phase um.

  • Standphase: Der Körper wird auf die Extremitäten aufgerichtet.

  • Stoßphase: Sie bewirkt die Vorwärtsbewegung.

Im RK übernehmen die Extremitäten wechselweise stützende und schreitende Funktionen. Der Rumpf wird dabei aus der Bauchlage auf die jeweils stützenden Extremitäten aufgerichtet und nach kranial bewegt.
Aktivierung
  • Erfolgt in definierter ASTE, mit vorgegebener Winkelstellungen der Extremitäten, der Kopfdrehung und Seitenzuordnung (Gesichtsseite [GS]/Hinterhauptsseite [HHS]) Abb. 3.6. Die Nullstellung der Gelenke wird bei der Einnahme der Winkelstellungen zugrunde gelegt.

  • Mit bestimmten Auslösezonen an den Extremitäten und dem Rumpf wird das Lokomotionsmuster aktiviert. Die Kombination der Zonen (räumliche Summierung der Reize) und der Auslösedruck (zeitliche Summierung der Reize) werden dem jeweiligen Lokomotionsprozess angepasst und variieren je nach Bewegungsantwort in Auswahl der Zonen und der Druckrichtung

AusgangsstellungBauchlage
  • Kopf: Der Kopf wird ca. 30° um die Längsachse der WS zur GS gedreht, liegt auf dem Tuber frontale. Daraus ergeben sich die GS und HHS (Abb. 3.6).

  • Arm GS: Der Arm ist im Schultergelenk in 120°–135° Flexion und 30° Abduktion, der Ellenbogen ist ca. 45° gebeugt (beides als Richtlinie). Das Handgelenk liegt in der Linie Schultergelenk/Hüftgelenk.

    • Beim Säugling liegen der Ellbogen in Mund-/Nasenhöhe und der Unterarm volar auf der Unterlage

    • Bei größeren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen liegt der Ellenbogen meist in Augen/Stirnhöhe

  • Arm HHS: Der Arm liegt innenrotiert neben dem Körper auf der Unterlage, die Handinnenfläche zeigt zur Zimmerdecke.

  • Bein HHS: Das Hüftgelenk ist außenrotiert und ca. 40° flektiert, oberes Sprunggelenk in Mittelstellung, unteres Sprunggelenk, wenn möglich in Inversion (kann während der Therapiedurchführung erarbeitet werden).

  • Bein GS: Wenn möglich AR im Hüftgelenk, Sprunggelenk liegt in Verlängerung von Hüft-, Schulter-, Handgelenklinie.

    Kann die aufgezeigte ASTE nicht sofort eingenommen werden, ist die Einstellung während der Aktivierung anzustreben.

AuslösezonenMit den Auslösezonen werden propriozeptive Reize (Wahrnehmung über den Stellungs- und Lagesinn, sie ermüden kaum) eingesetzt. Sie stehen für ein mittelbares und gezieltes Stimulieren neuronaler Strukturen zur Verfügung, um die Haltungssicherung, Aufrichtung und zielgerichtete Fortbewegung zu aktivieren (Abb. 3.7).
  • Gesichtsseite:

    • Epikondylus humeri

    • Mediales unteres Drittel der Skapula

    • Spina iliaca inferior superior

    • Medialer Epikondylus femoris

  • Hinterhaupsseite:

    • Akromion

    • Prozessus styloideus radii

    • Rumpfzone, fünfter bis achter Interkostalraum

    • Mittlerer Teil der Aponeurose des M. gluteus medius

    • Tuberositas kalkanei

Reflexumdrehen
Das ReflexumdrehenReflexumdrehen (RU) bildet die gesamte Fortbewegung (Lokomotionsmuster) ab, die aus der Rückenlage über die Seitenlage, den Schrägen Sitz, das Krabbeln, Aufstehen und weiter zum Gehen erfolgt.
Ein Kind setzt in der Regel dieses globale Muster analog in seiner spontanen Motorik im 1. Lebensjahr ein und kommt über diesen Weg zum freien Gehen. Das globale Lokomotionsmuster RU ist aus Gründen der therapeutischen Zuordnung in Phasen beschrieben.
RU Phase 1 erfolgt aus der Rückenlage (RL) und RU Phase 2 aus der Seitenlage (SL).
Diese beiden Phasen werden therapeutisch am häufigsten eingesetzt, da hier bereits die Teilmuster für die weitere Aufrichtung enthalten sind.
RU Phase 1
AktivierungDer Drehvorgang wird in RU Phase 1 in der Rückenlage mit der Brustzone aktiviert. Durch die vorgegebene Kopfdrehung ergibt sich eine dem Hinterhaupt und dem Gesicht zugewandte Seite (HHS und GS). Dabei wird die Nullstellung zugrunde gelegt (Abb. 3.8).
AusgangsstellungRückenlage
  • Kopf: Er wird ca. dreißig Grad um die Körperlängsachse (KL) gedreht und liegt auf der Linea nuchea des Os okzipitale der GS. (Ist die Kopfeinstellung nicht sofort möglich, z. B. Tortikollis, wird sie während der Aktivierung erarbeitet)

  • Extremitäten: Sie werden in der Regel nicht in bestimmte Positionen eingestellt, die Differenzierung der Arme und Beine stellt sich durch die Aktivierung und die Antworten im Rumpf ein.

Auslösezonen
  • Brustzone, GS, Interkostalraum fünf bis acht (Abb. 3.9), die Besonderheiten dieser Zone sind:

    • Dehnungsreize auf die Interkostalmuskulatur und die Faszien

    • Indirekte Einwirkung auf die autochthone Wirbelsäulenmuskulatur segmental übergreifend (ein Reiz auf ein Segment breitet sich wie ein Lauffeuer auf weitere Segmente aus)

    • Stimulierung des Zwerchfells

    • Stimulierung des Mediastinum und der Lunge – Auswirkungen auf das Vegetativum, das Atemvolumen und die Atemfrequenz

    • Dehnungsreiz auf die schräge Bauch- und Rückenmuskulatur

  • Bestimmte Punkte am Kopf (z. B. der Prozessus mastoideus der Hinterhauptseite [HHS]) ermöglichen eine Führung des Kopfes während seiner Drehung und einen gleichzeitigen Widerstand gegen die Drehung zur Optimierung der Antworten.

  • Die Auslösezonen des RK können verstärkend bei der Aktivierung des RU eingesetzt werden.

Klinischer Hinweis

Im RU Phase 1 liegt der Fokus auf der Differenzierung der Muskelfunktionen von Wirbelsäule und Rumpf sowie den orofazialen Funktionen und der Atmung.

Reflux: Bei Säuglingen mit einem Reflux kann das RU Phase 1 eine angemessene Therapie sein. Die Aktivierung der Funktionseinheit Bauchmuskulatur/Diaphragma thoracis und Diaphragma oris/Pharynx bewirkt die erforderliche Längsspannung des Oesophagus für das Schließen des Ringmuskels am Mageneingang (Rückfluss der Nahrung wird verhindert).

Schluckauf: kann über die Brustzone erfolgreich beeinflusst werden (Einwirkung auf das Diaphragma thoracis)

RU Phase 2
Aktivierung
  • Erfolgt in einer labilen Körperlage, da sich der Körper über die Kugelgelenke der Schulter und Hüfte aufrichtet.

  • Auslösezonen am Rumpf und den Extremitäten: Die Kombination der Zonen und deren Stimulierung richtet sich nach der jeweiligen Bewegungsantwort und wird entsprechend angepasst und variiert (räumliches Summieren der Reize).

  • Widerstände werden während der Auslösung der Zonen (zeitliches Summieren der Reize) gegeben.

  • Erfolgt über die drehenden spiralförmig verlaufenden myofaszialen Strukturen

AusgangsstellungDie ASTE wird in der Seitenlage vorgegeben. Man spricht von untenliegender und obenliegender Seite (Abb. 3.10).
  • Untenliegende Seite

    • Hüftgelenk, seitlicher Thorax, Schultergelenk liegen in einer Linie.

    • Der Kopf liegt, wenn möglich, ebenfalls in dieser Linie.

    • Der Arm liegt ca. rechtwinklig zum Thorax.

    • Das Bein kann in seinen Winkelstellungen in Hüfte/Knie variiert werden. (therapeutische Zielsetzung)

  • Obenliegende Seite

    • Der Arm liegt innenrotiert seitlich auf dem Thorax/Becken.

    • Das Bein kann in Hüfte/Knie je nach Aktivierung des Musters eingestellt werden.

Auslösezonen
  • Rumpf

    • Brustzone Abb. 3.9

    • Rumpfzone, nach Bedarf auf der oben- oder untenliegenden Brustkorbseite Abb. 3.7

    • Spina iliaca anterior superior, auf der obenliegenden ventralen Beckenseite

    • M. gluteus medius der oben liegenden Beckenseite

    • Margo medialis der oben liegenden Scapula (innerer unterer Rand)

    • Akromion der oben liegenden Scapula

  • Untenliegende Extremitäten

    • Epikondylus humeri

    • Epikondylus femoris lateralis

    • Prozessus lateralis calcanei (Fersenzone)

  • Obenliegende Extremitäten

    • Prozessus styloideus radii

    • Epikondylus medialis femoris

Merke

Der thorakolumbale Übergang bedarf besonderer Beachtung (Drehung zwischen Ober- und Unterkörper, Th 11-L3)

Durchführung
Anwendungshäufigkeit
  • Beim Säugling sind in der Regel vier Therapieeinheiten pro Tag optimal.

  • Es sollte ein Abstand von mindestens zwei Stunden eingehalten werden.

  • Der Tagesablauf eines Säuglings mit Essen, Wickeln und Schlafen ergibt einen optimalen Abstand von dreieinhalb bis vier Stunden.

  • Die Anwendung sollte möglichst vor der Nahrungsaufnahme erfolgen.

Anwendungsdauer
Die Anwendungsdauer ist abhängig von folgenden Faktoren:
  • Alter

  • Grunderkrankung

  • Individuelle Sensibilität und Belastbarkeit, die sich bei regelmäßiger Anwendung steigert

Tipps und Fallen

Richtwerte für die Dauer einer Therapieeinheit (ohne An- und Ausziehen):

  • Bei Neugeborenen und Frühgeborenen können schon ein bis zwei Minuten ausreichen,

  • beim Säugling bis vier Wochen fünf bis sechs Minuten,

  • beim Säugling nach vier Wochen zehn bis zwölf Minuten,

  • beim Kleinkind 15 bis 20 Minuten sowie

  • beim Schulkind, Jugendlichen und Erwachsenen 20 bis 30 Minuten.

Mitarbeit der Eltern
Die Dosierung der Therapie wird individuell eingestellt und erfordert die Anleitung der Eltern/Bezugsperson.
Für den optimalen Therapieerfolg bedarf es einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von Therapeuten und Eltern sowie einer konsequenten Anwendung zuhause.
Risiken
In der Regel verbessert eine sorgfältige und kompetente Anwendung der Therapie die Entwicklungschancen eines Kindes. Risiken und unerwünschte Wirkungen müssen vor Beginn und während der Therapie abgeschätzt werden:
  • Individuelle Reaktionen, besonders zu Beginn der Therapie, aufmerksam verfolgen

  • Ein vegetativ labiler Säugling muss während und nach der Therapie sehr genau beobachtet werden; auf Folgendes ist zu achten:

    • Farbe des Munddreiecks (blass, zyanotisch)

    • Hautkolorit marmoriert (blass, zyanotisch)

    • Hauttemperatur (kühl)

    • Starkes Schwitzen

    • Atmung und Puls als Ausdruck der Aktivierung des autonomen Nervensystems

  • Bestehende Grunderkrankungen bergen Gefahren trotz regelrechter Anwendung:

    • Bei Glasknochenkrankheit (Osteogenesis imperfekta, 5.7.2) besteht die Gefahr von Frakturen.

    • Bei hochgradiger Osteoporose (z. B. infolge von muskulärer Inaktivität) können sich ebenfalls Frakturen entwickeln.

    • Bei hämodynamisch wirksamen Herzfehlern bedarf es besonderer Sorgfalt in der Dosierung, um das Risiko der kardialen Dekompensation zu vermeiden.

Expertenwissen

Die Vojta-Therapie erarbeitet eine motorische Basis u. a. für: Logopädie, Ergotherapie, Heilpädagogik.

Ausbildung
  • Weiterbildungskurse für Therapeuten und Ärzte werden von der Internationalen Vojta-Gesellschaft (IVG) durchgeführt. Der Abschluss erfolgt mit Zertifikat (Homepage IVG www.ivg.com).

  • Zur regelmäßigen Weiterbildung der Therapeuten bietet die AG-Vojta im Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK) e. V. regionale Arbeitskreise an.

Literatur

Orth, 2017

H. Orth Das Kind in der Vojta-Therapie 3. A. 2017 Elsevier München

Vojta, 2014

V. Vojta Die cerebralen Bewegungsstörungen im Kindesalter 9. A. 2014 IVG Siegen

Vojta and Peters, 2007

V. Vojta A. Peters Das Vojta-Prinzip 3. A. 2007 Springer Heidelberg

Manuelle Therapie

Irmgard Seifert

Die Manuelle TherapieManuelle Therapie findet im Rahmen der Manuellen Medizin statt. Nachdem der Befund erhoben und ein Eindruck über das Krankheitsbild entstanden ist, wird das weitere Vorgehen festgelegt.

Klinischer Hinweis

Vor der Therapie

  • Überlegungen zu Diagnostik und Differenzialdiagnostik

  • Manuelle Befunderhebung (2.5)

  • Festlegen der Behandlungsstrategie (Nah- und Fernziel 2.10)

An einem Behandlungstag sollte beim Kind möglichst nur eine Körperregion behandelt werden, dann aber in diesem Bereich der gesamte Reflexkreis: Gelenke, Muskeln, Faszien, Faszienverbindungen zum inneren Organ (letztere im Rahmen der osteopathischen Behandlung, s. 3.4.). Die Behandlung sollte kindgerecht und schmerzlos erfolgen.

Ziele
Das Ziel der Behandlung ist die Wiederherstellung der gestörten Funktion.
Indikationen
Indikation einer manualtherapeutischen Behandlung ist die sicher diagnostizierte Funktionsstörung.
Kontraindikationen
Absolut kontraindiziert ist die Anwendung der Manualtherapie bei Strukturstörungen ohne nachweisbare Funktionsstörungen, zum Beispiel bei einer akuten Entzündung eines Gelenkes, bei Osteomyelitis eines Wirbelkörpers, bei Tumorgeschehen.
Das relativiert sich, wenn im Laufe dieser Erkrankungen sekundär verkettete und schmerzhafte Funktionsstörungen auftreten. In diesem Fall beseitigt der Physiotherapeut diese schmerzhaften Störungen, eine segensreiche, allerdings nur begleitende Therapie.

Klinischer Hinweis

Beispiel:

Kommt es bei einem zerebralen Tumorgeschehen zu Kopfschmerzen, die durch Triggerpunkte der Nackenmuskulatur, Kopfgelenksblockierungen und/oder Faszienstörungen ausgelöst werden, kann hier sanfte Behandlung dem Tumorpatienten Erleichterung verschaffen.

Relative Kontraindikationen liegen für die Manualtherapie an der Halswirbelsäule vor: Selbst bei einer sehr sanften Behandlung kann es zu Nebenwirkungen kommen, wenn bisher unbekannte Gefäßschäden oder -anomalien vorliegen.

Merke

Verhält sich der Säugling oder das Kind während der Behandlung auffällig?

Zeigt es/er ein verändertes Schreiverhalten, unregelmäßige Atmung, Schmerzreaktion und/oder Schläfrigkeit oder eine Abwehrhaltung?

In diesem Fall ist das weitere therapeutische Vorgehen kontraindiziert. Das Kind muss weiter differenzialdiagnostisch untersucht werden.

Techniken
Zu den angewandten Techniken gehören:
  • Direkte Behandlung: Überwindung der „Barriere“, die pathologisch eingeschränkte Grenze des Gelenkspiels, bei der Untersuchung erkennbar am harten Endgefühl

  • Indirekte Behandlung: Behandlung in der bewegungsfreien Richtung, von der Barriere weg

Durchführung
Es werden Gelenke, Muskeln, Faszien, Verbindungen zu den inneren Organen sowie die motorische Steuerung behandelt.
Gelenkbehandlung
Ausgangspunkt der Gelenkbehandlungungen ist meist die Untersuchungshaltung, denn nur bei exakter Einstellung ist eine korrekte Behandlung möglich (Tab. 3.3). Ein Beispiel ist die Mobilisationsbehandlung des Iliosakralgelenks (Abb. 3.11).
Muskelbehandlung
Die Art der Muskelbehandlung ist abhängig vom eingangs erhobenen Befund (Tab. 3.4).
Nach der erfolgreichen o. g. Gelenk- und Muskelbehandlung ist die Behandlung der muskulären Dysbalance erforderlich (Tab. 3.4). Sie dient der Nachhaltigkeit der bisherigen Therapie. Der Behandler lässt das Kind Stereotypbewegungen (2.5) durchführen und fazilitiert dabei den zeitlichen Aktivierungsablauf der Einzelmuskeln (nur möglich bei kooperativen Kindern ab Schulalter). Im Vorschulalter ist mit Komplexübungen spielerisch zu behandeln, im Babyalter bieten sich die Möglichkeiten der Bobath- oder Vojta-Therapie (3.1 und 3.2) an.
Diese als Stereotypbehandlung bezeichnete Therapie ist in folgenden Fällen indiziert:
  • Am Ende einer chronischen Erkrankung (Rezidivprophylaxe)

  • Bei so genannten Haltungsfehlern

  • Bei rezidivierenden Muskelschmerzen, nach Muskelrupturen, bei falsch oder übertrainierten Kindern im Leistungssport

Faszienbehandlung
Sowohl in der Manuellen als auch die Osteopathischen Therapie können bei jeder Störung im Segment FaszienFaszien behandelt werden. Das Fasziensystem ist ein kompliziertes, allesverbindendes Netzwerk. Eine alleinige Faszientherapie ohne die Kombination mit weiteren Maßnahmen ist nicht zu empfehlen (Ganzheitsprinzip).

Merke

Ziel der Faszienbehandlung:

  • Normalisierung des Spannungszustands der Faszien

  • Normalisierung der faszialen Eigenbewegungen

Viszerale Behandlung
Nach Untersuchung der ligamentären Aufhängungen der inneren Organe, der faszialen Gleitfähigkeit untereinander und der parietalen Umgebung, wird die getastete Spannung (direkt oder indirekt) mit myofaszialen Techniken behandelt (Abb. 3.12).
Hier zeigen sich bereits Überschneidungen zur osteopathischen Therapie, ein Beispiel dafür, dass sich manuelle und osteopathische Therapie ideal ergänzen.

Literatur

Beyer, 2003

L. Beyer Grundlagen der Verkettung von Symptomen in der Manuellen Medizin. Ganzheitliches Denken in Funktionsketten Manuelle Medizin 4 2003 268 271

Lewit, 2001

K. Lewit Muskelfazilitations- und Inhibitionstechniken in der Manuellen Medizin, Teil I: Mobilisation. Manuelle Medizin 18 2001 102 110

Kinderorthopädie, 2007

P. Matzen Kinderorthopädie 2007 Elsevier München

Seifert et al., 2017

I. Seifert T. Schnellbacher J. Buchmann Praxis der Manuellen Medizin bei Säuglingen und Kindern,Technik der manualmedizinisch-osteopathischen Untersuchung und Behandlung 2017 Springer Berlin

Seifert and Buchmann, 2014

I. Seifert J. Buchmann Befunderhebung bei Säuglingen Manuelle Medizin 52 1 2014 46 47

Seifert, 2010

I. Seifert Schlüsselregionen beim Säugling Manuelle Medizin 48 2010 83 90

Osteopathische Befunderhebung und Therapie

Antje Lange

Der Vorstand der Bundesärztekammer hat 2009 die Delegierbarkeit osteopathischer Verfahren an entsprechend fortgebildete Physiotherapeuten bestätigt. Diese erfolgt nach sorgfältiger Differenzialdiagnose durch das Ausstellen einer entsprechenden Verordnung.

Dazu müssen aus ärztlicher Sicht (3.3) zunächst Kontraindikationen ausgeschlossen werden (s. a. Indikationen und Differenzialdiagnostik der Manuellen Therapie 2.5.1).

Die Befunderhebung in den Osteopathischen Verfahren erfolgt analog dem aus der Physiotherapie bekannten Vorgehen: von der globalen zur gezielten Untersuchung. Die Therapie erfolgt manuell, befundgerecht und gezielt. Verkettungen zwischen Regionen und Systemen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die osteopathische Therapie geht auf folgende Teilbereiche ein:

  • Biomechanisch geprägte Techniken aus dem parietalen System (Gelenke, Muskulatur, Faszien) entsprechen z. T. denen der Manuellen Therapie (3.3)

  • Spezifische myofasziale und fasziale Techniken (Myofascial ReleaseMyofascial Release) (3.3)

  • Indirekte Techniken, Positionierung (z. B. Strain/CounterstrainStrain/Counterstrain, Functional technique)

  • Techniken aus dem kraniofaszialen System (Kraniosakrale Osteopathie)

  • Techniken aus dem viszerofaszialen System (Viszerale OsteopathieViszerale Osteopathie)

  • Techniken aus dem Neurofaszialen System (Gleitfähigkeit nervaler Strukturen)

  • Lymphtechniken

Einen Hauptaspekt bildet die Rolle des Bindegewebes für eine freie Gleitfähigkeit der unterschiedlichen Gewebe und deren ungestörtes Bewegungsverhalten. Bei Störungen kann es zu Einschränkungen der Beweglichkeit mit veränderter Durchblutung, lymphatischer, venöser Stauung und deutlicher vegetativer Begleitsymptomatik kommen. Das Kompensationsvermögen von Kindern ist geringer als das von Erwachsenen, die vegetativen Reaktionen sind stärker.

Merke

Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener. Insbesondere die sich verändernde Stellung der Gelenkflächen beim heranwachsenden Kind, die Schädelentwicklung mit der noch unvollständigen Verknöcherung der einzelnen Knochenanteile, abweichende Proportionen und die offenen, sehr beweglichen Suturen des Säuglingsschädels verlangen eine umfassende Zusatzausbildung auf diesem Gebiet.

Gemäß der Metamerie-RegelMetamerie-Regel sind bei einer somatischen Dysfunktion alle Strukturen des Segments betroffen (d. h. Gelenk, Muskel, Nervensystem, Gefäßsystem, Haut und Innere Organe). Osteopathische Verfahren sind mit ihrer holistischen Herangehensweise deshalb nicht nur bei bestimmten Diagnosen einsetzbar, sondern wirken über den reflextherapeutischen Weg kompensierend im Sinne einer Ordnungstherapie.

Klinischer Hinweis

Osteopathische Verfahren sind in Kombination mit anderen Maßnahmen (z. B. Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage, Kieferorthopädie oder Logopädie) interdisziplinär eingebunden und vielseitig einsetzbar.

Bei folgenden Symptomen können osteopathische Verfahren unter Beachtung der Differenzialdiagnose und begleitender notwendiger Standardtherapien angezeigt sein. Die folgende Aufzählung stellt nur einige Beispiele möglicher Indikationen dar:

  • Asymmetrie in Haltung und Bewegung

  • Schädelasymmetrie

  • Schreien, Unruhe, Stillprobleme, Berührungsempfindlichkeit

  • Gastrointestinale Beschwerden wie Koliken, Blähungen, Reflux

  • Rezidivierende Erkrankungen des Mittelohrs und der oberen/unteren Luftwege

  • Kopfschmerz, Schwindel, Craniomandibuläre Dysfunktion

  • Funktionseinschränkung und Schmerzen im Bewegungssystem

  • Unfall- oder Operationsfolgen, Narben

  • Rezidivierende Harnwegsinfekte, Dysmenorrhoe

Merke

Nicht jede Geburt ist, wie häufig behauptet, ein primäres Trauma. Es gibt jedoch durchaus traumatisch verlaufende Geburten.

  • !

    Der osteopathische Untersuchungs- und Behandlungsbedarf leitet sich ausschließlich aus dem Vorliegen entsprechender Symptome und Befunde ab.

Osteopathische Befunderhebung
Die Untersuchung beginnt abhängig vom Alter des Kindes nach der Anamnese mit einer aktiven Bewegungsuntersuchung. Es werden die Spontanmotorik (1.1) und, wenn möglich, die Lagereaktionen (2.8.2) sowie die Meilensteine der kognitiven Entwicklung (1.5) beurteilt. Die ICF-Klassifikation kann hier eingesetzt werden, um u. a. den Aspekt der Teilhabe abzubilden (2.10.2).
Beim größeren Kind folgt die Beurteilung von Stand und Gang zur Beurteilung der Statik und auffälliger Bewegungsstereotypien. Dann erfolgt die regionale Untersuchung der einzelnen Bereiche. Diese sind hier für die bessere Strukturierung getrennt aufgeführt. In praxi werden sie abhängig von der Ausgangsstellung des Patienten parallel untersucht.
Parietales System
Die Beweglichkeit wird durch standardisierte Testverfahren geprüft. Diese müssen dem Alter des Kindes angepasst werden (2.5.).
Die Gewebebeschaffenheit wird durch Perkussion sowie durch Palpation in Ruhe und bei Bewegung beurteilt. In der gezielten Untersuchung erfolgt die Palpation auf myofasziale Triggerpunkte, Tenderpunkte nach Jones und lokale Spannung in den großen Faszien (wie der Thorakolumbalfaszie oder der Faszia lata). Auch die Mobilität von Narben wird geprüft.
Bekannte Tests zur Muskelfunktionsuntersuchung (z. B. nach Janda [Tab. 2.2]) und die Neutral-Null-Durchgangsmessung ergänzen bei Bedarf die Untersuchung größerer Kinder.
Die Parietalen TechnikenParietale Techniken werden in mehrere Untergruppen eingeteilt:
  • Die MuskelenergietechnikMuskelenergietechnik (MET) untersucht vorwiegend Gelenke und Muskeln. Der Untersucher prüft abhängig vom Alter des Kindes Spannungszeichen und Beweglichkeit des muskuloskelettalen und myofaszialen Systems (auch 3.3).

    Viele aus der Manuellen Therapie bekannten regionalen Spannungsprüfungen (z. B. Patrick-Hyperabduktionstest, Storchtest, Vorlaufphänomen) kommen hier ebenfalls zur Anwendung. Die Wirbelsäulenabschnitte und das orofaziale System werden regional untersucht, gezielte Untersuchungen folgen bei Bedarf. Dabei orientiert sich der Untersucher am Prinzip der Barriere und registriert mögliches Bewegungsausmaß, Ausweichbewegungen und Endgefühl.

  • Myofasziale Releasetechniken arbeiten mit myofaszialen Strukturen. Eine wichtige Untersuchung sind die „myofascial ten steps“. Sie geben Hinweise auf Spannungsauffälligkeiten wichtiger myofaszialer (Quer-)strukturen wie den Beckenboden, das thorakale Diaphragma und die obere Thoraxapertur.

Viszerales System
Die dreidimensionale Verschieblichkeit eines Organs im Raum wird als MobilitätMobilität bezeichnet und ist an die Zwerchfellbewegung in den unterschiedlichen Atemphasen gebunden. Die dreidimensionale Eigenbeweglichkeit (inhärente Beweglichkeit) des Organs wird als MotilitätMotilität bezeichnet. Diese intrinsische Bewegung resultiert vermutlich aus der embryonalen Entwicklung.
Der Untersucher sucht mit orientierenden manuellen Tests (sog. ListeningListening) nach einer auffälligen viszerofaszialen Spannung (Abb. 3.13). Diese resultiert insbesondere aus Restriktionen der bindegewebigen Anheftungen eines Organes am Rumpf und den Nachbarorganen oder aus deren gestörter Verschieblichkeit. Das kann Folge einer Erkrankung oder eines reflektorischen Geschehens sein. Die daraus resultierende Spannungsasymmetrie kann sich in angrenzende Bereiche fortsetzen und dort Symptome hervorrufen. Ein typisches Beispiel sind Phonationsstörungen nach Thorakotomien mit Spannungsstörungen des Mediastinums, der Thorax- und Halsfaszien. Bei Säuglingen finden sich z. B. häufig Störungen am Übergang eines Abschnitts des Gastrointestinaltrakts zum nächsten.
In den auffällig gefundenen Bereichen wird gezielt weiter untersucht.
Ursachen der auffälligen Befunde können z. B. sein:
  • Postoperativ (z. B. nach Appendektomie, Hernien-OP, Sternotomien)

  • Vorangegangene Entzündungen (z. B. Hepatitis, Pleuritis, Kolitis, Pyelonephritis)

  • Reflektorisch im zugehörigen Segment (bei Gelenk- und Muskelfunktionsstörungen)

  • Regulationsstörungen des autonomen Nervensystems

Klinischer Hinweis

Störungen der Mobilität und Motilität sind häufig gekoppelt mit einer Tonuserhöhung der glatten Muskulatur der Organe. Das Ergebnis können Koliken und Spasmen sein (7.4.1).

Craniosakrales System
Das Craniosakrale SystemCraniosakrales System umfasst:
  • die inhärente Beweglichkeit der Schädelknochen, welche durch die durale Verbindung auf das Sakrum übertragen wird,

  • die intrakraniellen Membranen,

  • die Eigenbewegung (Motilität) des Zentralen Nervensystems und

  • die Liquorfluktuation.

Diese Bewegung wird auch auf die Peripherie übertragen und als Craniosakraler RhythmusCraniosakraler Rhythmus oder Primär Respiratorischer MechanismusPrimär Respiratorischer Mechanismus bezeichnet.
Schwangerschaft und Geburt sind wichtige Ereignisse, die für dieses System vulnerable Prozesse darstellen. Deshalb zeigen Säuglinge sowohl nach spontanen als auch nach operativen Entbindungen häufig Symptome. Da z. B. viele Hirnnerven durch die Schädelbasis verlaufen, sind deren Irritation und damit eine Beeinflussung wichtiger Funktionen möglich (z. B. Saugen, Schlucken, Verdauung, Autoregulation). Eine Schädelasymmetrie mit muskulärer Verspannung im orofazialen System kann den Säugling z. B. an einer adäquaten Mundöffnung hindern. Eine hohe Spannung im duralen System ist schmerzhaft und erzwingt eine Überstreckung des Säuglings.
Craniosakrale Techniken sind in der Pädiatrie sehr effizient einzusetzen. Die Übertragung von Erwachsenen-Techniken auf Säuglinge ist jedoch wegen der z. T. noch bindegewebig angelegten Schädelknochen und der speziellen Schädelarchitektur nicht möglich.

Klinischer Hinweis

4 Wochen post partum sollten sich die Schädelknochen in ihrer Lage spontan korrigiert haben und keine Überlappungen mehr aufweisen.

Die craniosakrale Untersuchungcraniosakrale Untersuchung umfasst:
  • Qualität und Frequenz des Craniosakralen Rhythmus an Schädel, Sakrum und Peripherie

  • Beweglichkeit der einzelnen Schädelknochen und Suturen (Abb. 3.14)

  • Spannung der intrakraniellen Membranen (Dura) und deren Duplikaturen

  • Gegebenenfalls Testung weiterer ubiquitärer Körperrhythmen und fluidaler Bewegung

Neurofasziales System
Neurofasziales SystemHier findet die Befundung der Gleitfähigkeit der nervalen Hüllstrukturen gegen die Nachbargewebe und an knöchernen oder myofaszialen Durchtrittsstellen statt.
Lymphatisches System
Lymphatisches SystemIn Ergänzung zur Manuellen Lymphdrainage werden Funktionsstörungen des Lymphabflusssystems im Zusammenhang mit gelenkbezogenen, muskulären, faszialen und neurophysiologischen Aspekten betrachtet.
Osteopathische Therapie
Osteopathische TherapieSogenannte direkte Technikendirekte Techniken erzielen eine Veränderung durch Mobilisation oder abwartendes Release an der Barriere.
Indirekte TechnikenIndirekte Techniken nutzen das Prinzip der verminderten Nozizeption durch Einstellen und Behandeln im möglichst spannungsfreien Raum (3.3).
Zusätzlich werden Techniken wie
  • myofasziales Unwinding,

  • Positionierung bei Tenderpunkten,

  • Harmonisierung verschiedener körpereigener Rhythmen oder Querstrukturen und

  • Fazilitation durch Kompression, Traktion und die Atmung eingesetzt.

Tipps und Fallen

Da Säuglinge und Kleinkinder oft nicht stillhalten, ist der Einsatz indirekter Techniken limitiert.

Allgemeines zum therapeutischen Vorgehen
Es wird folgendes therapeutisches Vorgehen empfohlen, das dem Alter und der Kooperation des Kindes angepasst werden muss:
  • 1.

    Gelenk

  • 2.

    Muskel

  • 3.

    Faszie – hier myofaszial, viszerofaszial, kraniofaszial und neurofaszial

  • 4.

    Übergang zu aktiven Maßnahmen, KG, Hausübungen, Sport

Je kleiner das Kind ist, desto mehr kommen fasziale/ligamentäre und kraniosakrale Techniken zum Einsatz.
Re-Test
Die Kontrolle des Behandlungserfolges erfolgt durch Testungen aus allen Teilbereichen der Osteopathischen Verfahren. So wird sich z. B. der Primär Respiratorische Mechanimus nach einer parietalen Behandlung des Sakrums und einer viszeralen Mobilisation des Zwerchfells in veränderter Qualität und Frequenz darstellen.
Die Mobilität der Kopfgelenke und des Sakrums verbessert sich nach einer kraniosakralen Behandlung der duralen Spannungen.

Literatur

Haas et al., 2009

N.P. Haas J.D. Hoppe P.C. Scriba Wissenschaftliche Bewertung osteopathischer Verfahren Dt. Ärzeblatt 106 46 2009 2325 2334

Atemtherapie

Michael Jung

Die AtemtherapieAtemtherapie stellt im klinischen Alltag eine wichtige Anwendung durch Physiotherapeuten dar. Ob als Pneumonieprophylaxe oder zur Therapie bereits bestehender Sekretprobleme, die Maßnahmen finden z. B. bei der Behandlung im Inkubator statt oder im Rahmen einer palliativen Therapie.

Ziele der Atemtherapie
  • Pneumonieprophylaxe

  • Sekretmobilisation

  • Sekretelimination

  • Verbesserung des Belüftungs- und Durchblutungsverhältnisses der Lunge

  • Prophylaxe von Atemnot

Indikationen
Prädisponierte Kinder mit entsprechenden Krankheitsbildern erhalten oft prophylaktisch eine Atemtherapie (Tab. 3.5).
Kontraindikationen
Starke Inspiration in den Bauch stellt bei tiefer Beinvenenthrombose eine Kontraindikation für manuelle Techniken dar.

Merke

Kontraindikationen für manuelle Techniken:

  • Verletzungen oder schmerzhafte Affektionen des Thorax (Verbrennung, Verbrühung, Fraktur, frische OP-Narbe)

  • Schlechte Mineralisierung der Knochen (Osteogenesis Imperfecta, Osteoporose)

  • Thrombopenie

Erschütterungen und Schüttelungen müssen in ihrer Stärke und ihrem Ausmaß immer dem Alter des Kindes angepasst werden!

Atembefund
In der Anamnese vor Behandlungsbeginn muss unbedingt erfragt werden, ob und mit welchen Auslösern eine Dyspnoe auftritt, eine kardiale Belastung vorherrscht und welche Medikamente genommen werden.

Klinischer Hinweis

Ein AtemtherapiebefundAtemtherapiebefund beinhaltet:

  • Lokalisation Atemrichtung (Nase/Mund/gemischt)

  • Lokalisation Atembewegung (sternal/kostal/abdominal/paradox)

  • Atembewegung (symmetrisch/rechts/links)

  • Atemfrequenz (pro Minute)

  • Atemgeräusche (normal/unter Belastung/positionsabhängig)

  • Atemhilfsmuskeleinsatz (bei Inspiration/bei Exspiration)

  • Thoraxexkursion (in cm)

  • O2-Gabe (in l)

Ebenso wichtig sind der Sichtbefund des Gesichts (Zyanose/Munddreieck/Blässe), die Beweglichkeit von Wirbelsäule und Thorax sowie die Befragung zu Husten, Sekret, Atemnot (7.3.1) und Inhalation.
Grundlagen
Um atemwegserkrankte Kinder für spezielle Maßnahmen zu sensibilisieren und ihnen AtemtechnikenAtemtechniken beizubringen ist es wichtig, zuerst die Atembewegungen wahrzunehmen.
Techniken/Maßnahmen
In der AtemtherapieAtemtherapie steht eine Vielzahl von Maßnahmen zur Verfügung, um die Ziele zu erreichen. Die Auswahl richtet sich nach dem jeweiligen atemtherapeutischen Befund und Alter des Kindes.
  • Vorbereitende Maßnahmen

    • Heiße Rolle, Fango, Rotlicht

    • Massagen

    • Inhalation u. U. mit Mukolytika (ACC, Fluimucil, Mucosolvan)

    • Ausdauertraining

  • Kontaktatmung

  • Sakkadierendes Einatmen

  • Packegriffe aus der Bindegewebsmassage (BGM) (Abb. 3.15)

    • „Röllchentechnik“

    • „Herausatmen“ von Hautfalten

  • Ausstreichung der Interkostalräume (Abb. 3.16)

  • Drainagelagerung

  • Dehnlagen (7.3.1)

  • Manuelle Techniken zur Sekretmobilisation wie Vibrationen, Erschütterungen, Klopfungen

  • Autogene Drainage (7.3.1)

  • Dosierte Lippenbremse

  • Aktive Sekretabgabe: produktiver Husten, Huffing, sakkadierendes Ausatmen

  • Hilfsmittel wie PEP-Maske, Flutter oder RC-Cornet

Merke

Bei Drainagelagerung in Kopftieflage ist bei Säuglingen mit Herzfehler oder Mukoviszidose-Patienten im fortgeschrittenen Stadium die kardiale Belastung zu beachten. Dies gilt auch für Patienten nach Insult oder Eingriff am Schädel (Hirnblutung, Shunt-Anlage), da die Kopftieflage eine Steigerung des Hirndrucks bewirken kann.

Durchführung
Vorbereitende Wärme kann Sekret lösen (u. U. auch warme Getränke), die Spannung der Atemhilfsmuskulatur senken und eine lokale Hyperämisierung erzeugen.
Sind Mukolytika zur Schleimverflüssigung verordnet, werden diese bei Säuglingen und Kleinkindern häufig mittels Inhalation appliziert. Es ist darauf zu achten, dass das Mundstück von den Lippen fest umschlossen ist oder die Silikonmaske nahtlos auf dem Mund- und Nasenbereich aufliegt. Das Medikament wird dabei in die Atemwege des Kindes gebracht. Je nach Medikament kann trocken (Pulver wird inhaliert) oder feucht (Wirkstoffdampf) inhaliert werden. Größere Kinder können ihren Atemrhythmus mit der Inhalation synchronisieren und z. B. die Autogene Drainage (AD) (7.3.1) dabei ausführen.
Die Inhalation mit einem Mukolytikum wird vor der Atemtherapie und die Inhalation mit einem Antibiotikum danach durchgeführt. Sie dauern je nach Krankheitsbild und Alter zwischen 15–30 Minuten.

Klinischer Hinweis

Inhaliergeräte sowie Hilfsmittel zur Atemtherapie müssen v. a. bei chronischen Atemwegserkrankungen aber auch in der pädiatrischen Onkologie (8) nach jedem Gebrauch desinfiziert (am besten ausgekocht) werden!

Die Wahl der Ausgangstellung zu Beginn der Therapie kann verschiedene Ziele verfolgen:
  • Drainagelagerung →Sekretmobilisation

  • Umlagerungen →Veränderung des Belüftungs-/Durchblutungsverhältnisses

  • Entspannte Vorzugshaltung →Ausführung AD

  • Dehnlagen →Gewebespannung senken

  • Atemerleichternde Stellungen →Senken der Atemfrequenz/Lindern von Atemnot

Klinischer Hinweis

MukolytikaMukolytika werden eingesetzt, um visköses Sekret flüssiger zu machen und dieses unter Atemtherapie abzugeben. Zu beachten ist, dass die Medikamente etwa 20–30 Minuten wirken müssen.

In der Atemtherapie mit Säuglingen wird ein zeitlicher Abstand zur Nahrungsaufnahme eingehalten: Die Atemtherapie direkt vor dem Essen verdirbt den Appetit, wenn der Säugling viel Schleim schluckt. Atemtherapie direkt nach dem Essen birgt die Gefahr, das geschluckte Sekret mit der Speise zu erbrechen.

Um dem Kind die Möglichkeiten der Atemtherapie bewusst zu machen, startet man mit der Vorbereitung des Gewebes (meist Massagen oder Ausstreichungen) und Übungen zur Wahrnehmung der Atembewegung. Zum Verdeutlichen der Atemwegsexkursionen kann der In- oder Exspiration mit den Händen ein leichter Widerstand gesetzt werden und das Kind „dorthin“ atmen (Kontaktatmung).
Sollen vertiefte Atemzüge provoziert werden, kann eine Hautfalte am Thorax gehalten werden und diese vom Kind aus den Fingern herausgeatmet werden (Herausatmen von Hautfalten).
Um auf die Atemtechnik der AD vorzubereiten, kann bereits mit einer endinspiratorischen Pause (2–5 Sek. Luft anhalten) gearbeitet werden.
Soll die Exspiration gesteuert (verlängert) werden und unproduktivem Husten vorgebeugt werden, empfiehlt sich die dosierte Lippenbremse (7.3.1).
Ausatmen als wolle man hörbar eine Scheibe anhauchen (sog. Huffing) oder sakkadierendes Ausatmen auf einen Ton („t, t, t“) kann im oberen Bereich der Trachea befindliches Sekret zum schonenden Auswurf bringen (produktiver Husten).

Tipps und Fallen

Der Aufbau der Atemtherapie sollte wie folgt durchgeführt werden:

  • 1.

    Wahl der Ausgangsstellung (z. B. Drainagelagerung)

  • 2.

    Vorbereitung des Gewebes

  • 3.

    SekretmobilisationSekretmobilisation

  • 4.

    (Aktive) Sekretabgabe

Manuelle Techniken zur Sekretmobilisation können feinschlägig (Vibration) oder etwas stärker (Erschütterung) ausgeführt werden. In der internationalen Literatur als „Tapotement“ oder „Percussion“ noch häufig beschrieben, werden Klopfungen in Deutschland seltener angewandt. Der Vorteil manueller Vibration ist, in die Exspiration arbeiten zu können.
Hilfsmittel und Spielzeuge können die Atemtherapie für Kinder interessanter gestalten. Seifenblasen und Tröten machen die Exspiration sicht- bzw. hörbar, Hilfsmittel wie der FlutterFlutter und das RC-CornetRC-Cornet erzeugen Vibrationen oder Luftverwirbelungen, die Sekret lösen.
  • !

    Spielsachen und Hilfsmittel bedürfen einer gründlichen Desinfektion und dürfen nicht direkt von Kind zu Kind weitergegeben werden.

Merke

Der Einsatz eines TriflowTriflow dient der vertieften Inspiration und ist damit für eine Pneumonieprophylaxe gut geeignet. Bei starker Sekretproblematik kommt es hierbei jedoch eher zu einer Sekretretention und sollte deshalb nicht angewandt werden. Der häufig umgedrehte Triflow bedarf eines so großen Ausatemdrucks um den dritten Ball nach oben zu befördern, dass es für instabile Bronchien kontraindiziert ist (Gefahr des Bronchialkollapses).

Literatur

Jung et al., 2001

M. Jung E.M. Jung A. Brokof P. Ahrens U. Rhodius Physiotherapeutische Maßnahmen bei Klein- und Schulkindern mit primärer ziliarer Dyskinesie (Kartagener-Syndrom) Kinderkrankenschwester 5 2001 209 214

Jung and Sappelt, 2015

M. Jung C. Sappelt Atemtherapeutische Maßnahmen bei Mukoviszidose im Kindesalter Kinderkrankenschwester 11 2015 422 425

Sensorische Integration

Danielle Thieme

Definition

„Sensorische Integration ist die Verarbeitung von Sinnesinformationen, damit wir sie nutzen können“1

1

Ayres, 2016, S. 6

(J. Ayres)

Der Begriff wurde in den 70er Jahren durch die Ergotherapeutin Dr. Jean Ayres geprägt.
Indikationen
Indikation für die Sensorische IntegrationSensorische Integration (SI) ist die eingeschränkte Fähigkeit des ZNS, aufgenommene Reize angemessen zu selektieren, zu ordnen und zu verarbeiten. Auf diese Weise können sich keine effizienten Verhaltensweisen entwickeln.
Folgende Symptome können Hinweise auf eine SI-Störung sein:
Im Säuglings- und Kleinkindalter
  • Unreifes bzw. nicht dem Kalenderalter entsprechendes Drehen, Kriechen, Sitzen, Aufrichten (1.1)

  • Überaktivität und motorische Unruhe

  • Schlafstörungen

  • Exzessives Schreien

  • Exzessives Klammern und Trotzen

  • Fütterstörungen

Im Kleinkind- und Schulalter
  • Motorische Entwicklungsauffälligkeiten (z. B. häufiges Stolpern, Stoßen, Bewegungsängstlichkeit)

  • Essens- und Kleidungsbesonderheiten

  • Mangelndes Rollenspiel

  • Feinmotorische/graphomotorische Störungen

  • Apathie, Freud- und Interesselosigkeit, Vermeidungsverhalten

  • Auditive oder visuelle Verarbeitungsstörungen

  • Lernstörungen

  • Aufmerksamkeitsstörungen

  • Auffälliges Arbeitstempo (zu schnell oder flüchtig)

  • Aufgaben können nicht hierarchisch bearbeitet werden

Kontraindikationen
Prinzipiell bestehen keine Kontraindikationen für eine sensorische Integrationstherapie. Mitunter wird nach einer Kopfgelenksdeblockierung zu einer 4–6 wöchigen Therapiepause geraten. Vorsicht ist geboten bei Kindern mit Epilepsie oder psychischen Erkrankungen. Hier richtet sich die Behandlung nach dem klinischen Bild.
Grundlagen
Die Sensorische Integration entwickelt sich durch sensomotorische Aktivität und Wahrnehmung und ist grundlegend für die Ausbildung von (Tab. 3.6):
  • Haltung und Bewegung

  • Räumliche und zeitliche Organisation

  • Lernen und Sozialverhalten

Einteilung der Sinne:
  • Sinne, die über Reize außerhalb des Körpers informieren (Fernsinne):

    • Sehen (visueller Sinn)

    • Hören (auditiver Sinn)

    • Geschmack (gustatorischer Sinn)

    • Geruch (olfaktorischer Sinn)

    • Berührung (taktiler Sinn)

  • Sinne, die über Körperposition und Bewegung informieren (Eigenwahrnehmung):

    • Tiefensensibilität (propriozeptiver Sinn)

    • Gleichgewicht (vestibulärer Sinn)

  • Sinn, der über das Körperinnere informiert (Interozeption): viszeraler Sinn

Ätiologie einer Sensorischen Integrationsstörung (SI-Störung)
  • Durch prä-, peri oder postnatale minimale Hirnschädigungen

  • Durch veränderte Lebensumstände, u. a. verstärkter Medienkonsum, Zunahme von Technik und Motorisierung,

  • Durch einseitige Sinneserfahrungen, meist optische und akustische Reizüberflutung

Physiotherapeutische Diagnostik
SI-Störungen lassen sich durch Beobachtung, Anamnese und standardisierte Fragebögen diagnostizieren. Ein Beispiel ist der „SIPTSIPT“ (Sensory Integration and Praxis Tests für 4–9 jährige Kinder). Dieser Test zeigt, wie gut das Kind Reize integrieren, Handlungen planen und koordinieren kann.
Eine reine SI-Störung lässt sich nicht durch eine neurologische Untersuchung nachweisen, da es sich in den meisten Fällen nicht um eine hirnorganische Schädigung handelt.

Expertenwissen

Systemisches Denken/Ganzheitlichkeit

Die Betrachtung des Kindes sollte immer in seinem pädagogischen, emotionalen, sozialen und soziokulturellen Kontext erfolgen. Das Kind sollte nicht nur während der Untersuchungssituation, sondern auch im sozialen Umfeld (Häuslichkeit, Kita/Schule) beobachtet werden.

Professionalität

Die Beratung und Therapie der Kinder und ihren Eltern ist oftmals sehr komplex und umfassend. Schulungen, permanentes Training der eigenen Wahrnehmung und Supervision sind daher für eine professionelle therapeutische Arbeit ebenso empfehlenswert wie regelmäßige Videoanalysen und der Austausch mit beteiligtem Fachpersonal.

Behandlung
Die qualifizierte Sensorische Integrationstherapie (SIT) ist eine Intervention auf neurophysiologischer Grundlage (Tab. 3.6).
Ziele
  • Sensorische Integration und damit Wahrnehmung, Lernen, Verhalten und Teilhabe zu verbessern, um motorische Planungsfähigkeit, Kraftdosierung, Bewegungsqualität, Aufmerksamkeit und Selbstregulation zu steigern

  • Entwicklung komplexer Fertigkeiten und Muster auf einer gesicherten Basis

  • Orientierung an den Ressourcen des Kindes

Maßnahmen
  • Der Schwerpunkt liegt in der für das Kind angepassten, empathischen und richtig dosierten Vermittlung von Sinneseindrücken.

  • Wenige, klare Reize nutzen: Reize müssen moduliert und mit Pausen angeboten werden, eine Überstimulation sollte vermieden und Verarbeitungszeit eingeplant werden.

  • Die Umgebung wird so gestaltet, dass das Kind in der Lage ist, sich damit effizient und subjektiv sicher auseinanderzusetzen.

  • Umweltanforderungen sollen auf Basis der Teilhabe kompetent bewältigt werden (Kap. 2.10.2).

  • Transfer von erlernten Reaktionen und Anpassungen an den Alltag

  • Das Kind wird in der Selbstregulation und Modulation vom Therapeuten unterstützt.

Klinischer Hinweis

Vibration kann unterschiedliche Wirkungen zeigen und unter Umständen zu einer Reizüberflutung (Schwindel, Übelkeit) führen. Reaktionen können verzögert auftreten. Vibration sollte daher zurückhaltend und unter strenger Beobachtung eingesetzt werden.

Merke

Ziel ist nicht nur eine Funktionsverbesserung zu erreichen, sondern vor allem eine verbesserte Teilhabe. Therapieziele sollten nach ICF immer alltagsrelevant sein. (Kap. 2.10.2)

Literatur

Ayres, 2016

J. Ayres Bausteine der kindlichen Entwicklung. Sensorische Integration verstehen und anwenden 6. A. 2016 Springer Berlin, Heidelberg

Ayres, 1992

J. Ayres Bausteine der kindlichen Entwicklung. Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. (aus dem Amerikanischen übersetzt von Dr.I. und Dr.R. Flehming – Orginaltitel: Sensory Integration and the Child Western Psychological Services 1979) 2. A. 1992 Springer Berlin, Heidelberg

Klein and Kiesling, 2002

J. Klein U. Kiesling Inge Fleming – Sensorische Integration. Ein bewegtes Leben für eine „sinn-volle“ Kindheit 2. Aufl. 2002 Verlag Modernes Lernen Dortmund

Kesper, 2002

G. Kesper Sensorische Integration und Lernen. Grundlagen, Diagnostik und Förderung 2002 Ernst Reinhardt Verlag München

Kiesling, 2010

U. Kiesling Sensorische Integration im Dialog. Verstehen lernen und helfen, ins Gleichgewicht kommen 8.A. 2010 Verlag Modernes Lernen Dortmund

Zimmer, 2012

R. Zimmer Handbuch der Sinneswahrnehmung 2012 Herder Freiburg

Psychomotorik

Stephanie Burgenger

Die PsychomotorikPsychomotorik befasst sich mit der Verbindung von körperlich-motorischen und psychisch-geistigen Prozessen und stellt somit die Komplexität von Bewegen, Wahrnehmen, Erleben und Handeln dar. Sie ist ein therapeutisch-pädagogischer Ansatz zur Unterstützung der kindlichen Entwicklung.

Ziele
In der Psychomotorik sollen die Bausteine der körperlichen Fähigkeiten erarbeitet und gefestigt werden, um damit die psychische und sozial-emotionale Entwicklung des Kindes zu unterstützen.
Körperlich-sensorische Bausteine
  • GrobmotorikGrobmotorik: Posturale Kontrolle und Bewegungskontrolle in gehaltenen Positionen und in der Bewegung

  • FeinmotorikFeinmotorik: Koordination von Auge-Hand-Fuß-Mund

  • GleichgewichtGleichgewicht: statisches und dynamisches Gleichgewicht

  • Koordination: Kontrolle und Koordination komplexer Willkürbewegungen

  • Sinneswahrnehmung – Basissinne: Kinästhetik-Propriozeption, Taktilität, vestibuläres System, Fernsinne (visuelles und auditives System 3.6)

  • RaumorientierungRaumorientierung und Raumwahrnehmung

Diese Fähigkeiten stellen die Grundlage für die psychische und sozial-emotionale Entwicklung dar. Nur bei einem funktionierenden Zusammenspiel aller dieser Bausteine können sich psychosoziale Kompetenzenpsycho-soziale Kompetenzen entwickeln.
Geistig-seelische Bausteine
  • KonzentrationKonzentration: Aufmerksamkeit lenken und halten

  • Verhaltenssteuerung: situationsangepasstes Handeln und Reagieren

  • Interaktion: verbal und nonverbal

  • Problemlösekompetenz

  • Handeln: alleine und in Kooperation mit anderen

  • Selbstvertrauen

  • Wahrnehmung und Reflexion psychischer Reaktionen (wie Angst, Freude und Wut)

  • Selbstständigkeit

Indikationen
Im Vordergrund der Indikationen für die psychomotorische Behandlung stehen Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten.
Diese sind meist Ausdruck einer mangelnden psychomotorischen Entwicklung mit Auffälligkeiten in den oben genannten Fähigkeiten. Verhaltensauffälligkeiten können in drei Störungsbilder gegliedert werden (Tab. 3.7).
Zusätzlich zu diesen Verhaltensauffälligkeiten zeigen sich Schwierigkeiten aus anderen Bereichen, die unabhängig der drei Störungsbilder sind:
  • Auffälligkeiten im Bereich der Wahrnehmung (akustisch, visuell, taktil-kinästhetisch)

  • Gleichgewichtsschwierigkeiten

  • Schwierigkeiten der Raum-Lage-Orientierung (u. a. Verwechslung von p, b, q, d)

  • Propriozeptive Einordnungsproblematiken – Körperschema-Störungen

  • Rechts-Links-Unsicherheiten

  • Unklare Händigkeit nach dem 5. Lebensjahr

  • Schulschwierigkeiten (z. B. Probleme beim Lesen, Schreiben, Rechnen, Umsetzen von Aufträgen)

Kontraindikationen
Konkrete Kontraindikationen gibt es für die psychomotorische Behandlung nicht. Es muss individuell festgelegt werden, inwieweit die Psychomotorik als alleinige Therapie sinnvoll ist oder bei schwerwiegenden Krankheitsbilder nur ein Teil des therapeutischen Förder- und Behandlungsplans ist.
Grundlagen
Die PsychomotorikPsychomotorik basiert auf einem 3-Säulen Konzept (Tab. 3.8). Kompetenzen bauen dabei auf einander auf, sind eng miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig. Sie sind Voraussetzung für eine gesunde Persönlichkeits- und Selbstständigkeitsentwicklung des Kindes.
Techniken
Über Bewegungslandschaften, Bewegungsangebote und Bewegungsspiele lernen die Kinder selbstständig und in Kooperation mit anderen zu handeln. In einem geschützten Raum bekommt das Kind die Möglichkeit, seine Ressourcen zu nutzen und durch Ausprobieren Fehler zu machen, zu wiederholen und sein selbstständiges Handeln zu erweitern sowie die in Tab. 3.8 genannten Fähigkeiten und Kompetenzen zu entwickeln.
Durchführung
Die Psychomotorik wird meist in Kleingruppen durchgeführt. So besteht die Möglichkeit, die Ich-, Sach- und Sozialkompetenz zu erarbeiten. Im Fokus steht immer das Erlangen eines starken Selbstvertrauens. Ist das Selbstvertrauen noch so gering oder die Auffälligkeiten so einschränkend, dass das Kind in der Gruppe „untergeht“ oder die Gruppe „sprengt“, ist auch eine psychomotorische Einzelbehandlung möglich.

Literatur

Kiphard, 1989

E.J. Kiphard Psychomotorik in Theorie und Praxis. Ausgewählte Themen der Motopädagogik und Mototherapie 1989 Flöttmann Gütersloh

Zimmer, 2014

R. Zimmer Handbuch der Bewegungserziehung. Grundlagen für Ausbildung und pädagogische Praxis 2014 Herder Freiburg

Zimmer, 2006

R. Zimmer Handbuch Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung 2006 und 2012 Herder Freiburg

Castillo Morales Konzept

Heidi Orth

Das Castillo MoralesCastillo Morales Konzept arbeitet auf neurophysiologischer Grundlage. Es soll Kinder und erwachsene Patienten mit orofazialen und sensomotorischen Einschränkungen in der Bewältigung ihres Alltags unterstützen.

Castillo Morales (1949–2011) gründete in Cordoba (Argentinien) ein Rehabilitationszentrum und leitete es viele Jahre. Er entwickelte sein Konzept aus der Verbindung von medizinischem Fachwissen und soziokulturellen Erfahrungen im Zusammenleben mit unterschiedlichen ethnischen Gruppen Lateinamerikas.

Ziele
Entsprechend den Befundkriterien der ICF-CYICF-CY (International Classification of Functioning, Disability and Health for Children and Youth der WHO, 2.10.2) sollen
  • die verbalen und nonverbalen Kommunikationsfähigkeiten gefördert werden,

  • die sensomotorischen Entwicklungen in Aufrichtung und Bewegung unterstützt werden,

  • die orofazialen Funktionen für Essen und Trinken aktiviert und reguliert sowie

  • bestmöglich sekundäre Pathologien vermieden werden.

Dabei werden verschiedene Wahrnehmungsbereiche und die Unterstützung der elterlichen Kompetenzen als Teilziel einbezogen.
Indikationen
  • Muskuläre (9.1) Hypotonie im Rahmen (9.2) einer genetischen Veränderung (z. B. Trisomie 21, Prader-Willi-Syndrom)

  • Neuromuskuläre Erkrankungen (6.3)

  • Zentralmotorische Erkrankungen, die angeboren oder erworben sind (z. B. Schädel-Hirn-Trauma [6.6], Apoplex)

  • Fazialisparese, peripher/zentral (6.2.2 und 6.1.11) z. B. Möbiussequenz

  • Kraniofaziale Fehlbildungen (z. B. Lippen-Kiefer-Gaumen-Segel-Fehlbildungen, Pierre Robin Sequenz, Apert Syndrom)

  • Periphere Paresen (z. B. Meningomyelozele [6.1.12] oder Armplexusparese [6.2.1])

  • Saug-, Schluck- und Atemprobleme bei Neugeborenen (4.9)

  • Kinder, die mittels Sonde ernährt werden

Kontraindikationen
Es sind keine Kontraindikationen bekannt.
Grundlagen
Das Konzept legt Folgendes zugrunde:
  • Die Kommunikation als Ausgangspunkt für Diagnose und Therapie

  • Ein humanistisches Menschenbild, das den Umgang zwischen Arzt/Therapeut und Patient/Bezugsperson prägt

  • Die lateinamerikanische Sozialanthropologie, in der der enge Körperkontakt zwischen Eltern und Kindern wichtig ist und damit auch ein Teil von Therapieplanung und -durchführung

  • Den Zusammenhang zwischen sozialen Beziehungen und der Gestaltung der individuellen Umgebung (Einbeziehen der Ideen von Bezugspersonen)

  • Die Eigenaktivität und Selbstbestimmtheit des Patienten, um sinnvolles Lernen zu ermöglichen (Pädagogische Aspekte)

  • Die Annahme eines Zusammenspiels der orofazialen Funktionen mit den übrigen Organsystemen des Körpers

Klinischer Hinweis

Die Behandlung von Kindern mit einer Zerebralparese nach dem Castillio Morales Konzept erfordert von Therapeuten einen breitgefächerten Erfahrungshintergrund.

Techniken
Ausgangsstellungen (ASTE)
  • Die ASTE wird individuell den Bedürfnissen und dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechend eingenommen, vorwiegend in Rücken-/Seitenlage und im Sitzen.

  • Die Behandlung von Kindern wird vorzugsweise in engem Körpertakt mit den Eltern vorgenommen.

  • Eine funktionelle Asymmetrie wird möglichst in der ASTE ausgeglichen oder der Ausgleich wird erarbeitet.

Durchführung
  • Mit verschiedenen Techniken (Vibration, Berührung, Zug, Druck) sowie über motorische Zonen (Periost/Sehnen, mimische Regionen, z. B. am Augenwinkel für besseren Lidschluss) wird der Körper manuell stimuliert.

  • Es werden symmetrische und asymmetrische distale Impulse (z. B. über das Stemmen der Füße) zur Stimulierung des Muskeltonus eingesetzt.

  • Der Einsatz alltagsbezogener Hilfsmittel dient zur Unterstützung der Therapie (z. B. Tragetuch, Hufeisenkissen o. ä.).

  • Erfolgt eine kieferorthopädische Versorgung (z. B. mit einer Gaumenplatte), wird diese in die Therapie integriert.

Dosierung
  • Die Dosierung wird individuell den Fähigkeiten, den Funktionen und den Bedürfnissen des Patienten angepasst

  • Zur Unterstützung des Kindes im Alltag erfolgt eine Anleitung der Eltern (Nahrungsaufnahme und -angebot, Interaktion)

Expertenwissen

Die Castillo Morales Vereinigung führt als zertifizierter Ausbilder sechswöchige Fortbildungskurse durch.

Die Adressaten sind Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten sowie Ärzte, Zahnärzte und Kieferorthopäden

Literatur

Morales, 1998

C. Morales Die orofaziale Regulationstherapie 2. A. 1998 Pflaum München

Frey, 2011

S. Frey Pädiatrisches Dysphagiemanagement 1. A. 2011 Eslevier München

Türk, 2012

Türk Söhlemann Rummel Das Castillo Morales Konzept 1. A. 2012 Thieme Stuttgart

Internetadresse

www,

www.castillomoralesvereinigung.de

Dreidimensionale Skoliosebehandlung nach Schroth

Petra Auner-Gröbl

Die Ursache für die Ausbildung einer SkolioseSkoliose ist meist unbekannt.

Idiopathische Skoliosen verschlechtern sich im Jugendalter oft, sodass hier eine Intervention notwendig wird. Gezielte Maßnahmen wie die Skoliosebehandlung nach Schroth oder eine Behandlung auf neurophysiologischer Basis (3.2) können die Wirbelsäulenkrümmung verbessern.

Der Behandlung geht eine genaue Befundaufnahme und Indikationsstellung vorweg, bevor die skoliose-spezifische Behandlung beginnt.

Ziele
Das Behandlungskonzept verfolgt das Ziel, die bestehende Asymmetrie bewusst zu machen, um später das korrigierte Muster zu verinnerlichen. Je nach Alter des Kindes dient die Therapie:
  • Der Eindämmung einer weiteren Progredienz der Verformung; es müssen auf die Wirbelkörper gleichmäßigere Druckverhältnisse gebracht werden

  • Der optimalen Ausrichtung der Wirbelsäule

  • Der Derotation des Rumpfes durch automatisierte Atmungslenkung

  • Der Förderung der motorischen Fähigkeiten und

  • Der Haltungssteuerung

Neben den Übungen nach dem Therapiekonzept nach Schroth werden alltagsrelevante Bewegungen in Korrekturhaltung erlernt, sodass physiologische Bewegungsabläufe in den Alltag übertragen werden können.
Indikationen
Die klassische Skoliosetherapie nach Schroth wird bei milden bis mittelschweren idiopathischen Skoliosen (5.5.4) bis hin zur OP-Indikation angewandt.
Kontraindikationen
Für die Behandlung nach Schroth sind grundsätzlich keine Kontraindikationen bekannt, da es sich dabei um ein individuell angepasstes Konzept mit sehr unterschiedlichen Übungsintensitäten handelt.
Grundlagen der Atmungsorthopädie nach Schroth
Die Grundidee des Behandlungskonzepts ist die atemunterstützte Elongation („weiten“) und Derotation unter Berücksichtigung der Dreidimensionalität.
Schroth setzt zum Korrigieren immer an den verengten Rippen an, um diese zu weiten und einen korrigierenden Einfluss auf Erhöhungen auszuüben.
Rumpf-Blöcke
Die Therapie nach Schroth bedient sich der gedanklichen Einteilung des Rumpfes in drei rechtwinklig übereinanderstehenden sog. „Blöcken“:
  • Beckengürtel

  • Rippenkorb

  • Schultergürtel mit Hals und Kopf.

Den Einfluss unphysiologischer Druck- und Zugkräfte auf die Knochen der Wirbelsäule führt Schroth unter anderem auf die stabilisierende Funktion der WS-Muskulatur zurück, die einerseits gedehnt und belastet und andererseits atrophisch und kontrakt ist.
Damit ergibt sich bei einem Ungleichgewicht zwischen rechter und linker Körperseite eine laterale Abweichung im Sinne einer Translation des Oberkörpers.
Bei einer Skoliose werden die „Blöcke“ trapez- bis keilförmig und verschieben sich gegeneinander in der Frontalebene. Je umfangreicher diese Abweichungen sind, desto mehr verformen sie sich zu sog. „Keilen“.
Daraus ergibt sich für die Wahl der Übungen eine wesentliche Einteilung in:
  • Dreibogige Skoliose (Abb. 3.17)

  • Dreibogige Skoliosen mit Beckenbeteiligung

  • Vierbogige Skoliosen (Abb. 3.18)

Zusätzlich kommt es zu einer Rotation der Wirbelkörper, es entstehen Rippenbuckel und/oder Lendenwulst.
Je größer diese Rumpfabweichungen von der Lotrechten sind, desto auffälliger bilden sich die WS-Bögen aus. Der Rumpf verliert an Länge und die physiologische Körpergröße verringert sich dadurch.

Klinischer Hinweis

Beispiel für eine thorakale Rechtsskoliose

  • Der Beckengürtel steht nach links

  • Der Rippenkorb nach rechts

  • Der Schultergürtel nach links

  • Das Becken ist zur Seite des lumbalen Bogens hin translatiert.

  • Konvexe Rumpfseite: Die lateral abgewichenen Rumpf-Blöcke drehen sich gleichzeitig nach dorsal.

  • Konkave Rumpfseite: Der Rumpfblock dreht nach ventral.

  • Muskeln und Rippen ziehen sich auf der atrophischen Seite lateral und dorsal zusammen.

Befund
  • 1.

    Anamnese

  • 2.

    Aktive und passive Bewegungsüberprüfung

  • 3.

    Achsenabweichungen

  • 4.

    Bestimmung des Krümmungswinkels einer Skoliose nach CobbKrümmungswinkel nach Cobb (durch den Arzt mittels Röntgen; international wichtigster Parameter zur Beurteilung einer Skoliose und Basis für therapeutische Entscheidungen)

Klinischer Hinweis

Bestimmung des Krümmungswinkels einer Skoliose nach Cobb:

  • Bis 15° Cobb ohne Rotation wird im deutschsprachigen Raum spezielle Bewegungstherapie nach Schroth verordnet.

  • Ab 15° bis 20° Cobb mit Rotation wird die Bewegungstherapie nach Schroth oftmals um ein zumindest nachts getragenes Korsett ergänzt.

  • Progrediente Skoliosen von 20°–25° bis zu 40° Cobb-Winkel erhalten eine derotierende Rumpforthese mit einer Mindesttragezeit von täglich 16 Stunden. Zweite Säule der Behandlung ist intensive Physiotherapie nach Schroth, um eine drohende Operation abzuwenden.

  • Ab 40° Cobb liegt eine Operationsindikation vor, wenn alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind.

Behandlung
Die Behandlung wird individuell auf die Patienten abgestimmt und orientiert sich auch im Therapieverlauf ständig neu. Sie muss stets an die Skolioseausprägung, die Progredienz, das koordinative Vermögen, zusätzliche Versorgung mit Korsett und letztendlich an das Alter des Kindes angepasst werden.
Im Alltag sollen die während der Therapieeinheiten erlernten Ausgangsstellungen (wie Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen usw.) angewendet und Übungszeiten in den Tagesablauf eingebaut werden. Die Übungszeit ist mit max. ½ Stunde anzusetzen.
Korrekturprinzipien
Drehwinkelatmung
Die Atmung wird nach lateral, ventral oder dorsal (je nach Notwendigkeit) und kranial gelenkt. Dabei atmet der Patient bewusst in die konkave Seite.
Der Rumpf wird über die Brustwirbelsäule und den Brustkorb in seine größtmögliche Länge gebracht.
Alltagshaltung
  • Abfragen von bevorzugten „Alltags- und Lieblingshaltungen“ (als erster Schritt zur Identifizierung der auslösenden Mechanismen)

  • Alltagskorrektur manuell durch Gegendruck (z. B. durch den Therapeuten) oder mit Hilfsmitteln (z. B. Stäbe, Thera-Band etc.)

Lagerung mittels Korrekturkissen
Das Hauptaugenmerk und Basis aller weiteren Interventionen ist die optimale Lagerung. Lagerungsmittel werden bei jeder Lagerung in Rückenlage, Bauchlage oder Seitenlage unter die entsprechenden Rumpfabschnitte gelegt (z. B. mit Reis oder Sand gefüllte Säckchen, die bei der Derotation des Rumpfes helfen).
Für die Lagerung der Extremitäten werden Quader oder Rollen verwendet.
Spiegel
Der Spiegel wird zur Anleitung von Übungen als visuelles Hilfsmittel eingesetzt. Er dient auch beim Heimübungsprogramm der Möglichkeit zum geleiteten intrinsischen Feedback.
Atmung
Die Atmung ist ein wesentlicher Bestandteil der Therapie nach Schroth. Es gibt kein anderes Mittel, um „eingesunkene“ Rumpfareale zu weiten und an ihren ursprünglichen Platz zurück zu „ordnen“. Sie können nur durch Luft von innen geweitet und wieder aufgefüllt werden.
Beckenkorrekturen
Sie dienen der geordneten Repositionierung des Beckengürtels. Diese folgt abhängig von der Ausgangsstellung.
Becken seitlich verschoben:
  • Die außenstehende Hüfte wird zur Mitte gebracht.

  • Die darüber befindlichen Rippen müssen nach außen-oben geatmet werden.

Hüfte nach ventral rotiert:
  • Die Hüfte wird nach dorsal gebracht.

  • Die darüber befindlichen Rippen atmen nach vorn-oben.

Hüfte dorsal rotiert (z. B. an der thorakalen Konkavseite):
  • Die Hüfte wird nach ventral gebracht.

  • Die darüber befindlichen konkaven Rippen werden nach dorsal-kranial geatmet.

Spezielle Übungen nach Schroth:
  • Entwickeln sich immer aus der optimalen Lagerung und der sich daraus ergebenden Nutzung von Zug- bzw. Gravitationskräften

  • Übungen in geordneter Bauch-, Seit- und Rückenlage (Abb. 3.20)

  • Übungen im Stand

  • Kniestand in verschiedenen Ausgangsstellungen

  • Gangübungen

  • Übungen an der Sprossenwand (Abb. 3.19)

  • Nutzung diverser therapeutischer Hilfsmittel wie dem Theraband oder dem Gymnastikball

Literatur

Lehnert-Schroth and Gröbl, 2014

C. Lehnert-Schroth P. Gröbl Atmungsorthopädie Schroth 8. A. 2014 Elsevier München

Fußbehandlung nach Zukunft-Huber

Frauke Mecher

Die mehrdimensionale manuelle FußtherapieFußtherapie wurde von der Physiotherapeutin Barbara Zukunft-HuberZukunft-Huber, Barbara entwickelt.

Abweichungen in Funktion und Form werden auf der Grundlage der physiologischen, genetisch veranlagten Bewegungsentwicklung im ersten Lebensjahr diagnostiziert und therapiert.

FußfehlhaltungenFußfehlhaltungen und-stellungen von Säuglingen und Kindern werden niemals isoliert betrachtet. Diagnose und Therapie orientieren sich immer an den globalen Bewegungsmustern des Kindes.

Merke

Fußfehlhaltung:

passiv vollständig korrigierbar, aktiv teilweise korrigierbar, keine strukturellen Veränderungen

Fußfehlstellung:

weder aktiv noch passiv vollständig korrigierbar, strukturelle Veränderungen an Kapsel-Band-Apparat, Muskulatur und/oder Knochen

Ziele
Unter Berücksichtigung der genetisch verankerten Bewegungsmuster und der Fußentwicklung im ersten Lebensjahr, sollen Fußfehlhaltungen korrigiert sowie die Abweichungen in Funktion und Form bei Fußfehlstellungen bestmöglich minimiert werden.
Die veränderte Fußbeweglichkeit kann dann im globalen Muster in der Spontanmotorik umgesetzt werden. Weitere „Fußgymnastik“ ist nicht mehr notwendig.
Indikationen
Orthopädische Fußdeformitäten (5.4)
  • Knick-Senk-Fuß

  • Idiopathischer Spitzfuß

  • Säuglings-Hackenfuß (Pes calcanovalgus)

  • Sichelfuß (Pes adductus)

  • Kletterfuß («Pseudoklumpfuß»)

  • Kongenitaler Klumpfuß

Neurologische Fußdeformitäten (5.4)
  • Spitzfuß bei Infantiler Zerebralparese (ICP), nach Schlaganfall, SHT

  • Knick-Senk Fuß bei ICP,

  • Klumpfuß bei Meningomyelocele, Arthrogryposis multiplex congenita

  • Hohlfuß bei z. B. Friedreich Ataxie

  • Fußfehlstellungen bei Syndromen und Missbildungen

Kontraindikationen
Es sind keine Kontraindikationen für die Fußbehandlung nach Zukunft-Huber bekannt.
Grundlagen
Der Fußbehandlung nach Zukunft-Huber liegen Kenntnisse der Anatomie und Funktion des Fußes zugrunde. Die FußgewölbeFußgewölbe werden durch Muskulatur, Bänder und Plantaraponeurose in
  • Länge (Ferse-Großzehenbasis),

  • Breite (distales Ende der Metatarsalia 1–5) und

  • Höhe (unterhalb des Sprunggelenks) „aufgerichtet“.

Zu den Komponenten des Fußskeletts gehören:
  • Rückfuß (Tarsus),

  • Vorfuß (Metatarsus und Phalangen)

  • Medialer Fußstrahl (Talus, Naviculare, Cuneiforme 1–3 und die ersten drei Zehenstrahlen)

  • Lateraler Fußstrahl (Kalkaneus, Kuboid und die zwei äußeren Zehenstrahlen)

Die Fußgewölbe bestehen aus:
  • Lateralem Längsgewölbe, Kalkaneus bis 5. Mittelfußstrahl

  • Medialem Längsgewölbe, Kalkaneus bis 1. Mittelfußstrahl

    • M. abd. hallucis, M. flex. hallucis brevis, M. abd. digiti minimi, M. flex. dig. brevis, Plantaraponeurose, M. tibialis post., M. add. Halluces (caput obliquum) u. a.

  • Quergewölbe, 1.–5. Mittelfußstrahl

    • M. tib. post., M. peroneus longus, M. interossei, M. add. Halluces (caput transversum) u. a.

Veränderungen der funktionellen Länge, Breite und Höhe werden im Befund und Therapieverlauf dokumentiert.

Merke

Kenntnisse der normalen funktionellen Fuß-und Beinentwicklung im Rahmen der posturalen Ontogenese des Säuglings gelten als Voraussetzung für eine adäquate Diagnostik und Therapie (Tab. 3.9).

Die Therapie orientiert sich an den angeborenen Bewegungsmustern des Säuglings. In den Ausgangsstellungen befinden sich die Gelenke in Mittelstellung, denn so ist ein maximaler Bewegungsumfang möglich. Die Fußknochen stehen in einer physiologischen Neutralstellung zueinander.
Eine Bewegungseinschränkung wird nicht isoliert therapiert, sondern immer im globalen Muster. Die Bewegungsentwicklung vom Vor- zum Rückfuß wird berücksichtigt. Über die Dehnung der gesamten Muskelkette in Richtung der verkürzten Muskulatur wird das muskuläre Gleichgewicht wieder hergestellt. Dabei erfolgt die Dehnung vor der Kräftigung.
Stehen die Gelenke in korrekter Position zueinander, kann der Fuß seine physiologische Funktion im genetisch veranlagten Bewegungsmuster (1.1) trainieren

Klinischer Hinweis

Bei neurologischen Erkrankungen kommt die Fußbehandlung in Ergänzung zur neurophysiologischen Behandlung nach Bobath (3.1.) und Vojta (3.2) zum Einsatz.

Bei der Fußtherapie nach Zukunft-Huber werden die FußdeformitätenFußdeformitäten in zwei Gruppen eingeteilt (Tab. 3.10).
Techniken
Voraussetzung für einen optimalen Behandlungsverlauf sind die korrekten Ausgangsstellungen:
Fuß-Hüft-Diagnostikgriff in Rückenlage (Abb. 3.21)
  • Beide Beine werden in Hüft-Flexion, Außenrotation und Abduktion eingestellt.

  • Flexion Knie, Ober-und Unterschenkel liegen aufeinander

  • Fersen in Höhe des Os pubis

  • Füße nahezu rechtwinklig zum Rumpf stellen

Im Normalfall stellen sich die Füße in Supination ein, medialer und lateraler Fußrand stehen parallel zueinander.
Fuß-Hüft-Diagnostikgriff in Bauchlage
  • Becken liegt auf der Unterlage

  • Hüften außenrotiert, abduziert und flektiert

  • Knie gebeugt

  • Füße werden von der Fußsohle her am medialen Fußrand umfasst

  • Laterale Fußränder berühren sich in einer Linie von der Ferse bis zu den kleinen Zehen

Medialer und lateraler Fußrand stehen im Normalfall parallel zueinander. Die lateralen Fußränder bilden eine Linie mit der Analfalte.
Sollte es neben der Fußproblematik zu Abweichungen kommen, sind die Beuge-und Abspreizfähigkeit der Hüften sowie die Beinachsen zu überprüfen.
Seitlage
Der Fuß des oben liegenenden Beines steht in Abduktion, Außenrotation. Die Hüfte ist flektiert, ebenso das Knie ca. in Höhe der Symphyse vor dem Körper. Der Talus steht dabei über dem Kalkaneus, die Fußstrahlen stehen parallel zueinander und der Fuß kommt automatisch in Supination (dabei wird das Gewölbe für den Stand „vorbreitet“). In der Seitlage „belastet“ der Säugling erstmals seinen Fuß.
Bei der Mobilisation der Weichteile im reflexhemmenden Bewegungsmuster gelten folgende ASTE:
  • Hüfte: Abduktion, Außenrotation, Flexion

  • Knie: Flexion

  • Füße: Supination und Mittelstellung

Die Dehnung der verkürzten Muskulatur erfolgt immer aus der Nullstellung. Einschränkungen der translatorischen Gleitbewegung werden manuell gelöst.
Durchführung
Die Durchführung wird an dem Beispiel des SichelfußSichelfußes (5.4.2) mit einigen Grifftechniken in Rückenlage und Bauchlage dargestellt. Zu Beginn der Behandlung wird die Beweglichkeit der Hüftgelenke überprüft. Auffälligkeiten (Einschränkungen hinsichtlich Außenrotation, Abduktion und Flexion) werden zuerst behandelt.
Die Therapie sollte idealerweise im Neugeborenenalter beginnen. Wird erst bei Laufanfängern ein Sichelfuß diagnostiziert, kann bei konsequenter Umsetzung auch hier eine Verbesserung erreicht werden.
Die Dauer der Therapie richtet sich nach dem Schweregrad und kann beendet werden, wenn die Fußränder beider Füße beim Fuß-Hüft-Diagnostikgriff parallel zueinanderstehen. Ebenso sollten auch in der Spontanmotorik keine Abweichungen in der Fuß-Beinachse mehr zu beobachten sein. Es ist eine Kontrolle bei Laufbeginn bzw. bei den jeweiligen Vorsorgeuntersuchungen zu empfehlen.
Zu erwartende Beobachtungen beim Fuß-Hüft-Diagnostikgriff in Rückenlage:
  • Einschränkungen hinsichtlich Außenrotation und Abduktion im Hüftgelenk

  • „Abknickung“ des Fußes in Höhe des Tarsometatarsalgelenks

  • Verkürzung des Fußinnenrandes von der Ferse bis zu den Zehen

  • Einziehung der Zehen

Die Beobachtungen beim Fuß-Hüft-Diagnostikgriff bestimmen die Vorgehensweise unter der Therapie (Abb. 3.21). Beginnend mit der Korrektur des proximalen Gelenks, werden mögliche Einschränkungen der Hüftgelenke zuerst behandelt (Abb. 3.22).
Die Eltern werden in der Therapie angeleitet und können die gelernten Griffe unter Aufsicht einüben. Zuhause sollte die Fußtherapie 3–4 mal täglich für 15–20 Min. durchgeführt werden (Tab. 3.11, Tab. 3.12).
Zwischen den Behandlungseinheiten wird die erarbeitete Fußlänge durch eine elastische Binde „gehalten“.
Den Eltern wird das exakte Anlegen der Binde gezeigt und mit ihnen geübt. Diese wird vorab unter Zug aufgerollt und dann ohne Zug beim Kind angelegt.

Merke

Wichtig ist besonders zu Beginn der Behandlung eine regelmäßige Kontrolle der Durchblutung beim Anlegen der Binde, denn sie darf nicht zu fest sein.

Die funktionelle Binde:
  • Sollte immer unter Zug aufgerollt werden,

  • Ist je nach Fußlänge ei Säuglingen 5 cm breit, bei älteren Kindern 6 cm breit und halbe Länge der Binde

  • Bei Hautrötung kommt ein Stülpa unter die Binde

  • Zu Beginn wird sie 24 Stunden, ab Normalisierung nur noch nachts eingesetzt

  • Wird beim Laufen im Schuh getragen

  • Die Binde wird im Fuß-Hüft-Diagnostikgriff angelegt

    • Ohne Zug

    • In Supinationsstellung und korrigierter Fußlänge

    • Zwischen Großzehenballen und OSG

Bei älteren Kindern wird die Behandlung in Bauchlage und im Sitzen durchgeführt (Abb. 3.23). Nach der Dehnung wird die funktionelle Binde angelegt.

Literatur

Zukunft-Huber, 2017

B. Zukunft-Huber Der kleine Fuß ganz groß 3. A. 2017 Elsevier München

Weimann-Stahlschmidt et al., 2014

K. Weimann-Stahlschmidt R. Krauspe B. Westhoff Aktueller Stand der Behandlung des kindlichen Klumpfußes OUP 1 2014 027 033

Hell, 2017

Hell A. AWMF S2k-Leitlinie „Kindlicher Knick-Senk-Fuß“. AWMF-Registernummer: 033/020, 2017.

Dt. Ges. f. Orthopädie

Dt. Ges. f. Orthopädie und orthopäd. Chirurgie + BV d. Ärzte f. Orthopädie (Hrsg.) Leitlinien der Orthopädie: AWMF S1k-Leitlinie „Kongenitaler Klumpfuß“. AWMF-Registernummer: 033/021. 2. A. Köln: Dt. Ärzte-Verlag, 2002.

Internetadressen

Leitfaden zum Thema Klumpfuß

Leitfaden zum Thema Klumpfuß klumpfuss.net/

Ponseti Behandlung

Ponseti Behandlung www.ponseti-fuesse.de

Tiergestützte Therapie

Maike Heidtmann

Bei der tiergestützten Therapietiergestützten Therapie handelt es sich um bewusst geplante, pädagogische und psychologische Angebote mit verschiedenen Tieren für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit motorischen, kognitiven und/oder sozial-emotionalen Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten.

Ziele
  • Motorische Fähigkeiten erhalten und verbessern

  • Motivation zum Handeln und Reagieren

  • Steigerung der sozialen Kompetenz

  • Selbstwertsteigerung

  • Steigerung der Fähigkeit zur Durchführung von Aktivitäten

Indikationen
Folgende Indikationen existieren für die tiergestützte Therapie bei Kindern:
  • Verhaltensauffälligkeiten

  • Regulationsstörungen

  • Autismus

  • Down-Syndrom (9.1)

  • Lernschwierigkeiten

  • Körperkontaktstörungen

  • Motorische Auffälligkeiten

  • Geistige und/oder körperliche Behinderungen

Kontraindikationen
  • Starke Ablehnung von Tieren

  • Allergien gegen ein bestimmtes Tier

Grundlagen
Vor der tiergestützten Therapie ist es wichtig, über die möglichen Therapietiere zu sprechen, um herauszufinden, welches Tier zu dem Kind passt. Fotos und Informationen über das Tier helfen dem Kind, sich auf das Tier einzustellen und mit ihm in Kontakt zu treten.
Bei der ersten Begegnung mit dem Tier ist es wichtig, dem Kind Zeit zu geben. Auf diese Weise kann es eigenständig entscheiden, wann es mit dem Tier Kontakt aufnimmt. Zur ersten Kontaktaufnahme eignet sich z. B. das „Hinwerfen“ von Futter oder auch das Streicheln des Tieres.
Jede Therapieeinheit wird individuell geplant. Der Einsatz eines Tieres fördert in den meisten Fällen die Motivation zur Mitarbeit.
Geeignete Tiere für die tiergestützte Therapie
Bei der tiergestützten Therapie können die meisten Tiere eingesetzt werden. Dies sollte immer individuell und je nach Kind entschieden werden. Die meist genutzten Tiere für die Therapie sind Hunde, Pferde, Schafe, Ziegen, Alpakas sowie Hasen, Hühner, Esel. Pferde werden vor allem für die Reit- bzw. Hippotherapie genutzt (3.12).
Durchführung
Die tiergestützte Therapie kann sowohl in Einzeltherapie als auch im Gruppensetting in Praxen, sozialen Einrichtungen, Altenheimen, Krankenhäusern etc. stattfinden.
Der tiergestützten Therapie liegt ein Beziehungsdreieck zwischen Kind-Tier-Bezugsperson zugrunde. Kinder lernen über die Tiere zu kommunizieren. Außerdem wirkt der Kontakt zu Tieren auf viele Menschen beruhigend und stimmungsaufhellend. Er lenkt die Aufmerksamkeit in die Gegenwart und eröffnet neue Handlungs- sowie Erfahrungsräume.
Anders als bei der tiergestützten Aktivität handelt es sich bei der tiergestützten Therapie um zielorientierte Durchführungen, welche nur von speziell ausgebildeten Therapeuten, Pädagogen oder Ärzten durchgeführt werden dürfen.

Internetadressen

European Society for Animal Assisted Therapy

European Society for Animal Assisted Therapy www.esaat.org

Hippotherapie

Maike Heidtmann

Unter dem Begriff HippotherapieHippotherapie wird eine physiotherapeutische Behandlung mithilfe des Pferdes auf neurophysiologischer Grundlage verstanden. Damit der Arzt eine solche Behandlung verordnen kann, benötigt der Therapeut eine entsprechende Zusatzausbildung. Bei der Hippotherapie wird das Pferd von einem Helfer in der Gangart „Schritt“ geführt.

Ziele
  • Ausgleich zu niedriger oder zu hoher Muskelspannung

  • Rumpfaufrichtung & Kräftigung

  • Verbesserung der Raumlagewahrnehmung

  • Steigerung der Konzentration

  • Schulung von Koordination und Gleichgewicht

  • Förderung der Kommunikation

  • Stärkung des Selbstwertgefühls

  • Becken- und Oberkörpermobilisation

  • Verbesserung des Körpergefühls

Indikationen
  • Zentrale Läsionen (6.1), z. B.:

    • Meningomyelozele (6.1.12)

    • Infantile Zerebralparese (ICP) (6.1.2)

    • Apoplex

    • Schädel-Hirn-Trauma (6.6)

    • Paraparesen/-plegie (6.1.8)

  • Neuromuskuläre Läsionen (6.3)

  • Genetische Syndrome (9)

  • Skoliosen (5.5.4)

  • Haltungsstörungen (5.5.3)

Kontraindikationen
Neben Begleiterkrankungen, die eine Rücksprache mit dem Arzt erfordern, existieren auch absolute Kontraindikationen, bei denen keine Hippotherapie angewendet werden darf:
  • Thrombosen

  • Starke Allergien (Tierhaar, Staub)

  • Akuter Bandscheibenvorfall

  • Angina Pectoris

  • Akute entzündliche Prozesse

  • Hüftarthrodese

  • Keine Kopfkontrolle

Grundlagen
Durch den therapeutischen Einsatz des Pferdes wirken die dreidimensionalen Schwingimpulse des Pferderückens positiv auf das Kind. Das Pferd überträgt etwa 100 dreidimensionale Schwingungsimpulse pro Minute auf das aufrecht sitzende Kind, das auf die anhaltend einwirkenden Bewegungsreize reagiert und antwortet.
Durchführung
Die Dauer der Hippotherapie beträgt zwischen 20 und 30 Minuten und findet ein- bis max. dreimal wöchentlich statt. Die Therapie findet in der Gangart „Schritt“ statt, in der sich die therapeutisch wirksamen Elemente voll entfalten.
Während der gesamten Behandlung wird das Kind von einem Hippotherapeuten gesichert. Eine Helmpflicht besteht in der Hippotherapie nicht, da der Helm in der medizinisch-physiotherapeutischen Maßnahme kontraproduktiv wirken kann.
Das Therapieteam setzt sich während der gesamten Therapiedauer aus einem Therapiepferd, einem Hippotherapeuten, einem Pferdeführer, dem Patienten und eventuell einem weiteren Helfer zusammen.
Der Transfer auf das Pferd und zurück erfolgt je nach Schwere der Beeinträchtigung des Patienten auf verschiedene Weisen. Er sollte immer ein Teil der Therapie sein und die Teilhabe des Kindes im Alltag verbessern.

Literatur

Strauß, 2007

I. Strauß Hippotherapie Physiotherapie mit und auf dem Pferd 4. A. 2007 Thieme Stuttgart

Internetadressen

Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e

Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. www.dkthr.de/de/therapeutisches-reiten/hippotherapie/

Vibrationsplattentraining

Iris von der Lippe

Das Vibrationsplattentraining hat sich seit einigen Jahren in der Pädiatrie etabliert. Viele Kinderkliniken, Kinderzentren und Physiotherapiepraxen haben ihr ambulantes und stationäres Angebot um das Vibrationsplattentraining erweitert.

Bei dem Galileo®-System beispielsweise handelt es sich um eine Vibrationsplatte, die sich wie eine Wippe bewegt. Durch diese seitenalternierende Bewegung der Platte werden neuromuskuläre Reflexe ausgelöst.

Die Muskulatur hat eine zentrale Bedeutung für einen gesunden und leistungsfähigen Organismus. Eine gut funktionierende und zugleich leistungsfähige Muskulatur ist eine wichtige Voraussetzung für gesunde Gelenke und Knochen. Sie stellt eine wesentliche Zielsetzung zur Vorbeugung und Behandlung von Muskel- und Skeletterkrankungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter dar.

Ziele
Zu den Zielen des Trainings gehören:
  • Zunahme der Bewegungsaktivitäten

  • Inter- und intramuskuläre Koordination (durch Aktivierung der neuromuskulären Reflexbögen)

  • Verbesserung der Balance und Propriozeption

  • Verminderung der Spastik

  • Steigerung der Muskelfunktion

    • Muskelaufbau (z. B. nach Immobilisation)

    • Osteoporose-Prophylaxe und -Behandlung

    • Verbesserung der Ausdauer

    • Ausgleich muskulärer Dystonien

    • Reduzierung von Kontrakturen

Nach dem Modell der funktionellen Muskel-Knochen-Einheit kommt es als Folge des Muskelkraftzuwachses zu einer Zunahme der Knochenmasse. Zudem wird durch die Anregung der Muskulatur ein positiver Effekt auf die Hautdurchblutung ausgeübt und es kann zu einer Verbesserung von eventuell bestehenden Gelenkkontrakturen kommen.
Für Kinder und Jugendliche, die nicht in der Lage sind, auf einem Galileo®-Standsystem zu trainieren, wurde dieses Vibrationssystem angepasst. Das Galileo® Delta A Kipptisch-Gerät ermöglicht es Kindern, ein seitenalternierendes Ganzkörpervibrationstraining schon im Liegen zu beginnen. Nehmen Muskelkraft und Koordination zu, kann eine zunehmende Vertikalisierung erfolgen, so dass in einer immer aufrechteren Körperposition trainiert werden kann.
Indikationen
Vibrationsplattentraining kann bei Kindern mit folgenden Diagnosen eingesetzt werden:
  • Bewegungsstörungen bei frühkindlicher Hirnschädigung (CP [6.1])

  • Erblich bedingten Erkrankungen (z. B. Mukopolysaccharidosen [MPS], Zystische Fibrose (7.3.1), Marfan-Syndrom (9.6), Goldenhaar-Syndrom) und deren Folgebeschwerden

  • Spastizität und Kontrakturen

  • Verhaltensauffälligkeiten

  • Aufrichtungs- und Haltungsdefizite (5.5.3)

  • Koordinationsdefizite

  • Adipositas

  • Degenerative Muskelerkrankungen (Muskelatrophie, SMA [6.3.1], Duchenne [6.3])

  • Rheuma (7.1)

  • Wirbelsäulenfehlstellungen (wie Rundrücken oder Skoliosen [5.5.4, 5.5.5])

  • Glasknochenkrankheit (Osteogenesis Imperfecta [5.7.2])

  • Spina Bifida (6.1.12)

  • Down-Syndrom (9.1)

Kontraindikationen
  • Postoperativ

  • Implantierte Metalle (wie Schrauben, Stangen etc.)

  • Skoliose-OP

  • Bei Epilepsie nur in Ausnahmefällen

Grundlagen
Das Prinzip von Galileo®-Standgeräten beruht auf dem natürlichen Bewegungsablauf des Menschen beim Gehen. Die Galileo®-Therapieplattform arbeitet aufgrund ihrer seitenalternierenden Bewegungsform wie eine Wippe mit veränderbarer Amplitude und Frequenz, wodurch ein Bewegungsmuster stimuliert wird, das dem Gang ähnlich ist. Die schnelle Wipp-Bewegung der Therapieplattform verursacht eine Kipp-Bewegung des Beckens wie beim Gehen, jedoch viel häufiger. Zum Ausgleich reagiert der Körper mit rhythmischen Muskelkontraktionen, Sehnen- und Gelenkkapselveränderungen. Diese Muskelkontraktionen erfolgen ab einer Frequenz von ca. 10 Hertz nicht willentlich, sondern reflexgesteuert über den so genannten Dehnreflex. In der Folge wird die Muskulatur in Beinen, Bauch und Rücken bis in den Rumpf aktiviert.

Klinischer Hinweis

Trainingsbeispiel

Die Anzahl der Dehnreflexe pro Sekunde wird über die einstellbare Stimulationsfrequenz bestimmt. Wird beispielsweise eine Stimulationsfrequenz von 25 Hertz gewählt, erfolgen in Beuge- und Streckmuskulatur pro Sekunde jeweils 25 Kontraktionszyklen. Eine Therapieeinheit von 3 Minuten bei 25 Hertz entspricht somit der Anzahl von Muskelkontraktionen pro Bein bei einer Gehstrecke von 9.000 Schritten.

Die Vibrationen, die durch die Galileo®-Therapieplattform erzeugt werden, können in Amplitude und Frequenz unabhängig vom Körpergewicht einfach verändert werden.

Technik und Durchführung
Die zugrunde liegende Technik ist die intermittierende Stimulation.
Unter Aufsicht und manueller Korrektur werden verschiedene Ausgangsstellungen auf dem Galileo® durchgeführt. Die Intervallzeit beträgt in der Regel „3–3–3“. Bei einem Hausgerät wird empfohlen, das Training 1–3 Mal täglich durchzuführen.

Internetadressen

Galileo®

Galileo® www.galileo-training.com/de-deutsch/literatur/klinische-studien.html

Elastisches Taping

Birgit Kumbrink

K-Taping® ist eine medikamentenfreie Therapie mit elastischen Tapes, die andere Therapien erfolgreich unterstützen kann. Da das Tape trotz Duschen und Baden über mehrere Tage getragen werden kann, bietet das Taping mit elastischen Tapes eine gute Unterstützung für Kinder und Babys. Die K-Taping®Taping-Therapie findet schon seit vielen Jahren eine breite Anwendung in der Pädiatrie.

Ziele
  • Muskuläre Erkrankungen

  • Neurologische Erkrankungen

  • Korrektur von Haltungsmängeln

  • Orthopädische Problematiken (z. B. Fußdeformitäten)

  • Myofunktionelle Störungen

Merke

Taping mit elastischen Tapes ist eine medikamentenfreie Therapie. Sie unterstützt ein breites Anwendungsspektrum und bietet eine hohe Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Therapien und Medikamentenbehandlungen.

Die elastischen Eigenschaften des Tapes bieten einen hohen Tragekomfort und sorgen dafür, dass das Kind in seiner Bewegung und Aktivität nicht eingeschränkt wird. Die Wirkung besteht solange, wie das Tape auf der Haut getragen wird.

Indikationen
  • Haltungsmängel und Haltungsschäden im Säuglings- und Kleinkindalter

  • Periphere Läsionen wie Plexusparese (6.2.1)

  • Infantile Zerebralparese (6.1)

  • Meningomyelozele (6.1.12)

  • Kopfschmerzen (6.5)

  • Dysphagie

  • Myofunktionelle Störungen

  • orthopädische Erkrankungen

  • Fußdeformitäten verschiedenster Ursachen (5.4)

  • Organische Probleme (z. B. Lungenerkrankung [7.3])

  • Kindliche Inkontinenz

Kontraindikationen
  • Offene Wunden

  • Nicht verheilte Narben

  • Pergamentartige Haut (Neurodermitis, Psoriasis)

  • Bestrahlte Haut

  • Nicht ausgereifte Haut (z. B. bei Frühgeborenen)

  • Bekannte Allergie gegen Acryl

Tipps und Fallen

Tapequalität

Wirkstofffreie elastische Baumwolltapes wirken ausschließlich über die Propriozeption und Mechanorezeptoren.

Bei der Behandlung von Kindern sollte ausschließlich ein Qualitätstape und registriertes Medizinprodukt verwendet werden, z. B. original K-Tape® (www.k-tape.de). K-Tape® ist ein in Deutschland und international registriertes Medizinprodukt mit SGS-geprüfter Qualität.

Grundlagen
Die K-Taping-Therapie bietet mit den 4 Grundanlagetechniken Muskel-, Ligament-, Korrektur- und Lymphanlage und deren Kombinationen ein sehr breites und wirkungsvolles Anwendungsspektrum in der Pädiatrie.
Wie auch in der Therapie für Erwachsene ist ganz besonders in der Pädiatrie eine fundierte Ausbildung Voraussetzung für die Anwendung beim Kind. Hierfür werden spezielle „K-Taping Pädiatrie“-Kurse empfohlen (www.k-taping.de). Richtig erlernt, kann K-Taping Physiotherapie-, Bobath- und Vojta-Behandlungen effektiv unterstützen.
Eine Kombination mit einer Orthesenversorgung ist ebenfalls möglich.

Grundanlagetechniken

Tab. 3.13
Anlagetechnik Ziel
Muskeltechnik Aktivierung und Entspannung der Muskulatur
Ligamenttechnik Stabilisierung der Gelenke, Narbenbehandlung, lokale Schmerzbehandlung
Korrekturtechnik Knöcherne- und Faszienkorrekturen zur Beeinflussung von Fehlstellungen, Einstellung von Gelenken und gezielter Einfluss auf die Körperhaltung
Lymphtechnik Behandlung sekundärer Lymphödeme
Durchführung
Bei der Anwendung einer K-Taping-Anlage bei Kindern sollte beachtet werden, dass eine Kombination mehrerer Anlagen möglich und oft sinnvoll ist. Trotzdem können Kinder durch die Reize überfordert werden.
Daher sollte immer vor und nach der Anwendung ein Befund erfolgen, um die gewünschte Veränderung durch die Taping-Anlage festzustellen. Darüber hinaus sind folgende Punkte wichtig:
  • Rücksprache mit dem behandelnden Arzt

  • Aufklärung der Eltern

  • Vor der Anlage die Haut reinigen (am besten mit PreK-Gel)

  • Für den optimalen Halt: Kinder nach Anlegen des Tapes mindestens 4 Std. nicht baden.

  • Nach dem Baden: Tape-Anlage nicht mit dem Fön trocknen

  • Keine wärmende Behandlung (wie Rotlicht, Fango oder Kirschkernsäckchen) auf die Taping-Anlage bringen

  • Das erste Mal sollte das elastische Tape durch den Therapeuten entfernt werden, um es den Eltern zu zeigen und evtl. Haut- oder Haltungsveränderungen festzustellen.

Tragedauer und Entfernen
Elastische Tapes können bis zu 7 Tage auf der Haut bleiben und sollte dann vom Therapeuten schonend entfernt werden.
Zur Erleichterung des Ablösens kann das Tape angefeuchtet oder mit Alkohol eingesprüht werden. Es ist möglich, die selben Tape-Anlagen mehrmals zu verwenden, dabei sollte eine regelmäßige Hautkontrolle erfolgen.

Literatur

Kumbrink, 2014

B. Kumbrink K-Taping bei Kindern 1. A. 2014 Springer Berlin

Kumbrink, 2016

B. Kumbrink K-Taping in der Lymphologie 1. A. 2016 Springer Berlin

Kumbrink

Kumbrink B. K-Taping in der Logopädie. Kursbuch, K-Taping Academy.

Internetadressen

www,

www.k-tape.de

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